7. August 1944: Bomben auf die FLAK-Batterie 223/VIII in Odertal (Oberschlesien)
Am 7. Juli 1944 erlebte ich als junger Luftwaffenhelfer den ersten
Bombenangriff auf Odertal in Oberschlesien. Genau einen Monat
später erschienen die US-Bomber wieder. Die FLAK-Untergruppe
Odertal hatte 4 FLAK-Batterien je 6 Geschütze, Kaliber 8,8
cm. Unsere Aufgabe war es, das zur "Schaffgotsch-Gruppe"
gehörende Chemiewerk in Odertal / Oberschlesien gegen feindliche
Luftangriffe zu schützen. Bestimmt waren wir an den FLAK-Geschützen
für die anfliegenden US-Bomber ein Sicherheitsrisiko, und
so griffen sie uns an. Diesen Angriff habe ich am 7. August 1944
als "U 6" in der "B 1" unserer FLAK-Batterie
mitgemacht.
Die "Amis" waren also wieder im Anflug auf Odertal.
Unser Flugmelder rief von "oben", das heißt von
außerhalb des unterirdischen Kommandostandes durch einen
Schacht nach "unten", dass der anfliegende US-Pulk die
Bombenschächte geöffnet habe, was er gut durch sein
20-fach vergrößerndes FLAK-Fernrohr beobachten konnte.
Dann kam sein Warnruf "B o m b e n" und er flitzte nach
unten in die "B 1". Kurz darauf fing es an zu "rummeln".
Es wurde immer lauter. Ich saß in meinem "Zünder-Keller".
Plötzlich bekam ich einen Stoß in den Rücken.
Ein anderer Kamerad wollte gleichfalls "Deckung" haben,
obwohl es in der "B 1" keine "Sicherheit"
gab. Er war mir gegen meinen Rücken gesprungen. Gemeinsam
kollerten wir so unter unsere Bank und somit in die tiefste Stelle
der "B 1". Als Dritter lag dort schon mein "Sitznachbar",
der "U 5", Horst Pohl.
Die Detonationen der Bomben wurden immer lauter und ich sagte
zu mir: "Jetzt - jetzt - jetzt". Doch es traf mich nicht.
Plötzlich war für kurze Zeit Stille, war es auch nur
für Sekunden oder Bruchteile derselben. Dann setzten die
Bombendetonationen wieder ein, erst laut, dann leiser und immer
leiser - wir waren noch einmal davon gekommen! Später stellte
sich heraus, dass der Bombenteppich schräg auf die "B
1" zu kam, unterbrach dann kurz und lief dann außerhalb
der Batterie weiter, kaum Schaden anrichtend. Nur ein Munitions-Bunker
war getroffen worden. Vermutet wurde später, dass ein Seitenwind
die Bomben bei ihrem kilometerlangen freien Fall abgetrieben hatte
und sie uns daher nicht trafen.
Wenn man sich dann eine Karte im Maßstab 1:100.000 ansieht,
in der das Graf-Schaffgotsch-Werk eingezeichnet ist, ist dieses
auf dieser Karte ca. 1 cm lang. Dann kann man sich wohl vorstellen,
wie schwer es für die US-Bomber war, die ca. 6.000 m hoch
flogen, eine FLAK-Stellung zu treffen, die ja nur wenig mehr als
hundert Meter im Durchmesser hatte.
Ein Kamerad, der namentlich nicht genannt werden möchte,
sandte mir folgenden Bericht:
" ...Bei dem Angriff, der fast die Batterie getroffen hätte,
kam ich zum Einsatz ... Die Daten für die Geschütze
... wurden ohnehin von einem entfernten Funkmessgerät ( heute
sagt man dazu: RADAR-Gerät ) durchgegeben, aber die "Basis"
unseres oberirdisch aufgestellten Aufiere-Gerätes musste
für den Fall aller Fälle besetzt sein. Die Bedienung
des Gerätes oblag Luftwaffenhelfer. Der Auftrag für
sie lautete: "Mitte, dritte Maschine von vorn erfassen -
dort Kommandant" (optisch "auffassen).
[Anmerkung: Das "Aufiere-Gerät" war ein
optisch messendes Feuerleitgerät für die französische
FLAK und stammte aus der französischen Maginot-Festungs-Linie,
wurde von den Deutschen dort ausgebaut und für die Ballistik
der deutschen FLAK-Geschosse umgerüstet.]
![[Photo: Aufier-Gerät, 1944]](../../../objekte/pict/ahrens08/200x.jpg)
Ich sah als Flugmelder, wie sich die Bombenschächte der
Bomber öffneten, erst vier, dann wieder vier ... und dann
fielen die Bomben heraus. Ich "flitzte" in die "B
1", schrie wohl, vielleicht nicht allein, vor Angst. Die
Erde zitterte dann gewaltig. Ich fand mich irgendwo in einer Ecke
unter einem Gerät wieder ( Anmerkung: Es war der Tisch, auf
dem der Allwellen-Radio-Empfänger stand ). Irgendwer hat
mich dort später hervorgezogen, vielleicht hatte ich einen
Schock, so würde man heute sagen..."
Überall "im Gelände" lagen kleine Propeller
mit Gewindestangen herum. Wie ich später erfuhr, waren das
die Sicherungseinrichtungen für die abgeworfenen Bomben.
Diese sollten nämlich erst dann "scharf" werden,
wenn sich die o.a. Propeller mit den Gewindestangen durch den
"Fallwind" aus den Bomben herausgedreht hatten.
Einer unserer großen oberirdischen seitabliegenden Munitions-Bunker
war getroffen worden. Eine Reihe von "Sprenggranatpatronen"
waren dadurch aufgerissen und herausgeflogen, aber nicht explodiert.
Die Treibladung bestand einerseits zur Zündung der "Ladung"
aus einem Schwarzpulver-Säckchen und andererseits aus viel
Stangenpulver, das die Form von Makkaroni-Stäbchen hatte.
Diese Stäbchen lagen nach dem Bombentreffer teilweise frei
außerhalb des Muni-Bunkers herum.
Noch Stunden später gingen mit Zeitzündern versehene
Bomben im weiteren Bereich unserer Batterie "hoch".
Es wackelten zwar unsere Baracken und die Scheiben klirrten, Schaden
richteten die explodierenden Bomben zum Glück nicht an, doch
"zuckten" wir bei jeder neuen Detonation unwillkürlich
zusammen. Sicherlich sollten sie auf die Bombenräumer einen
moralischen Druck ausüben. Dazu gehörten auch die Teufeleien,
die sich die Amis ausgedacht hatten, um das Ausbauen der Bomben-Zünder
zu verhindern.
So manch ein Sprengmeister oder dessen Gehilfe hat sein Leben
lassen müssen. Um damals Menschenverluste möglichst
zu vermeiden, hat man zu den an dem "Zeitzünder-Bomben"
arbeitenden Sprengmeister Telefonleitungen gelegt und dieser musste
jeden Handgriff an der Bombe beschreiben, der am anderen Ende
der Telefonleitung protokolliert wurde. Explodierte die Bombe
trotz aller Vorsichtsmaßnahmen, überlegte man, woran
der "Fehler" wohl lag und man probierte am "Objekt"
so lange, bis man den AMI-Trick durchschaut hatte und es keine
weiteren Todesopfer mehr gab!
Günter Dlugosch berichtete mir:
"...Es hatte auch einen Munitions-Bunker getroffen. Aber
FLAK-Munition explodiert ja nicht. Mit den Makkaroni-Treibsätzen
aus den zerstörten Hülsen kokelten wir noch eine Weile
herum. In unserem Bereich fielen ausschließlich die "kleineren"
250 lbs-Bomben. Sie hinterließen in dem sandigen Gelände
auch nur relativ kleine Krater und zur Identifizierung der abgeworfenen
Bomben kann ich auch nur sagen, dass ich ausschließlich
Blindgänger dieser Größe gesehen habe."
Herbert Laqua hat mir zwei Fotos mit einem Odertaler Bomben-Blindgänger
zur Verfügung gestellt (auf beiden Fotos ist er zusammen
mit Uffz. Drescher zu sehen). Diese Lichtbilder habe ich kürzlich
dem Leiter des Kampfmittelräumtrupps in Hamburg vorgelegt.
Auch er bestätigte mir, dass es sich der Größe
nach im Vergleich zu den gleichfalls abgebildeten Personen um
250 lbs-Blindgänger handeln müsse. Wir sprachen damals
von "2-Zentner-Bomben", weil sie ca. 2 Zentner Sprengstoff
enthielten (die amerikanischen Gewichtsbezeichnungen waren uns
suspekt).
Dass bei diesem Angriff nicht nur unsere Batterie, sondern auch
das Hydrierwerk in Heydebreck-Süd (Reigersfeld) angegriffen
wurde, erfuhren wir erst später. Bekannt wurde, dass vier
US-Bomber an diesem Tag über Odertal abgeschossen wurden.
Ob unsere Batterie daran beteiligt war, weiß ich nicht.
Ich halte es aber für unwahrscheinlich, hatten meine Kameraden
doch genug mit den nahe eingeschlagenen Bomben zu tun.
Ich war damals 15 Jahre und 8 Monate (jung) alt! Herbert Laqua
und Horst Pophl sind zwischenzeitlich verstorben, Georg Leluschko
ist ausgewandert und Günter Dlugosch wohnt in der Pfalz.
Sie waren meine Klassen- und FLAK-Kameraden und am 7. August 1944
gleichfalls knapp 16 Jahre alt.
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