Schicksal eines "Wolfskindes" in Ostpreußen
Als ich am 24. Juni 1936 in Groß Schönau, Kreis Gerdauen,
Ostpreußen, geboren und auf den Namen Christel Nitsch gatauft
wurde, deutete nichts darauf hin, dass mein Leben so ungewöhnlich
verlaufen würde.
Meine Eltern hatten bereits zehn Kinder, ich war das Elfte und
somit Jüngste und wurde sehr verwöhnt. Besonders meine
Mutter gab mir viel Liebe, obwohl sie viel und hart arbeiten musste.
[...] So war sie nur selten zu Hause und unseren Haushalt führten
hauptsächlich meine älteren Schwestern. Meine Geschwister
Maria, Gustav und Grete haben damals auch schon bei verschiedenen
Bauern gearbeitet. Die älteste Schwester Anna heiratete 1940,
Gertrud 1942, und mein Bruder Albert zog im gleichen Jahr als
Freiwilliger in den Krieg. Er war erst sechzehn Jahre alt und
fiel bereits zwei Jahre später, am 8. September 1944, in
Russland. So waren nur noch wir Jüngsten zu Hause, das waren
Frieda, Heinz, Erna, Berta und ich. Als ich 1942 eingeschult wurde,
konnte ich schon lesen, das hatten mir die älteren Geschwister
beigebracht.
Meinen Vater habe ich sehr selten gesehen. Er arbeitete in Pillau
bei der Reichsbahn und kam nur noch am Wochenende nach Hause.
Es war dann meistens so betrunken, dass wir alle Angst vor ihm
hatten. [...] 1944 habe ich ihn zum letzten Mal gesehen. Bis Ende
1944 konnten wir noch zur Schule gehen, dann rückten die
Russen näher und näher, begleitet von Kampfflugzeugen,
die ständig Bomben abwarfen. Tag für Tag heulten die
Sirenen und wir mussten uns immer öfter im Keller verstecken.
Mit vielen Nachbarn hockten wir hier zusammen, manchmal verbrachten
wir ganzen Nächte dort unten. Kaum jemand konnte schlafen,
denn zum Liegen war wenig Platz. Ich weiß noch, dass man
mich immer hingelegt hat. Aber ich weinte dauernd, weil ständig
jemand auf meinen Beinen saß.
Es wurde von Tag zu Tag schlimmer. Königsberg war etwa 60
Kilometer von uns entfernt, aber dennoch konnten wir sehen wie
die Stadt brannte. Es fällt mir heute noch schwer zu beschreiben,
was ich als Kind bei diesem Anblick empfand. Es war entsetzlich
und ich glaube, dass es für ein Kind noch bedrohlicher war
als für Erwachsene. Als die russische Armee näherrückte,
versuchten die Menschen zu flüchten. Der erste, der mit seiner
Familie unser Dorf verließ, war Bauer Mischke. Er hatte
die besten seiner Pferde vor den Schlitten gespannt und war schnell
verschwunden. Seine alte Mutter ließ er zurück. Wir
fanden sie später als die Russen einmarschiert waren, im
Garten - mit abgehacktem Kopf. Bauer Mischke hatte nur alte kranke
Pferde zurückgelassen und einen alten Zigeunerwagen, auf
dem wir mit drei Familien fliehen wollten. Wir waren zehn, Kaftans
fünf Personen, hinzu kam eine alte Nachbarin, somit waren
wir sechzehn Leute für einen Wagen. Die Erwachsenen mussten
zu Fuß gehen, denn die Pferde waren zu schwach, um alle
ziehen zu können. Für mich war es wunderbar, da ich
die Kleinste war, durfte ich im Wagen sitzen bleiben. Ich hatte
damals ein Gefühl, als erlebte ich ein großes Abenteuer.
Etwa 30 Kilometer von unserem Dorf entfernt kamen wir zu einem
verlassenen Bauernhof. Die Pferde waren so erschöpft, dass
wir dort Hort machten. Menschen trafen wir nicht an, dafür
aber Kühe, Schweine und alles, was auf einen Bauernhof gehört.
Genügend Essensvorräte fanden wir auch, denn die Bewohner
hatten alles zurücklassen müssen. [...] Die Straßen
waren voller Flüchtlinge, in den Straßengräben
lagen neben toten Pferden auch Wagen und viele Fahrräder.
Und dann kam der Tag, an dem die Leute schrien: "Die Russen
kommen!". [...] Anschließend wollten sie den Müttern
ihre Kinder wegnehmen, aber wir Kinder liefen davon. Schließlich
ließen sie uns in Ruhe. Dafür haben sie alle jungen
Leute ab 16 Jahren von den anderen getrennt und nach Russland
deportiert. Unsere Schwester Maria und unser Bruder Gustav waren
auch dabei. Wir haben sie nie wieder gesehen. [...]
Als die Russen zu uns kamen, erklärte Mama ihnen, dass wir
Kinder an Typhus erkrankt seien. Davor hatten sie große
Angst und ließen uns in Ruhe. Gegessen haben wir Schnecken,
Frösche, Katzen und Hunde. Wir Kinder sammelten alles, was
es an Getier gab und brachten es nach Hause. So schlugen wir uns
bis zum Herbst durch. Danach mussten wir alle Bötchersdorf
verlassen. [...] Im März wurde meine Mutter sehr krank, sie
hatte nichts mehr gegessen, weil sie das bisschen, was wir hatten,
immer nur uns gab. [...] Bis zum 5. Mai 1946 quälte Mama
sich noch, dann ist sie gestorben. [...] Nun war ichmit meinen
Geschwistern Frieda, Heinz, Erna, Berta, Getrud mit ihrem zweijährigen
Sohn Klaus und Anna mit Sohn Arno, damals fünf Jahre alt,
zusammen. Schwester Grete hatte vor dem Krieg bei unseren Nachbarn
als Kindermädchen gearbeitet und war mit ihnen geflüchtet.
Ich habe sie erst 1987 wiedergesehen. Sie wohnte in Dortmund,
war Mutter von zwei Kindern - Junge und Mädchen. Von Maria
und Gustav, die nach Russland verschleppt worden waren, haben
wir nie wieder etwas gehört.
Bevor meine Mutter starb, hatte sie meiner Schwester Getrud das
Versprechen abgenommen, dass sie sich um mich kümmern würde.
Getrud war damals 23 Jahre alt, verheiratet und hatte einen kleinen
Sohn, Klaus. Ich war damals zehn Jahre alt. Meine ältere
Schwester Anna war 1920 geboren. Auch sie war verheiratet und
Mutter des 5-jährigen Arno. Ihr hatte Mama die 13-jährige
Schwester Frieda ans Herz gelegt. - Eines Abends schnallte mir
meine Schwester Gertrud einen Rucksack auf den Rücken, sich
selbst auch einen, nahm ihren Sohn Klaus an die eine und mich
an die andere Hand und marschierte mit uns bei Nacht und Nebel
zu Fuß nach Gerdauen zum Bahnhof. Der Rucksack war so schwer,
dass ich kaum laufen konnte, aber mein Gejammer nutzte nichts,
Getrud wollte mit uns weg. Sicher hatte sie die Hoffnung, dass
es uns überall besser gehen würde als hier. Es war schon
kalt, Schuhe besaß ich nicht und der Weg erschien mir endlos
lang, wollte nicht enden. Endlich kamen wir am Bahnhof Gerdauen
an. Dort wimmelte es von russicher Miliz, die alle Deutschen wegjagten.
Also versteckten wir uns am Bahndamm und warteten bis ein Zug
kam. Rasch rannten wir zu den Türen, denn der Zug hielt nicht
lange an. Ich sprang auf der einen Seite des Waggons auf eine
Stufe und Getrud mit Klaus auf der anderen Seite.
Die Leute um uns herum schrien wie besessen irgendwelche Namen,
es herrschte ein schreckliches Chaos. Ich klammerte mich am Zug
fest, er fuhr an und dann kam die Miliz und riss meine Schwester
Gertrud und ihren Sohn Klaus herunter. Ich konnte nicht mehr springen,
weil der Zug zu schnell fuhr. Ich sah meine Schwester traurig
mit der Hand winken, sie wollte mir wohl sagen, dass ich getrost
fahren sollte. Das war das Ende meines bisherigen Lebens und das
Ende meiner Kidnheit. In dieser Nacht begann für mich ein
ganz neues Leben, ein Leben voller Angst und Schrecken, voller
Not und Entbehrungen. Ich hatte alles verloren, meine Heimat,
meine Geschwister und fuhr in eine fremde Welt. Und doch spürte
ich, dass mein Leben in Gottes Händen lag. Ich weiß
nicht wie lange ich mit dem Zug gefahren war und ich weiß
auch nicht, wohin er fuhr. Irgendwann, nach einer langen Zeit,
hielt er an. Ich stieg aus ohne zu wissen, wo ich mich befand
und ging zum Bahnhofsgebäude. Dort war ein Wartesaal, in
dem einige Bänke standen. Obwohl sich recht viele Menschen
darin aufhielten, legte ich mich auf eine freie Bank um zu schlafen.
Doch das klappte nicht, denn es war bitterkalt und außerdem
hatte ich schrecklichen Hunger. So lag ich hungernd und frierend
auf dieser Bank und wartete bis es hell wurde. In aller Frühe
stand ich dann auf und ging hinaus. Draußen standen viele
Leute. Eine Frau kam auf mich zu und redete in fremder Sprache
auf mich ein. Ich verstand kein einziges Wort, ich glaube, sie
sprach polnisch. Später hat sie mir dann irgendwie klar gemacht,
dass ich mit ihr kommen sollte um für eine Woche ihre Kühe
zu hüten. Ich ging mit zu ihrem Haus. Sie gab mir etwas zu
essen und brachte mich dann zu den Kühen.
Es war der reinste Horror. Ich weiß nicht wie viele es waren,
doch für mich war die Herde viel zu groß. Die Frau
machte mir klar, dass ich bis zum Abend bei den Tieren bleiben
müsste und dann zu ihrem Haus kommen sollte. Sie ging fort
und ließ mich mit den vielen Kühen allein. Es war doch
sehr früh und das Feld - ein Stoppelfeld - weiß gefroren.
Ich besaß weder Schuhe noch Strümpfe, meine Beine hatten
Frostbeulen. Ich musste dauernd hinter den Kühen herlaufen
und habe vor Schmerzen ganz laut nach meiner Mama geschrien. Doch
kein Mensch hörte mich, ich war völlig allein und verzweifelt.
Dennoch hielt ich bis zum Abend durch. Als ich dann zum Haus der
Frau kam, war ich mit meiner Kraft am Ende. Ich wollte meine Tasche
haben und schnell weggehen, aber die Frau gab sie mir nicht. Sie
bestand darauf, dass ich eine Woche warte, ich hätte es versprochen.
Ich blieb bis zum nächsten Morgen und tat dann so als ginge
ich wieder zu den Kühen. Als ich jedoch so weit vom Haus
entfernt war, dass sie mich nicht mehr sehen konnte, bin ich weggelaufen
und habe mich während des Tages in Büschen versteckt,
damit sie mich nicht finden konnte. Als es dunkel wurde, verließ
ich mein Versteck und bin die ganze Nacht gelaufen, damit mich
niemand mehr zu den Kühen zurückbringen konnte.
Ich kam irgendwann in ein anderes Dorf und hatte wieder entsetzlichen
Hunger. Also ging ich von Haus zu Haus und bettelte darum, etwas
zu essen zu bekommen. Es gab nach dem Krieg ja nicht viel, aber
ein Stück Brot gaben mir die Leute doch - und das war wie
ein Wunder für mich. In den Jahren 1945/46 hatten wir kaum
etwas zu essen, so dass wir beinahe alle verhungert wären.
Und jetzt bekam ich wieder ab und zu ein Stück Brot, ich
kann nicht beschreiben, was für ein Gefühl das war.
Wie lange ich gegangen bin, weiß ich nicht mehr. Meine Füße
waren wie abgefroren, denn ich hatte noch immer keine Schuhe und
es wurde von Tag zu Tag kälter. Ich war schrecklich schmutzig,
nirgendwo konnte ich mich waschen und wo auch immer ich bettelte,
niemand ließ mich ins Haus. So schlief ich entweder unter
freiem Himmel oder schlich mich heimlich in einen Stall und verkroch
mich im Stroh.
Manchmal gab es auch nette Bauern, die gaben mir nicht nur etwas
zu essen, sondern erlaubten mir auch im Stall zu schlafen. Ich
erinnere mich, dass ich einmal in einer Sauna übernachten
durfte, die in einem Garten stand. In dieser Sauna gab es aber
nichts: weder eine Zudecke noch eine Matte, auf die ich mich hätte
legen können. Es war sehr kalt und ich besaß nur einen
alten dünnen Mantel, den ich von meiner älteren Schwester
geerbt hatte. Ich fror und hatte zudem einen furchtbaren Durchfall.
Es lief wie Wasser aus mir heraus. Der Boden und die Wand waren
ziemlich bespritzt davon. Ich hatte schreckliche Angst, dass die
Leute mich schlagen würden, wenn sie das sahen. So wartete
ich bis zum Morgengrauen, schlich mich hinaus und lief voller
Angst weg.
Nachdem ich mich aus der Sauna geschlichen hatte, lief ich zum
Wald und versteckte mich dort während des ganzen Tages. Ich
besaß noch ein Stück Brot, davon aß ich ab und
zu ein bisschen, aber gegen Abend war der Hunger wieder sehr groß.
Ich lief also im Schutz des Waldes weiter und kam zu einem Bauernhof,
der am Waldrand lag. Zuerst traute ich mich nicht dorthin um zu
betteln, doch dann wurde der Hunger stärker und war schließlich
größer als die Angst. So schlich ich zu dem Hof und
schaute erst einmal nach, ob Hunde da waren, denn ein paar Mal
hatten Bauern einfach ihre Hunde auf mich gehetzt. Zum Glück
sah ich hier keine. Als ich auf das Haus zuging, stand plötzlich
eine Frau vor mir. Sie schaute mich mitleidig an, denn ich war
in einem erbärmlichen Zustand. Total verschmutzt, verlaust
und mit aufgeschürftem, von Eiter, Blut und Schmutz verkrusteten
Beinen. Sie nahm mich mit ins Haus, gab mir zu essen, wusch mich
und brachte mir saubere Kleider. Es war wie ein Wunder. Später
durfte ich in einer Kammer auf einer Bank schlafen. Dort stand
frisch gebackenes Brot, das duftete so wunderbar, dass ich in
der Nacht aufstand und ein Stück davon abbrach. Ich konnte
jedoch nicht viel essen, weil mein Bauch total aufgebläht
war. Ich hatte Rachitis. Außerdem war ich klein wie eine
Sechsjährige, obwohl ich schon zehn oder elf Jahre alt war.
Am nächsten Morgen weckte mich die Frau und erklärte
mir, dass wir einen Arzt aufsuchen würden. Inzwischen konnte
ich schon ein bisschen die polnische Sprache verstehen. Wir gingen
dann durch den Wald zu einer Ortschaft. Dort brachte sie mich
in ein überfülltes Wohnzimmer, in dem ich auf sie warten
sollte. Es dauerte entsetzlich lange und ich dachte, sie hätte
mich hier einfach sitzen lassen und sei nach Hause gegangen. Ich
hatte dort gehofft, dass ich bei der Familie bleiben konnte. Ich
sprang voller Angst auf, rannte hinaus, lief wieder durch den
Wald und schrie vor Angst und Schmerzen. Ich hatte solche Sehnsucht
nach einem Menschen, der mir helfen würde und fand den Weg
zurück zu den Leuten, die am Abend zuvor so freundlich zu
mir gewesen waren. Die Frau war nicht zu Hause, nur die Kinder.
Sie verstanden aber nicht, warum ich alleine zurückgekommen
war. Nach einer Weile kam auch die Frau und begann fürchterlich
zu schreien als sie mich sah. Ich verstand überhaupt nichts.
Sie riss die Tür auf und deutete mir, dass ich verschwinden
solle.
Weinend lief ich fort und hatte nur noch einen Gedanken: Ich will
zurück nach Deutschland. Von wo aus meine Schwester Gertrud
mit ihrem Sohn Klaus und mir weggefahren wollte, wusste ich nicht
mehr. Ich hatte immer nur den Namen Wehlau im Kopf. Dort wollte
ich hin. Also suchte ich einen Bahnhof. Ich weiß nicht wie
lange ich unterwegs war, aber schließlich fand ich tatsächlich
einen Bahnhof. Hier fragte ich einen Mann, welcher Zug nach Wehlau
fährt. Er zeigte auf einen Zug. Da ich kein Geld für
eine Fahrkarte hatte, stellte ich mich außen auf die Einstiegstreppe,
klammerte mich an die Waggontür und fuhr einfach mit. Als
die Schaffnerin mich entdeckte, holte sie mich in den Waggon und
fragte, wohin ich wolle. Ich sagte wieder "Wehlau" und
sie machte mir klar, dass der Zug dahin fährt und dort Endstation
ist. Erst als ich ausstieg, sah ich, dass die Station nicht Wehlau,
sondern Wilna hieß. Ich war also in Litauen und weil die
Namen Wilna und Wehlau ähnlich klingen, nahm die Schaffnerin
an, dass ich dahin wollte.
Nun stand ich da und wusste nicht, was ich machen sollte. Nach
Deutschland wollte ich zu den Menschen, die meine Sprache verstehen,
zu Menschen, die zu mir gehören - ein anderes Ziel gab es
für mich nicht. Aber der Hunger meldete sich und ich musste
wieder betteln gehen, traute mich aber nicht in die Stadt. Als
ging ich die Schienen entlang, lief und lief und kam schließlich
zu einem kleinen Bahnhof, etwa fünf Kilometer von Wilna entfernt.
Dort wartete ich bis ein Zug einlief, auf den ich aufspringen
konnte. Der Zug kam, fuhr an, doch als ich versuchte die Stufen
zu erreichen, klappte es nicht. Sie waren zu hoch für mich.
Ich sah den letzten Waggon kleiner und kleiner werden und weinte
ganz verzweifelt, weil ich einfach nicht mehr weiter wusste. Plötzlich
stand ein Mann vor mir, der wollte wissen, warum ich so weinte.
Ich verstand ihn aber nicht und weinte noch lauter. Seine Frau
- sie war Fahrkartenverkäuferin - kam dazu und konnte sich
auf Deutsch mit mir verständigen. Ich sagte ihr, dass ich
nach Deutschland wolle, aber nicht auf den Zug hätte aufspringen
können. Sie sagte, dann könne ich doch froh sein, denn
der Zug fahre nach Russland. Ich war aber nicht froh, sondern
weinte immer mehr.
Schließlich fragte ich mich, ob ich mit zu ihnen nach Hause
kommen wolle. Ich glaube heute noch, dass der liebe Gott sie zu
mir geschickt hat und dass er immer seine schützenden Hände
über mich gehalten hat. Ich ging also mit Sofia und Josef,
so hießen die beiden, zu ihrem Haus. Dort wartete Sofias
Schwester Nadja, sie war auch sehr freundlich. Beide Frauen badeten
mich freundlich, verbrannten meine alten verlausten Sachen und
gaben mir neue. Dann aßen wir Abendbrot. Ich hatte sehr
großen Hunger, doch ich bekam nur ein wenig zu essen und
dachte, sie wären geizig. Später begriff ich, dass das
nur zu meinem Besten war, denn ich hätte nach der langen
Zeit des Hungerns sicher nicht mehr vertragen. Später legten
sie mich in eine Küchenecke zum Schlafen. Ich war so erschöpft,
dass ich zwei Tage und zwei Nächte wie im Koma durchgeschlafen
habe.
Es war das erste Mal nach zwei Jahren voller Hunger, Angst und
Schrecken, dass ich aufatmen konnte. Ich war befreit von Läusen,
brauchte nicht mehr bei Eis und Schnee barfuß zu gehen,
bekam zu essen und russische Soldaten sah ich auch nicht. - Ich
schlief also zwei Tage und Nächte durch und als ich endlich
aufwachte, gaben sie mir wieder ein wenig zu essen und zu trinken.
Ich hätte gerne mehr gegessen, denn sie hatten ja genug,
doch ich bekam immer nur kleine Portionen. Danach musste ich viele
Fragen beantworten. Sie wollten wissen, ob ich noch irgendwo Angehörige
hatte. Ich log einfach, dass ich ganz alleine sei, ich wusste
ja auch nicht, wo und ob meine Geschwister noch lebten. Außerdem
hatte ich Angst, dass Josef und Sofia mich wieder auf die Straße
schicken würden, wenn sie wüssten, dass ich noch Verwandte
hatte. [...]
Von nun an ging es mir gut, ich brauchte nicht mehr zu hungern,
hatte ein Dach über dem Kopf und meine Wunden verheilten
allmählich. Das Ehepaar war kinderlos. Vor allem zu Josef
baute sich eine gute Beziehung auf. Es war gut, dass ich meine
Geschwister nicht erwähnt hatte, denn so glaubten Sofia und
Josef, dass ich völlig alleinstehend sei und schickten mich
nicht weg. Obwohl es mir gut ging, hatte ich schreckliches Heimweh
nach meinen Geschwistern. Es verging kein Tag, an dem ich nicht
an sie dachte und mir immer wieder vorstellte wie schön ein
Wiedersehen sein würde. Jede Nacht weinte ich mich in den
Schlaf und träumte von unserem Heimatdorf, sah meine Mutter,
meine Geschwister und vermisste die schöne Zeit, die ich
in meinen ersten Lebensjahren erlebt hatte. Die Leute waren wirklich
gut zu mir, doch irgendwie fühlte ich mich immer wie eine
Fremde. [...]
Ich war inzwischen elf Jahre alt und hatte mit Kindern meines
Alters nur wenig Kontakt, weil sie mich als Deutsche nur verspotteten
und ärgerten. Sehr oft musste ich mich auch verstecken, denn
die russischen Kommunisten suchten immer noch nach Deutschen,
die sie dann nach Russland deportierten. Auch Familien, die deutsche
Kinder aufgenommen hatten und erwischt wurden, transportierten
sie ab. Ein Schulbesuch kam nicht infrage, das war zu gefährlich.
Lesen und Schreiben lernte ich sehr schnell zu Hause bei Josef
und Sofia, die mich aufgenommen hatten. - So lebte ich bei ihnen
bis 1948. [...]
Josef, der mich wie eine eigene Tochter behandelt hatte und für
mich zu Bezugsperson geworden war, arbeitete als leitender Ingenieur.
Er hatte einige Leute unter sich, war also für vieles verantwortlich.
So musste er natürlich auch einige Dokumente unterschreiben.
Es kam der Tag, an dem der Buchhalter der Firma Gelder mit Hilfe
einer gefälschten Unterschrift unterschlagen hatte - und
zwar mit der von Josef. Der Buchhalter war Russe, und Josef Litauer.
Vor Gericht glaubte man natürlich dem russischen Buchhalter
mehr. Josef wurde zu 25 Jahren Strafarbeit verurteilt und nach
Sibirien geschickt.
Als er fort war, ging es mir sehr schlecht, denn er war im Grunde
der Einzige, der wirklich gut zu mir war, ja, er war wie ein Vater
für mich gewesen. Danach hatte ich nur noch einen Gedanken:
Ich wollte weg. Als Sofia mich wenige Tage später zum Einkaufen
schickte, fasste ich den Entschluss wegzugehen. Ich wusste nicht
wie und wohin und lief einfach davon. Am Abend war ich schon ziemlich
weit weg von meinem bisherigen Zuhause. Als es dunkel wurde, kam
plötzlich die Angst. Sie war stärker als alles andere.
Also entschloss ich mich umzukehren und zu Sofia und Nadja zurückzugehen.
Als ich dort ankam, war ich schrecklich aufgeregt, weil ich nicht
wusste, ob sie sich freuen oder ob sie schimpfen würden.
Ich schaute durchs Fenster und traute mich erst eine ganze Weile
später anzuklopfen. Sofia und Nadja kamen beide heraus, sie
hatten sich Sorgen um mich gemacht und freuten sich, dass ich
wieder da war.
Trotz allem fühlte ich mich bei ihnen nicht mehr wohl. Ohne
Josef war es einfach nicht zum Aushalten. Ich war so verzweifelt,
dass ich am liebsten Selbstmord begangen hätte, aber ich
wusste nicht wie ich das machen sollte. Ich versuchte mehrmals
mich mit Essig, Waschpulver, Streichholzköpfchen und anderen
Sachen zu vergiften. Aber ich verdarb mir lediglich den Magen
- gestorben bin ich nicht. Sicher hat mein Schutzengel dafür
gesorgt, dass es nicht dazu kam. [...]
Eines Tages ging ich dann endgültig fort. Ich besaß
keinen Mantel, kein Geld und hatte nur eine dünne Strickjacke
zum Überziehen. So machte ich mich auf den Weg ins fünf
Kilometer entfernte Wilna. Von dort wollte ich nach Königsberg
fahren, weil ich glaubte, das sei immer noch Deutschland und ich
würde meine Familie dort wiedertreffen.
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