Ausbruchwelle aus russischer Kriegsgefangenschaft 1946
Seit 1945 saßen wir zu ca. 3000 im Kriegsgefangenenlager
Borowitschi. Wie das so ist, bildet sich bei allen Lebewesen im
Frühsommer ein gewisser Freiheitsdrang mit der Folge, dass
die Flucht von Gefangenen aus dem Lager bzw. aus den Arbeitsbrigaden
plötzlich losging. Eine Unruhe breitete sich aus, die auch
bei den Russen zu großer Nervosität führte. Die
Flüchtenden wollten sich nach Leningrad absetzen, um irgendwie
mit einem Schiff nach Schweden zu gelangen. Keiner kam aber durch.
Alle sind irgendwo erwischt worden.
Ein Vorfall, der sich in unserem Lager abspielte: Das Kommando
"4711" (!) bestand aus zwei Landsern, einem Pferd und
einem Kesselwagen. Ihre Aufgabe war es, die Latrinen zu leeren
und abzufahren. Sie konnten ohne Kontrollen das Haupttor passieren.
Was wollte man da auch schon kontrollieren? Eines Tages kamen
sie nicht zurück. Man fand Pferd und Kesselwagen irgendwo
im Gelände. An diesem Tage war der Kesselwagen nicht mit
"4711" gefüllt, sondern zwei Gefangene hatten sich
darin versteckt. So kamen sie mit zwei blinden Passagieren unbemerkt
aus dem Lager. Wie es hieß, hat man sie auch wieder eingefangen.
Es war auch bestimmt nicht einfach, bis Leningrad zu kommen -
und dann noch zum Hafen, das war undenkbar.
Während dieser Fluchtwelle kam eines Tages ein Propagandist
von der Antifa - ein ehemaliger Rotspanienkämpfer der Internationalen
Brigade - auf die Idee, uns einen mahnenden Vortrag zu halten.
Er stellte sich im Mittelbereich der Baracke auf und legte los.
Zunächst erzählte er etwas vom Sozialismus, was wir
sowieso alles schon wussten, dann kam er zur Sache: Wir hätten
doch hier unsere Pflicht zu erfüllen, Russland wieder aufzubauen
usw usw. Dann ging es richtig los: "Kameraden, Genossen,
ihr habt doch schon von dieser Fluchtwelle gehört. Stellt
euch vor, ihr brecht aus und kommt tatsächlich durch und
zu Hause an! Ihr klingelt an der Wohnungstür, und eure Frau
macht auf. Sie sieht euch an und fragt: 'Wo kommst du denn her?'
Dann sagt ihr, dass ihr aus russischer Gefangenschaft abgehauen
seid. Dann könnt ihr euren Frauen doch nicht mehr mit gutem
Gewissen in die Augen sehen, denn sie werden euch fragen, ob ihr
auch schon an dem russischen Volk eure Wiedergutmachung erfüllt
habt?? Was wollt ihr dann antworten??" Hierbei steigerte
er sich so, dass seine Stimme sich fast überschlug.
Jetzt war es den Landsern zu viel geworden. Sie buhten und pfiffen
den Redner nieder. So viel sozialistischen Unsinn hatten sie noch
nie gehört. Wütend verließ er die Baracke, beschimpfte
uns als Faschisten und als nicht zu bekehrende Nazis. Es wurde
so lange gebuht und gepfiffen, bis er verschwunden war. Jetzt
fing aber bei uns das Problem an. Wenn er nun den Russen diesen
Vorfall berichten würde, was wird dann mit uns geschehen?
Fragen über Fragen. Wir sind ja soeben wieder zu Faschisten
und Nazis erklärt worden. Gespannt warteten wir ab. Aber
es geschah nichts. Die Nacht verging auch ohne Vorkommnisse. Der
nächste Tag blieb ebenfalls ruhig, und wir beruhigten uns
auch wieder.
Wahrscheinlich hat der verantwortliche russische Offizier diesem
rotspanischen Redner erst mal klar gemacht, wo die Grenze der
Dummheit liegt. Jedenfalls haben wir nie wieder etwas von diesem
Manne gehört. Irgendwie tat uns der Mann auch leid: Seit
1936 als Deutscher bei den Internationalen Roten Brigaden in Spanien,
dann in Frankreich interniert, vor dem deutschen Frankreichfeldzug
noch in der damals sicheren Sowjetunion eingetroffen, als Deutscher
dann wahrscheinlich auch wieder interniert, und dann als verirrter
Antifaschist bei uns im Lager ohne Ziel und Hoffnung - da kann
man schon irrsinnig werden!
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