Im Rahmen meines Geschichtsunterrichts in der 9. Klasse war es meine Aufgabe, einen Zeitzeugen zu finden und ihm Fragen zum Thema "2. Weltkrieg und Nachkriegszeit" zu stellen. Ich befragte meine Bekannte Frau Helga Diel aus Frankenthal. Sie erzählte mir folgendes:
A. Jugend
Zu Hitlers Geburtstag (20. April) mussten alle Mädchen in
Uniform erscheinen, zur sog. Flaggenehrung. Wenn ein Mädchen
noch nicht im BDM oder bei den Jungmädeln war, also keine
Uniform hatte, musste es im blauen weißer Bluse kommen.
Meine Mutter nähte mir schleunigst einen Rock aus Kunstseidenstoff
(was anderes gab es nicht), den ich aber nur einmal angezogen
habe. Ich bin ein Jahr später als gefordert dann zu den Jungmädeln
gegangen. Meine Eltern wollten vermeiden, dass ich auffalle.
Samstagnachmittags hatten wir Schulung. Da mussten wir lauter
Daten von den nationalsozialistischen Führern lernen und
entsprechende Lieder singen.
Es war blöde, denn wir hatten ja Wichtigeres zu lernen für
den allgemeinen Schulbetrieb.
Die meisten Lehrer waren neutral und in Ordnung. Der Schulbetrieb
lief so: Jede Schulstunde wurde mit dem Hitlergruß begonnen.
Manchen Lehrern traute man nicht. Meine Klassenlehrerin war okay.
Als meine Klasse im Sommer 1942 geschlossen für fünf
Monate aufs Land geschickt wurde (in der Leisniger Gegend), wo
die einzelnen Schülerinnen bei verschiedenen Bauern untergebracht
wurden und bei denen auf dem Feld und im Stall mitarbeiten mussten,
kam unsere Lehrerin reihum zu "ihren Kindern" um nach
dem Rechten zu sehen. Als ich einmal beim Rübenziehen unglücklich
auf dem Feld hockte, kam Emmy Weise (unsere Lehrerin) angeradelt:
Ich habe wie ein Schlosshund geheult.
Emmy hat dann auch dafür gesorgt, dass ich von den Bauern
wegkam (ich hatte eine Wanze aufbewahrt!) und die restliche Zeit
in einem Gemüsegut zusammen mit anderen Klassenkameradinnen
war: Unterkunft in einer Dorfschule, der Lehrer war im Krieg,
der Unterricht fiel aus.
Arbeiten: 6 Wochen Johannisbeeren pflücken, Rüben verziehen,
Kartoffelacker jäten, später Kartoffelernte und Rübenernte,
Kohlrabi-"Berge" bearbeiten + verpacken.
Mit 4 franz. Kriegsgefangenen verstanden wir uns gut- zum Ärger
des Hausknechts!
Wir organisierten für sie- und sie für uns- was fehlte.
Irgendjemand hat dies an höherer Stelle gemeldet, woraufhin
meine eine Klassenkameradin, die Scharführerin bei den Jungmädels
war, ihre grüne Schnur abgeben musste! Sie wurde also degradiert.
Aber so schlimm war das nicht. Wir wussten daher, dass wir vorsichtig
sein mussten (Briefe vernichten, Telefonanrufe von Eltern begrenzen).
Feind hört mit.
Im Herbst 1944 wurde meine Klasse geschlossen und alle kamen entweder
in die Rüstungsindustrie, zur Wehrmacht oder in Gärtnereien.
Emmy gab jedem ein handgeschriebenes "Reifezeugnis"
mit, für alle Fälle! Ich habe nach 1945 das normale
Abi nachgeholt.
B. Juden
In meiner Klasse waren keine jüdischen Schülerinnen.
Meine Mutter hatte eine jüdische Schulfreundin, deren Mann
war Direktor bei einer Bank. Sie hatten eine Tochter (etwas jünger
als ich). Einmal waren wir in deren Haus in Dresden eingeladen.
Aber eines Tages waren sie fort (rechtzeitig nach England geflüchtet).
Meine Mutter hat nach dem Krieg vergeblich versucht, Kontakt zu
ihrer Schulfreundin zu bekommen. Unsere Wohnung war ja auch durch
Bomben zerstört, also einen neue Anschrift. Keine Möglichkeit.
Die Judenverfolgung wurde uns in der Schule nicht erklärt.
Man schwieg. Jeder war vorsichtig.
C. Widerstand
Ich kannte niemanden aus dem Widerstand. Meine Eltern sagten uns
nicht, was sie evtl. wussten. Mein Vater war Mitglied im Stahlhelm.
Diese Organisation wurde aufgelöst und mein Vater erhielt
die braune Uniform der Nazis. Die hat er nie angezogen und später
verbrannt. Er war gleich ordentlich ausgetreten. Das hatte sicher
auch zur Folge, dass er keine Apotheke vom Staat übernehmen
durfte. Er führte ein kleines eigenes Laboratorium. Später
wurde er eingezogen, blieb aber in Dresden, bis zum Bombenangriff.
Ich kannte keine Menschen, die ins KZ gehen musste.
D. Krieg und Nachkriegszeit
Ich hatte das Glück, in einem behüteten Elternhaus aufwachsen
zu dürfen. Die Einschränkungen der Lebensmittelrationalisierung
habe ich als Kind nicht groß als Nachteil empfunden. Meine
Eltern und meine Tante organisierten das Nötigste. Der Bombenangriff
am 13. Februar 1945 veränderte natürlich alles. Ich
erlebte diesen im Keller unseres Hauses, wir entkamen dem Feuer
durch den Mauerdurchbruch zum Nachbarhaus, dann im Feuersturm
durch die Straßen zu einem Park, wo es ruhig war und wir
an herumliegenden Blindgängern vorbeiliefen. Später
im Keller eines unversehrten Hauses. Am nächsten Tag ging
es zu Fuß und einem geliehenen Handwagen Richtung Pirna
und weiter bis nach Rathen, wo wir ein Wochenendhaus hatten. Das
war allerdings belegt von Verwandten und 3 Boxerhunden. Da blieb
uns (meinen Eltern und mir) nur wenig Raum zum Schlafen. Meine
Brüder waren beide im Krieg. Sie kamen aus Frankreich und
Russland später zurück, Gott sei Dank relativ unversehrt.
Das war für meine Mutter ein großer Trost nach dem
Verlust ihres ganzen Hauses.
Das Ende des Krieges war von Angst geprägt. Die Russen kamen
als Besatzer. Sie waren gewalttätig. Eine doppelte Sorge
meiner Eltern um mich. Es ist aber alles gut gegangen. Die Lebensmittel
waren sehr knapp. 50 g Butter pro Person für eine Woche.
Um Brot zu bekommen mussten wir zum Beispiel zweieinhalb Stunden
zu einer Mühle laufen und dann wieder zurück. Wir gingen
Kartoffeln stoppeln und Pilze suchen. Gekocht wurde im Haus meiner
Tante, die auch in Rathen lebte, deren Haus jedoch mit Flüchtlingen
auch voll war. Ich wurde zunächst zum Zuschütten von
Schützengräben von der Ortsverwaltung herangezogen,
später zum Abbauen von Maschinen in Heidenau. Alles sollte
abgerissen werden und nach Russland versandt! Im Herbst 1945 konnte
ich in Dresden in meiner alten Schule zum Abiturlehrgang antreten.
Ich schlief jede Woche bei anderen Bekannten, reihum. Viel Gepäck
hatte ich ja nicht, und auch keine Schulbücher. Einige meiner
alten Lehrer waren da, von anderen hörte man Trauriges.
Nach dem bestandenen Abitur gab es wenig Ausbildungsmöglichkeiten:
Trümmer schippen + Steine zurechtklopfen für evtl. Wiederverwendung,
Krankenhausdienst, etc. Alles nichts für mich. Ich wurde
Tischler-Umschüler, Vertrag für 1,5 Jahre in Hellerau
bei den Deutschen Werkstätten. Aber für mich ohne Zukunft.
Zum Glück halfen mir Menschen aus dem Vertrag herauszukommen
und an der TH Dresden ein Studium zu beginnen.
Ich wohnte bei früheren Mietern unseres abgebrannten Hauses.
Meine Mutter lebte in Rathen, mein Vater hatte eine Anstellung
in einer Apotheke und verdiente wieder Geld und für uns Lebensunterhalt.
Aber die Familie kam nicht richtig wieder zusammen. Eine kurze
Zeit hatten meine Eltern in einem Vorort von Dresden eine Wohnung
und mein Vater eine Tätigkeit. Aber nun machten die neuen
kommunistischen Machthaber und deren Genossen wieder Schwierigkeiten.
"Von Regen in die Traufe" heißt das alte Sprichwort.
Die Eltern arrangierten sich notgedrungen, waren ja nicht mehr
jung. Wir drei Geschwister sind alle in den Westen gegangen, haben
gearbeitet und uns ein neues Heim geschaffen.
E. Zukunft
Krieg bringt nur Unheil. Wir müssen Freundschaften zu anderen
Ländern z.B. Frankreich und Polen pflegen und als Bürger
die richtigen Politiker wählen, was allerdings sehr schwierig
ist.