Im Kriegsgefangenenlager Borowitschi arbeitete ich im Sommer 1946
bei der Brigade "Mechanski-Masterskaja" im Kombinat
Krasni-Keramik. Wir waren in diesem Kombinat frei im Arbeitseinsatz.
Ich habe in dieser Zeit als Spengler viel mit Blechen zu tun gehabt.
Da viele Teile des Kombinats neu erstellt bzw. wieder instandgesetzt
wurden, hatte ich an sich interessante Aufgaben, wie Lüftungskanäle,
Abluftanlagen, Abzugshauben usw. herzustellen und auch zu montieren.
Hierzu wurde auch eigenartigerweise gutes Blech zur Verfügung
gestellt.
Jeden morgen 6 km hin vom Lager zum Kombinat, und am Abend wieder
6 km zurück. Wenn wir im Betrieb ankamen, waren wir schon
das erstemal kaputt. Die Hauptpunkte des Tages waren immer die
Suppenausgaben. Da wir ja ewig Hunger hatten, arbeiteten unsere
Hirne zu 90 % immer in die Hungerbekämpfungsrichtung. Da
der Hunger unser bester Lebensbegleiter war, machten wir in der
Werkstatt viel Schwarzarbeit wie Kochtöpfe, Eimer, Gießkannen
usw. für die russischen Mitarbeiter, die uns dafür mit
Brot, Tabak, Machorka oder Kartoffeln bedachten.
Weil ich damals auch schon viel malte und zeichnete, hatte unser
russischer Meister die Idee, dass ich wohl bei ihm zu Hause seine
Wohnung anstreichen und ausmalen könne. Zunächst hatte
ich abgelehnt; ich befürchtete nämlich, dass das Material
typisch russisch sei (weiß = Karbidschlamm, rot = Ziegelsteinmehl,
gelb = Lehm usw.). Der Meister aber behauptete, Leimfarben zu
haben, und so habe ich schließlich zugesagt. Nun wurde es
spannend. Wir trabten ja jeden Tag mit ca. 800 Gefangenen die
etwa 6 km vom Lager zum Kombinat, natürlich unter stärkster
Bewachung. Das Problem wurde folgendermaßen gelöst:
Da ich in der Stadt als einziger Gefangener die Marschkolonne
verlassen musste, um zur Wohnung des Meisters zu kommen, musste
der gesamte Bewachungskonvoi darüber informiert werden. Also
zog mein Meister mit mir los zur Wachstube der Eskorte innerhalb
des Kombinates. Dort wurde ich allen Wachsoldaten vorgestellt
mit der Erklärung: Das ist der Mann, der morgen früh
in der Stadt an einer bestimmten Kreuzung vom Meister aus der
Marschkolonne herausgeholt wird und am Abend wieder hierher zurückkommt.
Als dieser Fall geklärt war, hörte ich auch die Rahmenbedingungen:
Als Gegenleistung sollte der Meister für die Russenkaserne
12 Eimer anfertigen und ausliefern. Natürlich musste ich
die Eimer nachher in Schwarzarbeit machen. Somit waren alle Formalitäten
erledigt. Am nächsten Morgen war es nun so weit. An der besagten
Kreuzung steht mein Meister und winkt mit der Hand. Der Wachsoldat
winkt ebenfalls, gibt mir ein Zeichen, und ich verlasse den Marschblock
mit einem komischen Gefühl im Nacken. Aber es hat alles funktioniert.
Nach fünf Minuten betrat ich zum ersten Mal in meinem Leben
eine russische Privatwohnung. Die Frau Meisterin, der Schwiegervater
sowie die Kinder waren wohl genau so gespannt wie ich. Es gab
sogar eine Begrüßung mit Handschlag.
Als die ersten Hemmschwellen überwunden waren, führte
mich die Meisterin in eine Stube. Und ehe ich wusste, wie mir
geschah, brachte sie einen Eimer mit heißem Wasser und Seife.
Dazu legte sie eine komplette Garnitur saubere Unterwäsche,
und ich war selig. Als diese Runderneuerung erledigt war, wurde
ich an einen Tisch gesetzt und bekam erst mal eine russische Mahlzeit.
Eine Schüssel Suppe und gebrochenes Brot, soviel ich wollte.
Als dieses alles überstanden war, wurde mir erst gezeigt,
was zu machen war: eine Diele, die Küche und zwei Stuben.
Der Schwiegervater war mein Handlanger und hatte die Deckenfarbe
bereits angerührt. Es war tatsächlich Leimfarbe! Ein
Arbeitsgerüst war schon aufgebaut, Deckenquast und Pinsel
waren auch organisiert und vorhanden. Nun konnte es losgehen.
Durch das mächtige Frühstück hatte ich in der ersten
Stunde mit Sodbrennen zu kämpfen - aber ich hatte mich mal
richtig satt essen können.
Der erste Raum lag neben der Küche. Als die Decke und die
Wände ca. 20 cm von oben gestrichen waren, musste ich erst
mal eine Pause einlegen. Der Schwiegervater legte mir eine Handvoll
Machorka auf die Fensterbank und die dazugehörende Prawda
als Zigarettenpapier. Die beiden Kinder liefen derweil um das
Haus herum und spielten Flugzeug. Trotz ausgebreiteter Arme und
viel Gebrumme hoben sie nicht ab. Aus Karton baute ich den Kindern
je einen Propeller. Auf einen Stock genagelt waren das nun die
reinsten Flugmotoren. Nun wurde noch schneller gerannt und noch
lauter gebrummt. Aber da sie nun nur noch eine Tragfläche
hatten, während die andere Motorhalterung spielte, klappte
es mit dem Abheben immer noch nicht. Es machte aber unheimlich
viel Spaß.
Nach Beendigung dieser schöpferischen Zigarettenpause malte
ich weiter. An der Decke wurde rundherum eine schöne bunte
Blumengirlande gemalt, ebenso rund um die Lampe. Als zur Mittagzeit
der Meister nach Hause kam und an der Decke die schönen Blumen
entstehen sah, kannte die Begeisterung keine Grenzen. Unter Lobpreisung
meiner Arbeit musste ich wieder eine Zigarette rauchen und mich
zum Essen vorbereiten. Die Meisterin hatte eine Menge Mehlpfannekuchen
gebacken, die jetzt zusammen mit einer Kohlsuppe gegessen wurden.
So bin ich nun schon zum zweiten Male an diesem Tage richtig satt
geworden. Bevor der Meister wieder zum Werk ging, zeigte er mir
noch, wo ich in der Zimmerecke neben dem Fenster die Ikonenecke
ausmalen musste. Die sollte nun mit einem ganz besonders schönen
Blumenkranz geschmückt werden. Vor diese Ikone brannte dann
immer eine rote Öllampe. So habe ich an diesem Tage die Decke
mit den Blumen sowie die Wände mit der Ikonenecke fertig
gemacht.
Um 6 Uhr musste ich wieder an der Kreuzung stehen, um mich in
den Marschblock einzureihen. Bevor ich aufbrach, bekam ich noch
einen Kanten Brot mit für die Abendsuppe im Lager. Als der
Gefangenenzug kam, stand ich schon allein an der Kreuzung. Sobald
dann mein Arbeitskommando vorbeikam, hob ich meine Hand, und ich
konnte mich gefahrlos wieder einreihen. Am nächsten Tag ging
es weiter. Als wir die Kreuzung erreichten, war der Meister nicht
da. Ich hob meine Hand, der Wachposten gab mir ein Zeichen und
ich scherte aus. Da dies alles ohne Meister vor sich ging, war
es mir doch sehr kribbelig im Nacken. Der Vertrag funktionierte,
es ging alles gut. Als ich die Wohnung betrat wurde wieder gut
aufgetischt wie gestern. Dann wurden die Wände mit einem
Sockel versehen, ca. 1,20 m hoch (es war tatsächlich Ölfarbe).
Bis zur Mittagspause, unter Einlage einiger Zigarettenunterbrechungen,
malte ich dann noch zwei Bilder direkt auf die Wand: ein Segelschiff
und eine Alpenlandschaft.
Als der Meister zu Mittag kam, war er vollauf begeistert. Das
Mittagessen war wieder reichlich. Zum Abchluss gab es Hirsekascha.
Der Nachmittag verlief noch mit Kleinigkeiten, wie Fußleisten
streichen usw. Nach 2 Tagen bot das Zimmer einen sauberen und
gemütlichen Eindruck. Nach der Übernahme von Brot und
Kartoffeln machte ich mich auf zur Kreuzung. Das Einreihen in
den Marschblock verlief wie am Vortage. Die nächsten zwei
Tage verliefen wie bisher: Der Schwiegervater half tatkräftig.
Die Kinder bekamen zwischendurch wieder einige Windmühlen
und Flugmotoren gebaut. So wurden der zweite Raum und die Diele
auch noch fertig.
Als wir uns am 5. Tag mit unserer Marschkolonne wieder der Kreuzung
näherten und der Wachposten sah, dass ich keine Anstalten
machte auszuscheren, meinte er wohl, ich sei am Schlafen und er
müsse mich wecken: Ich sollte also zur Meisterwohnung gehen.
Erst meine Erklärung, ich sei dort fertig, machte ihn wieder
ruhig und ich durfte wieder mit meiner Brigade zum Kombinat gehen.
Nach dieser Malerei wurde dann noch der letzte Teil des Abkommens
erfüllt. Ich fertigte die Eimer an, und unser Meister lieferte
sie an die Russen-Kaserne aus.
In dieser knappen Woche hatte ich einen recht tiefen Einblick
in das Leben einer russische Familie bekommen. Es hat mich tief
beeindruckt, dass ich als Kriegsgefangener so familiär dort
aufgenommen wurde, auch von den Kindern. Obwohl wir es doch waren,
die so viel Leid über die Sowjetunion gebracht hatten.