In unserer Gefangenenzeit im sowjetischen Kriegsgefangenenlager
Borowitschi war immer etwas los. Trotz des großen Elends
war es nie langweilig. So kam eines Tages die Parole auf, dass
in Nowgorod eine große FDJ-Konferenz aller Kriegsgefangenenlager
des Distrikts stattfinden solle. Nun hatte es ja schon Parolen
zur Genüge gegeben. Die besten Parolen waren immer noch die
Heimkehrgerüchte. Es brauchte nur einer zu erzählen,
dass man am Bahnhof sechs Güterwagen zusammengeschoben hätte
- dann wähnten wir uns schon in vier Wochen zu Hause.
Aber die Sache mit Nowgorod wurde Wirklichkeit. Aus jedem Arbeitsbataillon
sollte ein Delegierter gewählt werden. Da diese Tagung aber
unter der Regie der FDJ bzw. der Komsomolzen stattfand, kamen
nur Delegierte der "verseuchten" Jahrgänge von
1919 bis 1927 in Frage, denn diese Jahrgänge hatten ja damals
unter dem Erziehungseinfluss der Hitlerjugend gestanden. Da eine
Baracke auch jeweils ein Arbeitsbataillon war und unsere Baracke
die Nr. 3 war, fand auch in unserer Baracke eine Delegiertenwahl
statt. Die sogenannten verseuchten Jahrgänge auf zum Klubhaus
und wählen! Zehn Gefangene konnten vorgeschlagen werden,
und einer davon war ich. Nun standen wir zu zehn Personen vorne
auf der Bühne. Einer kam aber nur in Frage, also wurde weiter
gewählt. Einer blieb übrig - und der war ich. Jetzt
war ich auf einmal FDJ-Delegierter geworden!
Wer den Sozialismus kennt, der weiß, dass man nichts dagegen
machen kann. Man wird zwar gefragt, ob man die Wahl annehme, da
bleibt einem aber nur das "Ja" übrig. Vom ganzen
Lager waren wir nun acht Delegierte. Jetzt ging es mit den Vorbereitungen
los. Wir wurden zunächst besser eingekleidet: eine vernünftige
Jacke und Hose sowie Schuhe und eine richtige Wehrmachtsmütze.
Eine richtige Hose fand man allerdings für mich nicht. Hier
rettete die Theatergruppe des Lagers die Lage, denn diese hatte
eine Kostümgarderobe, wo derartige Sachen vorübergehend
zu haben waren. Nun sah ich schon gar nicht mehr aus wie ein Kriegsgefangener.
Das Gefangenenzeichen W P (Woina Pleni) wurde vom Ärmel abgetrennt.
Hoheitszeichen hatten wir sowieso keine mehr.
Nun begann die große Reise. Wir bekamen 600 Gramm Brot und
einige kleine Salzheringe, dann ging es zum Bahnhof nach Borowitschi.
Zwei Leute von der Antifa begleiteten uns, aber alles ging ohne
Bewachung. Wir bummelten durch die Stadt zum Bahnhof, was uns
richtig gut tat. Kein Russe kümmerte sich um uns. Als wir
dann im Zug saßen und uns der Hunger peinigte, aßen
wir zunächst erst einmal unsere Reiseverpflegung auf. Es
war Nachmittag, und wir fuhren tatsächlich mit der Eisenbahn!
Da es im Sommer in jener Gegend ja nie richtig dunkel wird, haben
wir auf der Fahrt wenig geschlafen. Die Betten waren abklappbar,
sodass wir abwechselnd schlafen konnten. Einmal mussten wir umsteigen.
Nach Nowgorod ging es dann teilweise einspurig weiter. Hier habe
ich gesehen, wie man das bei einspurigen Strecken macht, um Zugunglücke
zu vermeiden. Es kann nur der auf diesem Gleis einfahren, der
den symbolischen großen Schlüssel besitzt. Wenn der
Gegenzug neben den wartenden Zug gefahren ist, wird der Schlüssel
dem Lokführer übergeben. Erst dann fährt der los.
Das Gleiche geschieht auch am anderen Ende der Strecke. Am anderen
Morgen so gegen sieben Uhr trafen wir in Nowgorod ein.
Ein LKW stand am Bahnhof und holte uns ab. Das Gefangenenlager
hier war eine ehemalige Kaserne. Als wir in das Lager einfuhren,
sahen wir, wie die Arbeitsbrigaden das Lager verließen.
Wir hielten irgendwo an und wurden zu unserer Unterkunft gebracht.
Es war ein großer Raum in einem Kasernenblock. Wir hatten
alle bezogene Einzelbetten. In der Mitte des Zimmers stand ein
großer Tisch mit Bestuhlung. Wir saßen noch nicht
lange, da öffnete sich die Tür, und man brachte uns
eine große Terrine Erbsensuppe. Wir wurden alle mächtig
satt. Dann kam ein Antifa-Mann des Lagers und teilte uns das Programm
mit.
Es war Freitag, und am Nachmittag ging es los. Insgesamt waren
wir etwa einhundert Delegierte. Ein Vortrag über Marx und
Engels eröffnete die Serie. Vorher aber bekamen wir alle
einen Schreibblock und einen Bleistift, damit wir uns Notizen
machen konnten. Der zweite Vortrag hatte das Thema "Vom Kapitalismus
zum Kommunismus". Hier wurde uns die kommunistische Lehre
in allen Einzelheiten erklärt, und ihre Schwerpunkte wurden
uns dargelegt. Nach dem Abendessen wurden dann noch aufgrund unserer
Notizen zwanglose Diskussionen geführt. Der erste Abend ging
zuende. Marx, Engels und der Kommunismus schwirrten in unseren
Köpfen hin und her.
Am nächsten Tag: Wieder eine gute Morgensuppe und 200 Gramm
Brot. Die Vorträge konnten also wieder losgehen. Jetzt wurde
uns die sozialistische Planwirtschaft erklärt: eine Industrie,
die sich nach den Bedürfnissen der Bevölkerung richtet.
Nur war das, was wir rundherum sahen, überhaupt nicht volksbefriedigend!
Vielleicht sahen wir das alles nicht so richtig. Dann hörten
wir einen Vortrag über die freie Marktwirtschaft. Hier würde
über die Köpfe der Menschheit hinweg vom Kapital gelenkt,
was zu produzieren sei. Dieses Problem wurde dann auch mächtig
diskutiert, wobei alles so gedeichselt wurde, dass der Sozialismus
immer im Vorteil war. Da wir ja eine "verseuchte" Generation
waren, wurde vieles in die sozialistische Richtung gedreht. Es
wurde Mittag, und eine gute Suppe erfreute unseren Magen. Um zwei
Uhr ging es dann wieder weiter. Uns war es egal, was da so alles
veranstaltet wurde. Die Hauptsache war, dass wir ein paar Tage
Ruhe hatten und auch etwas Anderes erlebten. Das Interessante
aber an diesem Tage war das Abendessen der Delegierten. Was hier
nun geschah, brachte uns ganz und gar durcheinander. Im Klubhaus
waren lange Tische mit weißen Tischdecken versehen und mit
Tellern und Besteck gedeckt. Wir nahmen alle Platz und staunten.
Oben auf der Bühne saß ein Quartett und spielte uns
Tafelmusik vor. Dann rauschten mit weißen Jacken Kellner
an den Tischen vorbei und trugen auf. Es gab Salzkartoffeln mit
Gemüse und so etwas wie Gulasch. Es wurde in Schüsseln
aufgetragen! Zum Nachtisch gab es Preißelbeeren mit Milch.
Es war ein festliches Galadiner. Wahrscheinlich war am Sozialismus
doch etwas dran!
Auf jeden Fall waren wir den ganzen Abend auf unseren Stuben noch
völlig durcheinander und das auch nicht ganz grundlos, denn
am nächsten Morgen - es war Sonntag, der letzte Tagungstag
- begegnete ich beim Überqueren des Hofes einem Bekannten
aus dem Lager Borowitschi, der hier in einer Arbeitsbrigade seine
"Wiedergutmachung" absolvierte. Als er fragte, wie ich
denn hierher käme, und ich ihm sagte, dass ich bei den Delegierten
sei, sah er mich traurig an, spuckte aus und ließ mich stehen.
Er wusste von dieser Antifa-Tagung, kannte aber nicht die Hintergründe.
Nun stand ich da in einer Ecke, in die ich nie wollte. Es war
aber nicht zu ändern.
Es folgten am Sonntag noch einige Vorträge von den Propagandisten
und auch noch Diskussionen, die von meiner Seite lustlos verliefen,
denn morgen, am Montag, sollte es wieder heim gehen. Aber heute
Abend sollte zum Abschluss der Tagung im Klubhaus ein Bunter Abend
veranstaltet werden. Dieser wurde ein großer Erfolg. Musikalische
und artistische Darbietungen lösten sich in bunter Reihenfolge
ab und waren künstlerisch hervorragend.
Die Nacht ging vorüber, und der Tag begann. Wir wurden zum
Bahnhof gebracht, und dann kam die Überraschung: Wir konnten
nicht fahren, weil wir keine Platzkarten hatten. Das Ergebnis
der Verhandlung war, dass wir erst in einer Woche fahren konnten.
Also wieder zurück zum Lager und unser Quartier wieder beziehen!
Jetzt hatten wir große Angst, irgendwo einer Arbeitsbrigade
zugeteilt zu werden, und dann hätte es geschehen können,
dass uns Borowitschi verloren ging. Aber es kam ganz, ganz anders.
Wir zehn Delegierten bekamen einen Antifa-Propagandisten zugeteilt,
der sich während dieser Zeit um uns kümmern sollte.
Er machte das sehr gut. Wie er hieß, weiß ich nicht.
Er sagte: "Ihr könnt ruhig Nase' zu mir sagen
(er hatte auch wirklich eine große Nase!), alle sagen sowieso
'Nase' zu mir!" Außerdem stotterte er mächtig
und kam aus Essen.
Jetzt hatten wir wirklich bis zum nächsten Montag Urlaub.
"Nase" umsorgte uns zehn Männlein in den nächsten
Tagen. Tag für Tag zog er mit uns durch die Stadt und zeigte
uns Nowgorod. Wir schauten uns die Ausgrabungen an der Sophienkathedrale
und deren Renovierung an. Da sich in Nowgogrod mächtige Kämpfe
abgespielt hatten, war die Stadt sehr zerstört. Nicht weit
von der Kathedrale sahen wir auch das Denkmal "Tausend Jahre
Rußland". Dieses war während des Krieges nach
Sibirien in Sicherheit gebracht und erst kürzlich wieder
aufgestellt worden. Der Besuch des Nowgoroder Kreml und des Museums
war ebenfalls interessant. Somit haben wir in einer Woche noch
viele wichtige Sehenswürdigkeiten dieser Stadt kennen gelernt.
Am folgenden Montag klappte dann auch die Heimfahrt, und so kamen
wir am Dienstag in der Frühe in Borowitschi an. Wir waren
wieder zu Hause. Jetzt mussten wir unsere schönen "sozialistischen"
Kleidungsstücke wieder abgeben und bekamen unsere alten Klamotten
zurück. Die ganze Sache hatte ja nur einen Sinn, wenn wir
unser neues sozialistisches Wissen den Anderen in unserer Baracke
mitteilten. Ob wir wollten oder nicht: Auch ich musste einen Vortrag
halten. Im Grunde bestätigte ich nur das, was immer schon
von der "Antifa" erzählt wurde. Viel interessanter
fanden sie aber die Berichte über die Stadt Nowgorod. Somit
ist die FDJ-Episode auch vorübergegangen, und meine Arbeitsbrigade
hatte mich wieder.