Meine Mutter floh nach dem "Feuersturm" über Hamburg
1943 mit meinen drei Schwestern und mir zu ihrem Vater nach Coadjuthen
in Ostpreußen. Als die Russen immer näher kamen, verließen
wir den Ort im August 1944. Meine Mutter spannte ein Pferd vor
eine Kutsche und los ging es nach Stonischken. Coadjuthen hatte
keinen Bahnanschluss. Das Dorf liegt an der Tilsiter Chaussee
auf halbem Wege zwischen Pogegen und Heydekrug. Doch 14 km südlich
lag die Bahnstation Stonischken an der Strecke Tilsit-Memel, wohin
es eine Busverbindung gab. Pferd und Kutsche wurden vom Großvater
wieder zurück geholt. Er wollte Coadjuthen nicht verlassen.
Von Stonischken ging es mit dem letzten Zug nach Memel. In Memel
bekamen wir den letzten Zug Richtung Westen. Wohin, das konnte
keiner sagen! "Ziel unbekannt"!
Die Geschichte hat uns gelehrt, dass wir ein unglaublich großes
Glück gehabt haben! 1944 im Oktober sollen Memel und das
Memelland von deutscher Zivilbevölkerung geräumt werden,
doch der Räumungsbefehl kommt zu spät: Die letzte Flucht
im Kreis Memel beginnt am 08.10.1944. Im Süden bricht die
Rote Armee am 09.10.1944 bei Heydekrug durch. Die Brücke
über den Rußstrom bei Ruß wird von deutschen
Pionieren gesprengt: Daraufhin gelingt Tausenden Memelländern
die Flucht nicht mehr, einige retten sich über das Haff und
die Kurische Nehrung. Fluchtberichte aus dem Memelland erzählen
von unsagbarem Leid.
Der Zug war natürlich total überfüllt. Mütter
mit 4 kleinen Kindern, so wie es bei meiner Mutter der Fall war,
bekamen Hilfe so gut es ging. 2 Sitzplätze für Erwachsene
war im Zug Luxus. Wir fuhren Tag und Nacht. Unterbrochen wurden
die Fahrten durch Bombenangriffe auch durch Tiefflieger aus der
Luft. Damals wurde noch mit Dampflokomotiven gefahren. Diese wurden
bei einem Angriff vom Zug abgekoppelt, so das der Eindruck entsteht,
dass es sich um einen abgestellten Zug handelt. Am Tage waren
wir auf zwei Sitzplätze verteilt. In der Nacht lagen die
großen Geschwister im Gepäcknetz. Ich lag hinter dem
Rücken meiner Mutter auf ihrem Sitzplatz ... das bedeutete
für sie viele Nächte auf der Sitzbankkante!!
Ich wurde oft gefragt, ob ich traumatische Erinnerungen aus dieser
Zeit habe. NEIN! Meine Mutter hat uns immer das Gefühl totaler
Geborgenheit vermittelt! In dankbarer Erinnerung, denke ich sehr
oft an sie zurück. Ich kann mich noch an ein Ereignis in
Berlin erinnern. Unser Zug fuhr in den überfüllten Bahnhof
ein. Wir wurden aufgefordert, die Abteilfenster runter zu lassen
und die Hände durch das Fenster zu strecken. Auf dem Bahnsteig
gingen Helferinnen mit BUTTERBROT-PÄCKCHEN, in Pergamentpapier
verpackt, von Abteil- zu Abteilfenster und legten in die ausgestreckten
Hände je ein Päckchen. Auch wir wurden damit versorgt.
Aber nicht alle hatten das Glück! Fliegeralarm beendete diese
Hilfsaktion abrupt.
Der Zug wurde schnell aus dem Bahnhof gezogen. Die Dampflokomotive
abgekoppelt! Wir standen auf freien Geleisen. Saßen im Zug
und konnten nur hoffen, dass uns keine Bombe trifft. Endlich wieder
Ruhe am Himmel und unsere Fahrt ging weiter...
Gelandet sind wir im August 1944 in Reichenberg im Sudetenland.
Am Bahnhof von Reichenberg bekamen wir ein Wohnung zugeteilt,
die ohne Einrichtung war. Am nächsten Tag ging unsere Mutter
mit uns in ein Einrichtungsgeschäft und kaufte das Nötigste.
Unser Aufenthalt war allerdings von kurzer Dauer, von August 1944
bis Februar 1945. Meine Mutter wollte nach Hamburg zurück.
Das ging aber nur, wenn man einen Wohnsitz nachweisen konnte.
Ansonsten galt man als "Buttenhamburger" (musste auf
Wohnsitz warten). Da Hamburg zerstört war, konnte das Jahre
dauern! Erneut musste meine Mutter wieder betteln. Diesmal bei
ihrer Mutter, die außerhalb von Hamburg ein Wochenendhaus
besaß. Meine Tante aus Belgern/Elbe war auch schon zu ihr
geflüchtet. Wir durften auch kommen! In diesem kleinen Wochenendhaus
lebten nun (statt 2 Personen) 4 Erwachsene und 6 Kinder.
Bevor wir aber Reichenberg verließen, zeigte unsere Mutter
uns noch den Jeschken. Dieser Berg war vom Stadtzentrum zu sehen.
Könnte mir vorstellen, das es das Wahrzeichen dieser Stadt
war und ist. Es wurde eine große Wanderung, bis wir den
Gipfel erreichten. Ein kurzer Besuch meines Vaters, der jetzt
in Italien stationiert war, fand auch noch statt. 6 Monate besuchten
wir in Reichenberg die Schule.
Eines Tages ging es los - "Heimwärts"! Reichenberg-Bad
Schandau-Torgau/Elbe-Hamburg. In Torgau erlebten wir nochmals
einen Fliegerangriff. Angekommen in Hamburg, meiner Heimatstadt
... wir waren trotz aller Wohnraumenge überglücklich.
Wie schon bekannt, hatten wir nur unsere Rucksäcke. Auf das
andere Gepäck mussten wir monatelang warten.
Für uns Kinder war die Zeit bei der Großmutter sehr
schön ... es gab den Garten, mit Blumen, Obst und Gemüse.
Auch hier gab es noch hin und wieder Fliegerangriffe, die wir
im Garten, in einem kleinen Erdbunker, erlebten. Der Aufenthalt
bei der Großmutter dauerte wohl noch 2 Jahre, bis wir eine
Wehrmachtsbaracke zugeteilt bekamen. Ein neues ZUHAUSE begann
... mühsam, aber Mama machte es recht bald gemütlich!
Die Menschen ließen sich ebenso wenig entmutigen wie die
Natur. "Die unverzagte Stadt", so hat der Schriftsteller
Otto Erich Kiesel Hamburg genannt. Noch nach jeder Verheerung
ist es wieder auferstanden, wie Hans Leip - der Dichter der Lili
Marleen - es 1943 in seinem Lied im Schutt beschworen hat: "Und
als ich über die Ferne kam, / Schutt, nichts als Schutt,
als ich über die tote Ferne kam, / da sah ich die tote Stadt
von fern / und sah sie aufleuchten wie einen Stern / und sah ihre
Not und Trübsal vergehn / und sah die Erschlagene auferstehn,
schöner, als ich sie je gesehn."
"Nur wer um das Gestern weiß, ist in der Lage, Lehren
aus diesem schrecklichen Krieg zu ziehen und sich dafür einzusetzen,
dass sich solche Ereignisse, nicht wiederholen."
Stadtteilarchiv Hamburg-Hamm
Dies ist meine Geschichte "EINE MUTTER MIT VIER KLEINEN TÖCHTERN"