22. August 1944: 220 Bomben auf die FLAK-Batterie 213/VIII in Odertal (Oberschlesien)
Dieser Bericht wurde von Horst Ahrens zusammengestellt, mit Texten
von Engelbert Milde, Georg Rosmus, Paul Niewalda, Werner Hofert,
Günter Dlugosch und Viktor Janetzko . Die Fotos stammen von Engelbert Milde.
Wir waren Schüler der Moltke-Schule, städtische Oberschule
für Jungen in Oppeln, in Oberschlesien. Die Kameraden der
Klassen 5a und 5b, soweit sie den Geburtsjahrgängen 1927
und 1928 angehörten, wurden im Dezember 1943 auf "Luftwaffenhwelferftauglickeit"
ärtzlich unterssucht und bekamen dann ihren "Einberufungsbescheid"
per 12. Januar 1944. Sie hatten sich in Odertal bei der FLAK-Untergruppe
Oberschlesien-West zu melden und wurden dort auf die vier Heimat-FLAK-Batterien
mit den Nummern 213/VIII, 218/VIII, 223/VIII und 242/VIII verteilt.
Die hier berichtenden Kameraden Engelbert Milde und Paul Niewalda
gehörten zur 213/VIII. Günter Dlugosch, Viktor Janetko und ich waren Angehörige der Nachbarbatterie 223/VIII.
Georg Rosmus kam vorübergehend von der Batterie227/VIII aus
Eschendorf in die 213/VIII.
US-Bomber hatten ab Juli 1944 schon mehrfach Angriffe auf Odertal
geflogen. In diesem Bericht geht es um die Vernichtung der Heimat-FLAK-Batterie
213/VIII am 22. August 1944 durch US-Bomber.
Engelbert Milde berichtet:
"Dienstag, der 22.08.1944. Ein strahlender Sonnentag, blau
und wolkenlos der Himmel. Die Oberschüler der FLAK-Batterie
213/VIII haben Unterricht. Das sommerliche Wetter lenkt ab und
erschwert die Aufmerksamkeit. Ein Fliegeralarm würde die
Paukerei beenden und Abwechslung bringen, so denken nicht wenige
Schüler.
In der Unterrichtspause wird dann bekannt: Starke amerikanische
Bomberverbände sind in Italien gestartet. Sie haben auf ihrem
Flug Ungarn erreicht'. Schließlich wird es zur Gewissheit:
500 bis 600 feindliche Bomber befinden sich im Anflug auf Oberschlesien.
Gegen 10.30 Uhr wird Fliegeralarm gegeben. Wir Luftwaffenhelfer
eilen zu unseren Plätzen an den Geschützen und Geräten.
Doch bald zeigt sich ein altes Problem: Die als FLAK-Hilfssoldaten
verpflichteten Mitarbeiter des Odertaler Werkes sind nicht zur
Stelle. Die Batterie ist aus diesem Grund personell unterbesetzt.
Es muss umdisponiert werden. Positionen werden getauscht, die
Mannschaftsstärke an den Geschützen und Geräten
verringert sowie Luftwaffenhelfer und ein russischer Kriegsgefangener
als Ladekanoniere eingesetzt.
Auch ich bin von dieser Maßnahme betroffen. Die Reservemannschaft
des Kommandohilfsgerätes, die aus den frisch geschulten Kräften
der Batterie 213/VIII besteht, wird auf die Geschütze verteilt.
Ich nehme meine frühere Position als Seitenrichtkannonier
am Geschütz Dora' ein. Wahrscheinlich verdanke ich
dieser Regelung mein Leben, denn die meisten Toten sind später
unter den Luftwaffenhelfern des Kommandohilfsgerätes zu beklagen.
Und dann beginnt das Warten. Endlich tauchen sie auf: Dunkle Punkte
am blauen Himmel, dicht an dicht. Die Punkte werden größer
und größer, Konturen zeigen sich. Dann erkennen wir
sie, die amerikanischen Bomber des Typs Fortress II' und
Liberator'. Das Motorengeräusch der anfliegenden Maschinen
wird immer stärker. Als die Bomber in die Reichweite unserer
Geschütze gelangen, kommt der Schießbefehl. Wir feuern.
Schuss auf Schuss, Gruppe auf Gruppe.
Ein feindlicher Bomber wird getroffen und explodiert in der Luft;
ein zweiter wird lahm geschossen, schert aus dem Verband aus und
gleitet mit brennenden Motoren im langsamen Sinkflug nach unten.
Sein tödliches Ende sehen wir nicht.
Dann plötzlich übertönen laute Detonationsgeräusche
den Geschützdonner und das Dröhnen der Flugzeugmotoren.
Die feindlichen Fliegerbesatzungen haben angefangen, die todbringende
Last ihrer Bomben abzuladen. Die Bombeneinschläge dieser
Angriffswelle beginnen etwa 400 m vor der FLAK-Stellung. Der zweite
Angriff erfolgt fast unmittelbar. Die Bombeneinschläge dieser
Angriffswelle enden erst kurz vor den Geschützstellungen.
Druckwellen erreichen uns und lassen das Geschütz erzittern.
Der Detonationslärm ist ohrenbetäubend. Wir lassen uns
jedoch trotz aller Ängste nicht beirren und schießen
diszipliniert weiter.
Dann geht alles rasend schnell, so schnell, dass die meisten keine
Zeit finden, sich schutzsuchend auf den Boden zu werfen. (Mein
Freund Peter Böhnisch erleidet am Geschütz Berta'
als Höhenrichtmann - wie wir später erfahren - stehend
seine tödlichen Verwundungen ).
Vor uns plötzlich Erdfontänen detonierender Bomben.
Die Erde ringsum bebt, das Geschütz tanzt'. Ein Inferno
erschreckender Eindrücke bricht über uns herein. Schmerzhaft
laut und bedrohlich nahe das Getöse der Detonationen, das
Krachen, Bersten und Splittern. Zwischendurch Schreie. Qualm und
aufwirbelnde Erde trübt die Sonne. Und dann - es ist eine
flüchtige, aber starke Empfindung - diese unheimliche Stille.
Wir sind wie betäubt. Die Stimmen der Kameraden aus dem Kommandostand
in unseren Kopfhörern sind verstummt, ein Weiterschießen
ist nicht möglich (ich weiß heute nicht mehr, ob wir
die Richtwerte' vom Kdo.Hi. 35 oder vom Malsi-Gerät
bekamen ).
Ein schneller Blick über die Geschützstellung macht
uns betroffen: Bombentrichter an Bombentrichter, am Ort des Kommandohilfsgerätes
ein tiefer Bombenkrater. Folge eines Volltreffers; der Kommandostand
des Batteriechefs mit dem Malsi-Gerät zur Hälfte zerstört;
die Schutzwälle der Geschützstände mit den Munitionsbunkern
an mehreren Stellen zerbomt; besonders schwer getroffen das Geschütz
Berta' mit dem nach unten gerutschten Geschützrohr
(Bombensplitter hatten die Rücklaufbremse durchschlagen);
die Splitterschutzgräben zugeschüttet.
![[Photo: Zerstörter Geschützstand, 1944]](../../../objekte/pict/milde_04/200x.jpg)
Doch der Schrecken ist noch nicht vorüber. Wir gehen in Deckung.
Ein weiterer Bombenhagel geht nieder und zertrümmert die
Dienstbaracken und die Schulbaracke entlang der Geschützstellungen.
Die Bomben der fünften und letzten Angriffswelle vernichten
schließlich auch die Wohnunterkünfte und die Küchenbaracke
längs der Bahnstrecke und besiegeln damit den Untergang der
Heimat-FLAK-Batterie 213/VIII.
Danach:
Wir sammeln uns. Aber nicht alle finden sich ein. Und dann suchen
wir die, die nicht mehr kommen können - und wir bergen sie.
Einen Kameraden finden wir zunächst nicht.
Die toten Kameraden:
Peter Böhnisch, mein Schulfreund und Stubenkamerad aus Oppeln;
Josef Duhsa und Josef Palmer, die neuen Luftwaffenhelfer (Lehrlinge)
aus dem Oppelner Raum;
Edmond Barton, Josef Czapla, Heinz-Gerd Hallermann und Udo Karls,
die von der FLAK-Batterie 227/VIII abgeordneten Luftwaffenhelfer;
Heinz Klamt, Luftwaffenhelfer aus Cosel und Klassenkamerad in
Odertal, er wird tief unter mehreren Erdschichten verschüttet
und erst Tage später nach umfangreichen Grabungsarbeiten
gefunden und geborgen.
Etwa 30 Luftwaffenhelfer werden verwundet, einige schwer. Nur
wenige Luftwaffenhelfer bleiben unverwundet, darunter ich.
Das Areal der Heimat-FLAK-Batterie 213/VIII wird durch die Bombardierung
zu einem Kraterfeld. Die Einschläge mittelschwerer und schwerer
Bomben hinterlassen 220 Bombentrichter.
Am Mittwoch, den 23. August 1944 erfüllen wir wenigen unverletzten
Luftwaffenhelfer, also auch ich, eine traurige Pflicht: In der
Odertaler Leichenhalle identifizieren wir die dort aufgebahrten
toten Kameraden.
Am Freitag, den 25. August 1944 nehmen einige Kameraden und ich
an den Beerdigungen von Peter Böhnisch, Josef Duhsa und Josef
Palmer teil. Die Trauerfeier am Grabe meines Schulfreundes Peter,
einziges Kind seiner Eltern, geht mir besonders nahe. Nach der
Beerdigung bin ich tief erschöpft und habe die Grenze des
psychisch Ertragbaren erreicht.
Die Luftwaffenhelfer der FLAK-Batterie 213/VIII werden nach der
Zerstörung ihrer Stellung vorübergehend aus dem Kampfeinsatz
genommen. Die nicht verwundeten Luftwaffenhelfer beziehen am Spätnachmittag
des 23. August 1944 eine Art Ruhestellung in der Nähe der
Gehöftsgruppe Annahof'. Die Unterbringung erfolgt in
sogenannten Finnenzelten'. Der Platz in den Zelten ist beengt,
und die Qualität des Essens lässt zu wünschen übrig.
In den Nächten frieren wir. Trotz der nicht idealen äußeren
Lebensumstände herrscht in dem Zelt, das ich mit sieben Kameraden
teile, eine besondere Atmosphäre der Kameradschaftlichkeit
und Toleranz. Sie ist geprägt durch die tragischen Geschehnisse
der letzten Tage und das verbindende gemeinsame Erleben.
Die Eindrücke, Empfindungen und Erfahrungen aus dieser Zeit
nehme ich als Gewinn mit in meine Zukunft."
Soweit der ausführliche Bericht unseres Schulkameraden Engelbert
Milde.
Von unserem Luftwaffenhelfer-Kameraden Georg Rosmus aus
der 227/VIII Eschendorf, erhielt ich folgende Zeilen:
"Ich gehörte zu den Luftwaffenhelfern, die zu der 213/VIII
abgeordnet wurden, um unsere dortigen Kameraden in das frisch
angelieferte Kommando-Hilfsgerät 35 (Kdo.Hi. 35) einzuweisen.
Dann kam der Angriff vom 22. August 1944. Ich war in der B
2', am Kdo.Hi.35. ... Wir stehen am Feuerleitgerät, errechnen
und übermitteln die Schusswerte an die Geschütze. Inmitten
des Infernos kommt plötzlich ein Bomben-Zielwurf direkt auf
uns zu. Einer schreit noch D e c k u n g !' Jeder wirft
sich an die nächstgelegene Seite des ausgehobenen Vierecks
der B 2'. Das geschieht in Bruchteilen von Sekunden. Die
B 2' erhält einen Volltreffer. Ergebnis: Einige sind
tot, einige werden durch den Luftdruck aus dem Erdloch geschleudert
und sind verwundet, einige werden nur' verschüttet;
Kamerad Klamt wurde besonders weit aus der Deckung geschleudert
und besonders tief verschüttet.
Tod oder Leben hingen praktisch davon ab, auf welche Seite (des
ausgehobenen Vierecks) man sich geworfen hatte.
Ich war nur bis zur Hüfte verschüttet und bald vom herbeieilenden
Batteriechef, Hauptmann Dzinoh, ausgegraben.
Ich war zwar blessiert, aber nicht so, dass ich dafür bei
diesem Ereignis das Verwundetenabzeichen erhielt.
Die Batterie 213 ist ausgebombt. 220 Trichter liegen in der Stellung.
9 Mann lassen ihr Leben, 30 sind verletzt worden."
Am 16.9.1994 erschien in der Zeitschrift 'Unser Oberschlesien'
ein Artikel unter der Überschrift FLAK-Stellung 213
antwortet nicht mehr'. Dieser Bericht wird auszugsweise wie folgt
wiedergegeben:
".... Die Lage wurde erst wüster, als die Meldung durchkam,
dass immer noch mit einem Angriff auf unser Gebiet gerechnet werden
kann.
Wie eine Bombe schlug die Meldung ein: 200 Bomber mit starkem
Jagdschutz 40 km südlich'. Hatten wir uns doch nicht getäuscht
... Da meldet der Flugmelder auch schon Feindlicher Verband
aus Richtung 6 bis 7, Typ: Fortress II'. Schlagartig setzt
unser Abwehrfeuer ein. Gleich die erste Gruppe' liegt gut...
Wütend schießen wir, was die Rohre hergeben... Der
Bomberverband war wieder eingekurvt, und dieses Mal gilt der Angriff
uns.
Mit einem furchtbaren nervenaufpeitschenden Getöse orgeln
die Bomben heran und schlagen in die Stellung ein. B 1'
fällt durch Volltreffer aus. Wie durch ein Wunder ist niemand
tot. Die nächsten Bomben setzen Anton' und Berta'
außer Gefecht. Aber noch steht die B 2'. Nichts ist
mehr zu sehen. Als die Sicht ein wenig klarer wird, erkennen wir
den Schaden: Wo die B 1' stand, ein Bombentrichter neben
dem anderen, ein Chaos an verbogenen Geräten. Die Gefahr
nicht achtend, springt unser Hauptmann, selbst verwundet, den
Verschütteten und Verwundeten zu Hilfe, trotz der Bombeneinschläge
ringsum. Sein Beispiel ist Ansporn. Emil' und Dora'
sind durch Feindeinwirkung ausgefallen. Nun bergen die (Geschütz-)
Bedienungen die verwundeten Kameraden, graben mit bloßen
Händen nach Verschütteten. Überall sind helfende
Hände, die retten wollen, was zu retten ist. Eine Mannschaft
sind wir in diesem Augenblick, vom Hauptmann bis zum jüngsten
Luftwaffenhelfer.
Dieser Angriff hat uns zusammengeschweißt, und wir sind
einander verschworen auf Leben und Tod. Noch während wir
unsere Kameraden bergen, orgeln wieder die Bomben und schlagen
wieder rund um die Stellung ein...
Den Mund voll Sand, mit keuchend arbeitender Brust, bringen wir
unsere Verwundeten zum Verbandsplatz...
Solange es ging, haben wir geschossen. Doch nach den Volltreffern
war alles aus. Unsere Nachbarbatterien schießen noch. Dann
sind die Maschinen auch für sie außer Bereich...
Mit schleppenden Schritten, gesenkten Köpfen versammeln wir
uns. Verwundert schauen wir uns an. Nur unsere Blicke fragen immer
und immer wieder: Du lebst auch noch? Du kamst auch aus
dieser Hölle heraus ?' Die erste Verwundetenliste wird aufgestellt.
Sie ist lang. Wie schwere Schläge fallen nur die dumpf gemurmelten
Worte:
"Verwundet !" - "Gefallen !" - "Vermißt
!"..."
Kamerad Gerhard Schmack berichtete mir, dass auch er zur
Beerdigung von Peter Böhnisch gefahren war. Beide kannten
sich von Kindesbeinen' an. Die Beerdigung fand auf dem Halbendorfer
Friedhof in Oppeln statt.
Es gelang mir, einen weiteren Oppelner Schulkameraden ausfindig
zu machen, nämlich Paul Niewalda. Von ihm erhielt
ich folgenden Kurzbericht:
"...Zu den Ereignissen selbst folgendes: Bei besagtem Angriff
auf die 213 war ich am Kommandohilfsgerät.
Ich wachte erst im Lazarett mit einem Schultergelenkbruch und
einer Gehirnerschütterung auf, weiß daher vom Angriff
selbst nichts mehr.
Im Lazarett wurde mir das Verwundetenabzeichen und das Kriegsverdienstkreuz
2. Klasse' überreicht, letzteres wohl nur wegen meiner schweren
Verwundung.
Ich bekam im Lazarett einen Stuka' verpasst, d.h. einen
Oberkörpergips, der den linken Arm ruhig stellte. Sieben
Wochen habe ich ihn getragen, dann genügte eine Binde für
den linken Arm. Ich ließ mich ins Heimatlazarett nach Oppeln
verlegen und wurde ausgerechnet in die Moltke-Schule eingewiesen,
die inzwischen Lazarett geworden war.
Anfang Januar 1945 wurde ich dann zu meiner Einheit zurückgeschickt.
Zu meinen eigenen letzten Kriegserlebnissen kurz Folgendes: Ich
wurde mit einem Trupp FLAK-Wehrmännern und 10 Luftwaffenhelfern
von Annahof nach Ratibor zum Erdeinsatz in Marsch geschickt. Der
Standortkommandant von Ratibor hatte aber Mitleid mit uns Jungen
und schickte uns wieder zu unserer Einheit zurück, die wir
dann auf abenteuerlichen Wegen zu viert im Sudetenland erreichten.
Die Übrigen verabschiedeten' sich unterwegs, um zu
ihren Eltern heimzukehren..."
Kamerad Georg Rosmus berichtete mir zusätzlich zu
dem bisher gesagten:
"Mein Schulkamerad Hans Weisbrich wurde durch den Bombenvolltreffer
in der B 2' der 213' aus dieser herausgeschleudert
und erlitt eine Rückratverletzung.
Seine wundersame Rettung aus diesem Inferno hat das spätere
Leben des Kameraden Hans Weisbrich bestimmt: Er wurde Jesuit und
ist nach Ostafrika gegangen, wo er dann im christlichen Sinne
gewirkt hat."
Kamerad Günter Dlugosch von der 223/VIII wußte
zu berichten:
"...Südlich des Werkes, jenseits der Eisenbahnlinie,
an einem Bahn-übergang, lag die 213'. Die 213'
hatte es mächtig erwischt. Ich war ein paar Tage später
dort und sah den Malsi-Bunker, den eine Bombe voll in einer Ecke
getroffen hatte. Man sagte mir, dass alle heil herausgekommen
seien, einen hätte es aber erwischt, angeblich den, der so
lange bei den hohen Außentemperaturen verschüttet war.
Die Überreste des gefallenen Kameraden wurden sofort in einen
Sarg getan. Er durfte den Angehörigen nicht mehr geöffnet
werden."
Kameraden berichteten mir damals, dass sich die Haut des Kameraden
Klamt nach der Bergung seiner sterblichen Überreste sehr
schnell schwarz verfärbte. Das war wohl der Grund dafür,
dass der Sarg nicht mehr geöffnet werden durfte, um diesen
Anblick den Angehörigen zu ersparen.
Kamerad Georg Rosmus schrieb mir:
"23.8.1944, Mittwoch:
Wir buddeln weiter nach Klamt.
Ich gehe mit einigen Kameraden in die Leichenhalle Odertal.
Unsere Aufgabe ist getan. Die Toten sind identifiziert. Bei einigen
sind die Gesichter vom Luftdruck deformiert. Es war schlimm. Mit
drei der toten Kameraden habe ich 6 Jahre lang gemeinsam die Schulbank
gedrückt, davon 1 Jahr bei der FLAK.
Die Katastrophe hat sich schnell herumgesprochen. Eltern erschienen.
Eine Mutter warf sich, vor Schmerz aufschreiend, über den
Sarg ihres Sohnes; ich glaube, es war Frau Czapla. In diesem Augenblick
kann auch ich die Tränen nicht zurückhalten.
Am Abend machen wir Stellungswechsel in Ruhestellung (Annahof).
24.8.1944, Donnerstag:
Die Luftwaffenhelfer der Batterie 213' schlafen in Finnenzelten,
eng zusammengedrückt. Am Tage ist es heiß, in der Nacht
frieren wir; das Essen ist schlecht.
25.8.1944, Freitag:
Beerdigung in Ratibor.
Um 01.00 Uhr in der Nacht werden wir zur Beerdigung abgeholt.
Ein Teil der Kameraden fährt zur Beerdigung von Dusa, Böhnisch
und Palmer nach Oppeln. Ich fahre nach Ratibor zur Beerdigung
von Udo Karls, Josef Czapla und Heinz-Gerd Hallermann.
Die Luftwaffenhelfer der mittleren Heimat-FLAK-Batterie 12/VIII
aus Ratibor und die überlebenden Ratiborer der 213/VIII gaben
Josef Czapla das Ehrengeleit bei seiner Beerdigung auf dem Jerusalemer
Friedhof. Anschließend erwiesen wir auch Udo Karls und Heinz-Gerd
Hallermann auf dem evangelischen Friedhof die letzte Ehre. Es
ist hart, eigene Schulfreunde beerdigen zu müssen, die nur
wenige Meter von uns entfernt gefallen sind. Es ist fast noch
härter, den schmerzerfüllten Angehörigen als Übriggebliebener'
dabei ins Angesicht schauen zu müssen. Ich bin kurz zu Hause
gewesen.
In der Nacht schlafe ich in der 223' und am
26.8.1944, Sonnabend,
fahre ich zur Beerdigung von Barton um 05.00 Uhr nach Bischofswalde.
29.8.1944, Dienstag,
fahren wir zur Beerdigung von Klamt nach Cosel. Die Kameraden
wurden alle mit militärischen Ehren beigesetzt. Ich bin nach
diesen Beerdigungen körperlich und seelisch k.o."
Kamerad Werner Hofert berichtete mir hierzu:
"Als Angehöriger eines nach dem 22. August 1944 eiligst
gebildeten Ehrenzuges habe ich an der Beisetzung eines gefallenen
Luftwaffenhelfer-Kameraden in Cosel teilgenommen. Nach kurzer
Einweisung am Karabiner 98 K' haben wir an seinem Grabe
Salut geschossen. Es wurde dabei keine scharfe' Munition
verwendet."
Warum Johannes Malik und ich dazu ausersehen waren, für den
gefallenen Kameraden einer anderen Batterie (213/VIII) das Ehrengeleit
zu geben, weiß ich heute nicht mehr.
Ich habe jetzt darüber mit einem anderen Kameraden gesprochen.
Der meinte, dass einfach nicht genügend einsatzfähige
Luftwaffenhelfer aus der 213' vorhanden waren, um an allen
Trauerfeiern gleichzeitig teilnehmen zu können, und so griff
man eben auf Luftwaffenhelfer der Nachbarbatterie 223/VIII zurück.
Es ging jedenfalls in ein mir namentlich nicht mehr erinnerliches
Dorf in Oberschlesien. Am Grabe des gefallenen Kameraden standen
wir Luftwaffenhelfer beiderseits des Sarges, gaben ihm so die
letzte Ehre, und dann gab es im Rahmen der Trauerfeier einen militärischen
Ehrensalut (3 x "Hoch legt an - Feuer !"). Dann wurde
die Melodie "Ich hat' einen Kameraden, einen bess'ren find'st
Du nicht" gespielt. Ein Text, der mich sehr ergriffen hat.
Meine Gedanken schweiften ab, ich erinnerte mich an unsere Feuertaufe
vom 7. Juli 1944 und der fehlgeschlagenen Bombardierung unserer
Batterie (223/VIII) am 7. August 1944. Dabei dachte ich: Das
hätte ja ich sein können, der da jetzt in die
Grube gesenkt' wird' - und dann kam etwas, was ich bisher noch
nicht kannte: Einen Leichenschmaus, spendiert von der Familie
des gefallenen Luftwaffenhelfer-Kameraden, mit Vorsuppe, Hauptgericht
und Nachtisch und vielen Getränken. Unvorstellbar in einer
Zeit, wo eigentlich alles rationiert und fast alles nur auf Lebensmittelmarken
zu haben war!
Die noch einsatzfähigen Luftwaffenhelfer von der 213/VIII
wurden vorübergehend aus dem Kampfeinsatz genommen. Sie kamen
in die Nähe des Gutes Annahof'. Die Unterbringung erfolgte
in sogenannten Finnenzelten'. Das waren kreisrunde Häuschen
aus Sperrholzteilen gefertigt, mit einem kegelförmigen Dach.
So etwas kannten wir bis dahin noch nicht.
Soweit die hier untergebrachten Kameraden zum Geburtsjahrgang
1927 gehörten, wurden sie per 9. September 1944 als Luftwaffenhelfer
entlassen und kamen zum RAD. Die restlichen Kameraden wurden nach
einer Erholungs- und Regenerationsphase in die neu aufgestellte
Großkampfbatterie am Annahof eingegliedert.
Kamerad Viktor Janetzko erinnerte sich:
"Nur 7 Mann, darunter unser Proskauer Kamerad Engelbert Milde,
kamen in der 213' mit heiler Haut davon. Alle Übrigen
der Batterie waren entweder tot oder trugen unterschiedlich schwere
Verwundungen davon."
Bei diesem Feindeinsatz waren nicht nur Bomben auf die 213/VIII
gefallen.
Die Fernmeldeverbindung von dem FuMG der 218/VIII zur 223/VIII
war zerstört. Der Flugmelder unserer B 1' kam nach
unten' und zeigte uns auf dem Malsi-Tisch, aus welcher Richtung
die Ame-rikaner anflogen und sagte, welche Flughöhe sie vermutlich
hatten. Als Fluggeschwindigkeit wurde die übliche v/h
110' angenommen. Unser damaliger Batteriechef, Hauptmann Müller,
befahl darauf Planquadratschießen'. Das war praktisch
ein Sperrfeuerschießen in der Luft'.
Ich habe hier die Meinung eines Kameraden übernommen:
"Das war kurz vor der Verlegung nach Annahof', der
Zusammenlegung mit anderen 8,8-cm-Batterien. Da brauchte man das
Feuerleitsystem Aufiere' nicht mehr. An dem Kdo.Hi.35 waren
wir noch nicht ausgebildet."
Der Flugmelder berichtigte unsere Schießergebnisse anhand
der gesehenen Sprengwolken in puncto Höhe' und Vorhalt',
und tatsächlich gelang es uns, mit Hilfe des dabei eingesetzten
Malsi-Gerätes einen feindlichen Bomber abzuschießen.
Zunächst bekam unser Batteriechef wegen der Munitionsverschwendung'
einen Rüffel. Wenig später erhielt er jedoch für
seinen Entschluss zum Planquadratschießen' (mit Abschusserfolg
) - und u n s e r e r L e i s t u n g - das E.K. 2'.
Stolz verkündete Hauptmann Müller nach der Verleihung
seines Ordens vor der versammelten Mannschaft': "Ich
trage es für Euch alle!"
Neben dem Angriff auf die 213/VIII erhielt von uns unbemerkt das
Schaffgotsche Werk wieder Bombentreffer. Wir fragten uns später,
was es da wohl noch zu zerstören gäbe, galt dem Werk
doch kurz zuvor ein lang anhaltender vernichtender Angriff.
Auch Blechhammer soll am 22.8.1944 was abbekommen' haben.
Kamerad Viktor Janetzko berichtete mir:
"Die danach folgenden Flugzeugwellen der Amis (Anmerkung:
Nach der Bombardierung der 213/VIII) legten Bombenteppiche auf
die Benzolabteilung und die Kokerei des Schaffgotsch-Werkes."
Von einem Kameraden aus der Nachbarbatterie 242/VIII erhielt ich
Fotos von einem abgeschossenen Liberator-Bomber. Er schrieb mir,
dass dieses ein Abschusserfolg seiner Batterie gewesen sei.
![[Photo: Abgeschossener Liberator, 1944]](../../../objekte/pict/milde_07/200x.jpg)
Das Oberkommando der Wehrmacht gab für diesen Tag
u.a. bekannt:
"Nordamerikanische Bomber griffen das Gebiet von Wien und
einige Orte in Oberschlesien an. Deutsche und ungarische Luftverteidigungskräfte
schossen 57 feindliche Flugzeuge, darunter 51 viermotorige Bomber
(über dem ganzen Reichsgebiet), ab."
Dem "Geheimen Tagesbericht" vom 22. August 1944
habe ich entnommen:
"200 Feindflugzeuge, Weiterflug ... in oberschlesisches Industrie-gebiet
mit Angriffen auf Heydebreck - Blechhammer - Odertal. Odertal
11.35 Uhr, Abwurf von etwa 500 Sprengbomben. Die Anlage mittelschwer
beschädigt, sonst nur leichte Schäden. Ein Teil der
Bomben in freies Feld. Heydebreck 11.35 Uhr. Abwurf von 150 Bomben.
Geringer Gebäude- und unbedeutender Sachschaden."
Über die Bombardierung der Batterie 213/VIII wird nicht berichtet.
Aus den Unterlagen des Prof. Dr. Konieczny geht hervor, dass die
15. USAF an diesem Tag bei ihren Angriffen auf oberschlesische
Ziele mit 100 Bombern das IG-Farben-Werk in Heydebreck angriff
und 237,25 to Bomben abwarf. Ein weiteres Ziel war Blechhammer.
Das dortige "Hermann-Göring-Werk" wurde mit 26
Bombern angegriffen. Sie warfen 52 to Bomben ab und Odertal (damit
auch die 213/VIII) wurde mit 135 Bombern angeflogen, die 301,25
to Bomben abwarfen.
Bei ihren Angriffen an diesem Tag verlor die 15. USAF 5 "Fliegende
Festungen" (Fortress II) und 13 Liberator-Bomber.
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