Das Kriegsende in Potsdam 1945
An einem bitterkalten Januartag 1945 sah ich zum ersten Mal Flüchtlinge
durch Potsdams Straßen ziehen. Dick vermummt und ganz apathisch
saßen Kinder und Alte auf den Wagen, während die, die
noch einigermaßen kräftig waren, zu Fuß nebenher
zogen. Ich hatte das Gefühl, ihre Reise sei sinnlos und ausweglos.
Heulend stand ich am Straßenrand und dachte daran, was wohl
noch auf uns zukommen würde.
Am 2. April, Ostermontag, beging mein Vater seinen 60. Geburtstag.
Es wurde kein fröhlicher Festtag. Mein Mann Martin und ich
waren die einzigen Gäste. Trotz allem hatte Mutter es fertig
gebracht, ein festliches Mahl zu zaubern. Es gab sogar Bohnenkaffee,
eine Sonderzuteilung nach einem besonders schweren Luftangriff.
Vater war nicht zum Volkssturm eingezogen worden, weil seine
Gesundheit sehr angeschlagen war. Seine politische Überzeugung
- er war NSDAP-Mitglied und seit März 1945 sogar Leiter der
Ortsgruppe - geriet in jenen Tagen ins Wanken. Er konnte sich
der Realität nicht mehr verschließen und fühlte
sich belogen und betrogen An diesem 2. April holte er einen Atlas
hervor und ließ sich von Martin den genauen Frontverlauf
zeigen. Wir hörten, trotz des strengen Verbots, jeden Abend
BBC und waren daher gut informiert. Der Unterschied zu den Berichten
des "Völkischen Beobachters" war immens, der gesamte
Westen bis Fulda war bereits von den Westalliierten erobert, im
Osten hatte die Rote Armee Oder und Neiße überschritten
und näherte sich Berlin. Martin sagte Vater auch, dass das
Gerede von der deutschen Wunderwaffe, die den Endsieg bringen
sollte, ein Täuschungsmanöver sei. Damit schwand Vaters
letzte Hoffnung, er sah nun nur noch die "Unterwerfung unter
den Bolschewismus" vor sich und meinte, damit würde
das deutsche Volk untergehen.
Der Zeitpunkt der endgültigen Niederlage rückte unausweichlich
näher. Während im Radio und in den Zeitungen unglaublich
geblufft und haarsträubende Durchhaltepropaganda verbreitet
wurde, durchlebte ich Phasen der Mutlosigkeit, abgewechselt von
optimistischen Stimmungen. Wir sagten uns, dass doch nicht das
ganze deutsche Volk untergehen könne. Wir hofften, die westlichen
Alliierten mögen schneller sein als die Russen und Berlin
zuerst erreichen. Abend für Abend hockten Martin und ich
vor dem Radio unter einer wollenen Decke und lauschten den BBC-Nachrichten.
Wir beneideten alle Deutschen im Westen, die bereits von Amerikanern
und Engländern "erobert" worden waren.
Wir waren ständig zwischen Hoffen und Bangen hin- und hergerissen.
Wird Potsdam zur offenen Stadt oder zur Festung? Letzteres würde
bedeuten, dass die Stadt "bis zur letzten Patrone" verteidigt
wird. Am 23. April 45 hörten wir die Artillerie schon ganz
nah, dann eine schwere Explosion: Die Glieniker Brücke war
gesprengt worden. Aus der offenen Stadt wird wohl nichts! Einen
Tag später wurde die Lange Brücke gesprengt. Die beiden
Brücken waren die Verbindungen nach Berlin. Artillerie beschoss
Potsdam, Einschlag in der Nähe des Hauses. Die ersten russischen
Panzer waren am Bergtheater aufgefahren. Am 26. April eroberten
die Russen die Pfaueninsel, der Sturm auf Potsdam konnte jeden
Augenblick beginnen.
Am Morgen des nächsten Tages saß die ganze Hausgemeinschaft
in Erwartung der Russen im Keller. Von der Alleestraße her
wurde das Nauener Tor mit einer Stalin-Orgel beschossen, weil
sich dort eine Volksturmabteilung verschanzt haben soll. Bei jedem
Schuss bebte unser Haus. Endlich gegen 11 Uhr wurde gegen die
Tür gehämmert. Die Russen sind da! Mit erhobenen Händen
standen wir aufgereiht. Martin stand vor mir. Mit schussbereiter
Waffe wurden wir abgetastet, allerdings nicht nach Waffen, sondern
nach Schmuck und Uhren. Der Russe, der uns durchsuchte, trug an
jedem Finger einen Ring, am Zeigefinger einen mit einem besonders
großen Bernstein. Ich dachte, wenn der Bernsteinfinger jetzt
abdrückt, sind Martin und ich wenigstens gleich beide tot.
Im Nu war Martins silberne Uhr kassiert - die wertvolle goldene
hatte er unter einem Haufen Kohlen im Keller versteckt. Dann stöberten
die Russen durch das ganze Haus auf der Suche nach Wertvollem.
Und wenn eine Gruppe abgezogen war, kam der nächste Trupp.
Wir hatten keinen Strom, kein Gas, kein Wasser. Gekocht wurde
auf einer Feuerstelle aus Ziegelsteinen, Wasser wurde von einer
Pumpe auf der Straße geholt. Man musste lange anstehen.
Auf der Straße waren noch mehr Trümmer als zuvor, stinkende,
aufgequollene Pferdeleiber auf dem Fahrdamm, am Straßenrand
ab und zu eine Leiche. Geschäftig bahnten sich die Deutschen
mit Körben, Säcken und Taschen ihren Weg. In einer ausgebrannten
Zuckerfabrik war noch etwas zu holen. Dort löffelten sie
aus einem geborstenen Kellerfenster Kilo um Kilo braunen Zucker
heraus. Bald darauf stürzte die Fabrik ganz zusammen und
begrub ein paar Plünderer unter sich.
Auf den Rat meiner Schwägerin Elfriedes hin ging ich zu Karstadt
plündern. Es war noch früh am Morgen. Die große
Eingangstür war eingeschlagen und ich konnte ungehindert
in das Kaufhaus hineinspazieren. Überall Leute, die Waren
zusammenrafften, von Tisch zu Tisch hasteten. Martin ermunterte
mich, in das Wäschegeschäft Wollrichter zu gehen. Er
brauchte dringend Unterhosen und ich noch einiges für unser
ungeborenes Baby. Zwei junge Frauen aus unserem Haus schlossen
sich an. Die beiden schien der Teufel zu reiten, sie hatten sich
herausgeputzt mit schwingenden Röcken, während alle
anderen Frauen sich das Gesicht mit Asche beschmierten und möglichst
in Lumpen herumliefen, um alt und hässlich zu wirken. Vor
dem Geschäft saßen Soldaten, die beiden Maruschkas
äugelten mit ihnen.
Ich ging in die Wollabteilung und fand schnell Babywolle und eine
Babygarnitur. Nun noch die Unterhosen. Ich schaute mich suchend
um und erblickte unsere ehemalige Luftschutzwartin, die rief:
"Schnell raus hier!" Ich lief Richtung Ausgang und sah,
wie die beiden Maruschkas fortgezerrt wurden: "Komm, Frau!"
Schreiend und weinend klammerten sie sich an mich: "Helfen
Sie uns, Ihnen kann doch nichts passieren!" Gerüchten
zufolge sollten Schwangere von Vergewaltigungen verschont bleiben,
sie sollten den Russen als unberührbar gelten. Aber das war
auch nur so ein Gerücht. Ich ließ mich mitzerren, ohne
zu bedenken, dass ich den beiden gar nicht helfen konnte. Es ging
eine schmale Wendeltreppe hoch zu einer Soldatenunterkunft. Die
Frauen klammerten sich ans Geländer und die Soldaten wurden
wütend. Einer zog einen Revolver und zielte auf mich. Ich
stammelte auf Russisch, dass ich schwanger sei, das hatte aber
überhaupt keine Wirkung. Ich dachte, nun ist alles egal,
Martin ist eine vergewaltigte Frau bestimmt lieber als eine tote,
und war bereit, mich mitzerren zu lassen. Da kam ein NKWD-Offizier
die Treppe hoch und fragte, was los sei. Auch ihm beteuerte ich,
dass ich schwanger sei, das war ja auch unübersehbar. Durch
Daumenheben entschied er, dass ich gehen durfte, die beiden anderen
mussten nach oben. Ich rannte nach Hause. Martin wartete bereits
im Hausflur, man hatte ihm erzählt, dass ich vergewaltigt
werde. Ich schwor mir, vorläufig nicht wieder aus dem Haus
zu gehen.
Die Not schweißte unsere Hausgemeinschaft zu zusammen. Nicht
nur, dass wir gemeinsam auf der improvisierten Kochstelle unsere
frugalen Mahlzeiten zubereiteten, gemeinsam wurde nach Wasser
angestanden und es wurden Ratschläge ausgetauscht. Nun waren
wir endlich zu der "Volksgemeinschaft" zusammengewachsen,
die von den Nazis jahrelang propagiert worden war. Die erste Welle
der Russen, die über uns hereinbrach, hauste fürchterlich.
Plünderungen in den Wohnungen und Häusern, wo es sich
lohnte, wurden zur Selbstverständlichkeit, jedes nur greifbare
weibliche Wesen, vom Kind bis zur Greisin, wurde vergewaltigt.
Verzweiflung griff um sich, Selbstmorde häuften sich, besonders
in konservativen Familien, für die eine Welt zusammenbrach.
Wir hörten, Hitler sei tot und fragten uns, ob es nur ein
Gerücht sei. Aber Hitler interessierte keinen mehr. Wir hatten
jetzt andere Sorgen und waren damit beschäftigt, die Gegenwart
zu bewältigen. An die Bewältigung der Vergangenheit
dachten wir nicht, wir planten, wie wir am nächsten Tag satt
werden konnten.
8. Mai 1945 - Bedingungslose Kapitulation, in ganz Europa wurden
die Kampfhandlungen eingestellt. Der Krieg war tatsächlich
zu Ende! Wie hatten wir dieses Ende herbeigesehnt! Aber war nun
ein Zustand eingetreten, den wir als Frieden bezeichnen konnten?
So schlimm, wie es sich jetzt offenbarte, hatten wir uns die sowjetische
Besatzung nicht vorgestellt. Nun war Wirklichkeit geworden, was
wir in den letzten Kriegsmonaten manchmal aus Spaß gesagt
hatten: "Genießt den Krieg, der Friede wird fürchterlich!"
Die Russen begingen den 8. Mai mit einer großen Siegesfeier
- und einem riesigen Besäufnis der Soldaten. Die russische
Artillerie schoss Salut, die Luft war die ganze Nacht erfüllt
von Singen und Johlen. Ab und zu tauchten am Himmel russische
"Nähmaschinen" auf, kleine Kampfflugzeuge, die
durch die Luft ratterten und ab und zu eine Splitterbombe warfen.
Einfach nur so, zum Spaß! In den beschlagnahmten Wohnungen
wurden Gelage gefeiert. Inzwischen boten sich deutsche Frauen
freiwillig den Russen gegen Brot und Schnaps an. Aber die Vergewaltigungen
schienen dadurch keineswegs weniger geworden zu sein. Über
die Russen wurde gespottet. Sie benutzten Badewannen als Latrinen
und wüschen Kartoffeln im Klobecken. Wenn die Spülung
betätigt würde und die Kartoffeln verschwänden,
würden sie "Sabotage!" schreien. Sie seien entzückt
über "Lappen vor Fenster" (Gardinen) und "Wasser
aus Wand".
Am 8. Mai gaben wir das Kellerasseldasein auf und zogen wieder
nach oben. Erst jetzt hatte ich das Gefühl, der Krieg sei
überstanden, es kann nur noch besser werden. Auch die Stadt
veränderte sich. Die Straßen wirkten aufgeräumter,
die Toten waren beseitigt worden, ebenso die Pferdekadaver. Über
unsere Straße war ein großes Transparent gespannt,
auf dem stand: "Die Hitler kommen und gehen, aber das deutsche
Volk bleibt bestehen!" Das fand ich ermutigend.
|