Am 17. März 1945 geriet ich nach der Schlacht im Heiligenbeiler Kessel mit meiner Einheit in der Nähe
von Bladiau in Ostpreußen in russische Kriegsgefangenschaft.
Nach der ersten Vernehmung ging es dann über Lank nach Stablak
zur ersten Auffangstelle. Hier hatten wir zum erstenmal wieder
feste Behausung um uns. Es waren noch Baracken eines Übungsgeländes
der Wehrmacht. Zu unserer Überraschung verteilten die Russen
Scheren unter uns, mit der Vorgabe, uns gegenseitig Glatzen zu
schneiden. Da wir ja mittlerweile Gefangene waren, blieb uns auch
wohl nichts anderes übrig. Als wir damit fertig waren, erkannten
wir uns gegenseitig fast nicht mehr wieder. - Plötzlich war
es Frühling geworden, und wir genossen die Sonne vor den
Baracken. Nach einigen Tagen ging es dann weiter nach Domnau.
Eigenartigerweise ließ uns der Russe ziemlich in Ruhe, und
wir konnten herumrennen, wie wir wollten. Untergebracht waren
wir im Dachgiebel des Nebengebäudes eines Gutes. Vor dem
Gebäude stand die russische Feldküche, die uns mit den
Suppen versorgte. Zwischen der Feldküche und dem Waldrand
war ein kleiner Teich oder auch Weiher mit lehmigem Wasser. Da
wir schon Dauerhunger hatten, besorgten wir uns am Waldrand Brennnesseln,
um uns davon eine gute Spinatsuppe zu kochen. Für die Suppen
war der Teich unser Wasserspender. Die Russen störten uns
dabei nicht. Eines Morgens allerdings stellten wir fest, dass
unser Teich aus irgendeinem Grunde leergelaufen war. Was wir nun
sahen, war eine Katastrophe, denn am Rande des Teiches waren verendete
Rinder zu sehen. Nun hatten wir ja schon einige Tage unsere Teichsuppen
gegessen und lebten noch. Trotz des Hungers war uns aber für
einige Tage der Appetit vergangen. Ich wundere mich noch heute,
dass diese Esserei ohne Folgen geblieben war.
Als sich das Lager aufgefüllt hatte, zogen wir in drei Tagesmärschen
nach Tilsit-Ragnit (pro Tag etwa 40 km). Hier war ein Riesensammellager,
wo wir erst einmal in großen Kornhäusern untergebracht
wurden, und zwar in mehreren Etagen und in drei Pritschen übereinander.
Hier trafen wir auch mit den Landsern aus Kurland zusammen. Diese
Landser aus dem Kurlandkessel hatten sich kampflos in Gefangenschaft
begeben und hatten dadurch besondere Privilegien. Sie wurden zwar
entwaffnet, aber nicht gefilzt. Wir konnten also wieder einige
deutsche Zigaretten genießen, das war aber auch schon alles.
Das Lager füllte sich zusehends, und wir lebten nur von Mahlzeit
zu Mahlzeit. Plötzlich erschien ein russischer Offizier,
ein Leutnant, und fragte nach Facharbeitern wie Klempner oder
Blechspezialisten. Da ich Blechschlosser war, fühlte ich
mich auch angesprochen und meldete mich. Dieser Leutnant war jüdisch
und hieß mit Nachnamen "Rudolf.
Er zog mit uns durch die Hauptwache in den Innenhof des Gutes.
Wir waren jetzt das Kommando Rudolf und ca. 25 Mann stark. Am
Rande des Innenhofes war an einer Seite der handwerkliche Bereich
angesiedelt: Stellmacherei, Schreinerei, Schmiede und Schlosserei.
Er nahm mit uns Schmiede und Schlosserei in Beschlag. Er sprach
gut deutsch und erklärte uns, das dies hier jetzt seine Eimerfabrik
sei. Nun ging die Sache folgendermaßen vor sich: Eine Gruppe
mit zwei russischen Wachsoldaten zog über Land, deckte von
allen Feldscheunen und Ställen die Wellbleche ab und brachte
sie in den Gutshof. Diese Tafeln waren recht groß, und die
Landser mussten aufpassen, dass sie nicht von einem Windstoß
mit ihren Blechen weggeweht wurden.
Auf dem Hof war eine andere Gruppe damit beschäftigt, die
Wellbleche zu entwellen. Mit dicken Hämmern war das eine
arge Klopferei. Es sah aus wie im alten Ägypten beim Bau
der Pyramiden. Unter russischer Leitung ist auch das möglich,
was sonst unmöglich ist. Die fertig gerichteten Bleche kamen
in unsere Werkstatt, und die Eimerfabrikation begann. Zunächst
wurden von den Eimerabwickelungen Schablonen gemacht. Es ging
alles nach dem Fließbandverfahren: Gruppe "A"
schnitt alle Bleche, die für die Eimer gebraucht wurden.
Gruppe " B " falzte und bördelte den Mantel zusammen.
Gruppe " C " bördelte die Böden ein. Die letzte
Gruppe kümmerte sich um den Draht, der oben eingerollt wurde
und nietete die bereitliegenden Henkel an. So sind ca. 25 Eimer
am Tage fertig geworden.
Das Schönste an dieser ganzen Geschichte war, dass dieses
alles ohne Bewachung vor sich ging. Dadurch waren wir in der Lage,
uns "Produkte" zu besorgen. Zwei Mann zogen los, um
Brennnesseln zu pflücken. Andere zogen los zur Kartoffelmiete,
die hinter den Stallungen war, um diese Produkte zu holen. In
einer Scheune fanden wir auch noch Erbsen mit Schoten zwischen
dem Getreide. Bis zum Mittag hatten wir alle Produkte beieinander,
um uns auf dem Schmiedefeuer ein gutes Mittagessen zu kochen.
Allerdings haben wir auch bittere Stunden erlebt. Ca. 50 Meter
von uns entfernt war der Lagerzaun auf einer Anhöhe. Hier
sahen wir fast jeden Morgen, wie die Toten des Lagers auf Leiterwagen
abgefahren wurden. Das Lager war mittlerweile auf ca. 30 000 Gefangene
angewachsen, und von hier gingen auch die Transporte in die Sowjetunion.
Jeden Abend um 5 Uhr zogen wir mit Leutnant Rudolf ins Lager zu
unseren Unterkünften. Mit unserem Rudolf klappte alles wunderbar,
und wir hatten ein recht freies Leben. Die Eimerfabrik hatte sich
bestens eingespielt. Er war sehr deutschfreundlich und hat uns
nicht ein einziges Mal schikaniert.
Es nahte der 1. Mai. Alles, auch das Lager, hatte sich auf diesen
Tag vorbereitet. Am Tage vor dem Feiertag fragte uns Rudolf, ob
wir im Lager bleiben wollten und dort feiern, oder ob wir lieber
hier in der Werkstatt arbeiten wollten. Er erklärte uns,
wir bräuchten nicht zu arbeiten, sondern könnten hier
feiern. Wir waren ganz verblüfft. Wir mussten nur eine Verpflichtung
eingehen und uns während der Maiveranstaltung, die am Vormittag
auf dem Hof des Gutes stattfände, nicht blicken lassen. Mit
einem Wort: Wir sollten keineswegs auffallen.
Als wir zugesagt hatten, durften wir noch "Produkte"
sammeln, damit es eine gute Maisuppe würde. Er würde
uns auch Machorka mitbringen, damit wir rauchen könnten.
Am nächsten Morgen holte er uns in aller Frühe ab und
brachte uns zur Werkstatt. Unser Machorka lag auch schon bereit,
er musste nur noch geschnitten werden. Jetzt mussten wir, bis
die Maiveranstaltung der Lagerverwaltung beendet war, ganz artig
sein. Der Paradeplatz war etwa 30-40 m von unserer Werkstatt entfernt.
Da die Fenster teilweise gekalkt waren, konnten uns die Russen
auch nicht sehen. Wir konnten aber alles beobachten. Die Ehrenkompanie
sowie die Offiziere erschienen, und es erfolgte ein Ritus, wie
er auch am Roten Platz in Moskau stattfindet, nur eben ganz, ganz
klein. Nachdem alles vorbei war, und die Russen abgezogen waren,
erschien unser Rudolf und blieb den ganzen Tag bis zum Feierabend
bei uns. Jetzt durften wir auch das Schmiedefeuer anzünden
und unsere Suppe kochen. Der Machorka wurde an der Blechschere
geschnitten und geraucht. Die Prawda für das Zigarettenpapier
hatte er auch mitgebracht. Um fünf Uhr brachte uns Rudolf
wie üblich wieder zum Lager zurück. Es war eine unvergessliche
Maifeier.
Einen oder zwei Tage später große Aufregung: Rudolf
kam und berichtete uns, dass Hitler "kaputt" sei. Hitler
ist tot! Es hieß, er habe sich umgebracht. An den Heldentod
glaubte sowieso keiner. Auf alle Fälle wäre das Kriegsende
jetzt sehr nahe. Rudolf hatte recht. Acht Tage später wieder
große Aufregung: Deutschland habe gestern kapituliert, und
es sei jetzt Waffenstillstand. Rudolf gab die Arbeit vorzeitig
auf und zog mit uns vor die Kommandantur. Wir sollten dreimal
"Hurrah !" schreien und dabei unsere Mützen hochwerfen,
was wir auch taten. Dann marschierte er mit uns an der Küche
vorbei, und wir erhielten einen Pott voll Suppe.
Am nächsten Tag ging alles wieder seinen normalen Gang. Wir
"eimerten" noch einige Zeit weiter und fühlten
uns dabei ganz wohl. Eines Tages war Rudolf auf dem Heimweg zum
Lager sehr niedergeschlagen. Von seiner Außentruppe waren
zwei Gefangene geflohen und nicht auffindbar. Er verabschiedete
sich von uns, und das Kommando Rudolf war aufgelöst. Es dauerte
auch nur noch einige Tage, und wir traten die Reise nach Rußland
an. Möge es den Leutnant Rudolf nicht zu hart getroffen haben.
Er war für uns ein Vaterersatz in der ersten Epoche der Gefangenschaft.