Kollektives Gedächtnis

Dieser Eintrag stammt von Kurt Elfering (*1922)
aus Schwerte,
Oktober 2010:
   Kriegsgefangene


Wohnungsanstrich beim russischen Meister


Im Kriegsgefangenenlager Borowitschi arbeitete ich im Sommer 1946 bei der Brigade "Mechanski-Masterskaja" im Kombinat Krasni-Keramik. Wir waren in diesem Kombinat frei im Arbeitseinsatz. Ich habe in dieser Zeit als Spengler viel mit Blechen zu tun gehabt. Da viele Teile des Kombinats neu erstellt bzw. wieder instandgesetzt wurden, hatte ich an sich interessante Aufgaben, wie Lüftungskanäle, Abluftanlagen, Abzugshauben usw. herzustellen und auch zu montieren. Hierzu wurde auch eigenartigerweise gutes Blech zur Verfügung gestellt.

Jeden morgen 6 km hin vom Lager zum Kombinat, und am Abend wieder 6 km zurück. Wenn wir im Betrieb ankamen, waren wir schon das erstemal kaputt. Die Hauptpunkte des Tages waren immer die Suppenausgaben. Da wir ja ewig Hunger hatten, arbeiteten unsere Hirne zu 90 % immer in die Hungerbekämpfungsrichtung. Da der Hunger unser bester Lebensbegleiter war, machten wir in der Werkstatt viel Schwarzarbeit wie Kochtöpfe, Eimer, Gießkannen usw. für die russischen Mitarbeiter, die uns dafür mit Brot, Tabak, Machorka oder Kartoffeln bedachten.

Weil ich damals auch schon viel malte und zeichnete, hatte unser russischer Meister die Idee, dass ich wohl bei ihm zu Hause seine Wohnung anstreichen und ausmalen könne. Zunächst hatte ich abgelehnt; ich befürchtete nämlich, dass das Material typisch russisch sei (weiß = Karbidschlamm, rot = Ziegelsteinmehl, gelb = Lehm usw.). Der Meister aber behauptete, Leimfarben zu haben, und so habe ich schließlich zugesagt. Nun wurde es spannend. Wir trabten ja jeden Tag mit ca. 800 Gefangenen die etwa 6 km vom Lager zum Kombinat, natürlich unter stärkster Bewachung. Das Problem wurde folgendermaßen gelöst: Da ich in der Stadt als einziger Gefangener die Marschkolonne verlassen musste, um zur Wohnung des Meisters zu kommen, musste der gesamte Bewachungskonvoi darüber informiert werden. Also zog mein Meister mit mir los zur Wachstube der Eskorte innerhalb des Kombinates. Dort wurde ich allen Wachsoldaten vorgestellt mit der Erklärung: Das ist der Mann, der morgen früh in der Stadt an einer bestimmten Kreuzung vom Meister aus der Marschkolonne herausgeholt wird und am Abend wieder hierher zurückkommt.

Als dieser Fall geklärt war, hörte ich auch die Rahmenbedingungen: Als Gegenleistung sollte der Meister für die Russenkaserne 12 Eimer anfertigen und ausliefern. Natürlich musste ich die Eimer nachher in Schwarzarbeit machen. Somit waren alle Formalitäten erledigt. Am nächsten Morgen war es nun so weit. An der besagten Kreuzung steht mein Meister und winkt mit der Hand. Der Wachsoldat winkt ebenfalls, gibt mir ein Zeichen, und ich verlasse den Marschblock mit einem komischen Gefühl im Nacken. Aber es hat alles funktioniert. Nach fünf Minuten betrat ich zum ersten Mal in meinem Leben eine russische Privatwohnung. Die Frau Meisterin, der Schwiegervater sowie die Kinder waren wohl genau so gespannt wie ich. Es gab sogar eine Begrüßung mit Handschlag.

Als die ersten Hemmschwellen überwunden waren, führte mich die Meisterin in eine Stube. Und ehe ich wusste, wie mir geschah, brachte sie einen Eimer mit heißem Wasser und Seife. Dazu legte sie eine komplette Garnitur saubere Unterwäsche, und ich war selig. Als diese Runderneuerung erledigt war, wurde ich an einen Tisch gesetzt und bekam erst mal eine russische Mahlzeit. Eine Schüssel Suppe und gebrochenes Brot, soviel ich wollte. Als dieses alles überstanden war, wurde mir erst gezeigt, was zu machen war: eine Diele, die Küche und zwei Stuben. Der Schwiegervater war mein Handlanger und hatte die Deckenfarbe bereits angerührt. Es war tatsächlich Leimfarbe! Ein Arbeitsgerüst war schon aufgebaut, Deckenquast und Pinsel waren auch organisiert und vorhanden. Nun konnte es losgehen. Durch das mächtige Frühstück hatte ich in der ersten Stunde mit Sodbrennen zu kämpfen - aber ich hatte mich mal richtig satt essen können.

Der erste Raum lag neben der Küche. Als die Decke und die Wände ca. 20 cm von oben gestrichen waren, musste ich erst mal eine Pause einlegen. Der Schwiegervater legte mir eine Handvoll Machorka auf die Fensterbank und die dazugehörende Prawda als Zigarettenpapier. Die beiden Kinder liefen derweil um das Haus herum und spielten Flugzeug. Trotz ausgebreiteter Arme und viel Gebrumme hoben sie nicht ab. Aus Karton baute ich den Kindern je einen Propeller. Auf einen Stock genagelt waren das nun die reinsten Flugmotoren. Nun wurde noch schneller gerannt und noch lauter gebrummt. Aber da sie nun nur noch eine Tragfläche hatten, während die andere Motorhalterung spielte, klappte es mit dem Abheben immer noch nicht. Es machte aber unheimlich viel Spaß.

Nach Beendigung dieser schöpferischen Zigarettenpause malte ich weiter. An der Decke wurde rundherum eine schöne bunte Blumengirlande gemalt, ebenso rund um die Lampe. Als zur Mittagzeit der Meister nach Hause kam und an der Decke die schönen Blumen entstehen sah, kannte die Begeisterung keine Grenzen. Unter Lobpreisung meiner Arbeit musste ich wieder eine Zigarette rauchen und mich zum Essen vorbereiten. Die Meisterin hatte eine Menge Mehlpfannekuchen gebacken, die jetzt zusammen mit einer Kohlsuppe gegessen wurden. So bin ich nun schon zum zweiten Male an diesem Tage richtig satt geworden. Bevor der Meister wieder zum Werk ging, zeigte er mir noch, wo ich in der Zimmerecke neben dem Fenster die Ikonenecke ausmalen musste. Die sollte nun mit einem ganz besonders schönen Blumenkranz geschmückt werden. Vor diese Ikone brannte dann immer eine rote Öllampe. So habe ich an diesem Tage die Decke mit den Blumen sowie die Wände mit der Ikonenecke fertig gemacht.

Um 6 Uhr musste ich wieder an der Kreuzung stehen, um mich in den Marschblock einzureihen. Bevor ich aufbrach, bekam ich noch einen Kanten Brot mit für die Abendsuppe im Lager. Als der Gefangenenzug kam, stand ich schon allein an der Kreuzung. Sobald dann mein Arbeitskommando vorbeikam, hob ich meine Hand, und ich konnte mich gefahrlos wieder einreihen. Am nächsten Tag ging es weiter. Als wir die Kreuzung erreichten, war der Meister nicht da. Ich hob meine Hand, der Wachposten gab mir ein Zeichen und ich scherte aus. Da dies alles ohne Meister vor sich ging, war es mir doch sehr kribbelig im Nacken. Der Vertrag funktionierte, es ging alles gut. Als ich die Wohnung betrat wurde wieder gut aufgetischt wie gestern. Dann wurden die Wände mit einem Sockel versehen, ca. 1,20 m hoch (es war tatsächlich Ölfarbe). Bis zur Mittagspause, unter Einlage einiger Zigarettenunterbrechungen, malte ich dann noch zwei Bilder direkt auf die Wand: ein Segelschiff und eine Alpenlandschaft.

Als der Meister zu Mittag kam, war er vollauf begeistert. Das Mittagessen war wieder reichlich. Zum Abchluss gab es Hirsekascha. Der Nachmittag verlief noch mit Kleinigkeiten, wie Fußleisten streichen usw. Nach 2 Tagen bot das Zimmer einen sauberen und gemütlichen Eindruck. Nach der Übernahme von Brot und Kartoffeln machte ich mich auf zur Kreuzung. Das Einreihen in den Marschblock verlief wie am Vortage. Die nächsten zwei Tage verliefen wie bisher: Der Schwiegervater half tatkräftig. Die Kinder bekamen zwischendurch wieder einige Windmühlen und Flugmotoren gebaut. So wurden der zweite Raum und die Diele auch noch fertig.

Als wir uns am 5. Tag mit unserer Marschkolonne wieder der Kreuzung näherten und der Wachposten sah, dass ich keine Anstalten machte auszuscheren, meinte er wohl, ich sei am Schlafen und er müsse mich wecken: Ich sollte also zur Meisterwohnung gehen. Erst meine Erklärung, ich sei dort fertig, machte ihn wieder ruhig und ich durfte wieder mit meiner Brigade zum Kombinat gehen. Nach dieser Malerei wurde dann noch der letzte Teil des Abkommens erfüllt. Ich fertigte die Eimer an, und unser Meister lieferte sie an die Russen-Kaserne aus.

In dieser knappen Woche hatte ich einen recht tiefen Einblick in das Leben einer russische Familie bekommen. Es hat mich tief beeindruckt, dass ich als Kriegsgefangener so familiär dort aufgenommen wurde, auch von den Kindern. Obwohl wir es doch waren, die so viel Leid über die Sowjetunion gebracht hatten.

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