Annemarie Kosielowky (geb. Kruse) wird als Kind zusammen mit ihren
Geschwistern in der NS-Zeit durch die Gestapo von ihren Eltern
getrennt und verschleppt. Ihre Mutter, Anna Kruse, war aufgrund
ihrer Tätigkeit für die KPD in den 1920er Jahren verhaftet
worden. In den folgenden Jahren wird Annemarie in Kinderheimen
und von Pflegeeltern betreut.
1935. Anna wird denunziert. Gertrud, Hermann, Rudi, Eduard und
Annemarie werden von der Gestapo verschleppt und Anna wird verhaftet.
Von einem Mitglied der Verwandtschaft wird sie angezeigt. Ihr
wird eine kommunistische Gesinnung vorgeworfen, da sie 1917 als
Sekretärin in einem Büro der kommunistischen Partei
gearbeitet hat. [...]
Ein Mann und eine Frau kommen eines Vormittags auf den Spielplatz,
gleich in der Nähe der Wohnung. Eduard, Rudi, Hermann, Gertrud
und Annemarie spielen dort. Sie schleppen die fünf in einen
Wagen und bringen sie ins Kinderheim Averhoffstraße. Die
Kinder werden verhört, medizinisch untersucht und noch heute
zittert Annemarie beim Anblick eines gynäkologischen Stuhls.
Nach einigen Tagen werden sie getrennt. Annemarie bleibt zunächst
in der Averhoffstraße. Rudi, Hermann und Eduard kommen nach
Ochsenzoll, später nach Neetze zu Bauern. Hermann ist Bettnässer
und hat unter den harten Strafen der Heimschwestern und unter
den Hänseleien/Bloßstellungen der Kinder sehr zu leiden.
Annemarie wird ins Kinderheim Bad Oldesloe gebracht. Ein Heim,
das von Ordensschwestern geführt wird. Die Erziehung ist
bestimmt von den Ideologien der NSDAP. Die Erziehung ist streng,
lieblos und unerbittlich. Schläge gibt es fast täglich.
Kleinste Verfehlungen werden mit Essensentzug, Arbeit, Missachtung
und eben Schlägen geahndet.
Anna wird verhaftet und verhört - tagelang. Schließlich
lässt man sie frei. Doch ihre Kinder bekommt sie nicht zurück.
Es folgen viereinhalb Jahre in Heimen und bei Pflegeeltern. Keine
Nachricht von den Eltern. Keine Nachricht von den Kindern. Anna
schreibt viele Briefe an Karl Kaufmann, dem Hamburger Bürgermeister,
und an Hitler. Keine Nachricht, keine Rückmeldungen. [...]
Immer wieder kommen kinderlose Ehepaare nach Bad Oldesloe. Schließlich
entscheidet sich ein älteres Ehepaar für Annemarie.
Annemarie kommt zu den Reimers (50+55) nach Hamburg Lämmersieth
in eine Kleingartensiedlung. Er, gütig, Bauarbeiter, trinkt.
Sie, herrschsüchtig und vom Leben, vor allem vom Eheleben
enttäuscht, sieht Annemarie als dauernde Belastung. Sie ist
unfreundlich und unbeherrscht. Sie benutzt Annemarie als Dienstmädchen.
Kontakte zu Schulfreunden werden kategorisch unterbunden.
Eines Tages erschlägt der betrunken heimgekehrte Pflegevater
die Pflegemutter mit der Axt. In der Küche und kurz vor dem
Abendessen. Annemarie sitzt am Küchentisch und sieht die
Axt, wie sie in den Schädel eindringt. Jemand ruft die Polizei.
Ein Polizist findet Annemarie im Geräteschuppen. Sie ist
fast irre vor Angst. Wieder kommt sie ins Heim Bad Oldesloe. Keine
Fragen, keine Erklärungen. Ihre geliebte Zelluloidpuppe bleibt
zurück. Ein weiteres Jahr vergeht. [...]
Die Behörde meldet sich. Sie teilt den Eltern schriftlich
und in zeitlichen Stufen mit, wo die Kinder abgeblieben und abzuholen
sind. Im Verlauf eines dreiviertel Jahres kommen die fünf
wieder nach Hause. 1940. Plötzlich steht die Mutter Anna
vor Annemarie. Sie hat ein behördliches Schreiben erhalten,
dass Annemarie in einem Heim in Bad Oldesloe abzuholen sei. [...]
Der Krieg wütet bereits seit über drei Jahren. Annemaries
Schulzeit endet mit der siebten Klasse. Ihre Familie und sie erleben
die drei Tage, die von den Alliierten "Gomorrha" genannt
werden, inmitten der Luftangriffe, der brennenden Häuser,
der verschmorten Toten, der Ratten, der angefressenen Leichen
- und überleben unverletzt. Familie Kruse wird nach dem Angriff
"Gomorrha" nach Klein Karben, zu Verwandten mütterlicherseits,
evakuiert. Annemarie darf nicht mit - Sanitätshelferinnen
werden gebraucht. Auf einem Gelände an der Hammer Landstraße
stehen große Sanitätszelte. Tausende Verwundete müssen
behandelt werden.
Annemarie ist wieder allein, bis unverhofft ihre Schwester Hanna
aus Altona die Straße entlang gehumpelt kommt. Sie hat einen
Napalmangriff überlebt. Doch Beine und Füße sind
verbrannt. Seit Jahren arbeitet sie als Prostituierte auf der
Reeperbahn und unterstützt die Familie, obgleich illegal,
mit Geld. Gemeinsam werden sie sechs Wochen später aus Hamburg
herausgebracht. Der Konvoi, mit dem sie und viele Mütter/Kinder/Alte
transportiert werden, wird auf der Strecke nach Frankfurt von
Tieffliegern angegriffen. Viele sterben.
In Klein Karben beruhigt sich das Leben ein wenig. Es gibt mehr
zu essen und die Kriegsbedrohung ist geringer. [...] Nach Kriegsende
kommen die Amerikaner, nehmen Häuser in Beschlag und vergewaltigen
die deutschen Mädchen und Frauen. Annemarie und ihre Schwestern
dürfen nicht mehr auf die Straße. Sie verlassen Klein
Karben und kehren ins zerbombte Hamburg zurück.