Kollektives Gedächtnis

Dieser Eintrag stammt von Horst Ahrens (*1928)
aus Hamburg,
Oktober 2010:
   Zweiter Weltkrieg


Luftwaffenhelfer = HJ-Jungen = Nationalsozialisten?


[Dokument: Einberufung eines Luftwaffenhelfers, 1944] Als Angehöriger des Geburtsjahrganges 1928 waren wir der erste Jahrgang, der kollektiv in die Jungenorganisation der Hitlerjugend (HJ), zu den "Pimpfen", übernommen wurden. Vier Jahre später (1942), nun 14 Jahre alt, erfolgte die Übernahme in die HJ. Da war ich schon durch die "erweiterte Kinderlandverschickung" bei meiner Tante in Proskau, Kreis Oppeln in Oberschlesien. Gut 1 ½ Jahre später bekam ich meine Einberufung als Luftwaffenhelfer nach Odertal am Annaberg/Oberschlesien.

In unserem vom "Polizeidirektor in Oppeln" ausgestellten und an unsere Erziehungsberechtigten gerichteten Schreiben (Einberufungsbescheid) wurden wir schlichtweg "Schüler" genannt, von "HJ" war da überhaupt nicht die Rede. Als wir dann am 12. Januar 1944 Luftwaffenhelfer wurden, meinten wir, wir wären nun "junge Soldaten". Wir bekamen einen "Dienstausweis", der sich schlicht "Personalausweis" nannte und im Auftrage des "Reichsministers der Luftfahrt und Oberkommandierender der Luftwaffe" ausgestellt worden war - es war dort das Wort "HJ" n i c h t enthalten.

Es ist mir in Bezug auf unserer Vereidigung als Luftwaffenhelfer am 27.2.1944 in Odertal O/S auch nicht sonderlich in Erinnerung geblieben, dass damals Partei- und HJ-Größen zugegen waren. Das habe ich erst jetzt festgestellt, als ich mir die Fotos zu unserer "Vereidigung" als Luftwaffenhelfer angesehen habe.

Im "Dienst" trugen wir ja die normalen Luftwaffenuniformen, nur ohne Dienstgradabzeichen. Im Nachhinein kann ich nur sagen, dass wir es gedanklich verdrängt hatten, dass wir nach wie vor Angehörige der Hitler-Jungend waren. So wollten wir als "Ehrenbezeugung" nicht den sogenannten Hitler-Gruß "durch Ausstrecken des rechten Armes - gestreckte Hand in Augenhöhe" - vollführen, sondern den "militärischen Gruß". So baten wir unseren Uffz. D. beim "Infanteriedienst", uns diesen soldatischen Gruß beizubringen.

Einige nähten sich Luftwaffen-Hoheitsabzeichen an die rechte Brustseite der Uniform. Unsere Mütter mussten unsere Mützen so umnähen, dass sie die Form der damals aktuellen Gebirgsjäger-Mützen bekamen. Ich selbst bevorzugte das "Luftwaffen-Käppi", wenn ich auf Urlaub fuhr. Selbstverständlich grüßten wir im Dorf (gemeint ist Odertal) auch keine HJ-Führer. Wir empfanden sie nicht als Vorgesetzte.

[Horst Ahrens als Luwtwaffenhelfer, 1944] Es bestand ganz allgemein eine Abneigung gegen die damals angeordneten "Verhaltensnormen". So fuhren wir Luftwaffenhelfer ohne die vorgeschriebene HJ-Armbinde in Urlaub, ganz abgesehen davon, dass wir diese "im Dienst" nie trugen. Sie gehörte zwar offiziell zur Ausgehuniform, und die wurde nur bei besonderen Anlässen, aber auch im Urlaub in Oberschlesien, ohne die Armbinde getragen. Da die politischen Verhältnisse in Hamburg anders waren, musste ich die Armbinde für meine Heimfahrten nach Hamburg anlegen.

Mein Kamerad Engelbert M. berichtete mir u.a.: "... Es gab jedoch einmal eine Verweigerungsaktion aller Luftwaffenhelfer der Batterie "213" gegen das Tragen der HJ-Armbinde. Meines Wissens richtete sich unser Protest jedoch nicht gegen die Nazi-Herrschaft. Viel mehr ging es uns um die Anerkennung als vollwertige FLAK-Soldaten. Wir wollten keinesfalls als Hitler-Jungen "gekennzeichnet" und angesehen werden, wobei die Betonung auf dem Wort "Jungen" liegt.

Unsere Aktion erregte großes Aufsehen. Die Folge war, dass eines Tages ein goldbetresster höherer HJ-Führer in der FLAK-Stellung erschien, uns zum Appell antreten ließ und mit kernigen Worten unser Verhalten brandmarkte. Wir ließen die Prozedur gelassen über uns ergehen und trugen bei nächster Gelegenheit die HJ- Armbinde natürlich - nicht ..."

Das war noch vor dem Attentat auf Hitler in der "Wolfsschanze" bei Rastenburg/Ostpreußen. Am 20. Juli 1944 erfuhren auch wir von dem Attentat auf Adolf Hitler. Unser Untergruppen-Chef, Major Despang, erschien in unserer Batterie, wir mussten "antreten" und er hielt eine zündende Ansprache, die darin gipfelte, dass wir alle treu zu unserem "Führer" zu stehen hätten.

Als ich die Erinnerungen an die damalige Zeit zusammen trug und vor ca. 20 Jahren meine FLAK-Kameraden nach den Erreignissen des 20. Juli 1944 befragte, bekam ich u.a. folgende Antwort: "... An diesem Tage marschierten wir mit einem fröhlichen Lied auf den Lippen zum Film-Casino der Schaffgotsch-Werke. Dort sahen wir den Film ‚Frauen sind keine Engel' mit Margot Hilscher und Axel von Ambesser…"

So unterschiedlich sind die Erinnerungen an dieses Datum - oder wollte man nur das damals Geschehene aus dem Gedächtnis wegwischen?

Ende August 1944 erhielten unsere Kameraden von der 223/VIII des Geburtsjahrganges 1927 den Einberufungsbescheid zum Reichsarbeitsdienst (RAD). Zuvor sollten sie aber noch geschlossen in die NSDAP aufgenommen werden. Dazu war in der Odertaler Festhalle des Schaffgotsch-Werkes eine Feierstunde angesetzt, an der auch wir, Angehörige des Geburtsjahrganges 1928, teilnahmen (die in die NSDAP einzutretenden Kameraden standen auf der Bühne, wir saßen im Saal ).

Ich kann mich daran erinnern, dass einer meiner Klassenkameraden n i c h t Parteimitglied werden wollte. Offiziell wehren konnte er sich dagegen unter den damaligen Umständen nicht. Ich habe ihn bei dem "Gelöbnis auf den Führer" beobachtet und gesehen, dass er die Eidesformel nicht mitgesprochen hat (er hielt den Mund geschlossen). Eine Form des stillen Protestes gegen das sich dem Ende nähernden System!

Diese Form des "inneren Widerstandes" gab es nicht nur in unserer Batterie 223/VIII. Hubert P., unser Oppelner Schulkamerad und damals in der 218/VIII, berichtete mir hierzu, dass er es abgelehnt hätte, in die "Partei" einzutreten. Das habe man zwar seitens der Batterieführung akzeptiert. Er musste jedoch während der "Feierstunde" in der Batterieküche bleiben und dort einen Eimer Kartoffeln schälen.

Der bereits zitierte Kamerad Frieder K. berichtete zu dem o.a. Thema über Vorkommnisse in seiner (älteren) Klasse: "... Halbwegs gut erinnern kann ich mich noch an die Übernahme des Jahrganges 1927 in die NSDAP. Sie fand in Odertal statt. Wir marschierten in den Konzert-und Theatersaal des Hydrierwerkes, wo uns ein Parteifunktionär die "freudige" Mitteilung machte, wir seien auserkoren, geschlossen in die "Partei" aufgenommen zu werden. Dann wurden wir in irgendeiner kollektiven Weise auf den Führer Adolf Hitler vereidigt. Es hat später in unserer Klasse Diskussionen über die angeblichen Verweigerungen einzelner Kameraden gegeben. Auch mir wurde eine solche Widerstandsrolle zugesprochen. Das traf jedoch nicht zu. I c h habe bei der geschilderten Übernahme in die "Partei" alles mitgemacht. Trotz flapsiger Witze über den Klumpfuß Göbbels und den dicken Göring, war mindestens der größere Teil der Klasse noch führergläubig... Das wir Luftwaffenhelfer natürlich Soldaten sein wollten und keine HJ-Jungen, darin decken sich meine Erinnerungen mit den Deinen... Mit politischem Widerstand hatte das aber wohl wenig zu tun..."

Kamerad Heinz K. schrieb mir hierzu: "... In meiner Stube in Eschendorf wurden, im nach hinein für die damalige Zeit sehr offen, kritisch und gewagt, Diskussionen zum politischen und kriegerischen Geschehen geführt. Vom "Oberkommunisten" bis zum "Durchhalter" war alles vertreten, und ich wundere mich heute noch, wie tolerant, fast demokratisch es zuging und nichts aus der Baracke drang. Eines Tages ist unserem "Oberkommunisten" der Kragen geplatzt und er hat das Glas des Hitlerbildes an der Wand zerschlagen. Auf das Hitlerbild folgte dann mehr aus Jux als aus Protest ein Messerwerfen. Plötzlich kam der U.v.D. herein, schaute darüber hinweg und ließ uns ungeschoren. Wir kannten seine politische Anschauung aus diversen versteckten Andeutungen und wussten, dass wir ungestraft davonkämen. Ich glaube, die meisten wussten, dass alles "gelaufen" war, klammerten sich nur an einen Funken Hoffnung, und waren zum mechanischen Durchhalten erzogen."

Auch Kamerad Günter D. wusste darüber sinngemäß zu berichten. Er mochte den "ungeliebten Gruß" durch "Heben des rechten Armes" nicht und ging am liebsten im Urlaub "in Zivil", doch seine Verwandtschaft benutzte ihn u.a. zum Besorgen von Kinokarten, weil man als Urlauber in Uniform um solche an den Kinokassen nicht anzustehen brauchte. Das habe ihn "total schockiert". Er schrieb mir wörtlich: "... Da ich ... oft das Grüßen ( gegenüber HJ-Führern ) unterließ, erfolgten auch Meldungen an die Batterie, die vom Chef ignoriert wurden..."

Unser Klassenkamerad Josef S. schrieb mir zu diesem Thema: "... Vielleicht wäre es erwähnenswert gewesen, dass ich, nach der Invasion (der Westalliierten) in der Normandie im Juni 1944 vor Kameraden der Batterie den Krieg als verloren gehalten hatte. Viele glaubten noch an den "Endsieg". Was für ein Unsinn. Nur Leutnant P. hatte ich es zu verdanken, dass ich damals nicht vor ein Standgericht kam..."

Weder auf meinen "Kriegsurlaubsscheinen" noch auf meinem Entlassungsschein ist die Bezeichnung "HJ" erwähnt. So richtig ist mir erst sehr viel später zu Bewusstsein gekommen, dass wir doch irgendwie HJ-Angehörige waren. Als wir im Januar 1945 unsere letzte FLAK-Batterie-Stellung in Föhrengrund O/S verließen, wussten wir, dass die Sowjets mit Luftwaffenhelfern "kurzen Prozess" machten. Sie meinten, so sagte man uns, wir würden mit den sowjetischen Elite-Jungen, genannt "Stalin-Schülern", verglichen, was falsch war. Vergleichbar waren evtl. die Angehörigen der NAPOLA.

Im Sommer 1944 hat man den Luftwaffenhelfern noch eine "richtige" Entlassungsurkunde ausgehändigt, auf der das Wort "Hitlerjunge" stand. Ende Januar 1945 gab es für mich lediglich einen "Sonderausweis", ausgestellt für den "LwOH Horst Ahrens". Man hatte vermutlich andere Sorgen, als das Wort "Hitlerjunge" in dem Papier zu erwähnen. Dieses Dokument berechtigte mich zur freien Eisenbahnfahrt in Deutschland und damit war meine Luftwaffenhelferzeit beendet.


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