Als Angehöriger des Geburtsjahrganges 1928 waren wir der
erste Jahrgang, der kollektiv in die Jungenorganisation der Hitlerjugend
(HJ), zu den "Pimpfen", übernommen wurden. Vier
Jahre später (1942), nun 14 Jahre alt, erfolgte die Übernahme
in die HJ. Da war ich schon durch die "erweiterte Kinderlandverschickung"
bei meiner Tante in Proskau, Kreis Oppeln in Oberschlesien. Gut
1 ½ Jahre später bekam ich meine Einberufung als Luftwaffenhelfer
nach Odertal am Annaberg/Oberschlesien.
In unserem vom "Polizeidirektor in Oppeln" ausgestellten
und an unsere Erziehungsberechtigten gerichteten Schreiben (Einberufungsbescheid)
wurden wir schlichtweg "Schüler" genannt, von "HJ"
war da überhaupt nicht die Rede. Als wir dann am 12. Januar
1944 Luftwaffenhelfer wurden, meinten wir, wir wären nun
"junge Soldaten". Wir bekamen einen "Dienstausweis",
der sich schlicht "Personalausweis" nannte und im Auftrage
des "Reichsministers der Luftfahrt und Oberkommandierender
der Luftwaffe" ausgestellt worden war - es war dort das Wort
"HJ" n i c h t enthalten.
Es ist mir in Bezug auf unserer Vereidigung als Luftwaffenhelfer
am 27.2.1944 in Odertal O/S auch nicht sonderlich in Erinnerung
geblieben, dass damals Partei- und HJ-Größen zugegen
waren. Das habe ich erst jetzt festgestellt, als ich mir die Fotos
zu unserer "Vereidigung" als Luftwaffenhelfer angesehen
habe.
Im "Dienst" trugen wir ja die normalen Luftwaffenuniformen,
nur ohne Dienstgradabzeichen. Im Nachhinein kann ich nur sagen,
dass wir es gedanklich verdrängt hatten, dass wir nach wie
vor Angehörige der Hitler-Jungend waren. So wollten wir als
"Ehrenbezeugung" nicht den sogenannten Hitler-Gruß
"durch Ausstrecken des rechten Armes - gestreckte Hand in
Augenhöhe" - vollführen, sondern den "militärischen
Gruß". So baten wir unseren Uffz. D. beim "Infanteriedienst",
uns diesen soldatischen Gruß beizubringen.
Einige nähten sich Luftwaffen-Hoheitsabzeichen an die rechte
Brustseite der Uniform. Unsere Mütter mussten unsere Mützen
so umnähen, dass sie die Form der damals aktuellen Gebirgsjäger-Mützen
bekamen. Ich selbst bevorzugte das "Luftwaffen-Käppi",
wenn ich auf Urlaub fuhr. Selbstverständlich grüßten
wir im Dorf (gemeint ist Odertal) auch keine HJ-Führer. Wir
empfanden sie nicht als Vorgesetzte.
Es bestand ganz allgemein eine Abneigung gegen die damals angeordneten
"Verhaltensnormen". So fuhren wir Luftwaffenhelfer ohne
die vorgeschriebene HJ-Armbinde in Urlaub, ganz abgesehen davon,
dass wir diese "im Dienst" nie trugen. Sie gehörte
zwar offiziell zur Ausgehuniform, und die wurde nur bei besonderen
Anlässen, aber auch im Urlaub in Oberschlesien, ohne die
Armbinde getragen. Da die politischen Verhältnisse in Hamburg
anders waren, musste ich die Armbinde für meine Heimfahrten
nach Hamburg anlegen.
Mein Kamerad Engelbert M. berichtete mir u.a.: "... Es gab
jedoch einmal eine Verweigerungsaktion aller Luftwaffenhelfer
der Batterie "213" gegen das Tragen der HJ-Armbinde.
Meines Wissens richtete sich unser Protest jedoch nicht gegen
die Nazi-Herrschaft. Viel mehr ging es uns um die Anerkennung
als vollwertige FLAK-Soldaten. Wir wollten keinesfalls als Hitler-Jungen
"gekennzeichnet" und angesehen werden, wobei die Betonung
auf dem Wort "Jungen" liegt.
Unsere Aktion erregte großes Aufsehen. Die Folge war, dass
eines Tages ein goldbetresster höherer HJ-Führer in
der FLAK-Stellung erschien, uns zum Appell antreten ließ
und mit kernigen Worten unser Verhalten brandmarkte. Wir ließen
die Prozedur gelassen über uns ergehen und trugen bei nächster
Gelegenheit die HJ- Armbinde natürlich - nicht ..."
Das war noch vor dem Attentat auf Hitler in der "Wolfsschanze"
bei Rastenburg/Ostpreußen. Am 20. Juli 1944 erfuhren auch
wir von dem Attentat auf Adolf Hitler. Unser Untergruppen-Chef,
Major Despang, erschien in unserer Batterie, wir mussten "antreten"
und er hielt eine zündende Ansprache, die darin gipfelte,
dass wir alle treu zu unserem "Führer" zu stehen
hätten.
Als ich die Erinnerungen an die damalige Zeit zusammen trug und
vor ca. 20 Jahren meine FLAK-Kameraden nach den Erreignissen des
20. Juli 1944 befragte, bekam ich u.a. folgende Antwort: "...
An diesem Tage marschierten wir mit einem fröhlichen Lied
auf den Lippen zum Film-Casino der Schaffgotsch-Werke. Dort sahen
wir den Film Frauen sind keine Engel' mit Margot Hilscher
und Axel von Ambesser
"
So unterschiedlich sind die Erinnerungen an dieses Datum - oder
wollte man nur das damals Geschehene aus dem Gedächtnis wegwischen?
Ende August 1944 erhielten unsere Kameraden von der 223/VIII des
Geburtsjahrganges 1927 den Einberufungsbescheid zum Reichsarbeitsdienst
(RAD). Zuvor sollten sie aber noch geschlossen in die NSDAP aufgenommen
werden. Dazu war in der Odertaler Festhalle des Schaffgotsch-Werkes
eine Feierstunde angesetzt, an der auch wir, Angehörige des
Geburtsjahrganges 1928, teilnahmen (die in die NSDAP einzutretenden
Kameraden standen auf der Bühne, wir saßen im Saal
).
Ich kann mich daran erinnern, dass einer meiner Klassenkameraden
n i c h t Parteimitglied werden wollte. Offiziell wehren konnte
er sich dagegen unter den damaligen Umständen nicht. Ich
habe ihn bei dem "Gelöbnis auf den Führer"
beobachtet und gesehen, dass er die Eidesformel nicht mitgesprochen
hat (er hielt den Mund geschlossen). Eine Form des stillen Protestes
gegen das sich dem Ende nähernden System!
Diese Form des "inneren Widerstandes" gab es nicht nur
in unserer Batterie 223/VIII. Hubert P., unser Oppelner Schulkamerad
und damals in der 218/VIII, berichtete mir hierzu, dass er es
abgelehnt hätte, in die "Partei" einzutreten. Das
habe man zwar seitens der Batterieführung akzeptiert. Er
musste jedoch während der "Feierstunde" in der
Batterieküche bleiben und dort einen Eimer Kartoffeln schälen.
Der bereits zitierte Kamerad Frieder K. berichtete zu dem o.a.
Thema über Vorkommnisse in seiner (älteren) Klasse:
"... Halbwegs gut erinnern kann ich mich noch an die Übernahme
des Jahrganges 1927 in die NSDAP. Sie fand in Odertal statt. Wir
marschierten in den Konzert-und Theatersaal des Hydrierwerkes,
wo uns ein Parteifunktionär die "freudige" Mitteilung
machte, wir seien auserkoren, geschlossen in die "Partei"
aufgenommen zu werden. Dann wurden wir in irgendeiner kollektiven
Weise auf den Führer Adolf Hitler vereidigt. Es hat später
in unserer Klasse Diskussionen über die angeblichen Verweigerungen
einzelner Kameraden gegeben. Auch mir wurde eine solche Widerstandsrolle
zugesprochen. Das traf jedoch nicht zu. I c h habe bei der
geschilderten Übernahme in die "Partei" alles mitgemacht.
Trotz flapsiger Witze über den Klumpfuß Göbbels
und den dicken Göring, war mindestens der größere
Teil der Klasse noch führergläubig... Das wir Luftwaffenhelfer
natürlich Soldaten sein wollten und keine HJ-Jungen, darin
decken sich meine Erinnerungen mit den Deinen... Mit politischem
Widerstand hatte das aber wohl wenig zu tun..."
Kamerad Heinz K. schrieb mir hierzu: "... In meiner Stube
in Eschendorf wurden, im nach hinein für die damalige Zeit
sehr offen, kritisch und gewagt, Diskussionen zum politischen
und kriegerischen Geschehen geführt. Vom "Oberkommunisten"
bis zum "Durchhalter" war alles vertreten, und ich wundere
mich heute noch, wie tolerant, fast demokratisch es zuging und
nichts aus der Baracke drang. Eines Tages ist unserem "Oberkommunisten"
der Kragen geplatzt und er hat das Glas des Hitlerbildes an der
Wand zerschlagen. Auf das Hitlerbild folgte dann mehr aus Jux
als aus Protest ein Messerwerfen. Plötzlich kam der U.v.D.
herein, schaute darüber hinweg und ließ uns ungeschoren.
Wir kannten seine politische Anschauung aus diversen versteckten
Andeutungen und wussten, dass wir ungestraft davonkämen.
Ich glaube, die meisten wussten, dass alles "gelaufen"
war, klammerten sich nur an einen Funken Hoffnung, und waren zum
mechanischen Durchhalten erzogen."
Auch Kamerad Günter D. wusste darüber sinngemäß
zu berichten. Er mochte den "ungeliebten Gruß"
durch "Heben des rechten Armes" nicht und ging am liebsten
im Urlaub "in Zivil", doch seine Verwandtschaft benutzte
ihn u.a. zum Besorgen von Kinokarten, weil man als Urlauber in
Uniform um solche an den Kinokassen nicht anzustehen brauchte.
Das habe ihn "total schockiert". Er schrieb mir wörtlich:
"... Da ich ... oft das Grüßen ( gegenüber
HJ-Führern ) unterließ, erfolgten auch Meldungen an
die Batterie, die vom Chef ignoriert wurden..."
Unser Klassenkamerad Josef S. schrieb mir zu diesem Thema:
"... Vielleicht wäre es erwähnenswert gewesen,
dass ich, nach der Invasion (der Westalliierten) in der Normandie
im Juni 1944 vor Kameraden der Batterie den Krieg als verloren
gehalten hatte. Viele glaubten noch an den "Endsieg".
Was für ein Unsinn. Nur Leutnant P. hatte ich es zu verdanken,
dass ich damals nicht vor ein Standgericht kam..."
Weder auf meinen "Kriegsurlaubsscheinen" noch auf meinem
Entlassungsschein ist die Bezeichnung "HJ" erwähnt.
So richtig ist mir erst sehr viel später zu Bewusstsein gekommen,
dass wir doch irgendwie HJ-Angehörige waren. Als wir im Januar
1945 unsere letzte FLAK-Batterie-Stellung in Föhrengrund
O/S verließen, wussten wir, dass die Sowjets mit Luftwaffenhelfern
"kurzen Prozess" machten. Sie meinten, so sagte man
uns, wir würden mit den sowjetischen Elite-Jungen, genannt
"Stalin-Schülern", verglichen, was falsch war.
Vergleichbar waren evtl. die Angehörigen der NAPOLA.
Im Sommer 1944 hat man den Luftwaffenhelfern noch eine "richtige"
Entlassungsurkunde ausgehändigt, auf der das Wort "Hitlerjunge"
stand. Ende Januar 1945 gab es für mich lediglich einen "Sonderausweis",
ausgestellt für den "LwOH Horst Ahrens". Man hatte
vermutlich andere Sorgen, als das Wort "Hitlerjunge"
in dem Papier zu erwähnen. Dieses Dokument berechtigte mich
zur freien Eisenbahnfahrt in Deutschland und damit war meine Luftwaffenhelferzeit
beendet.
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