Kollektives Gedächtnis

Dieser Eintrag stammt von Kurt Elfering (*1922)
aus Schwerte,
Februar 2011:
   Kriegsgefangene


Feilenhauer in russischer Kriegsgefangenschaft


In russischer Kriegsgefangenschaft in Borowitschi erlernte ich das Feilenhauerhandwerk. Vorher war ich aber noch kurz ein Dachdecker: In einer Nebenhalle befanden sich der Kupolofen und die Gießerei. Das Dach war undicht und musste dringend abgedichtet werden. Nun musste ich mit zwei Dachexperten das Dach besteigen, um die undichten Stellen zu finden. Wie ich das geschafft habe, ist mir heute noch ein Rätsel. An der Außenwand der Halle ging es eine Feuerleiter hoch. Oben am Dachrand ging es dann über die Regenrinne etwas rückwärts auf die Dachkante. Von unten her wussten wir ungefähr, wo wir suchen mussten. Gott sei Dank hatte das Dach nur eine geringe Neigung. Nachdem wir alles festgestellt und notiert hatten, ging es zu Mittag wieder herunter in die Werkstatt, um die benötigten Reparaturteile zu fertigen. Am nächsten Morgen ging es dann wieder nach oben. Die schweren Teile wurden mit einem Seil hochgezogen, und die Kleinteile hängten wir uns um die Schulter. Einen Eimer mit einem heißen Teergemisch hatten wir auch mit dem Seil hochgezogen. Jetzt wurden die undichten Stellen aufgesucht, mit den Reparaturblechen ausgelegt und mit Teer abgedichtet. Zur Mittagspause mussten wir aber wieder herunterklettern, um unsere Suppen zu essen. Danach ging es wieder hoch. Es war ja nur gut, dass die Russen so gerne eine Zigarettenpause einlegten. Somit hatten wir eigentlich eine geruhsame Beschäftigung. Bei jeder Zigarettenpause durfte ich mir eine von ihrem Machorka mitdrehen. Insgesamt hatten wir mit dieser Dachreparatur drei Tage zu tun. Ich muss ehrlich sagen, dass die Russen sehr lieb mit mir waren. Das Aufbauendste waren die Versicherungen, dass wir Weihnachten 1945 bestimmt zu Hause sein würden. Ich glaube sogar, dass es ihre ehrliche Meinung war.

Als die Dachgeschichte erledigt war, bekam ich meinen Arbeitsplatz in der Feilenhauerei. Und das kam so: In dieser Zentral-Mechanischen Werkstatt waren alle wichtigen Betriebe des örtlichen Kombinates zusammengelegt. Hier wurde produziert, und es wurden auch Reparaturen durchgeführt. Diese Zentralanlage bestand aus mehreren Hallen: Einer Gießerei mit einem Kupolofen, (wo ich soeben noch als Dachdecker mitgewirkt hatte), einem Hammerwerk, einer großen Montagehalle mit mehreren Kranbahnen mit allen dazugehörenden Maschinen. Es war also ein großer Komplex.

Neben dem Hammerwerk war ein kleiner Anbau mit der Feilenhauerei. Hier war ich stationiert. Meine Aufgabe war es, die abgenutzten Feilen für die Feilenhauerei vorzubereiten. An einem großen Schleifstein, der eine Spezialauflage für die Feilen hatte, musste ich die abgenutzten Zähne abschleifen. Dann wurden diese Feilen zum Ausglühen abgeholt. Währenddessen hatte ich aber schon die ausgeglühten Feilen vom Vortag bereitliegen. Diese mussten jetzt in mehreren Arbeitsgängen eine glatte und ebene Oberfläche bekommen. Wer nun nicht weiß, wie das vor sich geht, kommt nicht weiter. Ich war überrascht, wie einfach das war.

Eine große Vierkantfeile wurde mit Alu-Spannbacken waagerecht in einen Schraubstock gespannt, und das geglühte Feilenblatt wie bei der normalen Feilerei darüber hinweggeführt. Bei diesem Verfahren wurde das Feilenblatt absolut plan. Beim letzten Arbeitsgang wurde das Blatt dann noch über eine Schlichtfeile geführt. Jetzt bekamen die Feilenhauer diese Rohfeilen. Von meinem Schraubstock konnte ich die Tätigkeit der Feilenhauer sehr gut beobachten. Zwei Feilenhauer waren bei der Arbeit. Ein älterer -wohl der Meister - mit einem typischen russischen Vollbart, und Kolka, ein noch junger Bursche. Mit beiden kam ich sehr gut aus. Sie brachten mir dann und wann schon mal etwas mit; Tabak, auch mal Kartoffeln, die ich in der Schmiede nebenan gut kochen konnte. Wir sind ein richtiges Arbeitsteam geworden. Kolka hatte in der Schule Deutschunterricht, und ich war sein bester Hilfslehrer. Er war so geschickt in der Feilenhauerei, dass er nebenher noch in einem Buch lesen konnte. Er meinte, die Feilenhauerei sei gar nicht so schwer. Ich solle es auch mal probieren. Er würde mir das schon beibringen.

Der Arbeitsplatz sieht folgendermaßen aus: Ein großer stabiler Holzklotz, darauf ein dicker Stahlklotz und darauf eine Bleiplatte. Dahinter vor den Fenstern die Werkbank mit den Werkzeugen. Man setzte sich auf einen Hocker vor dieser Klotzanlage, legte ein Feilenblatt auf die Bleiplatte. Eine Lederschlaufe wurde an beiden Enden der Feile angelegt, dann wurde mit den Füßen die Schlaufe so gespannt, dass die Feile fest an die Bleiplatte gedrückt wurde. Jetzt wurden der richtige Meißel und der richtige Hammer genommen, und es konnte losgehen. Der Meißel hatte einen besonderen Schliff und auch eine besondere Form, denn er musste mit der ganzen Handfläche geführt werden. Der Hammer hat auch ein besonderes Format. Er hat eine kompaktere Form, und auch der Stiel ist kürzer. Der erste Hieb erfolgt ungefähr zwei Zentimeter hinter dem Feilenheft mit einem Winkel von ca. 30 Grad. Wenn der erste Hieb geschlagen ist, hat sich das Material in Schlagrichtung zu einer Schneide gebildet. An der Rückseite entstand eine kleine Wulst. Jetzt wird mit einem Feingefühl - welches sich langsam entwickelt hat - der Meißel behutsam gegen die Wulst geführt und der nächste Hieb erfolgt.

Im gleichen Rhythmus geht es jetzt so weiter. Jetzt erfolgt die zweite Hiebfolge. Es wird wieder am Heft angefangen. Der erste Hieb erfolgt wieder mit 30 Grad, aber entgegengesetzt. Jetzt darf aber nicht so kräftig geschlagen werden, weil durch den ersten Hieb der Materialwiderstand nicht mehr so groß ist. Beim zweiten Schlag weiß man dann schon, wie heftig man zu schlagen hat. Man braucht schon einige Zeit, bis man den Bogen 'raus hat. Ich habe natürlich mit kleinen Feilen angefangen. Wenn ich Lust hatte, stellte mir Kolka seinen Platz zur Verfügung, und er war wieder mein Lehrmeister. So nach und nach hatte ich dann keine Schwierigkeiten mehr.

Eines Tages kam auf einmal der Meister und meinte, ich müsste mal einige Tage in der Gießerei aushelfen. Ich hatte schon mal meine Nase in die Gießerei gesteckt, aber sonst eine Gießerei nur von Erzählungen oder Bildern her gekannt. Jetzt hatte ich die Gelegenheit, mal aktiv dabei mitzuwirken. Zunächst kam ich in den Formenbau. Meine heilige Aufgabe war es nun, mit einem Russen zusammen ein Rüttelsieb zu schütteln. In einem Kollergang wälzten sich zwei Walzen über ein Gemisch von Erde und Pferdemist, bis alles total verbröselt war. Es war aber nicht nur einfach Erde, sondern eine ganz bestimmte Erdmischung. Was dann bei unserer Arbeit durch das Rüttelsieb fiel, wurde von den Formern abgeholt und bei der Formerei verarbeitet. Am Abend hatten wir lahme Arme (ich wenigstens).

Am nächsten Tag ging es weiter. In der Gießereihalle entstanden immer mehr Formen auf dem Boden. Da die Zentral-Mechanische-Werkstatt für das ganze Kombinat zuständig war, wurden alle anfallenden Gießaufträge zusammengefasst und in einer Aktion gegossen. So ein Termin war auch nun wieder fällig. Weiß Gott, was da alles gegossen werden musste. Zahnräder, Hebel, Segmente, usw. usw. Die Vorbereitungen liefen auf Hochtouren, denn morgen sollte es mit der Gießerei losgehen. Als ich am nächsten Morgen erschien, war der Kupolofen schon angeheizt, und die Gießexperten harrten schon der Dinge. Ich wurde zum Kupolofen geschickt und sollte oben auf der Gicht bei der Bestückung mithelfen. Hier war es nun ganz spannend. Je nach dem was gegossen wurde, mussten auch die Beigaben der Bestückung des Ofens eingefüllt werden. Mit einer Waage wurden die jeweiligen Mengen zusammengestellt. Von der Bühne des Ofens konnte man auch die Gießerei gut beobachten. Mit ihrer Gießpfanne liefen die Arbeiter immer vom Ofen zu den jeweiligen Formen und füllten sie funkensprühend. Bis zum Abend war alles reibungslos abgelaufen. Es war aber nicht immer so. Wie zu hören war, sollte einmal bei einem Gießvorgang ein großes Zahnrad explodiert sein und es mehrere Verletzte gegeben haben.

Ich weiß heute nicht mehr, wie lange die Abkühlzeit gedauert hat. Nachdem die Gussteile alle frei waren, habe ich noch bei den Aufräumungsarbeiten mitgewirkt. Ich weiß nicht, wann der nächste Gießtermin war, ich habe ihn aber nicht mehr mitgemacht. Auf jeden Fall war es für mich eine aufschlussreiche und lehrreiche Angelegenheit. Schon die Aufarbeitung der fertigen Gussteile war eine Wissenschaft für sich: Nahtstellen abschleifen, mit der Stahlbürste die Ecken säubern usw. Hiernach ging es dann in der Feilenhauerei weiter.

Auf einmal kam Kolka und erklärte uns, er müsse jetzt Soldat werden. Er hatte seine Einberufung bekommen. Eines Morgens kam er an und wollte mit uns Abschied feiern. Er hatte eine Flasche Wodka, Brot und Speck dabei. Nun konnte er natürlich in der Werkstatt keinen Wodka-Abschied mit einem Kriegsgefangenen feiern. Brot und Speck wurden zwar in der Werkstatt gegessen, aber zum Wodkatrinken ging er mit mir zur Toilette. Hier musste ich nun mit ihm ein Glas trinken. Es war ein Stakan - etwa die Größe eines Zahnbechers. Ich weiß heute noch nicht, wie ich das vertragen habe. Dann gingen wir wieder zur Werkstatt zurück und aßen noch einmal Brot mit Speck. Kolka zog danach zu den Soldaten, und ein neuer Feilenhauer nahm seinen Platz ein. Er war auch ein prima Bursche, und das Leben in der Feilenhauerei hat sich nicht geändert.

Bevor unser Kommando in der Zentralwerkstatt aufgelöst wurde, gab es einen Zwischenfall, der noch erzählt werden muss: Hinter den Werkshallen war ein großer Acker, der noch innerhalb des Kombinates lag und von den Arbeitern als Kartoffelacker genutzt wurde. Die Russen hatten ihre Kartoffeln geerntet, und der Natschalnik - der Direktor der Werkstätten - gab uns den Acker frei zur Nachlese. Wir Gefangene raus, und es wurde eifrig Nachlese gehalten. Wie das Schicksal es aber so wollte, kam der Batailloner von der deutschen Antifa, der einen Freischein hatte und sich frei bewegen konnte, des Weges und wollte wohl die Arbeitsbrigaden bei ihrer Wiedergutmachung besuchen und kontrollieren. Nun sah er all die "Wiedergutmacher" bei einer Kartoffelnachlese hin- und herrennen. Jetzt war es aus. Mit viel Gebrüll und Getöse jagte er uns alle wieder in unsere Werkstätten. Das sah nun der Natschalnik von seinem Büro aus und ergriff seinerseits die Gegenmaßnahmen. Er kam auf den Werkshof und machte den Batailloner fix und fertig. Er jagte ihn vom Werksgelände, und wir durften weiter Nachlese halten. Diese Kartoffeln haben uns wirklich richtig gut geschmeckt!

Das schönste Abschlusserlebnis mit dem Batailloner stand mir aber noch bevor. Er stammte aus Berlin und hatte auch eine entsprechende Schnauze. Als Antifa-Propagandist machte er auch viel Gebrauch davon. Ich arbeitete an meinem Schleifstein mit meinen Feilen, da ging die Tür auf und der Batailloner kam herein und wollte sein Messer schleifen. Da ich sein "Polit-Untertan" war, machte ich natürlich den Platz frei. Der Natschalnik musste wohl von seinem Fenster diesen Vorgang beobachtet haben, denn plötzlich ging die Tür auf, und der Natschalnik betrat die Bühne. Ehe der Schleifer zur Besinnung kam, war er am Kragen gefasst und mit einem Fußtritt fand er sich draußen wieder. Sein Messer wurde ihm hinterher geworfen. So etwas gab es auch.

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