Ostern 1948 nahte und ging vorbei. Die letzten Schneeschauer versuchten
noch, den Winter zu halten. Eines Tages in der 2. Aprilhälfte
überschlugen sich die Ereignisse im Kriegsgefangenlager bei
Borowitschi, in dem ich seit 1945 war. Beim Verlassen der Werkstatt
kam mir einer entgegengerannt und rief mir zu: "Die Transport
JU ist da!!!"
Die "Transport-JU" war die russische Ärztin, welche
die Heimkehrertransporte zusammenstellte. Sie war also die wichtigste
Person, die es überhaupt gab. Also die Beine im Nacken und
hin zur Ambulanz. Ich kam gerade noch recht. Ausziehen, hinstellen,
umdrehen, kneifen lassen und wieder angucken. Dann Stirnrunzeln,
Bauch betasten usw. Dann hörte ich das russische Wort "tri"
d.h. "drei". Das war die Invalidengruppe. Meine Operationsnarben
haben die Gruppe 3 möglich gemacht. Am nächsten Tag
wurden auch schon die Namen verlesen, und ich war auch dabei!
Nun ging alles Schlag auf Schlag. Sauna, neue Einkleidung und
nun schon wieder eine Tragödie: Im Handumdrehen hatten wir
wieder eine Glatze. Dieses war zwar traurig, war aber eine sichere
Heimkehrgarantie. Der 4. Mai: Noch einmal große Heimkehrerschau.
Alles Invaliden (Gruppe 3).
Am nächsten Tag große Verabschiedung von der Lagerleitung.
Am Abend vor dem Tor die letzte große Filzung, wobei man
sehr, sehr großzügig war. Dann durften wir in Richtung
Borowitschi gehen, total zwanglos und ohne Bewachung. Es waren
immerhin bis zum Bahnhof ca. 27 km. Es wurde dunkel und dunkler.
Auf einer Wiese vor den Toren der Stadt wurden wir abgefangen
und gesammelt. Es waren Russen da, die für uns schon Aufwärmfeuer
gemacht hatten. Im Morgengrauen ging es dann geschlossen zum Bahnhof.
Siehe da: Der Zug stand schon bereit. Wir wurden nochmals verlesen
und bekamen unsere Wagen zugeteilt, und dann konnten wir herumrennen,
wie wir wollten. Dann setzte sich der Zug in Bewegung, und wir
verließen trotzdem mit etwas Wehmut den Bahnhof Borowitschi.
In zehn Tagen waren wir zu Hause!
Skora Domoi - Bald geht es nach Hause! Wie oft schon haben wir
diese zwei Worte gehört. Nun war es tatsächlich soweit.
Wir saßen wirklich in einem Güterwaggon und verließen
den Bahnhof Borowitschi in westlicher Richtung. Die Stadt entschwand
am Horizont. Das Letzte, was wir noch sahen, waren die Dunstwolken
der Industriebetriebe. Ich weiß heute nicht mehr genau,
welche Strecke wir fuhren. Die Hauptsache war: Es ging gen Westen.
Am Stand der Sonne konnten wir immer unsere Richtung feststellen.
Die Verpflegung war relativ gut. Die großen Schiebetüren
waren nicht verschlossen, sodass wir die vorbeigleitende Landschaft
genießen konnten. Der Waggon war mit Pritschen ausgestattet,
womit wir auch alle einen Liegeplatz hatten. Nach Sonnenuntergang
legten wir uns langsam zur Ruhe, und unter der ratternden Musik
der Räder hatten wir einen tiefen Schlaf.
Nach einigen Tagen waren wir in Brest. Hier mussten wir umsteigen
auf europäische Normalspur und waren dann auch schon in Polen.
Von unserer russischen Eskorte sind wir vor den polnischen Soldaten
gewarnt worden. Angeblich hätten sie deutsche Heimkehrer
des öfteren ergriffen und in polnischen Lagern nochmals zur
Arbeit eingesetzt. Polnische Frauen dagegen hatten uns an Haltepunkten
mit Brot und Plinsen versorgt.
In Warschau wurden wir auf einen Verschiebebahnhof geschoben und
erst einmal abgestellt. Es dauerte nicht lange, da wurde ein zweiter
Zug neben uns geschoben. Das war ausgerechnet ein polnischer Militärtransport,
der am Vortag bei der Siegesfeier zum 8. Mai in Warschau teilgenommen
hatte. Nun hatten wir Angst um unsere Sicherheit. Unsere russische
Begleitmannschaft war nicht besonders stark. Plötzlich wurde
von außen unsere Tür geöffnet und polnische Soldaten
stiegen in unseren Waggon. Jetzt geschah etwas wundersames. Sie
gaben uns Brot und Zigaretten und unterhielten sich mit uns. Später
stiegen sie dann ganz friedlich um, wieder in ihren Zug. Also
kein "Menschenraub"!
Am nächsten Morgen ging es weiter nach Frankfurt/Oder. Wir
wurden ausgeladen und durften noch in einem russischen Magazin
einige Stunden Kisten stapeln. Auf der Fahrt allerdings mussten
wir noch eine Dankschrift an die Sowjetunion schreiben und unterschreiben.
Hierbei mussten wir uns so ganz nebenbei verpflichten, niemals
mehr gegen die Sowjetunion anzutreten. Nach dem Arbeitseinsatz
in dem russischen Magazin wurden wir dann feierlich von den Russen
verabschiedet und dem deutschen Roten Kreuz übergeben. In
Gronenfelde, einem Ortsteil von Frankfurt, war das Auffanglager
des Roten Kreuzes. Hier hatten aber die Antifaschisten der SED
das Sagen. Sie machten uns den Westen mies und sammelten Unterschriften
für ihre Resolutionen gegen die Machenschaften der westlichen
Alliierten. Jedes Mal wenn wieder einer auftauchte, liefen wir
weg und wurden als neue Faschisten beschimpft.
Am nächsten Morgen: Fertigmachen der Westzonenbewohner, der
Transport nach Friedland wurde zusammengestellt. Es ging dann
alles sehr schnell. In Erfurt hatten wir eine Zwischenstation.
Irgendwo in der Nähe des Domes bekamen wir ein Mittagessen,
richtig mit Tischdecken, Tellern und Besteck. Für uns etwas
ganz Neues. Dann wieder zum Zug, und weiter ging es der Grenze
entgegen. An irgendeinem kleinen Bahnhof war Schluss. Im Wartesaal
und in den Nebenräumen wurde übernachtet. Am frühen
Morgen ging es dann zum Übergang.
Wir sahen schon von weitem die jeweiligen Flaggen der Besatzungsmächte.
Vor uns die Sowjetflagge, weiter weg jenseits des Niemandslandes
die britische Flagge. In Fünferreihen wurden wir aufgestellt,
und dann die letzte Zählung. Als wir in der Mitte des Niemandslandes
ankamen, rissen sich die ersten Landser die Knöpfe mit den
Sowjetsternen von ihren Jacken und Mänteln und warfen sie
zurück in sowjetischer Richtung. Dies war der befreiende
Abschluss!
Als wir dann den britischen Schlagbaum passierten, war das Ende
der sowjetischen Beeinflussung erreicht. Hier wurden wir vom Roten
Kreuz, der Caritas, der Diakonie und auch der Heilsarmee sowie
von anderen christlichen Organisationen empfangen. Nach einer
kurzen Begrüßungsansprache und einem Dankgebet erscholl
das TE DEUM über unsere Ankunftsstelle. Keiner schämte
sich der Tränen. Dann gab es ein Begrüßungsfrühstück
an Ort und Stelle. Einen Becher Kakao und zwei belegte Brotstullen.
Wer nun seinen sowjetischen Becher (Konservendose) oder dergleichen
weggeworfen hatte stand nun da. Aber diese Fälle waren schon
bekannt und richtige Becher standen bereit.
Plötzlich war die Welt ganz anders. Für uns war dieses
alles wie ein Wunder. Jetzt nur nicht wach werden und alles ist
nur ein Traum, wie schon so oft in den letzten Jahren. Aber wir
wurden nicht wach. Per Omnibus ging es nach Friedland zum Auffanglager.
Hier war es erschütternd, wie viele Frauen mit den Fotos
ihrer Männer oder Söhnen am Rande unseres Weges standen
und uns um Auskunft über ihre vermissten Angehörigen
ansprachen. Im Lager dann die übliche Ungezieferbekämpfung
mit Desinfektionspulver. Danach Einweisung in unsere Unterkünfte.
Am Abend dann ein großer Dankgottesdienst. Da alle aber
doch sehr übermüdet waren, haben einige sogar den Gottesdienst
verschlafen, darunter auch ich. Als wir endlich erwachten, ging
es erst einmal zur Poststelle, um ein Telegramm nach Hause zu
schicken. Immer noch hatten wir Angst, wach zu werden.
Der nächste Tag verlief ruhig und trotzdem aufregend. Alles
war für uns so neu, dass wir kaum damit fertig wurden. Plötzlich
Aufregung. Alle, die in der britischen Besatzungszone beheimatet
sind, sofort fertig machen! Es geht noch heute Nacht ein Transportzug
nach Münster in Westfalen, und wir würden noch am 1.
Pfingsttag 1948 nach Hause entlassen. Da wir sowieso nichts zu
packen hatten, ging alles wieder sehr schnell. Es ging zum Sonderzug
nach Münster und bald fuhren wir ab. Um 8.00 Uhr in der Frühe
fuhren wir in den Bahnhof Hamm ein. Als wir hielten, sahen wir
auf dem Bahnsteig eine 4 Personengruppe: Vater, Mutter, Sohn und
Tochter. Sie hatten eine Gitarre dabei und wollten wohl einen
Pfingstausflug machen. Da es ein sehr heißer Tag war, waren
sie entsprechend sommerlich gekleidet.
Für uns war so etwas ganz was Neues. Wie konnte man nur an
einem Ruhetag so etwas unternehmen?! Es war doch viel wichtiger,
sich auszuschlafen und zu nähen. Plötzlich fingen sie
auch noch an zu singen, mit Gitarrenbegleitung. Im Handumdrehen
stiegen die Landser aus und umstanden die Sangesgruppe. Sie sangen
aus frohem Herzen Wanderlieder. Unter anderem: "Meister gib
mir die Papiere, Meister gib mir meinen Lohn" - wie konnte
man nur?. Den größten Eindruck machte aber das Lied
von der Köhlerliesel. Als das Lied beendet war, bekamen sie
vom Bahnhof und aus dem Zug einen Applaus wie in der Staatsoper.
Der Bahnhofslautsprecher musste mehrere Male zum Einsteigen auffordern,
denn wir mussten ja noch weiter nach Münster. Dieses Bahnsteigerlebnis
hat sich tief in unsere Seelen eingegraben. Stießen hier
doch plötzlich zwei Welten aufeinander, wovon die freie Wanderwelt
von uns nur schwer zu verstehen war.
In Münster, in einer Kaserne, hielt unser Zug, und wir wurden
von englischen Soldaten empfangen. Wieder wurden wir pulverig
entlaust. Nach einer ärztlichen Untersuchung - Krankheitsbefund
Dystrophie - begannen die Entlassungsformalitäten - Fingerabdruck
usw. Nach der Entlassung konnten wir mit demselben Zug, der nach
Münster Hauptbahnhof gefahren war, wieder die Kaserne verlassen.
In Münster stiegen wir dann in den Interzonenzug nach Frankfurt/Main.
In Dortmund stieg ich dann mit zwei anderen Landsern, die auch
im Raum Dortmund wohnten, aus. Die Straßenbahn nach Hörde
fuhr erst ab Neutor. Da es ein sehr heißer Tag war, war
ich in meinem russischen Mantel mächtig mit der Schwitzerei
beschäftigt.
In Hörde musste ich umsteigen, wo mich gleich einer aus Schüren
erkannte. Er stieg zwei Haltestellen vorher aus, und die Nachricht
ging wie ein Lauffeuer schnell durch die Gemeinde. Als ich die
Wohnungstür aufmachte, kam ich gerade zum Kaffeetisch zurecht.
Überraschung und Freude waren riesengroß. Zwei Tage
nach meinem Telegramm aus Friedland war ich auch schon da. Jetzt
gab es erst das große Bad auf der Tenne. Nachdem ich meine
eigenen Sachen anhatte, wurde gemeinsam der Pfingstkaffee genossen.
Übrigens: Noch monatelang hatte ich Angst, wach zu werden.
An den Folgen des Hungerschadens haben die Ärzte noch jahrelang
repariert. Bis auf einige Kleinigkeiten haben sie es auch geschafft.
Heute noch habe ich manchmal das Gefühl, für Sekunden
wieder mittendrin zu stecken.