Die Bombardierung Potsdams 1945
Seit der furchtbaren Vernichtung Dresdens im Februar 1945 fürchteten
mein Mann und ich, uns könnte Ähnliches treffen. Hunger
und Kälte hatten wir zu ertragen gelernt, doch nie würden
wir uns an das Entsetzen gewöhnen können, das uns packte,
wenn wir durch das Heulen der Sirenen aus dem Schlaf gerissen
wurden. Vor Müdigkeit kaum die Augen aufbekommend, ergriffen
wir das Luftschutzgepäck und stolperten in den Keller. Wenn
dann die Bomberverbände über uns hinwegdröhnten
und die Flak ihr ohrenbetäubendes Sperrfeuer um Potsdam legte,
waren wir hellwach.
Ich war schwanger, und mein Wunschtraum war es, nur eine Woche
mal ungestört durchschlafen zu können und alles zu vergessen.
Am Vormittag des 14. April, einem Sonnabend, hatte ich die Betten
frisch bezogen und genoss nach getaner Arbeit den adretten Anblick.
Doch wir sollten nicht mehr dazu kommen, das Wohlgefühl der
frisch bezogenen Betten zu erleben, denn am Abend dieses Tages
erlebte Potsdam sein "Dresden". Kaum hatten die Sirenen
ausgeheult, hörten wir in der Ferne das gleichmäßige
Brummen der anfliegenden Verbände. Wir sausten in den Keller.
Die Luftschutzwartin hatte einen Blick nach draußen geworfen
und sagte nur: "Diesmal gilt es uns." Überall standen
Tannenbäume'. Da schlugen auch schon die ersten Bomben
ganz in der Nähe ein. Das Licht ging aus, Hindenburglichter
(Teelichter) erleuchteten nur spärlich den Luftschutzkeller.
Dann hatten wir das Gefühl, die Welt ginge unter. Die Mauern
rings um uns wackelten, Kalkbrocken fielen von der Decke, Mörtel
rieselte herunter, zerberstendes Glas schepperte. Der Boden unter
uns rollte so, als sei heftiger Wellengang. Bei jedem Einschlag
dachte ich, nun stürzt das Haus ein, nun kommt das Ende.
Und immer neue Luftminen kamen mit lautem Pfeifen heruntergestürzt.
Ich hatte noch nie solche Todesnähe empfunden. Mein Mann
Martin, unser Untermieter und ich flüchteten unter einen
Türrahmen. Dort sollte der sicherste Platz sein. Die beiden
Männer hielten mich umschlungen. Das sollte ein schützendes
Gewölbe für unser Kind sein, das tobte und strampelte.
Ich dachte immer nur: "Dresden", und: "Das muss
doch mal ein Ende haben."
Endlich wurde es ruhiger, wir setzten uns zu den übrigen
Hausbewohnern. Eine Frau hatte begonnen, Leinen in Streifen zu
reißen als Verbandsmaterial. Absurderweise trieb mich dieses
reißende Geräusch nach all dem infernalischen Lärm
an den Rand der Verzweiflung.
Endlich gab es Entwarnung. Wir kletterten aus dem Keller und stellten
fest, dass das Haus noch stand und nicht einmal brannte. Dach
und oberstes Geschoss waren schwer beschädigt, alle Türen
und Fenster waren herausgerissen, aber die Mauern hatten gehalten.
Die Geburtsklinik gegenüber, wo mein Kind zur Welt kommen
sollte, war zerstört. Die Frauen wurden auf Bahren weggetragen.
Jemand schrie: "Wo sind denn die Kinder? Helft doch mal,
die Kinder suchen!"
Ringsum brennende Häuser und Trümmerhaufen. Ganze Straßenzüge
der Innenstadt lagen in Schutt und Asche, die Bewohnen waren verschüttet
oder verbrannt. Wie viele Menschenleben der Angriff gekostet hat,
ist amtlich nie festgestellt worden, weil sämtliche offizielle
Stellen bereits in Auflösung begriffen waren. Der Angriff
hatte auch einen Teil der berühmten, das Stadtbild prägenden
Baudenkmäler zerstört.
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