Im Kriegsgefangenenlager in Borowitschi, wohin ich im Mai 1945
gekommen war, mussten wir Gefangenen zunächst politische
Informationen über den Sozialismus in großen Mengen
über uns ergehen lassen. Hier erlebten wir die wundersamsten
Geschichtsumwandlungen. Wir hatten das Gefühl, dass alles,
was wir kannten, in der Sowjetunion schon vor Hunderten von Jahren
geplant war. Während dieser Zeit wurden wir auch ärztlich
betreut. Mit großer Sorgfalt wurden wir entlaust und auch
mit Erfolg. Bis auf Wanzen blieben wir ungezieferfrei.
Während der dreiwöchigen Quarantänezeit begannen
die Russen schon mit der politischen und kulturellen Umschulung.
Nach der Quarantänezeit begann die Arbeit, wir landeten als
einzelne Mitarbeiter oder auch in kleineren Gruppen in den Verschiedensten
Abteilungen der zentralen Werkstätten. Ich landete als Einzelperson
in der Feilenhauerei, einige als Maschinenarbeiter in den jeweiligen
Abteilungen. Wir waren somit richtige Mitarbeiter der russischen
Werktätigen. Wir wurden weder schikaniert oder noch für
dumm verkauft. Beinahe hätten wir unsere Gefangenschaft vergessen.
Auch das Verhältnis unseres Kommandos zum Natschalnik, dem
Chef der ganzen Betriebsanlage, war ungetrübt. Dieses viermonatige
Kommando bei den Zentralwerkstätten brachte unser seelisches
Gleichgewicht wieder in Ordnung, und unsere Einstellung zu den
damaligen verhältnissen änderte sich gewaltig. Wir hatten
unsere Würde wieder gewonnen und unser eigenes Ich stabilisiert.
Da man uns deutschen Gefangenen immer vorwarf, keine Kultur zu
besitzen, und uns bei jeder Gelegenheit sagte: "Nix Kultura!",
glaubten wir es bald selbst. Nachdem wir begriffen hatten, dass
es bis zur Heimkehr noch eine geraume Zeit dauern würde,
fanden wir die Selbstachtung wieder. Der Selbsterhaltungstrieb
meldete sich zurück. Es war ja auch sehr schwierig, denn
bei der Gefangennahme waren wir auf den absoluten Nullpunkt gebracht
worden; und nach der Filzung hatten wir gar nichts mehr.
Wie gesagt, liefen wir zunächst aber immer noch unter dem
Motto "N IX KULTURA!" So hieß es auch eines Tages:
"Alle deutschen Gefangenen auf zur Ungarnbaracke!" Dort
sollten wir einer Kulturveranstaltung beiwohnen. Da wir ja angeblich
ewig nichts mehr mit Kultur zu tun hatten, sollten wir wieder
"kulturzugänglich" gemacht werden. Zwei Ungarn
standen im Raum, einer mit einer Geige und einer mit einem Tamburin.
Sie spielten uns jetzt etwas vor, und wir mussten zuhören.
Nun war uns ungarische Zigeunermusik ja nicht unbekannt, aber
diese beiden haben irgendwie eine neue Zigeunermusik gespielt.
Einige Leute, die eine Ahnung von Musik hatten, schüttelten
den Kopf und sagten es laut und deutlich: Russische Musik hätte
uns bestimmt besser gefallen. Zunächst aber mussten wir Begeisterung
spielen und applaudieren.
Dieses Ereignis spornte einige deutsche Musiker an, und sie wollten
ein deutsches Lagerorchester gründen. Bei zweitausend deutschen
Gefangenen gibt es schließlich genug Musiker aller Schattierungen.
Unter russischer Mithilfe ist dieses Unterfangen auch gelungen.
So nach und nach besorgten die Russen auch die dazu- gehörenden
Instrumente. Und siehe da: Es wurde ein gutes Orchester. Parallel
hierzu bildete sich auch eine Theatergruppe, wozu der Russe auch
alle Utensilien besorgte.
Irgendwann wurde zwischen der Lagerverwaltung und der ersten Baracke
ein Klubhaus gebaut, speziell für kulturelle Veranstaltungen.
Eine Bühne mit einigen Scheinwerfern und auch die Sitzbänke
besorgten die Russen. Jetzt wurde geprobt und geübt. Das
Kulturleben im Lager blühte auf. Das Orchester spielte an
den langen Sommerabenden manchmal bis 24 Uhr am "Roten Stern".
Das war der große Platz des Lagers: Ein aus Ziegelsplitt
gebildeter roter Stern mit Bänken drum herum und somit der
politische Mittelpunkt des Lagers. Es dauerte auch gar nicht lange,
da konnten unsere Kulturgruppen ihre Veranstaltungen aufführen.
Es gab Konzertabende und auch Theatervorführungen. Als dann
"Gräfin Mariza" aufgeführt wurde, kannte die
Begeisterung keine Grenzen. Alle Rollen waren von Männern
gespielt. Bei den Vorführungen waren die ersten Reihen immer
für die Russen mit ihren Angehörigen reserviert. Nun
hatten wir doch wieder "Kultur" und konnten sie auch
anbieten.