Ich bin 1928 in Hamburg geboren und dort aufgewachsen. 1941 kam
ich durch die "erweiterte Kinderlandverschickung" (als
Einzelreisender) zu meiner Tante nach Proskau, Kreis Oppeln (Oberschlesien).
In Oppeln ging ich zur "Moltke-Schule", eine städtische
Oberschule für Jungen. Am 12. Januar 1944 wurde ich zusammen
mit meinen Klassenkameraden des Geburtsjahrganges 1928 nach Odertal
(nahe dem Annaberg) zur "Heimat-FLAK" eingezogen. Ich
war damals 15 Jahre und 33 Tage "alt". Wir Schüler
wurden auf die vier Batterien der "FLAK-Untergruppe Odertal",
FLAK-Gruppe OS-West verteilt. Ich kam in die Batterie 223/VIII.
Wir hatten zunächst vier, später sechs russische Geschütze,
Model 8,5 cm aus dem Jahr 1938. Das waren Kanonen, die 1941/42
von deutschen Truppen in Russland erbeutet und deren Seelenrohre
später in deutschen Rüstungsbetrieben auf 8,8 cm "aufgebohrt"
worden waren, sodass deutsche Munition verschossen werden konnte.
Ich war als "U 6" im Befehlsstand der FLAK-Batterie
223/VIII. Meine Aufgabe war es, die ermittelten "Zünderstellwerte"
per Kehlkopfmikrofon an die Geschütze durchzugeben, damit
dort die Uhrwerke der Granaten auf die richtigen "Laufzeiten"
eingestellt werden konnten.
Am Freitag, den 7. Juli 1944 erlebten wir jungen Flakhelfer unsere
Feuertaufe, die wohl niemand von uns je vergessen wird. Für
alle Soldaten - und als solche fühlten wir uns - war die
"Feuertaufe" ein wichtiges Ereignis. Diese erhielten
wir in doppelter Hinsicht. An diesem Tag schossen unsere sechs
Geschütze erstmals gegen den Feind. Nach Aufklärungsflügen
war von den US-Amerikanern der erste Großangriff auf Oberschlesien
auf den 7. Juli festgesetzt worden. Bei strahlender Sonne starteten
in den Morgenstunden 189 Bomber vom Typ B-17' der 5. Division
mit Ziel Heydebreck, 226 Bomber vom Typ B-24' der 49. und
55. Division in Richtung Blechhammer sowie 140 B-24' der
304. Division in Richtung Odertal, insgesamt 555 Bomber.
So gegen 10.00 Uhr bekamen wir "Gefechtsschaltung".
Wir eilten an die Geschütze und zu der "B 1". Sollte
es dieses Mal tatsächlich losgehen? Alarm hatten wir ja schon
mehrfach gehabt, es waren aber nur feindliche Aufklärer,
auf die es sich nach Ansicht unserer Führung nicht zu schießen
lohnte (sie flogen zu hoch für uns).
Um 10.08 Uhr wurde in der Oppelner Luftwarnzentrale die "Luftgefahr
30" bekannt gegeben: Der anfliegende Kampfverband befand
sich somit nur noch 30 Flugminuten von Oppeln entfernt. Zwanzig
Minuten später wurde der erste Bomberpulk 30 km südlich
von Mährisch-Schönberg mit Kurs Nord und ein weiterer
Pulk südlich von Troppau, ebenfalls mit Kurs Nord, geortet.
Über das Angriffsziel konnte somit kein Zweifel bestehen.
Um 10.40 Uhr wurde Fliegeralarm ausgelöst.
Auf große Entfernung sahen wir nun, von Südost kommend,
die Punkte, die schnell größer wurden und sich mit
ihren kurzen Kondensstreifen gut gegen den blauen Himmel abhoben.
Dann hörten wir auch das auf- und abschwellende Gebrumm der
viermotorigen Bomber. Es waren Pulks, die je 24 oder mehr Bomber
umfassten. Im Nachhinein erfuhr ich, dass sie in Höhen von
ca. 6.000 bis 7.000 m und mit einer Geschwindigkeit von ca. 360
km/h auf uns zuflogen. Zunächst schossen die Batterien um
Heydebreck und Blechhammer, wir sahen die "Wattebällchen",
d.h. die Explosionswolken der explodierenden FLAK-Granaten zwischen
den anfliegenden Bombern.
Dann hieß es auch bei uns "Ziel aufgefasst". Die
Rückmeldung kam von den Geschützen. Nun kam der Befehl:
"Gruppenfeuer - Gruppe - Abschuss!" Unser Unglück
war, dass bereits bei der dritten "Gruppe" das Geschütz
"Emil" einen Rohrkrepierer hatte, eines von unseren
neuen Geschützen. Die Granate war nur um eine Granatenlänge
vorgedrückt worden und war dann explodiert. Bei dem Geschütz
"Emil" war unter dem Seelen- und Mantelrohr ein "Schlitten",
auf dem sich auch der Behälter für die "Bremsflüssigkeit
blau" befand.
Dieser war durch die vorzeitige Explosion der
FLAK-Granate eingedrückt worden, die ätzende Flüssigkeit
stand unter Druck und spritzte durch Splitterlöcher in den
Geschützstand. Der "Luftvorholer" war aus seiner
vorderen Verankerung herausgerissen und nach oben abgeknickt.
Seelen- und Mantelrohr waren an der beschriebenen Stelle zerfetzt,
und es war ein Wunder, dass es in Bezug auf die Verletzungen der
Geschützbesatzung nicht noch schlimmer gekommen war.
Gefallen war der "K 6" (LwH Pflüger). Ihm wurde
durch einen großen Splitter, trotz des Stahlhelmes, das
Gehirn weggerissen (das Gesicht war noch vorhanden). Links neben
ihm stand der "K 1" (LwH Hoffmeister). Ihm wurde durch
die aus dem Geschützrohr herausfliegenden Metallsplitter
der rechte Arm zerfetzt. Er war ein unserer Batterie zugewiesener
Hamburger Luftwaffenhelfer. Zudem gab es noch sieben Leichtverletzte.
Nur der Ladekanonier ("K 3") und der Geschützführer
blieben unverletzt. Unser Glück war es, dass bei allen Kameraden
der Sturmriemen des Stahlhelmes sich oberhalb der Krempe und nicht
unter dem Kinn befand. Sonst hätte es bei den Kameraden durch
den Explosionsdruck sicherlich Genickbrüche gegeben.
Die verwundeten Kameraden wurden in das Reservelazarett "Kloster
Annaberg" transportiert, wo sie ärztlich versorgt wurden.
Der schwer verwundete Hamburger Kamerad erhielt im Lazarett am
Annaberg das Verwundetenabzeichen in Silber und das "K.V.K."
(Kriegsverdienstkreuz), unser gefallener Kamerad Pflüger
in seiner Heimatstadt ein Begräbnis mit militärischen
Ehren.
Im Großraum Oberschlesien wurden am 7. Juli 1944 insgesamt
25 US-Bomber abgeschossen. Die gesteckten Ziele erreichten 451
Bomber und belegten ihre Ziele mit Bomben verschiedenen Kalibers
(Heydebreck mit 48, Blechhammer mit 429 und Odertal mit 221 to.).
Die angegriffenen Werke in Blechhammer und Heydebreck hatten noch
rechtzeitig eingenebelt werden können, so dass viele Bombenteppiche
ihr Ziel verfehlten. Nach der Schätzung der Rüstungsinspektion
VIII b in Kattowitz waren nach diesem Angriff zwei bis drei Monate
notwendig, um die Koks- und Gasgewinnung wieder aufzunehmen. In
Heydebreck wurden im Werk 218 Bombentrichter gezählt.
Lediglich
in Blechhammer waren nur geringe Schäden entstanden, deren
Behebung in etwa zehn Tagen erreicht werden sollte. Viele den
Werken zugedachten Bomben hatten infolge der Vernebelung ihre
Ziele verfehlt und die benachbarten Gemeinden Birken und Alt-Cosel,
aber auch Odertal schwer getroffen. Die Zahl der Toten unter der
Zivilbevölkerung (Odertal einbezogen) wird mit über
100 angegeben.
Das war nun unsere "Feuertaufe". Zum ersten Mal waren
wir in einem echten "Kampfeinsatz". Geschossen wurde
viel und diskutiert wurde nach unserer "Feuertaufe"
nicht nur über das "warum" bei dem Rohrkrepierer.
Gesprochen wurde auch darüber, dass unsere gen Himmel gesandten
FLAK-Granaten eine Vielzahl von Flak-Geschoss-Splittern zurücksenden
würden, zumal ja auch viele Granaten über unserer Batteriestellung
explodiert waren und allenthalben FLAK-Splitter herumlagen.
In den insgesamt 13 Monaten meiner Luftwaffenhelferzeit machten
wir noch mehrfach einen "Stellungswechsel". Zuletzt
waren wir in "Annahof" in Oberschlesien. Die Batterie
war noch unfertig, als 1945 die Januar-Offensive der Sowjets begann.
Wir Luftwaffenhelfer wurden (ohne Waffen) aus der Batterie herausgezogen.
In mehreren Tagesmärschen durch tief verschneite Wälder
marschierten wir ohne Feindberührung nach Neustadt/Oberschlesien,
wo ich am 29. Januar 1945 als Luftwaffenhelfer nach Hamburg entlassen
wurde.
1992 fing ich an, meine Klassen- und Luftwaffenhelferkameraden
zu ermitteln. Bereits im folgenden Jahr fand das erste Treffen
in Bad Orb statt. Seitdem treffen wir uns jährlich in einem
anderen Ort. Die Zusammenkünfte, an denen auch unsere Ehefrauen
teilnehmen, werden auf Wunsch meiner Kameraden von mir organisiert.
Viktor Janetzko hat mir einige Fotos für unsere Chronik geschickt
und hierzu u.a. folgendes geschrieben: "Die Fotos habe ich
nach dem Angriff (unserer "Feuertaufe") am 7.7.1944
gemacht. Das 2. Foto vom Werk "Schaffgotsch" (ohne die
Rauchsäulen) habe ich am Sonntagnachmittag (9.7.1944) durch
das Glas unserer Richtsäule gemacht. Da waren die Brände
im Werk bereits gelöscht. Das Foto vom Rohrkrepierer (Geschütz
"Emil") ebenfalls an diesem Nachmittag"