Die Eimermacher GmbH und Co. von Borowitschi
Was einem so einfällt, wenn der Hunger das Leben diktiert.
In russischer Kriegsgefangenschaft in Borowitschi arbeitete ich
im Kombinat "Rote Keramik" in der Mechanischen Werkstatt.
Jeden morgen 6 km hin, vom Lager zum Kombinat, und am Abend wieder
6 km zurück. Wenn wir im Betrieb ankamen, waren wir schon
das erstemal kaputt. Die Hauptpunkte des Tages waren immer die
Suppenausgaben. Da wir ja ewig Hunger hatten, arbeiteten unsere
Hirne zu 90 % immer in die Hungerbekämpfungsrichtung.
Da ich als Blechschlosser eine große Heißluft-Trockenanlage
zu bauen hatte, die für die Trocknung der gepressten Tonziegel
benötigt wurde, hatte ich viel mit Blechen zu tun, die auch
von guter Qualität waren. Somit eigneten sie sich auch hervorragend
für bestimmte Schwarzarbeiten. Dann und wann habe ich auch
mal kleine Sachen für die Russen gebaut. Kochtöpfe waren
sehr gefragt. Nun waren wir drei Mann, die schon so etwas wie
ein Team waren. Ein Schmiedemeister namens Willi aus Hamm, sein
Zuschläger, auch ein Willi aus Duisburg und ich, der Blechschlosser.
Da Willi l, der Schmied, sich auch mit Blechen gut auskannte,
und ich auch schmieden konnte, halfen wir uns gegenseitig aus,
so wie es die Lage erforderte.
Irgendwie kam Willi II, der Zuschläger, auf die Idee, dass
eine Eimerfabrikation wohl die richtige Masche sei. Er hatte in
der Lagerküche einen Bekannten, der Jupp hieß. Diesen
wollte er mal "anzapfen", ob sie dort nicht einen Eimerbedarf
hätten. Diese Anzapferei verlief positiv. Wir sollten ruhig
mal einen Eimer anliefern. Jetzt gründeten wir drei eine
Firma: Die Eimermacher GmbH. Willi l und ich waren die Fabrikationsabteilung,
und Willi II war der Vertriebsleiter. Nun wurde erst einmal ein
8-l-Eimer gebaut, natürlich alles geheim und in Schwarzarbeit.
Jetzt gab es ein großes Problem: die Werkskontrolle. In
Fünferreihen ging es etwa 200 bis 300 m durch das Werksgelände
zum großen Werkstor. Hier gab es die Sichtkontrolle und
die Zählung der einzelnen Brigaden.
Diese Sichtkontrollen mussten ausgetrickst werden, und das ging
dann so: Willi II hatte jedesmal am Eimertransporttag seinen langen
Militärmantel an. An einer langen Schlaufe, die über
die Schulter lief, baumelte unten der Eimer zwischen den Beinen
im inneren Mantelbereich, sodass er bei der Sichtkontrolle nicht
zu sehen war. Dieser erste 8-l-Eimer wurde dann zur Lagerküche
gebracht und dort vom Jupp begutachtet. Unser Kunde wollte aber
ab jetzt 10-l-Eimer haben. Willi II hatte dem Jupp aber auch zu
verstehen gegeben, dass unsere Firma aus drei Leuten besteht und
auch nur so leistungsfähig sei. Weitere Verhandlungen ergaben,
dass wir pro Woche einen Eimer anlieferten, wobei Terminschwankungen
eingeräumt wurden.
Das Wichtigste, was nun folgte, war die Beschaffung eines 3-l-Kaschtopfes.
Dieser war auch schnell besorgt. Eine amerikanische Milchpulverdose
bekam einen Henkel, und schon war der Nachschlagtopf fertig. So
ein Topf konnte nie groß genug sein. Nun war alles geregelt.
Es konnte los gehen. Willi l und ich produzierten, und Willi II
machte die Auslieferung und die Lohneintreibung. Es dauerte noch
eine Weile, bis sich das Schlagwort" EIMERMACHER " am
Suppenschalter der Lagerküche herumgesprochen hatte.
Die Produktion wurde gestartet. Wir mussten auch immer aufpassen,
dass uns der Meister nicht dabei erwischte. Ich glaube, er hat
auch manchmal bewusst weggesehen. Ich hatte ja auch schon des
öfteren für ihn einige Sachen "pfuschen" müssen,
einmal eine Kinderbadewanne, ein andermal eine Gießkanne
usw. Eimer und Töpfe aber waren die Spitzenreiter. Ich hatte
aber auch manchmal das Gefühl, dass die russische Obrigkeit
auch nichts sehen wollte. Aber trotzdem: man konnte nie wissen.
Unser Eimerspiel lief folgendermaßen ab: Gegen Ende der
Suppenausgabe am Abend wurde der Eimer immer übergeben und
der 3-Liter-Nachschlagtopf hingehalten. Willi II hatte immer die
richtigen Geschäftsverbindungen. Dann teilten wir uns den
Topf und hatten noch eine schöne zusätzliche Magenfüllung.
Da wir meinten, dass EINE Abspeisung wohl nicht genug sei, ging
Willi II auch schon mal am Morgen, bevor wir ausrückten,
zum Suppenschalter und rief: "EIMERMACHER!" Da der Firmenname
mittlerweile schon bekannt war, schnappte sich der Mann an der
Suppenkelle den Topf und füllte ihn. So haben wir die Lohneintreibung
so oft wie möglich durchgeführt. Unser Willi II hatte
zwar mit der Produktion nichts zu tun, aber auch seine Last zu
tragen. Denn auch an den heißesten Sonnentagen musste er
bei der Auslieferung seinen dicken Tarnmantel tragen. Es fiel
den Russen gar nicht auf, dass einer von ca. 700 Leuten wohl unter
Dauerkälte litt. So haben wir insgesamt ungefähr 40
Eimer geliefert, als die Lagerküche wahrscheinlich unter
der Last der Eimer zusammenbrach. Die Küche stellte den Kauf
ein, und wir mussten unsere Eimer-GmbH auflösen.
Es war kurz vor Weihnachten 1946, als der Meister zu uns kam und
uns mitteilte, er habe bald Geburtstag, und er brauche Geld. Das
hieß, er brauchte Eimer, die er zu Rubel machen wollte.
Jetzt war es heraus, denn Eimer brachten damals echtes Geld. Wir
sollten an einem Tag nur für ihn Eimer machen. Wir machten
Akkord und schafften auch allerlei. Am Nachmittag hatten wir sieben
Eimer fertig und brachten sie in das Meisterbüro. Wir hatten
noch 1 1/2 Stunden Zeit bis zum Feierabend. Er gab uns Tabak und
das notwendige Zeitungspapier, und wir durften bis zum Schluss
sitzen bleiben und rauchen. Als mein Geburtstag im Februar nahte,
brauchte ich auch Geld. Mutig klagte ich meinem Meister meine
missliche Lage und fragte, ob ich nicht auch einen Arbeitstag
für mich einlegen dürfte. Er lächelte und sagte
zu. Ich sollte ihm nur Bescheid sagen, wenn der Tag dran wäre,
aber ich sollte mich vor dem Natschalnik in acht nehmen. So habe
ich mir auch mein Geburtstagsgeld zusammengepfuscht.
Eine eigenartige Begebenheit muss ich aber unbedingt noch berichten.
Unser Meister hatte irgendetwas gegen unsere Offiziere, und ein
Leutnant war auch in unserer Brigade. Er machte dieses und jenes
und wollte auch einen Eimer machen. Er war schon fast fertig,
da wurde er vom Meister überrascht. Dieser nahm den Eimer
und stülpte ihn dem Leutnant über den Kopf. Dann nahm
er den Eimer mit in seine Meisterbude. Unser Leutnant war fix
und fertig und haderte mit der ganzen Welt. Am nächsten Tag
geschah dann etwas sehr Wundersames. Wir hatten soeben die Arbeit
aufgenommen, da erschien der Meister mit dem Eimer, und der Leutnant
bekam ihn wieder, mit der Bemerkung, er könne sein Werk vollenden.
Wir haben dann geholfen, und der Leutnant konnte seinen Eimer
in Rubel umsetzen. So etwas gab es auch.
Unser Meister muss wohl einen guten Kontakt zur Obrigkeit gehabt
haben. Denn für die Herrschaften des Kombinates musste ich
allerlei Backröhren bauen, die auch immer sehr dringlich
waren. Irgendwie waren sie wohl alle dabei, Häuser zu bauen.
Dafür wurde sogar 2-mm-Blech angeliefert. Mit Schrotmeißel
und Vorschlaghammer wurden die Biegelinien vorgekerbt und dann
war im Handumdrehen der Kasten gebogen. Hinten wurde die Rückwand
eingenietet und vorne der Türrahmen mit einer Doppeltür.
Den Überwurfverschluss und zwei Backbleche mit den Auflagewinkeln
machte ich dann auch noch. Und fertig war das begehrte Wunderwerk.
Zwischendurch habe ich dann auch noch eine Dunstabluftanlage für
die Werksküche gebaut und auch montiert. Die Arbeit an dieser
Anlage war so unhandlich, dass ich hierfür einen zweiten
Schlosser dazu bekam.
Die Zeit ging weiter. Eines Tages kam ein Lastwagenfahrer zu mir
in die Werkstatt und wollte auch eine Backröhre haben. Als
ich ihm erklärte, dass ich im Augenblick kein Blech habe,
und er ein wenig warten müsse, versprach er mir Himmel und
Erde, wenn ich bloß anfangen würde. Mit Backröhren
hatte es jeder eilig. Als er nach einigen Tagen wieder vorbeikam,
um sich zu informieren, sah er, wie sein Prachtstück entstand,
und die Welt war wieder so, wie sie sein sollte. Einmal kam er
in die Werkstatt gestürzt, als der Meister neben mir stand.
Wie ein Spuk war er wieder verschwunden. Etwas später kam
er noch einmal wieder, und die Luft war rein. Er fragte, wann
die Backröhre denn wohl fertig würde, ich bekäme
30 Eier für dieses Exemplar. So gut war ich noch nie bezahlt
worden. Ich sagte, wenn alles gut ginge, in zwei Tagen. Zufrieden
entschwand er der Werkstatt.
Als er in zwei Tagen wieder erschien, verschwand er sofort wieder
und kam mit 30 Eiern zurück. Ich hatte meine Eier und er
seine Backröhre. Er verschwand und ward nicht mehr gesehen.
Da ich die Eier ja nicht mit ins Lager schleppen und sie ja auch
nicht so lange aufgehoben werden konnten, eröffnete ich einen
Eierladen. Zwanzig wurden verkauft oder gegen Tabak oder Brot
eingetauscht, die restlichen zehn behielt ich und schlug sie mir
so nach und nach in die gar so dünne Suppe.
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