Im Mai 1945 kam ich in ein Kriegsgefangenenlager in der russischen
Industriestadt Borowitschi, wo wir zu Arbeitsbrigaden zusammengestellt
wurden. Da ich Blechschlosser gelernt hatte, meldete ich mich
als Klempner und kam zur Brigade Mechaniski, Masterskaja. Unsere
Aufgabe war es, die Werkshallen des Kombinates wieder instand
zu setzen.
Das Kombinat war ca. 6 km vom Lager entfernt. Da es am anderen
Ende der Stadt lag, mussten wir durch die ganze Stadt marschieren.
Die Russen verlangten diszipliniertes Verhalten, Gleichschritt
und Gesang. In einer langen Kolonne zogen wir brigadeweise singend
und im Gleichschritt durch die Stadt. Preußens Gloria hatte
in Rußland wieder Auferstehung. Russische Kinder liefen
neben uns her und versuchten im Gleichschritt mitzuhalten. Nach
14 Tagen hatte diese Schau ein Ende. Denn es konnte ja wohl nicht
angehen, dass ein geschlagener Haufen, wie wir es waren, zweimal
am Tage durch die Stadt eine Schauparade machen konnte. So wurden
nun Gesang und Gleichschritt verboten, und wir durften nur noch
durch die Stadt gehen.
Unsere erste Aufgabe war nun folgende: Für ein Förderband
mussten wir eine Unmenge Winkeleisen auf Maß ablängen.
Das sah so aus: Auf dem Hof vor der Werkstatt stand ein Amboss,
ich dahinter, der Zuschläger davor. Mit einem Schrottmeißel
und mit einem Vorschlaghammer wurde nach einer Liste das Material
zusammengestellt. Eine andere Gruppe längte von einer Rolle
lauter Drahtstücke ab und machte davon Elektroden zum Elektroschweißen.
Eine weitere Gruppe unserer Brigade stapelte unentwegt Material
hin und her.
Da wir in unserer Brigade lauter Fachleute waren (Schlosser, Klempner,
Schmiede usw.) erinnerten wir uns daran, dass es eine Berufsehre
gab. Unsere Antifa-Propagandisten hatten uns ja mit einem Rieseneifer
erklärt, wie wichtig es in der Sowjetunion sei, dass der
Facharbeiter am richtigen Platz stünde. Unser Brigadier wurde
nun von uns beauftragt, der russischen Leitung klar zu machen,
dass unsere Arbeit nicht der beruflichen Qualifikation entspräche.
Jedenfalls kam einige Tage später ein Betriebsleiter des
Kombinates mit einem russischen Offizier und versuchte uns mit
viel Geduld beizubringen, dass wir den Krieg verloren hätten
und nun Kriegsgefangene in der Sowjetunion seien. Er hat es auch
geschafft und ich bewundere noch heute die Geduld des Offiziers.
Somit haben wir weiter gehämmert und gestapelt.
Nach einiger Zeit wurde unsere Brigade zu einer anderen Abteilung
versetzt, und zwar zur Mechanischen Zentralwerkstatt. Unsere Aufgabe
war es hier, die Fenster der Werkshallen zu verglasen. Die Fenster
waren Stahlkonstruktionen und ausgebaut, sie standen in Stapeln
im Hof herum. Ein älterer russischer Arbeiter mit einem Riesenvollbart
war schon in Aktion. Er hatte ein Fenster auf zwei Böcken
liegen und knetete ein Sand-Teer-Gemisch, welches in einem großen
Kessel erhitzt wurde - als Kitt Ersatz zwischen Glas und Fenster.
Wir fingen nun auch an. Nach einigen Stunden waren unsere Daumen
fix und fertig und verschrumpelt. Bei den Fensterbergen schienen
unsere Daumen dem Untergang geweiht zu sein. Auf dem Heimweg kam
uns die Erleuchtung. Wir besorgten uns von der Lagerküche
leere Konservendosen (Oskar Mayer aus Chicago) und machten uns
Schöpfkellen daraus. So zogen wir am nächsten Morgen
damit zum Kombinat. Eine Gruppe unserer Brigade stellte 5 Fenster
schräg an die Wand, die zweite Gruppe legte die Scheiben
in die Fenster. Das Teer-Sandgemisch wurde zähflüssig
heiß gemacht, und Gruppe drei goss mit den Kellen das Gemisch
in die Fenstersprossen. Beim letzten Fenster angekommen, war das
erste schon um 90 Grad gedreht und es ging wieder von vorne los.
So waren im Handumdrehen die ersten 5 Fenster verglast. Unsere
Daumen hatten somit wieder Überlebenschancen. Anschließend
wurden die nächsten 5 Fenster an die Wand gestellt und der
Vorgang wiederholte sich. So geschah es noch einige Male. Unser
russischer Mitarbeiter schaute irritiert zu und verstand die Welt
nicht mehr.
Als der Tag zu Ende ging und der russische Betriebsleiter uns
die Leistung in Prozenten bestätigen wollte, war er total
verblüfft. Ohne es zu wollen, hatten wir alle Leistungsrekorde
gebrochen. 125 % brauchten wir, um unser Arbeiterbrot zu bekommen.
Heute hatten wir 300 % bekommen und waren auf einmal eine hochgeehrte
Stoßbrigade. Der Ruf eilte uns voraus. Als wir im Lager
ankamen, wurden wir dort gelobt und gepriesen. Wir wollten wirklich
nicht den wilden Mann spielen, aber unsere Daumenschutzmaßnahme
machte die Verglasung automatisch schneller und leichter. Als
alle Fenster verglast waren, wurden wir in dieser Mechanischen
Zentralwerkstatt alle in unseren Berufen eingesetzt. Hier habe
ich sogar noch das Feilenhauerhandwerk erlernt.