Im Mai 1945 kam ich in ein Kriegsgefangenenlager in der russischen
Industriestadt Borowitschi. Schon im Oktober ging es dort mit
Schnee und Eis schon los. Als erstes überraschte uns ein
plötzlich auftretendes Glatteis. Der Regen gefror, und wir
konnten kaum den Heimweg antreten. Als wir dann vom Kombinat dem
Lager entgegenziehen wollten, kamen wir mit unseren "Schuhen"
kaum von der Stelle. Die Russen hatten in solchen Fällen
aber schon Erfahrung. Wir gingen immer in Fünferreihen, weil
auf diese Weise alles besser kontrollierbar war, vor allen Dingen
bei den Zählungen. Jede Fünferreihe musste sich nun
untereinander einhaken, und schon fielen wir nicht mehr um und
kamen sogar gut vorwärts. Zwar etwas langsamer, aber unbeschädigt.
Es wurde kälter und der Schnee höher. 20 Grad minus
war mittlere Temperatur. Nun muss ich auch erwähnen, dass
wir zeitig genug winterlich eingekleidet worden waren. Wir bekamen
gesteppte Wattejacken, auch die entsprechenden Hosen und Wintermützen
mit herunter klappbaren Ohrwärmern, die man unter dem Kinn
zusammenbinden konnte. Mit dieser Winterausrüstung brauchten
wir nicht zu frieren. Wenn es noch kälter wurde, konnten
wir noch zusätzlich unseren Militär-Wintermantel anziehen.
Nur mit den Schuhen haperte es. Sie hatten Holzsohlen und waren
dadurch sehr unbeweglich. Diese Holzsohlen hatten wir mit Blechstollen
versehen, so dass wir uns bei Glätte besser bewegen konnten
und auch Halt hatten. Wenn der Winter uns mit Dauerfrost befiel,
bekamen wir sogar Filzstiefel, und dann hatten wir auch keine
kalten Füße mehr. Aber so weit war es noch nicht. Wir
hatten ja keine Strümpfe sondern nur Fußlappen, die
sowieso immer nass waren. Übrigens: Warme Fausthandschuhe
hatten wir auch.
Jetzt kam aber erst einmal das Weihnachtsfest auf uns zu. Der
Winter stabilisierte sich, der Frost wurde beständiger und
wir hatten uns schon daran gewöhnt. Die Arbeit im Kombinat
hatte uns voll im Griff. Im ersten Jahr hatten wir eine volle
Siebentagewoche, d. h. auch der Sonntag war ein normaler Arbeitstag.
Frei hatten wir nur an den russischen Staatsfeiertagen und am
ersten Weihnachtstag. 1946 hatten wir dann auch an den Sonntagen
unseren freien Tag.
Unter diesen Voraussetzungen lagen wir an den Abenden auf den
Pritschen, hatten Hunger und grübelten. Das Weihnachtsfest
hatte so langsam Besitz von uns ergriffen. Unsere Gedanken schwebten
zu unserer Kindheit zurück. Den ersten Adventsonntag hatten
wir hinter uns gebracht ohne etwas davon gemerkt zu haben. So
hatten wir noch gut drei Wochen bis zum Fest. Im Mai hatte man
uns zwar noch versprochen, dass wir zum Weihnachtsfest wieder
bei unseren Familien sein würden. Aber der kleine Offizier
im großen Lager hat es wohl nicht besser gewusst. Wir scheuten
es, uns untereinander über Weihnachten zu unterhalten. Jetzt
merkten wir erst, wie tief das Weihnachtsfest in uns verwurzelt
war.
Nun war der Heilige Abend da. Wir hatten den Tag ganz normal verbracht
und trabten tief in Gedanken versunken zum Lager zurück.
Nun muss auch gesagt werden, dass in Rußland das Weihnachtsfest
des alten Kalenders wegen erst im Januar gefeiert wird. Die Abendsuppe
hatten wir hinter uns, und alles nahm seinen normalen Ablauf.
Doch plötzlich kam ein Landser mit einer Geige in die Baracke
und spielte Weihnachtslieder. Als erstes spielte er das Lied "Stille
Nacht". Es wurde plötzlich mucksmäuschenstill und
es war doch noch Weihnachten geworden. Ein jeder hing seinen Gedanken
nach, und wir verfielen in einen Wachtraum. Es folgten noch mehrere
Weihnachtslieder aus unserer Kindheit. Es flossen sehr viele Tränen.
Wie in einem Rausch verging die Weihnachtsstunde .
Einige Musiker unseres Lagers hatten sich aufgemacht, um mit ihren
Instrumenten für ein bisschen Weihnachten zu sorgen. Als
der Geigenspieler die Baracke verließ, herrschte noch lange
Ruhe. Wir schliefen übergangslos ein und hatten eine Nacht
voller Träume. Wir erwachten am ersten Feiertag und hatten
frei. Unsere Gedanken waren noch den ganzen Tag mit dem Weihnachtsfest
beschäftigt. Sie kamen erst zur Ruhe, als am nächsten
Tag die Arbeit uns wieder voll im Griff hatte.
Einige Tage später fing dann das neue Jahr an. In der Sylvesternacht
sind wir dann bis 24 Uhr aufgeblieben und wünschten uns gegenseitig
alles Gute und eine Heimkehr noch im Jahre 1946. Ein Jahr später
wussten wir, dass auch dies ein Wunschtraum gewesen war, denn
ich kehrte erst im Mai 1948 nach Hause zurück. Gott sei Dank
hatten wir nur einmal im Jahr Weihnachten und Neujahr. Dies alles
hat sich dermaßen stark eingeprägt, dass es mir heute
noch nicht gelingt, das Lied "Stille Nacht" zu singen,
weil mir die Stimme dabei versagt.