Kollektives Gedächtnis

Dieser Eintrag stammt von Kurt Elfering (*1922)
aus Schwerte,
Oktober 2010:
   Kriegsgefangene


Eine Tagung der FDJ in Nowgorod 1946


In unserer Gefangenenzeit im sowjetischen Kriegsgefangenenlager Borowitschi war immer etwas los. Trotz des großen Elends war es nie langweilig. So kam eines Tages die Parole auf, dass in Nowgorod eine große FDJ-Konferenz aller Kriegsgefangenenlager des Distrikts stattfinden solle. Nun hatte es ja schon Parolen zur Genüge gegeben. Die besten Parolen waren immer noch die Heimkehrgerüchte. Es brauchte nur einer zu erzählen, dass man am Bahnhof sechs Güterwagen zusammengeschoben hätte - dann wähnten wir uns schon in vier Wochen zu Hause.

Aber die Sache mit Nowgorod wurde Wirklichkeit. Aus jedem Arbeitsbataillon sollte ein Delegierter gewählt werden. Da diese Tagung aber unter der Regie der FDJ bzw. der Komsomolzen stattfand, kamen nur Delegierte der "verseuchten" Jahrgänge von 1919 bis 1927 in Frage, denn diese Jahrgänge hatten ja damals unter dem Erziehungseinfluss der Hitlerjugend gestanden. Da eine Baracke auch jeweils ein Arbeitsbataillon war und unsere Baracke die Nr. 3 war, fand auch in unserer Baracke eine Delegiertenwahl statt. Die sogenannten verseuchten Jahrgänge auf zum Klubhaus und wählen! Zehn Gefangene konnten vorgeschlagen werden, und einer davon war ich. Nun standen wir zu zehn Personen vorne auf der Bühne. Einer kam aber nur in Frage, also wurde weiter gewählt. Einer blieb übrig - und der war ich. Jetzt war ich auf einmal FDJ-Delegierter geworden!

Wer den Sozialismus kennt, der weiß, dass man nichts dagegen machen kann. Man wird zwar gefragt, ob man die Wahl annehme, da bleibt einem aber nur das "Ja" übrig. Vom ganzen Lager waren wir nun acht Delegierte. Jetzt ging es mit den Vorbereitungen los. Wir wurden zunächst besser eingekleidet: eine vernünftige Jacke und Hose sowie Schuhe und eine richtige Wehrmachtsmütze. Eine richtige Hose fand man allerdings für mich nicht. Hier rettete die Theatergruppe des Lagers die Lage, denn diese hatte eine Kostümgarderobe, wo derartige Sachen vorübergehend zu haben waren. Nun sah ich schon gar nicht mehr aus wie ein Kriegsgefangener. Das Gefangenenzeichen W P (Woina Pleni) wurde vom Ärmel abgetrennt. Hoheitszeichen hatten wir sowieso keine mehr.

[Denkmal "Tausend Jahre Ru&szl;land" in Nowgorod] Nun begann die große Reise. Wir bekamen 600 Gramm Brot und einige kleine Salzheringe, dann ging es zum Bahnhof nach Borowitschi. Zwei Leute von der Antifa begleiteten uns, aber alles ging ohne Bewachung. Wir bummelten durch die Stadt zum Bahnhof, was uns richtig gut tat. Kein Russe kümmerte sich um uns. Als wir dann im Zug saßen und uns der Hunger peinigte, aßen wir zunächst erst einmal unsere Reiseverpflegung auf. Es war Nachmittag, und wir fuhren tatsächlich mit der Eisenbahn! Da es im Sommer in jener Gegend ja nie richtig dunkel wird, haben wir auf der Fahrt wenig geschlafen. Die Betten waren abklappbar, sodass wir abwechselnd schlafen konnten. Einmal mussten wir umsteigen. Nach Nowgorod ging es dann teilweise einspurig weiter. Hier habe ich gesehen, wie man das bei einspurigen Strecken macht, um Zugunglücke zu vermeiden. Es kann nur der auf diesem Gleis einfahren, der den symbolischen großen Schlüssel besitzt. Wenn der Gegenzug neben den wartenden Zug gefahren ist, wird der Schlüssel dem Lokführer übergeben. Erst dann fährt der los. Das Gleiche geschieht auch am anderen Ende der Strecke. Am anderen Morgen so gegen sieben Uhr trafen wir in Nowgorod ein.

Ein LKW stand am Bahnhof und holte uns ab. Das Gefangenenlager hier war eine ehemalige Kaserne. Als wir in das Lager einfuhren, sahen wir, wie die Arbeitsbrigaden das Lager verließen. Wir hielten irgendwo an und wurden zu unserer Unterkunft gebracht. Es war ein großer Raum in einem Kasernenblock. Wir hatten alle bezogene Einzelbetten. In der Mitte des Zimmers stand ein großer Tisch mit Bestuhlung. Wir saßen noch nicht lange, da öffnete sich die Tür, und man brachte uns eine große Terrine Erbsensuppe. Wir wurden alle mächtig satt. Dann kam ein Antifa-Mann des Lagers und teilte uns das Programm mit.

Es war Freitag, und am Nachmittag ging es los. Insgesamt waren wir etwa einhundert Delegierte. Ein Vortrag über Marx und Engels eröffnete die Serie. Vorher aber bekamen wir alle einen Schreibblock und einen Bleistift, damit wir uns Notizen machen konnten. Der zweite Vortrag hatte das Thema "Vom Kapitalismus zum Kommunismus". Hier wurde uns die kommunistische Lehre in allen Einzelheiten erklärt, und ihre Schwerpunkte wurden uns dargelegt. Nach dem Abendessen wurden dann noch aufgrund unserer Notizen zwanglose Diskussionen geführt. Der erste Abend ging zuende. Marx, Engels und der Kommunismus schwirrten in unseren Köpfen hin und her.

Am nächsten Tag: Wieder eine gute Morgensuppe und 200 Gramm Brot. Die Vorträge konnten also wieder losgehen. Jetzt wurde uns die sozialistische Planwirtschaft erklärt: eine Industrie, die sich nach den Bedürfnissen der Bevölkerung richtet. Nur war das, was wir rundherum sahen, überhaupt nicht volksbefriedigend! Vielleicht sahen wir das alles nicht so richtig. Dann hörten wir einen Vortrag über die freie Marktwirtschaft. Hier würde über die Köpfe der Menschheit hinweg vom Kapital gelenkt, was zu produzieren sei. Dieses Problem wurde dann auch mächtig diskutiert, wobei alles so gedeichselt wurde, dass der Sozialismus immer im Vorteil war. Da wir ja eine "verseuchte" Generation waren, wurde vieles in die sozialistische Richtung gedreht. Es wurde Mittag, und eine gute Suppe erfreute unseren Magen. Um zwei Uhr ging es dann wieder weiter. Uns war es egal, was da so alles veranstaltet wurde. Die Hauptsache war, dass wir ein paar Tage Ruhe hatten und auch etwas Anderes erlebten. Das Interessante aber an diesem Tage war das Abendessen der Delegierten. Was hier nun geschah, brachte uns ganz und gar durcheinander. Im Klubhaus waren lange Tische mit weißen Tischdecken versehen und mit Tellern und Besteck gedeckt. Wir nahmen alle Platz und staunten. Oben auf der Bühne saß ein Quartett und spielte uns Tafelmusik vor. Dann rauschten mit weißen Jacken Kellner an den Tischen vorbei und trugen auf. Es gab Salzkartoffeln mit Gemüse und so etwas wie Gulasch. Es wurde in Schüsseln aufgetragen! Zum Nachtisch gab es Preißelbeeren mit Milch. Es war ein festliches Galadiner. Wahrscheinlich war am Sozialismus doch etwas dran!

Auf jeden Fall waren wir den ganzen Abend auf unseren Stuben noch völlig durcheinander und das auch nicht ganz grundlos, denn am nächsten Morgen - es war Sonntag, der letzte Tagungstag - begegnete ich beim Überqueren des Hofes einem Bekannten aus dem Lager Borowitschi, der hier in einer Arbeitsbrigade seine "Wiedergutmachung" absolvierte. Als er fragte, wie ich denn hierher käme, und ich ihm sagte, dass ich bei den Delegierten sei, sah er mich traurig an, spuckte aus und ließ mich stehen. Er wusste von dieser Antifa-Tagung, kannte aber nicht die Hintergründe. Nun stand ich da in einer Ecke, in die ich nie wollte. Es war aber nicht zu ändern.

Es folgten am Sonntag noch einige Vorträge von den Propagandisten und auch noch Diskussionen, die von meiner Seite lustlos verliefen, denn morgen, am Montag, sollte es wieder heim gehen. Aber heute Abend sollte zum Abschluss der Tagung im Klubhaus ein Bunter Abend veranstaltet werden. Dieser wurde ein großer Erfolg. Musikalische und artistische Darbietungen lösten sich in bunter Reihenfolge ab und waren künstlerisch hervorragend.

Die Nacht ging vorüber, und der Tag begann. Wir wurden zum Bahnhof gebracht, und dann kam die Überraschung: Wir konnten nicht fahren, weil wir keine Platzkarten hatten. Das Ergebnis der Verhandlung war, dass wir erst in einer Woche fahren konnten. Also wieder zurück zum Lager und unser Quartier wieder beziehen! Jetzt hatten wir große Angst, irgendwo einer Arbeitsbrigade zugeteilt zu werden, und dann hätte es geschehen können, dass uns Borowitschi verloren ging. Aber es kam ganz, ganz anders. Wir zehn Delegierten bekamen einen Antifa-Propagandisten zugeteilt, der sich während dieser Zeit um uns kümmern sollte. Er machte das sehr gut. Wie er hieß, weiß ich nicht. Er sagte: "Ihr könnt ruhig ‚Nase' zu mir sagen (er hatte auch wirklich eine große Nase!), alle sagen sowieso 'Nase' zu mir!" Außerdem stotterte er mächtig und kam aus Essen.

Jetzt hatten wir wirklich bis zum nächsten Montag Urlaub. "Nase" umsorgte uns zehn Männlein in den nächsten Tagen. Tag für Tag zog er mit uns durch die Stadt und zeigte uns Nowgorod. Wir schauten uns die Ausgrabungen an der Sophienkathedrale und deren Renovierung an. Da sich in Nowgogrod mächtige Kämpfe abgespielt hatten, war die Stadt sehr zerstört. Nicht weit von der Kathedrale sahen wir auch das Denkmal "Tausend Jahre Rußland". Dieses war während des Krieges nach Sibirien in Sicherheit gebracht und erst kürzlich wieder aufgestellt worden. Der Besuch des Nowgoroder Kreml und des Museums war ebenfalls interessant. Somit haben wir in einer Woche noch viele wichtige Sehenswürdigkeiten dieser Stadt kennen gelernt.

Am folgenden Montag klappte dann auch die Heimfahrt, und so kamen wir am Dienstag in der Frühe in Borowitschi an. Wir waren wieder zu Hause. Jetzt mussten wir unsere schönen "sozialistischen" Kleidungsstücke wieder abgeben und bekamen unsere alten Klamotten zurück. Die ganze Sache hatte ja nur einen Sinn, wenn wir unser neues sozialistisches Wissen den Anderen in unserer Baracke mitteilten. Ob wir wollten oder nicht: Auch ich musste einen Vortrag halten. Im Grunde bestätigte ich nur das, was immer schon von der "Antifa" erzählt wurde. Viel interessanter fanden sie aber die Berichte über die Stadt Nowgorod. Somit ist die FDJ-Episode auch vorübergegangen, und meine Arbeitsbrigade hatte mich wieder.

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