Im Mai 1945 kam ich in ein Kriegsgefangenenlager in der russischen
Industriestadt Borowitschi, wo wir zu Arbeitsbrigaden zusammengestellt
wurden. Schon im Oktober ging es dort mit Schnee und Eis schon
los. Ein Arbeitstag im Winter bei minus 25 Grad sah ungefähr
folgendermaßen aus: Am Morgen um sechs Uhr Unruhe in der
Baracke. Es erscholl der Ruf : "Essenholer heraustreten zum
Suppen- und Brotempfang!" Von jeder Essgruppe - eine Essgruppe
waren immer 10 Personen - setzten sich zwei Personen in Trab und
begaben sich zur Küchenbaracke. Einer holte die Suppe, und
der andere holte die Brotportionen für die Gruppe.
Während die beiden unterwegs waren, geriet der Rest der Gruppe
in helle Aufregung. Die Essgeschirre (meistens Konservendosen)
wurden vorne aufgestellt. Hierbei gab es ein ganz bestimmtes Verfahren.
Die zehn Mann der Gruppe waren von 1-10 nummeriert. Somit hatte
jeder eine Nummer, die sehr wichtig war. Heute hatte die Nr. 1
das Essgeschirr vorne stehen und morgen die Nr. 2. So ging das
Tag für Tag weiter. Hiermit sollte verhindert werden, dass
die Geschirre immer gleich standen. Nun wurde bei der Suppenverteilung
mächtig aufgepasst, damit ja immer richtig gerührt wurde.
Ebenso war es bei der Brotverteilung. Das Brot war immer in 400g-Scheiben
geschnitten So wie das Brot getragen war, wurde es auch verteilt.
Nur das Kantenstück wanderte reihum wie bei dem Suppenverfahren.
Somit war das "Kantenproblem" auch hier gelöst.
Die 400g-Scheibe musste aber noch einmal geteilt werden, denn
pro Person gab es 200 Gramm. Das war jetzt eine Zeremonie für
sich: "A" musste das Brot jetzt so teilen, dass zwei
gleiche Stücke entstanden. Um das Mogeln zu verhindern, durfte
sich "B" dann ein Stück seiner Wahl wegnehmen.
Jetzt wurde erst einmal kritisch geprüft, welches wohl das
größere Stück sein konnte. Das linke Stück
wird jetzt genommen. Oder ist nicht doch das rechte Stück
größer? Die Hand versucht beim Greifen noch schnell
die Richtung zu wechseln. Es wurde aber doch das linke Stück
genommen. Dann kam der große Ärger, dass man sich wieder
mal, wie immer, vergriffen hatte. Aber beim nächsten mal
wird besser aufgepasst! Bei diesem Verfahren, welches sich unter
zwanzig Augen zweimal täglich abspielte, war eine Schummelei
so gut wie ausgeschlossen. An den Werktagen bekamen wir die Mittagsverpflegung
im Kombinat.
Jetzt fing die Vorführung an, denn am Barackeneingang herrschte
schon Unruhe, d.h. die Brot- und Suppenholer waren erschienen.
Jetzt wurde es hektisch, und die beschriebenen Zeremonien begannen.
All dieses spielte sich bei erwachsenen Menschen ab - vom Arbeiter
bis zum Professor! Es zeugt davon, was der Hunger für Tragödien
hervorbringen kann. Es wurden sogar kleine Brotwaagen gebaut,
mit denen man bis auf 1 Gramm die Brotstücke auswiegen konnte.
Als Brot und Suppe verzehrt waren, war es auch schon soweit: Die
Arbeitsbrigaden wurden aufgerufen und sammelten sich innerhalb
des Lagers vor dem großen Ausgangstor. Über dem Tor
war mit großer Schrift zu lesen: "Ehrliche Arbeit bahnt
den Weg zur Heimat". Der eiskalte Wind schnitt uns ins Gesicht,
und 20 bis 25 Grad ließen uns erst mal ganz schön bibbern.
Da das Wetter noch nicht so ganz beständig war, hatten wir
noch keine Filzstiefel.
Jetzt ging es brigadeweise durchs Tor dem Kombinat entgegen. Unsere
Atmung hatte sich so langsam an die schneidende Kälte gewöhnt.
Rund um die Nase bildete sich langsam Reif, und unsere Augenbrauen
bekamen auch einen weißen Schimmer. In Fünferreihen
bewältigten wir Schnee und Glätte, und auf dem halben
Wege spürten wir unsere Füße schon nicht mehr.
Als wir endlich ankamen und die Werkstatt betraten, wurden erst
einmal die Schmiedefeuer entfacht, ebenso der große Kanonenofen,
der in der Mitte der Werkstatt stand. Entgegen aller wissenschaftlichen
Vorträge haben wir uns die Füße direkt am Schmiedefeuer
oder am Ofen aufgetaut.
Jetzt erst ging die Arbeiterei los. Im Winter hatten wir eine
dauernde Triefnase. Wenn am Morgen die Werkstatt noch kalt war,
und ein Tropfen auf eine Blechplatte fiel, gefror er sofort zu
Eis. Dank der drei Feuerstellen hatten wir unsere Werkstatt bald
aufgeheizt und es war erträglich. Es wurde Mittag, und zwei
Mann zogen los zur Werksküche und holten Suppe und Brot.
Wir hatten eine halbe Stunde Mittagpause, saßen um den Kanonenofen,
aßen Suppe und rösteten unser Brot. Manchmal tranken
wir unsere Suppe, teilten das Brot in zwei Scheiben und belegten
es mit den Rest der Suppe. Man machte sich eben immer etwas vor.
Unser Meister wohnte nicht weit vom Kombinat und ging zu Mittag
immer nach Hause. Das war immer eine gute Zeit für unsere
Schwarzarbeit. Wenn er wiederkam, waren wir wieder voll im Arbeitsprozess.
Gegen halb fünf war Feierabend, und es war schon dunkel.
Wir sammelten uns auf dem Werksgelände, brigadeweise wurden
wir gezählt, und dann zogen wir heim zum Lager. Jetzt wieder
das Gleiche wie am Morgen: Raureif an Nase und Augenbrauen, kalte
Füße usw. Am Lager angekommen, öffnete sich das
Tor. Wir wurden gezählt und wieder hereingelassen. Manchmal
schleppten wir uns mühselig zur Baracke.
Wenn alle Arbeitsbrigaden zurückgekehrt waren, kam die Prowerka,
das war die große Zählung. Alle Gefangenen mussten
sich vor ihren Baracken in Dreierreihen aufstellen. Schön
ausgerichtet und übersichtlich. Zwei Zählkommandos von
der Lagerleitung sowie von der deutschen Antifa begannen mit der
großen Zählung. Auf Holzbrettchen wurden Zahlen geschrieben,
addiert und gerechnet. So ging es von Baracke zu Baracke. Zum
Schluss verschwanden die Zähler in die Verwaltungsbaracke,
und wir durften bei 25 Grad Kälte draußen warten. Endlich
kam einer heraus und betätigte den großen Gong (ein
großes Stück Eisenbahnschiene). Die Zählung war
somit beendet. Es war also keiner abgehauen. Manchmal geschah
es auch, dass etwas nicht stimmte, und es wurde noch einmal gezählt.
Im Handumdrehen hatten wir wieder eiskalte Füße.
Jetzt wurden die einzelnen Baracken zum Essenempfang aufgerufen,
und das Verfahren vom frühen Morgen wiederholte sich. Nur
mit dem Unterschied, dass man jetzt mehr Ruhe hatte. In unserer
Baracke hatten wir zwei Kulturecken. Das waren Tische mit vier
Bänken drum herum. Wenn man Lust hatte, traf man sich hier
noch und unterhielt sich ein wenig, meistens über die Esserei.
So nach und nach erlosch das Barackenleben, und es trat Ruhe ein.
Was sich jetzt noch bewegte, waren die Wanzen. Hiervon hatten
wir eine reichliche Menge. In den ersten Monaten waren wir total
zerstochen und völlig verbeult. Mittlerweile hatten wir wahrscheinlich
schon Gegengifte aufgebaut, denn nur noch selten hatten wir Beulen.
Die Wanzen waren aber noch da. Mit Karbidstückchen, die wir
vom Kombinat mitbrachten, versuchten wir sie zu vertreiben. Es
wirkte wohl doch nicht.
Vorne am Barackeneingang musste in der Nacht immer eine Wache
aufgestellt werden, damit keiner von einer anderen Baracke sich
bei uns einschummeln konnte, um Gegenstände zu stehlen. Da
die Baracke mit ca. 300 Gefangenen belegt war und die Wache reihum
ging, kamen wir nur selten dran. Da wir keine Uhren hatten, gab
es am Barackeneingang eine große Pappuhr mit Pappzeigern.
Nach Gutdünken wurde die Uhr dann jeweils gestellt. Stündlich
war Wachablösung von 22 Uhr bis zum Morgen um 6 Uhr.
Am Ausgang hingen noch einige dicke Wehrmachtsmäntel für
die vielen Landser, die im laufe der Nacht zur Latrine mussten.
Sie konnten sich dann einen Mantel überziehen und 20 Meter
mit Holzpantinen durch den Schnee stapfen. Dieses alles auch bei
bitterster Kälte, oft bei mehr als 30 Grad minus. Wenn die
Temperatur am Morgen unter 30 Grad gesunken war, brauchten wir
nicht zum Arbeitseinsatz. Wir hatten dann einen faulen Ruhetag.
Eines Tages, es war kurz vor Weihnachten, stand eines Morgens
plötzlich eine große öffentliche Uhr mitten im
Lager. Ein Uhrmacher hatte diese Uhr in geheimer Arbeit in der
Lagerschlosserei gebaut. Sie war zwar primitiv, aber gut. Das
Uhrwerk lief mit Gewichten. So vergingen viele Wintertage, und
wir erwarteten sehnlichst den Frühling.