In russischer Kriegsgefangenschaft in Borowitschi erlernte ich
das Feilenhauerhandwerk. Vorher war ich aber noch kurz ein Dachdecker:
In einer Nebenhalle befanden sich der Kupolofen und die Gießerei.
Das Dach war undicht und musste dringend abgedichtet werden. Nun
musste ich mit zwei Dachexperten das Dach besteigen, um die undichten
Stellen zu finden. Wie ich das geschafft habe, ist mir heute noch
ein Rätsel. An der Außenwand der Halle ging es eine
Feuerleiter hoch. Oben am Dachrand ging es dann über die
Regenrinne etwas rückwärts auf die Dachkante. Von unten
her wussten wir ungefähr, wo wir suchen mussten. Gott sei
Dank hatte das Dach nur eine geringe Neigung. Nachdem wir alles
festgestellt und notiert hatten, ging es zu Mittag wieder herunter
in die Werkstatt, um die benötigten Reparaturteile zu fertigen.
Am nächsten Morgen ging es dann wieder nach oben. Die schweren
Teile wurden mit einem Seil hochgezogen, und die Kleinteile hängten
wir uns um die Schulter. Einen Eimer mit einem heißen Teergemisch
hatten wir auch mit dem Seil hochgezogen. Jetzt wurden die undichten
Stellen aufgesucht, mit den Reparaturblechen ausgelegt und mit
Teer abgedichtet. Zur Mittagspause mussten wir aber wieder herunterklettern,
um unsere Suppen zu essen. Danach ging es wieder hoch. Es war
ja nur gut, dass die Russen so gerne eine Zigarettenpause einlegten.
Somit hatten wir eigentlich eine geruhsame Beschäftigung.
Bei jeder Zigarettenpause durfte ich mir eine von ihrem Machorka
mitdrehen. Insgesamt hatten wir mit dieser Dachreparatur drei
Tage zu tun. Ich muss ehrlich sagen, dass die Russen sehr lieb
mit mir waren. Das Aufbauendste waren die Versicherungen, dass
wir Weihnachten 1945 bestimmt zu Hause sein würden. Ich glaube
sogar, dass es ihre ehrliche Meinung war.
Als die Dachgeschichte erledigt war, bekam ich meinen Arbeitsplatz
in der Feilenhauerei. Und das kam so: In dieser Zentral-Mechanischen
Werkstatt waren alle wichtigen Betriebe des örtlichen Kombinates
zusammengelegt. Hier wurde produziert, und es wurden auch Reparaturen
durchgeführt. Diese Zentralanlage bestand aus mehreren Hallen:
Einer Gießerei mit einem Kupolofen, (wo ich soeben noch
als Dachdecker mitgewirkt hatte), einem Hammerwerk, einer großen
Montagehalle mit mehreren Kranbahnen mit allen dazugehörenden
Maschinen. Es war also ein großer Komplex.
Neben dem Hammerwerk war ein kleiner Anbau mit der Feilenhauerei.
Hier war ich stationiert. Meine Aufgabe war es, die abgenutzten
Feilen für die Feilenhauerei vorzubereiten. An einem großen
Schleifstein, der eine Spezialauflage für die Feilen hatte,
musste ich die abgenutzten Zähne abschleifen. Dann wurden
diese Feilen zum Ausglühen abgeholt. Währenddessen hatte
ich aber schon die ausgeglühten Feilen vom Vortag bereitliegen.
Diese mussten jetzt in mehreren Arbeitsgängen eine glatte
und ebene Oberfläche bekommen. Wer nun nicht weiß,
wie das vor sich geht, kommt nicht weiter. Ich war überrascht,
wie einfach das war.
Eine große Vierkantfeile wurde mit Alu-Spannbacken waagerecht
in einen Schraubstock gespannt, und das geglühte Feilenblatt
wie bei der normalen Feilerei darüber hinweggeführt.
Bei diesem Verfahren wurde das Feilenblatt absolut plan. Beim
letzten Arbeitsgang wurde das Blatt dann noch über eine Schlichtfeile
geführt. Jetzt bekamen die Feilenhauer diese Rohfeilen. Von
meinem Schraubstock konnte ich die Tätigkeit der Feilenhauer
sehr gut beobachten. Zwei Feilenhauer waren bei der Arbeit. Ein
älterer -wohl der Meister - mit einem typischen russischen
Vollbart, und Kolka, ein noch junger Bursche. Mit beiden kam ich
sehr gut aus. Sie brachten mir dann und wann schon mal etwas mit;
Tabak, auch mal Kartoffeln, die ich in der Schmiede nebenan gut
kochen konnte. Wir sind ein richtiges Arbeitsteam geworden. Kolka
hatte in der Schule Deutschunterricht, und ich war sein bester
Hilfslehrer. Er war so geschickt in der Feilenhauerei, dass er
nebenher noch in einem Buch lesen konnte. Er meinte, die Feilenhauerei
sei gar nicht so schwer. Ich solle es auch mal probieren. Er würde
mir das schon beibringen.
Der Arbeitsplatz sieht folgendermaßen aus: Ein großer
stabiler Holzklotz, darauf ein dicker Stahlklotz und darauf eine
Bleiplatte. Dahinter vor den Fenstern die Werkbank mit den Werkzeugen.
Man setzte sich auf einen Hocker vor dieser Klotzanlage, legte
ein Feilenblatt auf die Bleiplatte. Eine Lederschlaufe wurde an
beiden Enden der Feile angelegt, dann wurde mit den Füßen
die Schlaufe so gespannt, dass die Feile fest an die Bleiplatte
gedrückt wurde. Jetzt wurden der richtige Meißel und
der richtige Hammer genommen, und es konnte losgehen. Der Meißel
hatte einen besonderen Schliff und auch eine besondere Form, denn
er musste mit der ganzen Handfläche geführt werden.
Der Hammer hat auch ein besonderes Format. Er hat eine kompaktere
Form, und auch der Stiel ist kürzer. Der erste Hieb erfolgt
ungefähr zwei Zentimeter hinter dem Feilenheft mit einem
Winkel von ca. 30 Grad. Wenn der erste Hieb geschlagen ist, hat
sich das Material in Schlagrichtung zu einer Schneide gebildet.
An der Rückseite entstand eine kleine Wulst. Jetzt wird mit
einem Feingefühl - welches sich langsam entwickelt hat -
der Meißel behutsam gegen die Wulst geführt und der
nächste Hieb erfolgt.
Im gleichen Rhythmus geht es jetzt so weiter. Jetzt erfolgt die
zweite Hiebfolge. Es wird wieder am Heft angefangen. Der erste
Hieb erfolgt wieder mit 30 Grad, aber entgegengesetzt. Jetzt darf
aber nicht so kräftig geschlagen werden, weil durch den ersten
Hieb der Materialwiderstand nicht mehr so groß ist. Beim
zweiten Schlag weiß man dann schon, wie heftig man zu schlagen
hat. Man braucht schon einige Zeit, bis man den Bogen 'raus hat.
Ich habe natürlich mit kleinen Feilen angefangen. Wenn ich
Lust hatte, stellte mir Kolka seinen Platz zur Verfügung,
und er war wieder mein Lehrmeister. So nach und nach hatte ich
dann keine Schwierigkeiten mehr.
Eines Tages kam auf einmal der Meister und meinte, ich müsste
mal einige Tage in der Gießerei aushelfen. Ich hatte schon
mal meine Nase in die Gießerei gesteckt, aber sonst eine
Gießerei nur von Erzählungen oder Bildern her gekannt.
Jetzt hatte ich die Gelegenheit, mal aktiv dabei mitzuwirken.
Zunächst kam ich in den Formenbau. Meine heilige Aufgabe
war es nun, mit einem Russen zusammen ein Rüttelsieb zu schütteln.
In einem Kollergang wälzten sich zwei Walzen über ein
Gemisch von Erde und Pferdemist, bis alles total verbröselt
war. Es war aber nicht nur einfach Erde, sondern eine ganz bestimmte
Erdmischung. Was dann bei unserer Arbeit durch das Rüttelsieb
fiel, wurde von den Formern abgeholt und bei der Formerei verarbeitet.
Am Abend hatten wir lahme Arme (ich wenigstens).
Am nächsten Tag ging es weiter. In der Gießereihalle
entstanden immer mehr Formen auf dem Boden. Da die Zentral-Mechanische-Werkstatt
für das ganze Kombinat zuständig war, wurden alle anfallenden
Gießaufträge zusammengefasst und in einer Aktion gegossen.
So ein Termin war auch nun wieder fällig. Weiß Gott,
was da alles gegossen werden musste. Zahnräder, Hebel, Segmente,
usw. usw. Die Vorbereitungen liefen auf Hochtouren, denn morgen
sollte es mit der Gießerei losgehen. Als ich am nächsten
Morgen erschien, war der Kupolofen schon angeheizt, und die Gießexperten
harrten schon der Dinge. Ich wurde zum Kupolofen geschickt und
sollte oben auf der Gicht bei der Bestückung mithelfen. Hier
war es nun ganz spannend. Je nach dem was gegossen wurde, mussten
auch die Beigaben der Bestückung des Ofens eingefüllt
werden. Mit einer Waage wurden die jeweiligen Mengen zusammengestellt.
Von der Bühne des Ofens konnte man auch die Gießerei
gut beobachten. Mit ihrer Gießpfanne liefen die Arbeiter
immer vom Ofen zu den jeweiligen Formen und füllten sie funkensprühend.
Bis zum Abend war alles reibungslos abgelaufen. Es war aber nicht
immer so. Wie zu hören war, sollte einmal bei einem Gießvorgang
ein großes Zahnrad explodiert sein und es mehrere Verletzte
gegeben haben.
Ich weiß heute nicht mehr, wie lange die Abkühlzeit
gedauert hat. Nachdem die Gussteile alle frei waren, habe ich
noch bei den Aufräumungsarbeiten mitgewirkt. Ich weiß
nicht, wann der nächste Gießtermin war, ich habe ihn
aber nicht mehr mitgemacht. Auf jeden Fall war es für mich
eine aufschlussreiche und lehrreiche Angelegenheit. Schon die
Aufarbeitung der fertigen Gussteile war eine Wissenschaft für
sich: Nahtstellen abschleifen, mit der Stahlbürste die Ecken
säubern usw. Hiernach ging es dann in der Feilenhauerei weiter.
Auf einmal kam Kolka und erklärte uns, er müsse jetzt
Soldat werden. Er hatte seine Einberufung bekommen. Eines Morgens
kam er an und wollte mit uns Abschied feiern. Er hatte eine Flasche
Wodka, Brot und Speck dabei. Nun konnte er natürlich in der
Werkstatt keinen Wodka-Abschied mit einem Kriegsgefangenen feiern.
Brot und Speck wurden zwar in der Werkstatt gegessen, aber zum
Wodkatrinken ging er mit mir zur Toilette. Hier musste ich nun
mit ihm ein Glas trinken. Es war ein Stakan - etwa die Größe
eines Zahnbechers. Ich weiß heute noch nicht, wie ich das
vertragen habe. Dann gingen wir wieder zur Werkstatt zurück
und aßen noch einmal Brot mit Speck. Kolka zog danach zu
den Soldaten, und ein neuer Feilenhauer nahm seinen Platz ein.
Er war auch ein prima Bursche, und das Leben in der Feilenhauerei
hat sich nicht geändert.
Bevor unser Kommando in der Zentralwerkstatt aufgelöst wurde,
gab es einen Zwischenfall, der noch erzählt werden muss:
Hinter den Werkshallen war ein großer Acker, der noch innerhalb
des Kombinates lag und von den Arbeitern als Kartoffelacker genutzt
wurde. Die Russen hatten ihre Kartoffeln geerntet, und der Natschalnik
- der Direktor der Werkstätten - gab uns den Acker frei zur
Nachlese. Wir Gefangene raus, und es wurde eifrig Nachlese gehalten.
Wie das Schicksal es aber so wollte, kam der Batailloner von der
deutschen Antifa, der einen Freischein hatte und sich frei bewegen
konnte, des Weges und wollte wohl die Arbeitsbrigaden bei ihrer
Wiedergutmachung besuchen und kontrollieren. Nun sah er all die
"Wiedergutmacher" bei einer Kartoffelnachlese hin- und
herrennen. Jetzt war es aus. Mit viel Gebrüll und Getöse
jagte er uns alle wieder in unsere Werkstätten. Das sah nun
der Natschalnik von seinem Büro aus und ergriff seinerseits
die Gegenmaßnahmen. Er kam auf den Werkshof und machte den
Batailloner fix und fertig. Er jagte ihn vom Werksgelände,
und wir durften weiter Nachlese halten. Diese Kartoffeln haben
uns wirklich richtig gut geschmeckt!
Das schönste Abschlusserlebnis mit dem Batailloner stand
mir aber noch bevor. Er stammte aus Berlin und hatte auch eine
entsprechende Schnauze. Als Antifa-Propagandist machte er auch
viel Gebrauch davon. Ich arbeitete an meinem Schleifstein mit
meinen Feilen, da ging die Tür auf und der Batailloner kam
herein und wollte sein Messer schleifen. Da ich sein "Polit-Untertan"
war, machte ich natürlich den Platz frei. Der Natschalnik
musste wohl von seinem Fenster diesen Vorgang beobachtet haben,
denn plötzlich ging die Tür auf, und der Natschalnik
betrat die Bühne. Ehe der Schleifer zur Besinnung kam, war
er am Kragen gefasst und mit einem Fußtritt fand er sich
draußen wieder. Sein Messer wurde ihm hinterher geworfen.
So etwas gab es auch.