Nach meiner Gefangennahme durch die Russen im März 1945 war
ich zunächst in einem Sammellager in Tilsit untergebracht.
Mittlerweile war es Pfingsten. Die Bäume standen in voller
Blüte. In unserem Auffanglager wurde ein Transport nach Rußland
zusammengestellt, dem auch ich angehörte. Im Laufe des Vormittags
war alles voller Hektik und Aufregung. Am Nachmittag war die Truppe
zusammengestellt und wir trabten zum Bahnhof. Unsere Köpfe
waren voll mit russischen Geschichten. Angefangen bei Napoleon
über Sibirien, die transsibirische Eisenbahn, über die
Gefangenenlager des Ersten Weltkrieges bis zu den Straflagern
der Revolution. Wir sahen uns schon in den schlimmsten Situationen,
welche da waren; Holzfäller, Pelztierjäger usw.
Am Bahnhof angekommen, sahen wir schon die bereitstehenden Waggons
(Güterwagen), und unsere Gedanken gerieten noch mehr durcheinander.
Was wir bisher erlebten war nur die Ouvertüre. Die Hauptvorstellung
begann erst jetzt. Als wir unseren Waggon bestiegen hatten, kehrte
die Ruhe wieder ein, und wir orientierten uns erst einmal. In
der Mitte war die große Schiebetür, und rechts und
links waren die Pritschen angebracht. Ich weiß heute nicht
mehr, wie viele Personen wir im Waggon waren. Der Raum war aber
nicht beengt. In der Mitte stand ein Kanonenofen. Da es draußen
ja schon recht warm war, ahnten wir Schlimmes. In einer Ecke war
ein großer Trichter, der auf die Schienen gerichtet war
und unsere Toilette darstellte. Die Schiebetür wurde geschlossen
und von außen mit Stahlbolzen gesichert. Die kleinen Luftöffnungen
des Waggons waren mit starken Gittern versehen. Jetzt gab es kein
Entweichen mehr.
Die Wachmannschaft lief dauernd am Zug hin und her, kontrollierte
und war mit den Waggons voll beschäftigt. Einige von uns
hatten am " Ausguck" Platz genommen und beobachteten
das Geschehen. Da wir im Lager ja noch unsere Mittagsverpflegung
bekommen hatten, bekamen wir als Reiseverpflegung eine Zuteilung
Trockenbrot. Es war sehr hart, und wir fingen schon an zu knabbern.
Seit der Gefangennahme wechselte dauernd unser Bekanntenkreis,
und jetzt waren wir auch wieder eine neue Gruppe. Aber bei den
Landsern ist das kein Problem. Schnell sind die Kumpels wieder
ein neuer Haufen.
Plötzlich war draußen Unruhe. Eine Lok gab ein durchdringendes
Pfeifsignal, und kurz darauf wurde unser Waggon durcheinandergeschüttelt.
Ein Getue an den Kupplungen ließ uns wissen, dass es bald
losgehen würde. Wir richteten uns ein und nahmen auf den
Pritschen die Plätze ein. Ein Jeder war mit seinen Gedanken
schon irgendwo in Rußland. Wir kamen uns vor wie Nullpersonen,
denn wir hatten gar nichts mehr. Unsere Namen hatten wir behalten,
und die kannten wir auch noch. Das Wichtigste zur damaligen Zeit
waren ein Essgeschirr (Konservendose) und der dazugehörende
Löffel. Mein Kochgeschirr und Essbesteck hatte irgend ein
Russe im Tagesgebrauch. Wir waren also absolute "Habenichtse".
Jetzt ging ein Ruck durch den Waggon, und die Räder fingen
an zu rollen. Da es schon Mai war, blieben die Abende noch lange
hell. So langsam wurden wir untereinander bekannt, und verschiedene
Schicksale offenbarten sich. Die Landser aus dem Kurlandkessel
waren noch am besten dran, denn sie waren nur entwaffnet worden
und nicht gefilzt, da sie sich kampflos ergeben hatten. Wir, die
im Kampfgetümmel in Gefangenschaft geraten waren, wurden
nicht nur entwaffnet, sondern auch noch total enteignet. Die Zukunftsaussichten
waren damals gleich null. Was auf uns zukam, konnte keiner ahnen.
Wir knabberten unser Trockenbrot weiter, und als es dunkelte,
legten wir uns nieder und ließen uns in den Schlaf rattern.
Als wir erwachten, wurde es draußen auch schon hell. Wie
spät es war, konnte keiner sagen, denn eine Uhr hatte weit
und breit keiner. Der Sonne nach rollten wir gen Osten. Dieses
mal aber mit anderen Aufgaben. Welcher Art wussten wir noch nicht.
Jedenfalls machten wir uns nicht gegenseitig verrückt sondern
hofften, dass es wohl nicht so schlimm kommen würde. So langsam
meldete sich auch unser Magen, obwohl andere Probleme uns fast
erdrückten. Unser Zug fuhr langsamer, die Lok pfiff, und
wir standen. Wieder Unruhe draußen. Die Wachmannschaft öffnete
die Türen, Essenkübel wurden angetragen, und die Tagessuppe
wurde ausgegeben. Irgendwie war das gut organisiert, denn wir
standen auf freier Strecke. Es gab einen Topf heiße Suppe
und die Tagesration Trockenbrot. Nach der Abfertigung wieder das
Verschließen der Türen und draußen wieder Unruhe.
Ein warnendes Pfeifen der Lok, die Wachmannschaft stieg ein, und
unser Zug setzte sich wieder in Bewegung.
Wie viele Tage wir genau gefahren sind, weiß ich gar nicht
mehr. Es werden wohl 5-6 Tage gewesen sein. Es ging immer weiter
nach Osten, und es wurde auch immer kälter. Wie wir durch
die Fenster sahen, waren die Bäume hier noch kahl. So langsam
bekamen wir ein komisches Gefühl. Eines Morgens im frühen
Morgengrauen wurde unser Zug immer langsamer. An den vielen Weichen,
die wir überfuhren, merkten wir, dass wir uns einer Stadt
näherten. Und so war es auch. Wir rollten auf einen Güterbahnhof,
und dann standen wir auch schon. Durch die kleinen Guckfenster
sahen wir, dass hier an den Güterschuppen schon heftiges
Treiben herrschte. Frauen mit ihren dicken Wattejacken entluden
einige Güterwagen und transportierten die Waren in die Schuppen.
Nun ist so etwas ja nichts Neues, sondern überall so üblich.
Hier aber war es irgendwie anders. Die Frauen mit den Wattejacken,
die Schuppen und die Laderampen, alles grau in grau. Es war auch
ungemütlich kalt, und die Bäume waren auch noch kahl.
Dieses alles gab uns ein seltsames Gefühl.
Große Unruhe draußen. Die Türen wurden geöffnet,
und wir mussten aussteigen. Eine große russische Eskorte
stand schon bereit, uns zu empfangen. Es ging alles ganz fix.
Jetzt sahen wir auch, was los war. Etwas weiter von uns war der
normale Personenbahnhof, und rundherum Fabriken und Schornsteine.
Nun wussten wir, dass wir unser Ziel erreicht hatten. Aber wo
waren wir nur ? Es war ungemütlich und kalt. In Fünferreihen
mussten wir uns formieren und dann ging es los. Als wir am Bahnhof
vorbei kamen, sahen wir das Bahnhofsschild und wussten nun, wo
wir waren. Die Stadt hieß BOROWITSCHI. Da einige schon russisch
lesen konnten, war dieses Geheimnis schnell gelöst. Wir trabten
jetzt am Bahnhof vorbei durch die Stadt. Auch hier alles trostlos
grau in grau. Eine gespenstische Ruhe lag wie eine Glocke über
uns.
Ein Landser neben mir - er hieß Heinz Bucholz und war aus
Berlin - pfiff eine bekannte russische Weise vor sich hin und
machte alles noch melancholischer. Am Ende der Stadt überquerten
wir über eine große Stahlbogenbrücke einen Fluss.
Es war die MSTA (schwer auszusprechen). In der Brückenmitte
hing in der Stahlkonstruktion eine große Normaluhr. Trotzdem
weiß ich heute nicht mehr, zu welcher Zeit wir damals die
Brücke passierten. Es war jedenfalls noch sehr früh.
Am Ende der Stadt ging es dann etwas bergauf. Wir ließen
die Häuser hinter uns und erblickten plötzlich an der
rechten Straßenseite eine kleine russische Kirche mit einem
Friedhof. Sie war unansehnlich und verfallen. An der gegenüberliegenden
Seite war eine kleine Soldatenunterkunft, wo unsere Wachmannschaft
zuhause war.
Wir zogen weiter und sahen in der Ferne ein Lager auftauchen.
Dieses war, wie wir erahnten unser Lager. Nach ca. 6 km hatten
wir es erreicht. Die Russen waren schon vorbereitet und hatten
uns große Lagerfeuer im Vorfeld des Lagers angezündet,
damit wir uns während der Wartezeit erwärmen konnten.
Diese positive Seite des Empfangs versöhnte uns mit der trostlosen
Lage des Lagers. Aber wir waren ja schließlich Kriegsgefangene.
Das Lager war etwa 70 Meter von der Straße entfernt und
lag an einem leichten Hang. Über dem Eingangstor stand in
großen Buchstaben der Schriftzug: "Ehrliche Arbeit
bahnt den Weg zur Heimat".
Schubweise wurden wir mit unseren Personalakten, die die Russen
schon in den Händen hatten, verglichen und registriert. Danach
betraten wir das Lager und wurden in die Baracken eingewiesen.
Ich kam in die Baracke 3. Man sagte zwar "Baracken"
zu diesen Unterkünften, aber es waren mehr oder weniger Erdhöhlen,
die halb im Erdreich eingegraben waren. Sie waren komplett mit
Holz ausgeschlagen und hatten auch ein Dach. Dieses alles war
mit Erde überschüttet und mit Gras bewachsen. An den
beiden Kopfenden waren die Eingänge, und an den Seiten waren
kleine Gräben, die zu den Fenstern führten. Innen waren
in 4 Reihen Pritschen in zwei Ebenen vorhanden, einfache Holzbretter
und oben am Kopfende ein schräges Brett als Kopfkissenersatz..
Ich hatte einen Platz in der ersten Etage oben und musste immer
klettern, wenn ich mich langlegen wollte. Bettzeug gab es nicht.
Wir hatten nur unsere mittlerweile zerlumpte Uniform und unseren
Militärmantel. Da es noch sehr kalt war, hatten wir eine
bestimmte Schlaftechnik entwickelt um nicht zu frieren.
Eine Baracke war mit ca. 300 Personen belegt, so dass die Körperwärme
schon für eine Grundwärme sorgte. Außerdem lagen
wir wie die Ölsardinen dicht an dicht nebeneinander. Hinter
den Eingängen waren die Kopfstuben für den Barackenältesten
und für die Antifa-Propagandisten. Für uns war dies
alles eine völlig neue Wohnkultur. Gut, dass wir noch nicht
wussten wie lange wir dieses Leben führen mussten. Wie wir
dann später erfuhren, war Borowitschi eine Industriestadt
zwischen Moskau und Leningrad östlich der Eisenbahnlinie
an der Msta. Ein Abzweigung von der Haupteisenbahnlinie führte
nach Borowitschi und endete hier in dieser Industriestadt. Ab
hier begann wohl die Steppe. Als wir dies alles wussten, hatten
wir begriffen, dass uns Sibirien wohl erspart bleiben würde.
Jetzt hatten wir erst einmal drei Wochen Quarantäne und der
Hauptfilm der Gefangenschaft begann.