Seit fast zweieinhalb Jahren saß ich im sowjetischen Kriegsgefangenenlager
Borowitschi, als der Dezember 1947 nahte. Wegen Dystrophie war
ich zu dieser Zeit im Krankenlager. Der Schnee war reichlich,
und die Kälte hielt sich in Grenzen, -10 bis -15 Grad wurden
nicht unterschritten. Plötzlich eine unheimliche Aufregung:
Es hieß, es sollte ein Heimkehrertransport zusammengestellt
werden. Und so war es auch.
Die Listen wurden erstellt, die Namen verlesen, und wir Dystrophiekranke
waren auch dabei. Die Ereignisse überschlugen sich. Gruppenweise
ging es zur Banja (Badehaus) und zur Entlausung, obwohl wir während
der ganzen Gefangenschaft keine Läuse mehr hatten. Aber der
Gang zur Banja war immer mit einer Entlausung verbunden. Anschließend
wurden wir in der Kleiderkammer neu eingekleidet, d.h. ansehnlicher.
Nochmals wurden die Namen verlesen. Es stimmte noch. Ich war immer
noch dabei!! Die Angst, dass ein Name plötzlich nicht mehr
dabei sein könnte, war riesengroß.
Es war der 6. Dezember, der Nikolaustag. Die große Stunde
war da. Wir wurden vom russischen Lagerkommandanten verabschiedet
und bekamen von der Küche unsere Marschverpflegung, die im
Handumdrehen aufgegessen wurde. Jetzt warteten wir nur noch auf
die Lastwagen, die uns zum Bahnhof bringen sollten. Nun hatte
es in der letzten Nacht mächtig geschneit, und es schneite
immer noch. Es hieß, der Schneepflug müsse erst räumen,
damit die Lastwagen kommen könnten. Dieses war wirklich einzusehen,
denn alles war total verweht.
Der Nachmittag kam und die Dunkelheit auch, denn um halb vier
war es schon dunkel. Da kam die Meldung: Heute geht nichts mehr,
die Schneepflüge hätten es nicht mehr geschafft. Da
wir unsere Verpflegung ja schon aufgegessen hatten, kochte uns
die Lagerküche noch eine Abendsuppe. Enttäuscht legten
wir uns zur Ruhe und warteten auf den nächsten Tag. So um
Mitternacht wieder große Unruhe. Namen wurden verlesen und
gruppenweise ging es wieder zur Banja. So ging es bis zum Morgen.
Was war bloß los?
Dann wurde es ruhig, und jemand von der Lagerleitung kam und las
noch einmal die Liste vor. Nun war alles aus. Zirka 70 Namen waren
von der Liste gestrichen. Darunter war auch mein Name. Etwas Schlimmeres
kann man sich gar nicht vorstellen. Mit tränenden Augen sahen
wir den Tag kommen, während die Anderen zum Tor zogen um
die eingetroffenen Lastwagen zu besteigen. Wir Zurückgebliebenen
sind in ein tiefes Loch gefallen!
Was war geschehen? Hatte man, da ja noch Zeit war, die Krankenblätter
noch einmal durchstudiert, um noch mal zu sieben? Ober sind vielleicht
zwei Waggons nicht gekommen, sodass man einige von der Liste streichen
musste? Es war eine Enttäuschung, die man nicht beschreiben
kann!
Jetzt wurden wir erst einmal zur Arbeit im Krankenlager eingeteilt.
Ich wurde Wasserträger vom Brunnen zur Küche und zur
Banja. Der Brunnen war ein typischer Ziehbrunnen und total von
Eisfeldern umgeben. Eine Arbeit, die an alte russische Lieder
erinnerte. Eines Tages kam der Barackenälteste zu mir und
teilte mir mit, dass ich mich morgen in der Lagerschlosserei melden
solle. Diese Schlosserei war mit einer Schmiede kombiniert. Nebenan
waren die Schreinerei, Kleiderkammer, Schuhmacherei usw. Dieser
ganze Komplex war die Instandhaltungszone und lag in der äußersten
Ecke des Lagers. Unsere Aufgabe diente der Lagerfunktion. Da die
alten Baracken nach und nach abgerissen und durch Lehmziegelhäuser
ersetzt wurden, hatten wir allerhand zu tun: Türscharniere,
Verschlüsse und sonstige Beschläge. Jetzt wurde ich
in die Lagerstammkompanie versetzt und kam somit in die Stammbaracke.
Das war ein Glückstreffer, denn nun fiel ich nicht mehr unter
die Arbeitsgruppenuntersuchungen.
So nach und nach hatte ich mich jetzt wieder gefangen. Da wir
auch oft im Küchenbereich zu tun hatten, fiel auch etwas
für unseren Magen an. Da dieses ein Krankenlager war, herrschte
hier ein ganz anderes Klima. Es war alles viel persönlicher.
Die Härte des Arbeitslagers war gewichen, und es war auch
alles leichter zu ertragen. Es gab sogar evangelische Gottesdienste
und katholische Messen, immer abwechselnd in irgendeiner Baracke
oder im Clubhaus. Wenn die "Evangelen" im Clubhaus waren,
waren die "Katholen" in irgendeiner Baracke. Am nächsten
Sonntag war es umgekehrt. Der katholische Pfarrer war zugleich
Leiter der Kleiderkammer. Er hieß Karl Stehmann, und wenn
es ihm zu kalt wurde in seiner Baracke, kam er zu uns in die Schmiede,
wärmte sich und erzählte Dönekes aus dem Münsterland.