Meine Geburtsstadt Hamburg verbrennt im Feuersturm...
Hamburgs "schrecklichste Stunden".
Meine "Zeitgeschichte" beginnt in Hamburg-Hasselbrook,
Ritterstr. 59. Am Samstag, dem 24. Juli 1943, lastet drückende
Hitze auf Hamburg. Der Abend bringt nur wenig Abkühlung.
Kurz nach Mitternacht - um 0.33 Uhr - zerschneidet das Heulen
der Sirenen die bruttige Stille: Fliegeralarm! Es fallen die ersten
Bomben auf die Hansestadt. Die Bomber (Royal Air Force) hatten
den Auftrag, die alte Hansestadt Hamburg bis auf den Grund zu
zerstören, und zwar im vollsten Ausmaß ihrer Fähigkeiten
und Möglichkeiten!
Die Stadt hatte sich gewappnet, so gut es ging, gegen diese Gefahr.
Aber ....die Elbe ließ sich nicht tarnen. Im Mondlicht lag
sie wie ein silberglänzender Wegweiser unter den Bomberpiloten,
denen der Turm der neugotischen Nikolaikirche - Mitte des 19.
Jahrhunderts nach Plänen des englischen Architekten Gilbert
Scott errichtet - als Orientierungs- und Zielpunkt diente. "Gomorrha"
wurde dieser Angriff auf Hamburg genannt.
Meterhoch lodernde Flammen, die mit unvorstellbarere Zerstörungswut
Gebäude zugrunde richten, Menschen in Ruinen, die ihre letzten
Habseligkeiten in Sicherheit bringen. "Feuersturm" als
Folge der Angriffe durch die britische Luftwaffe. In seiner Geschichte
des Zweiten Weltkriegs schrieb Winston Churchill, der britische
Kriegspremier: "Die vier Angriffe auf Hamburg zwischen dem
24. Juli und dem 3. August verursachten die gründlichste
Zerstörung, die eine so große Stadt je in so kurzer
Zeit erlebt hatte." Es war dies eher eine Untertreibung.
In Wahrheit erlebten Hamburg und seine 1,7 Millionen Einwohner
ein nicht-atomares Hiroshima.
Wir, meine Mutter und wir vier kleinen Mädchen, überstanden
diese Bombennacht!
Am nächsten Tag mussten wir laut Anordnung Hamburg verlassen.
Aus Sicherheitsgründen für die Kinder, hieß es.
Ein späteres Verlassen der Stadt wurde in Frage gestellt!
Sollten die Elbrücken zerstört sein, würde es keine
Möglichkeit geben, die Stadt zu verlassen. Meine Mutter wollte
versuchen, zu ihrer Schwester nach Belgern an der Elbe zu gelangen.
Jedes Kind bekam einen Rucksack auf den Rücken, bis auf meine
Schwester Inge, die mit Gelbsucht im Krankenhaus lag (die Rucksäcke
waren schon für den Ernstfall im voraus gepackt). Inhalt:
Wäsche, Schuhe, Bekleidung, persönliche Papiere und
ine Rolle/Wolldecke mit Tragegriff.
Am nächsten Tag in der Frühe stand ein Taxi vor der
Tür. Meine Mutter war ins Krankenhaus gelaufen und hatte
heimlich unsere Schwester Inge geholt. Heimlich, weil ihre Krankheit,
Gelbsucht, ja ansteckend war, aber ohne ihre Tochter Inge wollte
mein Mutter Hamburg nicht verlassen. Mit dem Kind (im Nachthemd)
auf dem Arm rannte sie über die Straßen bis zum wartenden
Taxi. Im Taxi saßen wir, meine Schwester Margot, Anneliese
und ich, und warteten auf ihre Ankunft. Anschließend ging
die Fahrt mit dem Taxi und einer Sondergenehmigung über die
Elbbrücken (diese waren für Zivilisten schon gesperrt).
In Hamburg-Harburg sollte die Fahrt mit der Eisenbahn fortgesetzt
werden. Auch die fahrenden Züge wurden bombardiert! Würden
wir einen Zug bekommen? Aber wohin und wie weit wird er uns bringen
können.? Zwei Tage nach unserer Flucht aus Hamburg wurde
auch unsere Wohnung bis auf die Grundmauern zerstört! Unsere
unbekannte Rucksack-Wanderung durch die Kriegstage nahm ihren
Anfang!
Der Aufenthalt bei Tante und Onkel ( Bürgermeister von Belgern)
gestaltete sich schwierig - plötzlich waren 5 Personen mehr
im Haus! Ich wurde in Belgern an der Elbe eingeschult ... der
Onkel wollte es so. Nach kurzem Aufenthalt verließen wir
Belgern, und meine Mutter, die aus dem Memelland stammte, glaubte
uns dort in Sicherheit bringen zu können. Erneut beginnt
eine Rucksackreise ... diesmal in das sehr ferne Ostpreußen.
Unser Ziel war Coadjuthen: "An der Sziesze blauen Fluten
liegt das schöne Coadjuthen." Dieses kleine Verschen
weckt heute noch bei so manchem der Erlebnisgeneration Erinnerungen
an diesen Ort. Dort, wo das Flüsschen Sziesze aus seinem
litauischen Quellgebiet kommend die litauisch-deutsche Grenze
überquert hat, liegt nur ca. 3 km von dieser Grenze entfernt
Koadjuthen, das bis Ende des 18. Jh. ausschließlich mit
"C", also Coadjuthen, geschrieben wurde. Es war ein
freundlicher Kirch- und Marktort, der beinahe städtischen
Charakter trug: die Häuser waren massiv, ein großer
Marktplatz war vorhanden und er besaß ein Postamt, einen
Arzt, eine Apotheke, zwei Drogerien, zwei Bäckereien, eine
Fleischerei sowie 13 Kaufläden mit Gastwirtschaften und Filialen
der Kreissparkasse und der Raiffeisenkasse.
Dort wurde meine Mutter geboren und ihr Vater, mein Großvater,
lebte noch dort! Ein sehr strenger Mann, der aber bereit ist,
uns für einige Zeit ein Ersatzheim anzubieten. Meine Mutter
hatte den Vater nach ihrem 18. Geburtstag wegen seiner "Strenge"
verlassen. Es war sehr mutig von ihr, ihn jetzt um Hilfe zu bitten.
Jetzt in der Not musste diese vergangene Zeit vergessen werden.
Aber wie ich später erfuhr, wurde meine Mutter immer noch
als Kind angesehen und mit Strenge bedacht.
Seine Mahlzeiten nahm er allein ein, gut versorgt durch eine Haushälterin.
Meine Mutter versorgte uns Kinder in der im Nebenhaus liegenden
Wohnung. Brot wurde von der Haushälterin gebacken, das wir
auch bekamen. Fleisch und Gemüse war reichlich vorhanden.
Ich staunte über die Üppigkeit. Mit meinen damals 6
Jahren begriff ich die Zusammenhänge noch nicht. (Unsere
Mutter hat uns erst sehr viel später über ihr Elternhaus
berichtet). Es gab ein Ereignis, das uns alle überraschte!
Eines Morgens kam die Haushälterin zu uns und sagte, dass
ich bitte zum Großvater kommen möchte. Natürlich
bin ich sofort mit ihr gegangen. Der Großvater saß
beim Frühstück und bat mich Platz zu nehmen und mit
ihm zu frühstücken. Was war wohl passiert? Ich sollte
es sofort erfahren. "Du bist sehr mutig", sagte er zu
mir, "und das gefällt mir!"
Vor einigen Tagen hatten wir eine Begegnung auf dem Grundstück.
Großvater, sein Schäferhund und ich ... und weil ich
vor dem Schäferhund und dem strengen Großvater Angst
hatte, sagte ich "du und der Hund, die müssen runter
vom Hof"!!!! Es muss ihm wirklich imponiert haben. Noch 20
Jahre später erzählte er in seinem Bekanntenkreis diese
Geschichte. Die Folge dieses Ereignisses war: Ich musste mit dem
Großvater täglich gemeinsam die Mahlzeiten einnehmen.
Für uns Stadtkinder gab es viel zu entdecken. Die Tiere auf
dem Hof, Blumenbeete und Gemüseanbau. Mich begeisterte auch
der Fluss, die Sziesze (litauisch: ya - deutsch ausgesprochen
= Schiesche), die am Grundstück des Großvaters vorbeifloss.
Die Sziesze ist ein wasserreicher Fluss. Eines Tages wollte ich
mit meiner Schwester Alli (Anneliese) dort Fische fangen, so mit
Stöckchen, natürlich ohne Schnur, wie Kinder das so
machen.
Bei dieser Aktion stand ich auf einer Grassode am Ufer der Schiesche,
die nach kurzer Zeit abbrach und mich in die Strömung der
Schiesche riss. Meine Schwester Alli, die nur 1 1/2 Jahre älter
ist als ich rannte sofort los, um Hilfe zu holen. In der Nähe
gab es einen Holzschuppen in dem befand sich eine Heißmangel.
Meine Mutter war dort mit der Wäsche beschäftigt. Wie
meine Mutter mir später erzählte hörte sie schon
von weitem das ängstliche Geschrei meiner Schwester. Beide
rannten wieder zum Ufer der Schiesche zurück. Ich war schon
abgetrieben bis zur Brücke, die am Ortseingang war. Meine
Mutter erzählte mir, dass ich ein unglaublich guten Schutzengel
gehabt habe. Ich hatte ein Kleid an und dieses hatte sich mit
Luft gefüllt. Sie sah mich im Wasser treiben. Der Kopf, Arme
und Beine waren unter Wasser. Der Rücken aufgeblasen durch
das Luft gefüllte Kleid waren zu sehen und dadurch konnte
sie mich an der Brücke aus dem Wasser retten. Meine Mutter
und meine Schwester Alli bekamen eine kräftige Erkältung
durch ihre Rettungsaktion. Ich, es ist kaum zu glauben, war ohne
Blessuren davon gekommen .Es war ein Wunder!
Meine Mutter, meine Schwester und mein "Schutzengel"
haben mir das Leben gerettet.
DANKE...!
Diese Holzbrücke über der Schiesche hat meine Mutter
noch einmal in Angst und Schrecken versetzt, wie sie mir erzählte.
Sie hörte Pferdehufe auf der Holzbrücke ... wer da wohl
kommt? Sie ging an das Fenster und schaute hinaus und der Schlag
traf sie ... ein Pferd vom Großvater und oben drauf "ich",
die Hände in der Mähne des Pferdes mit stolzem Gesichtsausdruck!
Ich muss mir dieses (mit Sicherheit gutmütige) Pferd auf
der Pferdekoppel gegriffen haben. Wie ich als kleines Mädchen
auf dieses große Pferd gekommen bin? Keiner weiß es,
ich auch nicht.
Langsam wurde es Winter. Meine Schwester Alli und ich gingen hier
in Coadjuthen zur Grundschule und mussten jeden Tag (als Abkürzung)
über den Friedhof. Im Schnee machte er einen romantischen
Eindruck. Nur Alli hatte immer etwas Angst. Die beiden Großen
mussten, ich glaube, nach Heydekrug zur Schule gehen. Meine Schwester
Inge, die Älteste, wollte mit uns ein kleines Weihnachtsmärchen
einstudieren. Es sollte ein Dankeschön für unsere Mutter,
für den Großvater und seine Haushälterin, die
uns Kinder immer sehr verwöhnte, werden. Die Aufführung
sollte "Heilig Abend" sein. Sie hatte auch einen Titel
erfunden: "SCHNEEFLÖCKCHEN IM WEIHNACHTSWALD".
Wochenlang wurden von uns Wattebällchen auf Bindfäden
gezogen und daraus Netze gemacht, die wir nach ihrer Anweisung
überhängen mussten. Tannenbäumchen holten wir aus
Großvaters Wald. An viel mehr kann ich mich leider nicht
mehr erinnern. Bestimmt haben wir auch schöne Weihnachtslieder
gesungen. Es gab eine große Enttäuschung. Der Großvater
kam nicht! Wir Kinder waren natürlich enttäuscht! Unsere
Mutter hat es aber sehr gut verstanden, mit uns noch einen gemütliche
Weihnachtsabend zu verbringen.
Der Winter 1943/44 war für uns Kinder ein wunderbares Erlebnis.
Auch das Frühjahr und der Sommer (Reise an die Nehrung) konnten
wir mit viel Freude erleben. Aber dann im Herbst, war alles wieder
vorbei! Die russische Front rückte immer näher ... bald
waren auch schon Schüsse zu hören. Keiner der Erwachsenen
konnte sich vorstellen, dass die Gefahr für die Bevölkerung
immer größer wurde. Unser Großvater bekam im
August einen Warnhinweis, nach eingehender Beratung mit unserer
Mutter stand der Entschluss fest! Rucksäcke packen und auf
dem schnellsten Weg Coadjuthen verlassen. Bereits am 11. Oktober
rückten die Russen nach einem Panzergefecht in den Ort ein,
der zunächst kaum zerstört war. Die litauischen Neusiedler
richteten dann jedoch bedeutende Zerstörungen an, indem sie
nach und nach die unbewohnten Gehöfte abrissen und verheizten.
Einige alteingesessene Familien, die auf der Flucht überrollt
wurden, mussten nach Koadjuthen zurückkehren. Im März
1949 wurden die Familien Kestenus (4 Personen), Pieper (3 Personen)
und Pokallnischkies (2 Personen) nach Sibirien verschleppt.
Meinem Großvater gelang auf abenteuerliche Weise die Fluch
in den Westen.