Kollektives Gedächtnis

Dieser Eintrag stammt von Horst Ahrens (*1928)
aus Hamburg,
September 2010:
   Zweiter Weltkrieg


7. August 1944:
Bomben auf die FLAK-Batterie 223/VIII
in Odertal (Oberschlesien)


Am 7. Juli 1944 erlebte ich als junger Luftwaffenhelfer den ersten Bombenangriff auf Odertal in Oberschlesien. Genau einen Monat später erschienen die US-Bomber wieder. Die FLAK-Untergruppe Odertal hatte 4 FLAK-Batterien je 6 Geschütze, Kaliber 8,8 cm. Unsere Aufgabe war es, das zur "Schaffgotsch-Gruppe" gehörende Chemiewerk in Odertal / Oberschlesien gegen feindliche Luftangriffe zu schützen. Bestimmt waren wir an den FLAK-Geschützen für die anfliegenden US-Bomber ein Sicherheitsrisiko, und so griffen sie uns an. Diesen Angriff habe ich am 7. August 1944 als "U 6" in der "B 1" unserer FLAK-Batterie mitgemacht.

Die "Amis" waren also wieder im Anflug auf Odertal. Unser Flugmelder rief von "oben", das heißt von außerhalb des unterirdischen Kommandostandes durch einen Schacht nach "unten", dass der anfliegende US-Pulk die Bombenschächte geöffnet habe, was er gut durch sein 20-fach vergrößerndes FLAK-Fernrohr beobachten konnte. Dann kam sein Warnruf "B o m b e n" und er flitzte nach unten in die "B 1". Kurz darauf fing es an zu "rummeln". Es wurde immer lauter. Ich saß in meinem "Zünder-Keller". Plötzlich bekam ich einen Stoß in den Rücken. Ein anderer Kamerad wollte gleichfalls "Deckung" haben, obwohl es in der "B 1" keine "Sicherheit" gab. Er war mir gegen meinen Rücken gesprungen. Gemeinsam kollerten wir so unter unsere Bank und somit in die tiefste Stelle der "B 1". Als Dritter lag dort schon mein "Sitznachbar", der "U 5", Horst Pohl.

Die Detonationen der Bomben wurden immer lauter und ich sagte zu mir: "Jetzt - jetzt - jetzt". Doch es traf mich nicht. Plötzlich war für kurze Zeit Stille, war es auch nur für Sekunden oder Bruchteile derselben. Dann setzten die Bombendetonationen wieder ein, erst laut, dann leiser und immer leiser - wir waren noch einmal davon gekommen! Später stellte sich heraus, dass der Bombenteppich schräg auf die "B 1" zu kam, unterbrach dann kurz und lief dann außerhalb der Batterie weiter, kaum Schaden anrichtend. Nur ein Munitions-Bunker war getroffen worden. Vermutet wurde später, dass ein Seitenwind die Bomben bei ihrem kilometerlangen freien Fall abgetrieben hatte und sie uns daher nicht trafen.

Wenn man sich dann eine Karte im Maßstab 1:100.000 ansieht, in der das Graf-Schaffgotsch-Werk eingezeichnet ist, ist dieses auf dieser Karte ca. 1 cm lang. Dann kann man sich wohl vorstellen, wie schwer es für die US-Bomber war, die ca. 6.000 m hoch flogen, eine FLAK-Stellung zu treffen, die ja nur wenig mehr als hundert Meter im Durchmesser hatte.

Ein Kamerad, der namentlich nicht genannt werden möchte, sandte mir folgenden Bericht:

" ...Bei dem Angriff, der fast die Batterie getroffen hätte, kam ich zum Einsatz ... Die Daten für die Geschütze ... wurden ohnehin von einem entfernten Funkmessgerät ( heute sagt man dazu: RADAR-Gerät ) durchgegeben, aber die "Basis" unseres oberirdisch aufgestellten Aufiere-Gerätes musste für den Fall aller Fälle besetzt sein. Die Bedienung des Gerätes oblag Luftwaffenhelfer. Der Auftrag für sie lautete: "Mitte, dritte Maschine von vorn erfassen - dort Kommandant" (optisch "auffassen).

[Anmerkung: Das "Aufiere-Gerät" war ein optisch messendes Feuerleitgerät für die französische FLAK und stammte aus der französischen Maginot-Festungs-Linie, wurde von den Deutschen dort ausgebaut und für die Ballistik der deutschen FLAK-Geschosse umgerüstet.]


[Photo: Aufier-Gerät, 1944] [Photo: Aufier-Gerät, 1944]


Ich sah als Flugmelder, wie sich die Bombenschächte der Bomber öffneten, erst vier, dann wieder vier ... und dann fielen die Bomben heraus. Ich "flitzte" in die "B 1", schrie wohl, vielleicht nicht allein, vor Angst. Die Erde zitterte dann gewaltig. Ich fand mich irgendwo in einer Ecke unter einem Gerät wieder ( Anmerkung: Es war der Tisch, auf dem der Allwellen-Radio-Empfänger stand ). Irgendwer hat mich dort später hervorgezogen, vielleicht hatte ich einen Schock, so würde man heute sagen..."

Überall "im Gelände" lagen kleine Propeller mit Gewindestangen herum. Wie ich später erfuhr, waren das die Sicherungseinrichtungen für die abgeworfenen Bomben. Diese sollten nämlich erst dann "scharf" werden, wenn sich die o.a. Propeller mit den Gewindestangen durch den "Fallwind" aus den Bomben herausgedreht hatten.

Einer unserer großen oberirdischen seitabliegenden Munitions-Bunker war getroffen worden. Eine Reihe von "Sprenggranatpatronen" waren dadurch aufgerissen und herausgeflogen, aber nicht explodiert. Die Treibladung bestand einerseits zur Zündung der "Ladung" aus einem Schwarzpulver-Säckchen und andererseits aus viel Stangenpulver, das die Form von Makkaroni-Stäbchen hatte. Diese Stäbchen lagen nach dem Bombentreffer teilweise frei außerhalb des Muni-Bunkers herum.

Noch Stunden später gingen mit Zeitzündern versehene Bomben im weiteren Bereich unserer Batterie "hoch". Es wackelten zwar unsere Baracken und die Scheiben klirrten, Schaden richteten die explodierenden Bomben zum Glück nicht an, doch "zuckten" wir bei jeder neuen Detonation unwillkürlich zusammen. Sicherlich sollten sie auf die Bombenräumer einen moralischen Druck ausüben. Dazu gehörten auch die Teufeleien, die sich die Amis ausgedacht hatten, um das Ausbauen der Bomben-Zünder zu verhindern.

So manch ein Sprengmeister oder dessen Gehilfe hat sein Leben lassen müssen. Um damals Menschenverluste möglichst zu vermeiden, hat man zu den an dem "Zeitzünder-Bomben" arbeitenden Sprengmeister Telefonleitungen gelegt und dieser musste jeden Handgriff an der Bombe beschreiben, der am anderen Ende der Telefonleitung protokolliert wurde. Explodierte die Bombe trotz aller Vorsichtsmaßnahmen, überlegte man, woran der "Fehler" wohl lag und man probierte am "Objekt" so lange, bis man den AMI-Trick durchschaut hatte und es keine weiteren Todesopfer mehr gab!

Günter Dlugosch berichtete mir:

"...Es hatte auch einen Munitions-Bunker getroffen. Aber FLAK-Munition explodiert ja nicht. Mit den Makkaroni-Treibsätzen aus den zerstörten Hülsen kokelten wir noch eine Weile herum. In unserem Bereich fielen ausschließlich die "kleineren" 250 lbs-Bomben. Sie hinterließen in dem sandigen Gelände auch nur relativ kleine Krater und zur Identifizierung der abgeworfenen Bomben kann ich auch nur sagen, dass ich ausschließlich Blindgänger dieser Größe gesehen habe."

[Photo: 250 lbs-Blindgänger, 1944] Herbert Laqua hat mir zwei Fotos mit einem Odertaler Bomben-Blindgänger zur Verfügung gestellt (auf beiden Fotos ist er zusammen mit Uffz. Drescher zu sehen). Diese Lichtbilder habe ich kürzlich dem Leiter des Kampfmittelräumtrupps in Hamburg vorgelegt. Auch er bestätigte mir, dass es sich der Größe nach im Vergleich zu den gleichfalls abgebildeten Personen um 250 lbs-Blindgänger handeln müsse. Wir sprachen damals von "2-Zentner-Bomben", weil sie ca. 2 Zentner Sprengstoff enthielten (die amerikanischen Gewichtsbezeichnungen waren uns suspekt).

Dass bei diesem Angriff nicht nur unsere Batterie, sondern auch das Hydrierwerk in Heydebreck-Süd (Reigersfeld) angegriffen wurde, erfuhren wir erst später. Bekannt wurde, dass vier US-Bomber an diesem Tag über Odertal abgeschossen wurden. Ob unsere Batterie daran beteiligt war, weiß ich nicht. Ich halte es aber für unwahrscheinlich, hatten meine Kameraden doch genug mit den nahe eingeschlagenen Bomben zu tun.

Ich war damals 15 Jahre und 8 Monate (jung) alt! Herbert Laqua und Horst Pophl sind zwischenzeitlich verstorben, Georg Leluschko ist ausgewandert und Günter Dlugosch wohnt in der Pfalz. Sie waren meine Klassen- und FLAK-Kameraden und am 7. August 1944 gleichfalls knapp 16 Jahre alt.

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