Es war im Sommer des Jahres 1946. Ich arbeitete in russischer
Kriegsgefangenschaft in Borowitschi bei der Brigade "Mechaniski
- Masterskaja" im Kombinat Krasni - Keramik (in der Schlosserei).
Unsere Schlosserei lag inmitten der Betriebsanlage. Rundherum
war alles im Wiederaufbau, da dieses Kombinat während des
Krieges nach Sibirien ausgelagert worden war. Die alten Anlagen
wurden wieder hergerichtet und neue Hallen errichtet. Eine Riesenaußenwand
einer Halle war langsam am entstehen. Auf unserem Weg zur Werkstatt
kamen wir zweimal täglich an dieser Mauer vorbei Da an dieser
Mauer Kriegsgefangene aller "Feindnationen" beteiligt
waren, und diese Mauer auch einen internationalen Eindruck hinterließ,
nannten wir sie "die internationale Klagemauer". Wenn
die Sonne genau an dieser Mauer entlang schien, konnte man die
Buckeligkeit bestens erkennen. So wuchs diese Wand langsam aber
sicher hoch.
Eines Tage aber gab es Unruhe an dieser Wand. Russische Offiziere
und sonstige Persönlichkeiten machten sich daran zu schaffen.
Sie fotografierten und notierten. Hierbei wurden sie von uns argwöhnisch
beobachtet. Weiß Gott, was da nur los war. Soviel Dienstgehabe
ist in Russland nie ein gutes Zeichen. Einige Zeit verging, und
diese Angelegenheit war schon fast vergessen. Aber dann ging es
los. Ein ganzes Filmteam erschien mit Kameras und Mikrophonen.
Kabel wurden verlegt und Scheinwerfer aufgestellt, Gerüste
und Förderbänder montiert. Zement, Kalk, Sand, und was
sonst alles gebraucht wurde, wurde bereitgestellt.
Am nächsten Morgen um 9 Uhr ging es los. Und was ging nun
los? Irgendein "Stachanow" wollte eine Rekordleistung
vollbringen. Bis zum Nachmittag um 15 Uhr wollte er eine Höchstzahl
Quadratmeter von Mauerwerk erstellen. Und dies sollte öffentlich
in Wochenschauen und anderen Medien dem Sowjetvolke kundgetan
werden. Wir waren jetzt begeisterte Zuschauer dieser Aktion. Der
Supermaurer war das Endglied dieser Kette. Folgendes spielte sich
ab: Unten waren eine Kalkwanne und eine große Mischwanne.
Einen Betonmischer hatten wir nicht gesehen. Es wurde alles manuell
gemacht. Einer fuhrwerkte immer unten im Kalk herum, und drei
Mann waren an der großen Mischwanne beschäftigt und
machten Speiß. Sie rührten und pflügten das Gemisch
aus Sand, Zement, Kies und Kalk mit Wasser durcheinander. Die
Wanne war recht groß, und der fertige Speiß wurde
beim Mischvorgang langsam aber sicher an das eine Ende der Wanne
hin bewegt. Von hier wurde er in Behältern auf das Förderband
gestellt und nach oben zu dem "Stachanow" gebracht.
Ebenso war es mit den Ziegelsteinen, auch diese gingen mit den
Förderbändern nach oben.
Oben auf dem Gerüst war dann noch eine Truppe, die dem Supermaurer
alles handgerecht darreichte. Es war eine Emsigkeit wie in einem
Ameisenhaufen. Da das Material vorher in Hülle und Fülle
bereitgestellt war, gab es auch nicht die üblichen Engpässe
bei der Nachschubversorgung. Die Mittagszeit wurde per Stoppuhr
festgehalten, sodass nicht geschummelt werden konnte. Dieses ganze
Rekordtheater fand sowieso unter Aufsicht eines "Generalstabes"
statt. Im Grunde klappte alles wie am Schnürchen. Der Maurer
war zwar die Haupt-Endfigur, aber ohne seine Truppe wäre
er nur eine Null gewesen. So ging es weiter bis zum Nachmittag
um 15 Uhr. Ein Pfeifsignal beendete dieses sogenannte "Stachanow-Rennen".
Jetzt trat die Prüfungskommission in Erscheinung, und mit
großen Maßbändern wurde die gemauerte Fläche
der Wand ermittelt.
Während dieser ganzen Aktion schnurrten die Filmkameras und
nahmen aus allen Perspektiven dieses Ereignis auf. Als die Quadratmeter
feststanden und bekannt gegeben wurden, gab es wie üblich
das Geklatsche der gegenseitigen Belobigung. Der Maurerbrigadier
unserer deutschen Arbeitsbrigade schüttelte den Kopf und
meinte, mit solchem Aufwand wäre es keine Kunst, eine derartige
Leistung zu vollbringen. Erstens: Es seien ja auch keine Gefangenen,
die jeden Tag zweimal 6 km zu laufen hätten, und zweitens
seien sie normal ernährt und hätten nur kurze Wege zur
Arbeitsstelle. Diese Rekordtruppe sei ja sogar am Tage der Aktion
bis zum Arbeitsplatz gefahren worden. Der russische Natschalnik
war verdutzt, so etwas zu hören. Das dabeistehende Gremium
war auch nicht glücklich über diese Kritik. Sie sagten
ganz frech: "Das sollen sie erstmal beweisen !"
Es kam sogar zu Verhandlungen zwischen der russischen Kommandantur,
dem Kombinat und der deutschen Maurerbrigade. Es wurden die gleichen
Bedingungen ausgehandelt wie sie bei der russischen Brigade waren:
Förderbänder, Wannen, Gerüst und alle Materialien.
Die letzte Bedingung war: 4 Wochen für die Maurerbrigade
bessere Verpflegung, und 2 Wochen vorher vom Lager zum Arbeitsplatz
gefahren zu werden und auch wieder zurück. Dieses wurde akzeptiert.
Die Vorbereitungen liefen, und der Stichtag kam. Es war zwar kein
Filmteam da, aber eine gemischte Kommission von Kombinat, Lagerleitung
und einer deutschen Abordnung. Sie kontrollierten das Geschehen.
Wie gesagt: Es waren nicht mehr und nicht weniger am Werken als
bei der russischen Aktion. Es kam also nur auf Organisation und
Geschick an. Um 9 Uhr fiel der Startschuss, und es ging los. Als
dann am Nachmittag um 15 Uhr das Pfeifsignal zum Abschluss ertönte,
war die Spannung groß.
Es wurde wiederum gemessen und gerechnet. Und siehe da: Unsere
Truppe hatte einige Prozente mehr geschafft! Auch hier waren die
Russen ehrlich begeistert und klatschten laut Beifall. Der Natschalnik
fiel unserem Brigadier in die Arme, und sie küssten sich.
Dieser Wettstreit fand sogar im Lager am Schwarzen Brett Beachtung
und wurde hochgeehrt und mit Prämien belohnt. Nachdem dies
alles vorbei war, kam langsam der Winter, und das Arbeitsleben
ging wieder seinen normalen "sozialistischen" Gang.
Wir waren in diesem Kombinat frei im Arbeitseinsatz. Ich habe
in dieser Zeit als Spengler viel mit Blechen zu tun gehabt. Da
viele Teile des Kombinats neu erstellt bzw. wieder instandgesetzt
wurden, hatte ich an sich interessante Aufgaben, wie Lüftungskanäle,
Abluftanlagen, Abzugshauben usw. herzustellen und auch zu montieren.
Hierzu wurde auch eigenartigerweise gutes Blech zur Verfügung
gestellt. Da der Hunger unser bester Lebensbegleiter war, machten
wir auch viel Schwarzarbeit wie Kochtöpfe, Eimer, Gießkannen
usw. für die russischen Mitarbeiter, die uns dafür mit
Brot, Tabak, Machorka oder Kartoffeln bedachten.