Das Lagerleben in russischer Kriegsgefangenschaft in Borowitschi
beinhaltete oft auch politische Informationsabende. Man hatte
immer Gründe, um zu einer solchen Veranstaltung aufzurufen.
Im neuerbauten Klub- oder auch Kulturhaus, wie man es auch nennen
wollte, fanden diese Veranstaltungen statt. Das Thema war immer
die politische Umerziehung. Oben auf dem Podium standen mehrere
Antifa-Propagandisten und hielten Vorträge über den
Sozialismus. Einmal ging es um die volkseigenen Betriebe und auch
über die Errungenschaften des sozialistischen Lagers. Anschließend
wurde die kapitalistische Welt des Westens niedergeredet und hielt
auf keinem Fall einen Vergleich mit dem Osten stand. Nach einer
gezielten Vortragsreihe wurden wir zu einer Diskussion aufgefordert.
Zunächst betretenes Schweigen, bis irgendein Halbantifamann
die Diskussion eröffnete. Ab und zu kam auch mal etwas dabei
heraus. Hier ging es jetzt um die sozialistische Planwirtschaft
und um die freie Marktwirtschaft. Bei der FDJ-Tagung in Nowgorod
war uns dies ja schon einmal erklärt worden, aber aus Zeitmangel
gab es damals keine Diskussionen. Hier baute sich aber eine auf.
Das Thema Schuhe wurde aufgegriffen. Einer hatte den Mut zu fragen,
warum die Versorgung mit diesen Artikeln so problematisch sei.
Die Schuhe, die vorhanden waren, waren robust und auch stabil.
Aber die man brauchte, waren schwer oder auch gar nicht zu bekommen.
Die Erklärung war ganz einfach und auch plausibel. Der Krieg
habe das Land verwüstet, und die Anlaufschwierigkeiten müssten
erst überwunden werden. Aber bei der Planwirtschaft sieht
das trotzdem etwas anders aus. Ein Beispiel:
100.000 erwachsene Männer teilen sich in folgende Schuhgrößen
auf:
60% haben die Größe 42
15% haben die Größe 43
5% haben die Größe 44
5% haben die Größe 40
5 % aufgeteilt auf die restlichen Größen.
Bei den Damengrößen war es ebenso, jedoch waren es
andere Größenordnungen. Zur Auswahl hatte man vielleicht
5 Modelle von jeder Gruppe zur Verfügung. Da man davon ausging,
dass ein Paar Schuhe 3 Jahre zu halten hatte, waren diese Mengen
eine Dreijahresproduktion, die in einem Arbeitsprozess durchgezogen
wurde. So konnte es geschehen, dass kurz vor Ablauf der drei Jahre
die Engpässe da waren. Bei den Kinderschuhen wurde nach dem
gleichen Verfahren gehandelt. Nebenbei spielte auch der Produktionsdruck
eine große Rolle. Nur Leistung zählte. Die Leistung
von einhundert Prozent musste erreicht werden. Im Leistungswettbewerb
mussten sie sogar überboten werden. Dies ist nur ein Beispiel
einer gelenkten Planwirtschaft. Die Gefälligkeit oder Schönheit
des Produktes spielt auch nur eine Nebenrolle.
Ein anderer Fall der Planwirtschaft: Wie schon berichtet, war
die Leistungsnorm einhundert Prozent. Bei 120 % gab es Arbeiterbrot.
Nun zu unserer Brigade: Wir mussten nach einer Liste eine Unmenge
Winkeleisen ablängen und entsprechend lagern. Hiervon sollte
ein Förderband gebaut werden. Wir machten mit unserer Hackerei
125 %. Neben uns war eine Kolonne damit beschäftigt, aus
diesem Material Förderbandelemente zusammenzuschweißen.
Die einzelnen Elemente hatten eine Länge von ca. 5 - 6 Metern
und wurden neben unserer Schmiede auf freiem Gelände abgelagert.
Die gesamte Förderbandanlage hatte eine ansehnliche Länge.
Auch diese Kolonne machte 125 %.
Nebenan waren welche von uns dabei, die abgestellten großen
Maschinen zu säubern. Mit Stahlbürsten und Schmirgelleinen
waren sie voll in Aktion und schafften auch 125 %. Diese Maschinen
waren Demontagestücke, kamen aus Ostdeutschland und waren
recht groß. Kollergänge, Rührwerke usw, die für
die Ziegelproduktion erforderlich waren. Sie standen schon dort,
wo sie nach dem Bauplan hingehörten. Die Halle stand allerdings
noch nicht, sie sollte später um diese Maschinen herumgebaut
werden. Hier entstand auch die schon beschriebene Klagemauer.
Der Winter hielt nun Einzug, und die gesamten Elemente der Förderbänder,
und auch die gesäuberten Maschinen, schneiten langsam aber
sicher ein. Als es Frühling wurde, und der Schnee abtaute,
kamen wunderbare rostbraun gefärbte Gebilde wieder zum Vorschein.
Alles war wunderbar eingerostet.
Was nun ? Im Handumdrehen wurden neue Kolonnen gebildet, die wiederum
mit Stahlbürsten und Schmirgel ihre Arbeit begannen - übrigens
wochenlang! Auch hier gab es wieder eine Dauerleistung von 125
%. In der Statistik waren überall tolle Leistungen verbucht.
Nur das Produkt wurde immer schlechter und teurer. Hier hatten
wir das beste Beispiel, wie eine gelenkte Planwirtschaft sich
selbst im Wege stehen kann. Über diese Probleme wurde diskutiert
mit dem Ergebnis, dass wir wohl noch nicht in die Tiefen der Planwirtschaft
eingedrungen seien. Es sei ja auch nicht so einfach, sich als
Marktwirtschaftler in der sozialistischen Planwirtschaft zurechtzufinden.
Eigentlich waren wir froh, dass wir überhaupt einmal so eine
Diskussion führen konnten. Wir erlebten aber, dass unsere
Propagandisten keineswegs in der Lage waren, so eine Situation
zu beherrschen. Sie erklärten uns kurzerhand für nicht
geeignet, das sozialistische System zu begreifen. Da kamen wir
natürlich nicht gegen an. Die Diskussion verflachte und ging
dem Ende entgegen. Anschließend wurden uns die schrecklichen
Zustände in den deutschen Westzonen dargelegt, vor allen
Dingen die verheerenden Auswirkungen des Marshallplanes, der ja
nur wieder die Aufrüstung zum Ziele habe. Dagegen sei die
Ostzone ein Hort des Friedens und der Zuversicht.
Zum Schluss der ganzen Geschichte kam immer irgendwer auf die
Idee, eine Resolution nach Bonn zu schicken. Es wird wohl ein
Beauftragter der Antifa gewesen sein. Jetzt ging es los. Vorschlag
auf Vorschlag wurde den Antifa-Leuten zugerufen. Bewusst ironische
waren auch dabei. Der Eifer der Propagandisten fand keine Grenzen.
Die Vorschläge wurden so zurechtgefeilt, bis sie meinten,
es sei eine gute Resolution geworden. Ich muss noch erwähnen,
dass bei diesen Veranstaltungen niemals ein Russe anwesend war.
Hier hatte die Antifa die volle Regie. Ich kann mir vorstellen,
dass die russischen Offiziere nach dem Durchlesen dieser Schriftstücke,
wohl manchen Unsinn erst gar nicht weitergeleitet haben.
Als die Resolution fertig war, gelangte sie zur Abstimmung. Die
erste Frage war: Wer ist für die Annahme dieser Resolution?
Alle Hände gingen hoch. Die zweite Frage: "Wer ist dagegen?"
Alle Hände blieben unten. Bei Stimmenthaltung blieben auch
alle Hände unten. So sind alle Resolutionen immer einstimmig
angenommen worden. Wenn wir dann glücklich heimgehen wollten,
kam dann noch einer von der Antifa auf die Idee, mit einem sozialistischem
Kampflied den Abend zu beenden. Ich glaube, in allen Gefangenenlagern
in der Sowjetunion liefen diese Veranstaltungen nach dem gleichen
Muster ab.
Mit meiner Hämmerei als Klempner hatte ich plötzlich
Schwierigkeiten mit meinem rechten Arm. Da es immer schlimmer
wurde, meldete ich mich eines Morgens krank. Ich blieb im Lager
und musste um 9 Uhr in der Krankenbaracke zur ärztlichen
Untersuchung erscheinen. Und was war los ? Die Ärztin stellte
eine Sehnenscheidenentzündung fest. Jetzt hatte "Meister
Hämmerlein" erst einmal Pause. Der Arm wurde mit zwei
Holzleisten geschient und musste zwei Wochen ruhen. Da ich aber
nicht leidend krank war, zog ich in eine Ruhebaracke ein. Diese
war ein Teil einer Lagerstammbaracke. Hier waren z. B. auch die
Kulturgruppen untergebracht. Eine abgeteilte Ecke diente uns hier
als Zeitunterkunft. Wir waren also "Kurzzeitinvaliden".
Hier konnten wir Zeitungen lesen, sozialistische Werke studieren.
Propagandamaterial in sozialistischer Richtung war reichlich da.
Jemand von der Antifa hatte erfahren, dass ich in Nowgorod an
der sogenannten FDJ Tagung teilgenommen hatte, und verpflichtete
mich, hier auch noch einen Vortrag über den Sozialismus zu
halten. Da wir nur eine kleine Gruppe waren, wurde es mehr eine
Unterhaltung als ein Vortrag. War auch gut so.
Da der rechte Arm geschient war und in einer Schlinge zur Ruhe
gezwungen wurde, konnte ich mit meiner Malerei auch nichts anfangen.
In dieser Lagerstammbaracke spielten sich auch einige Besonderheiten
ab. Hier sollten angeblich auch einige Urlauber aus dem Gefangenenbereich
Ferien machen. Verdiente "Wiedergutmacher" hatten hier
so etwas wie einen Jahresurlaub. So richtig dahintergekommen sind
wir nie. Einmal machte man mit uns sogar einen Spaziergang oder
Ausflug in die äußere Umgebung des Lagers. Dieses fand
ohne Bewachung statt. Nur zwei Antifabegleiter gingen mit uns.
Hierbei pflückten wir auch Heidelbeeren.
Die Zeit ging herum, und mein Arm beruhigte sich wieder. Nach
zwei Wochen gab's wieder eine Untersuchung, und ich wurde von
der Ärztin wieder gesund geschrieben. Der sozialistische
Alltag hatte mich wieder.