Post aus russischer Kriegsgefangenschaft
Im Mai 1945 kam ich in ein Kriegsgefangenenlager in der russischen
Industriestadt Borowitschi. Während der Gefangennahme in
Ostpreußen im März 1945 waren wir restlos gefilzt worden.
Kurz gesagt: Wir hatten gar nichts mehr. Wir konnten nicht einmal
unsere Namen nachweisen. Aber jetzt, etwa ein halbes Jahr später,
hatten wir wieder Besitztümer. Im Lager hatte sich so etwas
wie ein Schwarzmarkt gebildet. Alle Arbeitsbrigaden, die schon
lange in Arbeitskommandos außerhalb des Lagers eingesetzt
waren, hatten die Möglichkeit, bestimmte Dinge einzuschmuggeln
und im Lager anzubieten. Somit hatte ich auch mittlerweile wieder
eine Brieftasche - zwar aus Pappe, aber man konnte wenigstens
einige persönliche Dinge mit sich herumtragen. Im Laufe der
Zeit hatte ich auch wieder Bleistifte und Buntstifte. Auch ein
Federhalter mit einigen spitzen Federn war wieder mein Eigentum.
Wir hatten schon immer mal nachgefragt, wie das mit der Kartenschreiberei
nach Hause wäre. Die Antwort aber war, dass das Postwesen
in Deutschland total am Boden läge und wir eher zu Hause
seien als die jetzt geschriebenen Briefe. Das war keineswegs erfreulich,
aber das Versprechen einer baldigen Heimkehr wirkte doch sehr
beruhigend. Es war Oktober 1945, und die Kälte kroch schon
über die Landschaft. Plötzlich kam ein Propagandist
mit lauter Kriegsgefangenen-Postkarten vom Roten Kreuz und tat
uns kund, dass nun jeder eine Karte nach Hause schreiben könne.
Die Hauptsache war, dass wir eine Nachricht loslassen konnten.
Da ich weder Frau noch Kinder hatte, war das Problem für
mich nicht so groß. Ich schrieb, dass ich in russischer
Gefangenschaft, gesund und munter sei und noch genau so aussähe,
wie meine Eltern mich zuletzt gesehen hätten. Damit hatte
ich meinen Eltern mitgeteilt, dass ich noch gesund und vor allen
Dingen unverletzt und heile geblieben war. Wir hofften jetzt nur
noch, dass die Karten auch zu Hause ankamen. Jetzt ging die Warterei
los, denn auch wir wussten nicht, wie unsere Angehörigen
die Wirren des Krieges überstanden hatten.
![[Erste Karte von Kurt Elfering aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft an seine Eltern, 1945]](../../../objekte/pict/elfering002/200x.jpg)
Im Lager hatten wir auch eine Offiziersbaracke. Es waren dort
alles Stabsoffiziere, die nicht zu arbeiten brauchten. Trotzdem
meldeten sich einige, die nicht "vergammeln" wollten,
zur Arbeit, blieben aber innerhalb des Lagers. Mit einigen nahm
ich Kontakt auf und brachte in Erfahrung, dass ein Major einen
Wassermalfarbmalkasten hatte. Den musste ich haben! Sofort nahm
ich Verhandlungen auf. Ich habe ihn dazu gebracht, den Kasten
zu verkaufen. Die Preisverhandlungen waren noch schwierig. Geld
hatten wir ja noch nicht, also: Nur Ware gegen Ware!
Da ich nichts anderes hatte als Brot, musste nur noch die Menge
geklärt werden. Der Malkasten war in Ordnung. Es waren Wasserfarben
in zwei langen Reihen und zwei Pinsel. Ich war ganz versessen
auf das Ding. Wir einigten uns auf 1.200g Brot - das waren zwei
Tagesrationen - zahlbar in zwei Raten. Er bekam die ersten 600g
und ich seinen Malkasten. Da ich ja auch wieder etwas essen musste,
bekam er die zweite Rate zwei Tage später.
Jetzt waren meine Malutensilien komplett: Bleistifte, Farbstifte,
Federhalter mit guten Federn und jetzt auch noch der Malkasten!
Nun fragt man sich: Wo lässt man eigentlich diese Sachen?
Da es in unserem Lager sehr viele Arbeitsbrigaden gab, die auf
allen möglichen Gebieten eingesetzt waren, kam man immer
mit viel Geduld an Gegenstände, die man benötigte. Eines
Tages hatte ich dann auch einen Leinenbeutel, flach gearbeitet,
der alle meine Sachen aufnahm. Über unseren Köpfen hatte
bald jeder ein kleines Regalbrettchen, auf dem unsere Privatsachen
abgelegt waren, die wir im Arbeitseinsatz nicht brauchten. Eigenartigerweise
wurden solche privaten Dinge auch nicht gestohlen. Bei russischen
"Filzungen", die dann und wann stattfanden, wurden diese
Regalbretter auch durchsucht, es ist aber auch dabei nichts abhanden
gekommen. Übrigens: Diebstahl wurde von uns, aber auch von
den Russen, schwer geahndet.
Als Erstes habe ich ein Selbstbildnis vor einem Spiegel gezeichnet.
Es war sehr gut geworden, meinte ich. Ich habe mir sogar ein rotkariertes
Hemd gemalt und eine schöne Jacke. Der kahle Kopf wurde mit
einer schönen Schirmmütze verdeckt.
Dies war eine gutgelungene "Werbeschau". Diese Bildermalerei
sprach sich herum, und auch aus anderen Baracken kamen Landser
und wollten sich malen lassen. Da die Sommerabende lang waren,
kamen manchmal zwei Bilder zusammen. Ein Bild gab es für
200g Brot. Da die Bilder farbig waren, und ich die Gezeichneten
mit guter Kleidung versehen hatte, waren sie auch begehrt. Sogar
mit den Stabsoffizieren aus der Offiziersbaracke hatte ich Termine.
Am besten war es, wenn jemand mit Brille und Bart erschien. Dann
war alles viel einfacher.
Ich musste mir ja auch das Papier für die Bilder besorgen!
Ein Arbeitskommando arbeitete in einer Papierfabrik - oder war
es gar eine Druckerei? - ich weiß es nicht mehr genau. Bei
diesem Kommando "besorgte" ich mir Zeichenpapier. Es
war gutes, starkes, weißes Papier. Dafür musste ich
Brot oder Zucker opfern, was ich wiederum durch Schwarzarbeit
im Kombinat erworben hatte. Die ganze Wirtschaft drehte sich im
Kreis !
Die Postkaten, die wir im Oktober heimgeschickt hatten, waren
zur Weihnachtszeit angekommen, und eine Woche vor Ostern erreichten
uns die Rückantworten. Da wir nun wussten, dass die Post
funktionierte, wollten viele Gefangene ein Bild von sich an ihre
Angehörigen schicken. Unsere Postkarten vom Roten Kreuz waren
Faltkarten mit einem Rückantwortschreiben. Die Bilder klebten
wir in die Faltkarten ein, und sie erreichten tatsächlich
unsere Familien.
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