Letzte Kriegstage im Heiligenbeiler Kessel in Ostpreußen 1945
Meine Militärzeit begann im April 1942 mit der Einberufung
zur Luftwaffe - und zwar zum Fliegerhorst Quedlinburg zur Luftwaffen-Erdkampfausbildung.
Danach erfolgte die Kraftfahrer-Ausbildung (Führerschein
aller Klassen) in Berlin-Marienfelde, anschließend wurden
wir zum Fliegerhorst Anklam verlegt und von hier nach einigen
Tagen zur Division "Hermann Göring" (HG) versetzt.
Es ging weiter nach Pontivi in Westfrankreich, hier lief das Kommando
"Gruppe Neuaufstellung HG" ab. Dann wieder per Bahn
nach Berlin, wir landeten in der HG-Kaserne in Reinickendorf.
Hier bekamen wir unsere Tropenausrüstung und unsere Fahrzeuge
- und wir unterschrieben nach reiflicher Überlegung die Freiwilligenerklärung.
Es hieß nämlich, dass die Nichtfreiwilligen zu den
Luftwaffeneinheiten zurückversetzt würden. Somit waren
wir unfreiwillige Freiwillige.
Über Quedlinburg ging es Frühjahr 1943 nach Mont de
Marsan in Südfrankreich. Hier landete ich beim Brigadestab
ZBV Oberst Schmalz als Kradmelder bei der Q-Abteilung. Da Tunis
im Mai kapitulierte, kamen wir nur bis Sizilien. Mit Siebelfähren
ging es zurück nach Reggio, Neapel, Salerno, Frosinone. Von
Frascati wurden wir zur Auffrischung in die Toscana verlegt. Hier
übernahm Oberst Schmalz die Division und wurde General. Uns
nahm er mit zum Divisionsstab. Dann der Durchbruch der Alliierten
bei Cassino, wir wieder runter nach Rom, Rückzug bis Bologna
und wieder nach Arrezo. Bei Florenz Abzug zum Gardasee und anschließend
Verlegung nach Polen. Im Juli 1944 trafen wir in Warschau ein,
von dort ging es nach Radom und Modlin (Bugmünde). Hier erfolgte
die Umstellung zum Fallschirm Panzerkorps "Hermann Göring".
Im Oktober 1944 ging es nach Ostpreußen, Raum Gumbinnen
Insterburg.
Am 13. Januar 1945 begann die russische Großoffensive in
Ostpreußen, die ich im "Heiligenbeiler Kessel"
miterlebte. Eigentlich war ich als Kradmelder eingesetzt. Zum
Schluss war die Lage aber so, dass man keine Kradmelder mehr brauchte.
In Ludwigsort wurde unser alter Haufen aufgelöst, und wir
wurden den Kampftruppen zugeteilt. Ich landete bei einer Pioniereinheit.
Wir machten uns unter Artillerie- und Granatwerferbeschuss zu
Fuß auf den Weg nach Bladiau. In zwei Kilometern Entfernung
neben uns, auf der Straße von Lank nach Bladiau, befanden
sich die Russen - ebenfalls auf dem Vormarsch nach Bladiau. Wir
konnten diese Bewegungen sogar teilweise beobachten. Wir schafften
es aber noch so eben, vor den Russen den brennenden Ort zu erreichen.
Die Ortschaft brannte lichterloh, und die Kirche stürzte
krachend zusammen. Es war Anfang März, und das Wetter war
eine Mischung aus Winter und Tauwetter. Ein Matsch ohne gleichen!
Während wir uns hinter Bladiau festsetzten und die Verteidigungslinie
wieder festigten, besetzte der Russe Bladiau. Wir lagen nun neben
einer gesprengten Straßenbrücke in einer längeren
Mulde, die uns vermeintlich gute Sicherheit bieten würde
- meinten wir! Am ersten Tag tat sich noch nicht viel. Bis auf
Artillerie- und Granatwerferfeuer war noch einigermaßen
Ruhe. Die Russen ließen sich eigenartigerweise auch noch
Zeit. Die Schießerei allerdings steigerte sich zusehends.
An der linken Seite machte unsere Mulde einen kleinen Knick um
die Ecke. Hier befand sich in der Böschung ein kleiner Erdbunker,
der vier Landser aufnehmen konnte. Er lag sogar im toten Winkel
der Artillerie. Hier suchten wir Ruhe, wenn wir mal schlafen wollten.
Als ich mich wieder mal dorthin begab, hörte ich eine Stimme,
die nur aus dem Dortmunder Raum stammen konnte. Als ich näher
hinhörte, kam sie mir sogar bekannt vor. In der Dunkelheit
fragte ich dann den Mann, ob er aus Dortmund sei. Als er zusagte,
fragte ich direkt, ob er früher bei der Firma Pohlschröder
gearbeitet hätte. Als er dieses bejahte, sagte ich ihm, dass
er Willi Gunkel sei, und dass wir gemeinsam dort die Lehre gemacht
hätten. Jetzt verließen wir den Bunker und stellten
fest, dass es so war.
Jetzt gab es wieder allerlei zu erzählen. Die anderen Landser
guckten uns komisch an und waren offensichtlich verwundert. So
hatten wir uns auf einmal an der Front in einem Bunker zufällig
wiedergetroffen. Auf einmal mussten wir die Bunkerecke der Mulde
räumen und uns mehr Im Brückenbereich einnisten. Der
Bunker wurde nun von anderen Landsern in Besitz genommen. Plötzlich
waren neben uns zwei russische Panzer (T 34 ) durchgebrochen und
kurvten hinter uns herum. Da wir keine Panzerabwehrwaffen hatten,
außer Panzerfäusten, konnten wir gar nichts machen.
Bei ca. achtzig Metern Entfernung konnten wir nur ganz ruhig bleiben
und uns nicht bemerkbar machen. Die Russen hatten wahrscheinlich
gar nicht bemerkt, dass diese Mulde noch von uns besetzt war.
Der besagte Bunker, der sich um die Ecke befand, war zwar im toten
Winkel der Artillerie, jetzt aber war er im freien Blickfeld der
beiden Panzer.
Aus irgendeinem unerklärlichen Grund drehte ein Panzer sein
Geschütz in unsere Richtung und feuerte eine Granate ab.
Diese traf direkt den besagten Bunker. Danach drehten die Panzer
ab und entschwanden wieder hinter einer kleine Höhe zu ihren
Linien. Die vier Landser, die sich noch in dem Bunker befunden
hatten, waren natürlich auf der Stelle zerfetzt und tot.
Es konnten nur noch die vier Erkennungsmarken geborgen werden.
Jetzt kamen natürlich schwere Gedanken auf. Welche Wege doch
manchmal das Schicksal geht! Zuerst der Ärger, dass wir den
vermeintlich sicheren Bunker verlassen mussten, und nun die große
Sprachlosigkeit über die katastrophale Zerstörung dieses
Bunkers!
Wir lagen aber nach wie vor im Bereich der gesprengten Brücke
und kämpften unter Dauerbeschuss mit den Widrigkeiten des
Wetters. Aus Sicherheitsgründen lagen wir nur in unseren
Löchern. In den Nächten hatten wir dauernd Frost. Am
Tage schien die Sonne und sorgte für Schlamm und Matsch.
Plötzlich wurde Willi Gunkel durch Granatsplitter am Knie
verwundet und wurde in der nächsten Nacht mit dem Versorgungswagen
zum Verbandplatz gebracht (er ist übrigens noch aus dem Heiligenbeiler
Kessel herausgekommen und hat den Krieg überlebt).
Bei uns näherte sich die Lage auch dem Ende. Eines Tages
am Nachmittag lagen wir mit unseren Waffen, Karabinern, Handgranaten
und Panzerfäusten in unseren Löchern oberhalb der Mulde
und harrten wie immer der Dinge, die da kommen würden. Wir
lagen etwa 6 Meter von der Straße entfernt hinter einer
Baumreihe. Plötzlich rollten auf der Straße von Bladiau
acht Panzer auf uns zu, alle mit großen Abständen hintereinander:
Sieben T 34 und ein Stalinpanzer mit aufgesessener Infanterie!
Unser vorgeschobener Maschinengewehrposten, zwei Landser, wurden
im Handumdrehen gefangen genommen. Da die Panzer unbegreiflicher
Weise alle hintereinander fuhren, war es ein Leichtes, sie alle
konzentriert mit der Panzerfaust abzuschießen. Die ersten
wurden fast bis zur Brücke durchgelassen, so dass drei Panzer
auf einmal erfasst werden konnten. Die aufsitzenden russischen
Infanteristen sprangen gleich ab und entfernten sich wieder nach
hinten. So gelang es uns, den Angriff abzuwehren und die Panzer
zu vernichten. In der Nacht geschah etwas Unglaubliches. Als wir
alle wieder in unseren Löchern waren, hörten wir wieder
Panzer anrollen. Da wir nun aber keine Abwehrwaffen mehr hatten,
blieben wir ganz ruhig und erlebten gar seltsame Dinge. Es waren
keine Panzer, die da anrollten, sondern Bergungsfahrzeuge, die
ungeniert vor unseren Augen die noch verwertbaren Reste der abgeschossenen
Panzer zurückschleppten. Sie hatten offensichtlich nicht
vermutet, dass wir noch in unserer Stellung waren. Wir waren natürlich
in greifbarer Nähe mucksmäuschenstill und wagten kaum
zu atmen. Als es dann hell wurde, waren nur noch die ausgebrannten
Reste der Panzer vorhanden.
Trotzdem hatte sich in der Nacht allerlei getan. Seitlich waren
die Russen durchgebrochen und hatten schon unseren Regimentsgefechtsstand,
einen zerschossenen Gutshof, eingenommen. Als wir uns dann am
frühen Morgen zu zweit unter starkem Beschuss dorthin zurückziehen
wollten, stiegen aus den Löchern russische Soldaten und richteten
ihre Maschinenpistolen auf uns. In dem Augenblick, als wir die
Maschinenpistolen auf uns gerichtet sahen, gab es einen totalen
Filmriss, und ein neuer Film nahm Besitz von uns. Es folgte das
Übliche: Entwaffnung, Filzung und so weiter. Im Handumdrehen
hatten wir nichts mehr. Unsere Stiefel wurden mit russischen Stiefeln
getauscht. Von unserer Einheit trafen wir nur sechs Mann wieder.
Jetzt, am 17. März 1945, waren für uns die Kampfhandlungen
beendet. Für mich war der Krieg vorbei. Aus der Gefangenschaft
aber kehrte ich erst im Mai 1948 zurück.
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