Mein Geburtsort war Nakodorf, ehemalige K & K Monarchie. Nach
dem Ersten Weltkrieg kam dieser Teil zu Jugoslawien (Banat). Im
Zweiten Weltkrieg wurde die Zeit immer kritischer. Die jugoslawischen
Partisanen überfielen und mordeten in den Dörfern. Auch
mein Bruder wurde dienstverpflichtet und musste bei der Prinz-Eugen-Division
dienen. Als die Russen unser Dorf einnahmen hat man mich in einer
Bäckerei versteckt, damit ich nicht wie viele andere Frauen
vergewaltigt werde. Als das Militär sich dann im Dorf einquartierte,
zog ein hoher Offizier in unser Haus ein. Damit bekamen wir etwas
mehr Schutz. Mein Bruder, der aufgrund einer Dienstreise wieder
nach Hause fuhr, musste sich den Partisanen stellen und wurde
in einer Milchhalle in der Kreisstadt Kikinda ermordet.
Wir mussten uns in der Gemeindeverwaltung regelmäßig
melden und am 2. Weihnachtsfeiertag 1944 hieß es, dass alle
deutschstämmigen Banater, Mädchen und Frauen zwischen
17 und 30 Jahren, Aufräumungsarbeiten leisten müssten,
weil das deutsche Militär vieles zerstört hatte. Man
trieb uns in ein Lager und von dort zu einem Bahnhof. Mit Güterwaggons
wurden wir nachts Richtung Rumänien transportiert. Auf dem
Wege wurde irgendwann der Transport von den Russen übernommen.
Bei Galaz wechselten wir die Waggons und kamen in russische Breitspurwaggons.
Unterwegs hatten wir eine große Panne. Mitten im Viehwaggon
stand ein Eisenofen. Bei einem kurzen Halt durften wir uns Holz
nehmen um zu heizen. Dieser Ofen fiel während der Fahrt um
und in Kürze war der ganze Innenraum verraucht und fing teilweise
Feuer. Nur dem Zufall haben wir es zu verdanken, dass in diesem
Moment der Zug eine Kurve fuhr und der Lockführer den Rauch
bemerkte. So kamen wir mit dem Schrecken gerade noch davon. Wir
waren insgesamt 21 Tage nur bei Wasser und hartem Brot unterwegs.
Unsere Notdurft konnten wir immer nur bei kurzem Halt vor dem
Zug verrichten. Teilweise waren auch Waggons mit deutschen Kriegsgefangenen
angehängt worden.
Irgendwann sahen wir große Berge aus Kohle. Unser Ziel war
erreicht. Wir landeten in der Ukraine im Donezkbecken in einem
Lager Namens Kantarnaja. Kurz nach der Ankunft mussten wir uns
alle nackt ausziehen und wurden untersucht. Die Kräftigen
und Gesunden sollten unter Tage ins Bergwerk, den Restlichen wurde
Obertage auch Schwerstarbeit zugeteilt. Nach kurzer Zeit bekamen
wir alle Läuse und Krätze, die wir uns in den Zugwaggons
eingefangen hatten. Jeden Tag starben einige von uns. Keiner kannte
den anderen. Zuerst war ich über Tage für die Kohlenlore
zuständig. Wir mussten die vollen schweren Wagen mit dem
Rücken umschmeißen und die Kohle heraus und wegschaufeln.
Es war ein eiskalter Winter 1944/45. Die Wimpern waren weiß
festgefroren und viele bekamen Erfrierungen. Auch meine Zehen
waren erfroren. Die Aufseher schrieen und trieben uns immer an:
"Dawei Bistro" (= "Mach schnell"). Eines Tages
konnte ich nicht mehr. Ich schmiss dem Vorarbeiter die Schaufel
vor die Füße, rutschte den Kohlenberg runter und lief
ins Lager. Dort erwartete man mich schon und ich wurde zur Strafe
in eine Männerbrigade unter Tage eingeteilt. An den Feiertagen
mussten doppelt soviel Kohlen geschaufelt werden wie an einem
normalen Tag. Ein Jahr musste ich täglich im Kohlenbergwerk
unter Tag bauchliegend Kohlen schaufeln. Es wurde in 3 Schichten
jeweils 8 Stunden im Wechsel gearbeitet. Nach einem Jahr wurde
meine Cousine, die auch im Lager war, versetzt. Ich bat darum
mit ihr gehen zu können. Dies wurde bewilligt und so kamen
wir in das Lager Sujewka. Hier wurde ich nach kurzer Zeit sehr
krank und man brachte mich in ein russisches Krankenhaus Namens
Suhares. Ich wurde zunächst mit einer geistesgestörten
Frau in ein Zimmer zusammengelegt, die die ganze Nacht mit Ihren
Fingern an der Wand kratzte. Auf meine Bitte hin, mich doch woanders
unterzubringen, kam ich einige Tage auf den Flur.
Mittlerweile stand ich dem Tode schon sehr Nahe. Eine Vielzahl
von Krankheiten fiel zusammen. Ich hatte Lungenentzündung,
Rippenfellentzündung, Malaria, Gelbsucht und die Ruhr. Unter
der Achsel entzündeten sich Drüsen die sich vereiterten
und in die Brust zogen. Damals hätte man mir keine 8 Tage
mehr gegeben. Ich hatte eine russische Ärztin, die es gut
mit mir meinte. Sie hat alles versucht mich zu retten. Um die
Lungen und Rippenfellentzündung zu kurieren, wurde ich geschröpft.
Gegen die Ruhr gab es monatelang nur Haferschleim. Die Malaria
schüttelte mich trotzdem täglich und durch die Gelbsucht
sah ich aus wie eine Tote. An einem Abend kam ein Doktor aus Dnepropetrsk
und wollte mir eine Bluttransfusion geben. Nachdem dies durch
meine schlechten Venen nicht möglich war, verabreichte man
mir eine Spritze. Die Folge war, dass unmittelbar danach mein
ganzer Körper brannte und ich schrie "Jagorem"
was so viel heißt wie "ich brenne". Wahrscheinlich
war es eine Calciumspritze, die man mir zu schnell verabreichte,
die aber möglicherweise half. Nach einigen Tagen musste auch
meine Brust geschnitten werden, weil alles voller Eiter war. Diese
Operation erfolgte ohne Narkose. Es waren Schmerzen ohne gleichen.
Ich schrie: "Mein Gott!" Daraufhin die Ärztin:
"Mein Gott! Warum hast du mich verlassen?" Von diesem
Tag an war diese Ärztin immer zuerst an meinem Bett.
Nach 5 Monaten besserte sich langsam mein Zustand und Sie fragte
mich, ob ich ihr einen Pullover stricken würde. Ich habe
es mit Freuden getan und kam dadurch auch in den Genuss, noch
einige Wochen länger im Krankenhaus zu bleiben. Nach meiner
Entlassung kam ich in das Lager Sujewka zurück und musste
wieder unter Tage ins Bergwerk. Während all dieser Zeit hatte
ich stets einen roten Rosenkranz bei mir, den ich von meinen Eltern
zur ersten Kommunion erhielt. Dieser muss mir irgendwann auf dem
Weg zwischen Bergwerk und unseren Wohnbaracken aus meiner Hosentasche
herausgefallen sein. Ich war damals sehr traurig über den
Verlust des Rosenkranzes, weil es die einzige Erinnerung an mein
Zuhause und die Eltern war. An einem Feiertag kam auch unser Lagerleutnant
unter Tage, kam auf mich zu und wollte mich vergewaltigen. Ich
war alleine auf der Strecke. Ich fasste allen Mut zusammen, trat
ihn in sein empfindlichstes Teil und wehrte mich. Darauf hin ließ
er mich zunächst in Ruhe, aber ich musste mich sofort nach
der Schicht bei ihm melden. Er sagte mir unter vier Augen, wenn
ich jemanden etwas von dem Vorfall unter Tage erzählen würde,
käme ich sofort nach Sibirien.
Durch meine guten Russisch-Kenntnisse unterhielt ich mich auch
hin und wieder mit der Magazinverwalterin, die öfter in unser
Lager kam. Ich wusste zum damaligen Zeitpunkt nicht, dass Sie
auch die Schwester des russischen Bataillons-Kommandanten war.
Sie sprach mich an und sagte: "Wieso bist du schon wieder
unter Tage? Du warst doch schwer krank." Ich solle nicht
lügen und so kam es, dass ich ihr die Geschichte erzählte.
Kurz darauf kam eine Kommission mit 6 Offizieren und ich musste
den Vorfall wahrheitsgetreu schildern. Über Nacht wurde dieser
Leutnant versetzt und der Bataillons-Kommandant schlug mir auf
die Schultern mit den Worten: "Alle Achtung".
Nach 4 Jahren und 11 Monaten war es endlich soweit - wir wurden
entlassen. Die Reise ging über Polen nach Leipzig, von da
fuhr ich weiter zu meiner Schwägerin nach Osterhofen in Niederbayern,
wo ich zunächst auf einem Gutshof, später in Hotels
arbeitete. Nach acht Jahren habe ich meine Eltern wiedergesehen.
Es gelang mir, sie durch Familienzusammenführung aus einem
Lager in Jugoslawien nach Deutschland freizukaufen.