Essen, Krankheit und Untertagearbeit in Kriegsgefangenschaft
Dann und wann gab es im russischen Gefangenenlager Borowitschi
schon mal Sonderzuteilungen. Hierbei handelte es sich um Tomaten,
Gurken, Tabak oder Machorka, auch gab es manchmal kleine Heringe.
Eine Essgruppe bestand immer aus zehn Personen, und jeder hatte
seine eigene Nummer. Nun ist der liebe Gott zwar ein lieber Mann,
nur ein Problem hatte er nicht bedacht. Die Früchte der Natur
hat er nicht alle gleich groß wachsen lassen. Wenn zum Beispiel
10 Gurken unter 10 Personen verteilt werden müssen, spielt
sich folgende Vorstellung ab: Zehn Gurken, die natürlich
alle unterschiedliche Größen haben, werden für
alle sichtbar ausgebreitet. Wenn sie nun alle schön da liegen,
muss sich einer der Gruppe umdrehen, sodass er nichts sieht. Er
ist also die blinde Kuh. Jetzt zeigt der Oberverteiler mit dem
Finger auf eine Gurke, und die blinde Kuh ruft eine Zahl. Die
Spannung ist groß, denn die auserwählte Gurke ist eine
kleine. Jetzt ertönt die Zahl sieben. Nummer sieben ist nun
sauer, weil das bei ihm angeblich immer so ist - meint er. Er
habe das ja auch schon vorher kommen sehen. Er hört einfach
nicht auf zu meckern. Er nahm sich seine Gurke - und der Fall
war erledigt. Jetzt kam die nächste dran. Es war die größte
Gurke. Die blinde Kuh rief die Nummer 4. Nummer vier strahlte
über das ganze Gesicht. Nummer sieben schrie sofort los,
er sei immer der Gelackmeierte, aber so sei das nun mal eben.
Beim Wachsen der Früchte hat der liebe Gott an diese Probleme
nicht gedacht. Das Schlimmste aber war, wenn ein Paket Tabak aufgeteilt
werden musste. Auf einem Tuch wurden Häufchen gemacht. Unter
bohrenden kritischen Augen war das fast unmöglich. Hier vorne
der Haufen war viel größer als der da hinten! Dieser
Haufen da hatte ja fast nur Krümel, so ging das nicht! Es
wird also alles noch einmal gemacht. Zehn neue Häufchen entstehen.
Durch die viele Fuddelei sind es bald nur noch Krümel.
Aber alles muss mal ein Ende haben. Nun ging das blinde Kuh-Spiel
wieder los, und das Misstrauen gab wieder eine Vorstellung. Es
war immer das gleiche Ritual, aber jeder sah ein, dass es eben
nicht anders ging.
Hatte eine Arbeitsbrigade am Tage eine Leistung von 125 % erbracht,
gab es am Abend zusätzlich 150 Gramm Arbeiterbrot. Unsere
Brigade schaffte alltäglich die 125 %. Somit war uns das
Zusatzbrot gesichert. Dazu gab es auch eine kleine Kelle Kascha
(Hirsebrei, Graupenbrei, auch schon mal wässeriger Kartoffelbrei).
Nun kam es aber oft vor, dass wir nicht täglich unser Arbeiterbrot
bekamen. Es ging uns aber nicht verloren. Meistens bekamen wir
es immer für zwei oder drei Tage. Dann hatten wir auch mehr
davon und konnten es auch besser genießen. Einmal geschah
es 1946, dass wir acht Tage im Rückstand lagen und schon
bald nicht mehr an unsere Speisung glaubten. Auf dem Heimweg kamen
uns des öfteren die Nachtschichtbrigaden entgegen, die zum
Kombinat gingen. So auch an diesem Tage. Die Bewachung ging friedlich
neben uns her, und bei der Nachtschichtbrigade war es ebenso.
Plötzlich hielt uns die Nachtschicht Schilder entgegen, worauf
geschrieben stand: "Zehn Tage Arbeiterbrot". Freudige
Erregung überfiel uns und wir klatschten Beifall. Jetzt war
es aus. Unsere Bewachungen drehten durch und glaubten vor Schreck
wohl an eine neue Oktoberrevolution. Sie entrissen den Nachtschichtleuten
die Schilder und hauten sie ihnen fast um die Ohren. Weil die
russische Bewachung zwischen uns herumsprang, gab es bald ein
heilloses Durcheinander. Die hinteren Truppen wussten gar nicht,
was vorne los war. Sie machten lange Hälse, sahen aber nur
zwei Marschblöcke, die völlig durcheinander geraten
waren. Die Bewachung hielt mit ihren Gewehren die ganze Truppe
in Schach. Was nun? Der Schrei nach einem Dolmetscher hallte durch
die Gegend. Ein russisch sprechender Gefangener kam angerannt,
fing an zu lachen und las den Russen die Schilder vor. Große
Zweifel bei der Bewachung, denn der deutsche Dolmetscher konnte
ja viel erzählen. Erst langwierige Verhandlungen auf offener
Straße mit Dolmetschern beider Parteien brachten wieder
Ruhe in das Geschehen. Die Marschblöcke hatten sich wieder
entwirrt und strebten ihren Zielen entgegen.
Nun ging es los. Das Stichwort Arbeiterbrot hatte uns eine Weihnachtsillusion
vorgemacht. Wie üblich gab es nach der Zählung Suppen
und Brotempfang. Als die Lagerspeisung beendet war, durften die
Arbeitsbrigaden ihr Arbeiterbrot abholen. Jetzt mussten wir mit
den neuen Dimensionen erst einmal fertig werden. Man stelle sich
vor: 10 x 150 Gramm sind 1500 = 1,5 kg Brot. Zehn kleine Kellen
Kascha, ungefähr ein Kochgeschirr voll, kamen noch dazu.
Es war eine Nacht wie im alten Rom. Ein Gelage wie beim Kaiser
Nero, nur nicht so gut. Da wir das normale Abendessen schon hinter
uns hatten, war es mit der Nachspeisung nicht mehr so eilig. Wir
ließen uns Zeit, weil wir das Essen genießen wollten.
Jeder war mit sich und der Esserei beschäftigt. So, jetzt
ist es erst einmal genug. Brot und Kascha wurden abgestellt. Genussvoll
wurde vor sich hin gedöst. Die Augen blickten zufrieden nach
oben, sahen das Brot und den Kascha, und schon fing das Hirn wieder
an zu denken: "Etwas könnte man ja noch essen!"
Man nahm noch eine kleine Mahlzeit und schlief genussvoll ein.
Zwei Tage haben wir gut davon gelebt. Einige hatten sogar Bauchschmerzen
und sonstige Plagen hinterher gehabt. Nach einigen Tagen war die
Normalität wieder eingetreten, dann aber hatte ich Verdacht
auf Ziegenpeter. Hier handelt es sich nicht um einen bayerischen
oder gar schweizerischen Ziegenhirten, sondern um eine Begebenheit
in der russischen Gefangenschaft im Jahre 1946. Es war schon Winter,
der Schnee hatte das Land bedeckt, und kalt war es auch schon.
Wie üblich zogen wir nach des Tages Mühe und Plage erschöpft
dem Lager entgegen. Als wir unsere Baracken betraten, herrschte
heillose Aufregung. Was war los ? Im Lager war der Ziegenpeter
ausgebrochen. Nun war der Ziegenpeter nicht etwa geflüchtet,
sondern wollte über uns herfallen. Kurz gesagt: Der Mumps
hatte unser Lager erwischt. Nun kann der Russe ja viel vertragen.
Aber irgendeine ansteckende Krankheit löst panikartige Reaktionen
aus. Deswegen auch die riesige Aufregung. Ein Ärzteteam durchstöberte
schon die Baracken und machte große Reihenuntersuchungen.
Auf dem Heimweg fühlten wir uns in dieser Richtung alle noch
kerngesund, aber jetzt befanden wir uns in höchster Lebensgefahr.
Jetzt erschien die Ärztekommission auch in unserer Baracke,
und schon ging es los. Wer auf einmal alles Mumps hatte ohne es
zu wissen - es war sagenhaft. Bei der Kontrolluntersuchung mussten
wir alle unsere Schlafplätze einnehmen. Nun passierte Folgendes:
Die Leute, die plötzlich Mumps hatten, mussten sich sofort
zur Krankenbaracke begeben, wo sofort eine große Mumps-Station
eingerichtet wurde. Die rechten und linken Nachbarn mussten in
eine schnell eingerichtete Quarantänebaracke umsiedeln. So
ein Nachbar war auch ich. Mit unseren paar Habseligkeiten zogen
wir zur Baracke 7, wo eine Sonderabtrennung uns 21 Tage aufnahm.
Vor einer Stunde noch waren wir alle gesund und munter und nun
schwerkrank, oder - wie ich -halbkrank. Unsere Abendverpflegung
bekamen wir schon in unserer neuen Unterkunft. Jetzt waren wir
Pflegefälle und konnten schlafen, soviel wir wollten. Wir
durften auch keinen Kontakt mit den anderen Gefangenen aufnehmen.
Wir kamen uns vor wie Aussätzige. Einige langweilige Tage
vergingen.
Irgendwie hat der Russe wohl doch gemerkt, dass da wohl viel Übertreibung
bei der Sache war, und konnte nicht einsehen, dass so viele brachliegende
Stunden der sozialistischen Arbeit verloren gehen würden.
Es musste also etwas getan werden. Eines Tages hieß es,
die Quarantäne-Gruppe käme zum Zecheneinsatz. Und so
war es denn auch. In Borowitschi war das große Kombinat
"Rote Keramik", wozu noch allerlei Nebenbetriebe gehörten,
unter anderem auch die Zeche. Diese war eine Tongrube, so etwa
40 bis 60 Meter unter der Erdoberfläche. Obwohl ich aus dem
Ruhrgebiet kam, hatte ich doch noch nie eine Zeche von innen gesehen
und harrte nun der Dinge, die da kommen sollten. Eines Morgens
zog unsere Quarantäne-Brigade los. Wir tapsten auf einem
Fußweg durch den Schnee unserem Abenteuer entgegen. Es war
noch dunkel, und als wir ankamen, erkannten wir schemenhaft ein
primitives Verwaltungsgebäude und einige Schuppen drumherum.
Ebenso erahnten wir einen Förderturm. Wir betraten irgendeinen
Schuppen und wurden den russischen "Kumpels" zugeteilt.
Zu viert mussten wir mit unserm Russen einen todgelegten Stollen
entsorgen ("Remonte" machen). Er nahm uns mit und wir
fuhren ein. Nein wir fuhren nicht ein, sondern wir stiegen ein.
Dieses spielte sich folgendermaßen ab: Wir betraten einen
kleinen Holzschuppen, worin sich das Einstiegloch befand. Ein
Geländer sicherte das Loch, und mittels einer Leiter ging
es abwärts. Durch den Frost hatte sich am Lochrand ein Eiskragen
gebildet. In mehreren Etappen und Zwischenstationen kamen wir
dann unten an.
Man merkte, wie es beim Abstieg immer wärmer wurde. Dann
gingen wir noch eine kurze Strecke bis zur Zentralstelle. Zunächst
hatte ich viel Neues aufzunehmen. Hier war alles elektrisch beleuchtet
und auch einigermaßen hell. Die Temperatur betrug etwa 16
Grad. Wir bekamen zwei Grubenlampen, und unser Russe zog mit uns
und einigen Werkzeugen in den todgelegten Stollen. Vor uns ein
tiefes schwarzes Loch. Über die Gleise trabten wir unserem
Ziel entgegen. Wir sollten die Schienen demontieren und in den
Standardlängen an den Seiten ablegen. Aber irgendetwas fehlte
wohl. Unser Russe ließ uns hinsetzen und sagte, wir sollten
warten. Mit einer Grubenlampe ließ er uns zurück und
ging nochmals zur Zentrale. Nun saßen wir da und unterhielten
uns über die Ruhrzechen, wie es da wohl zugehen würde.
Uns war es egal, wie lange wir wohl warten würden. Es dauerte
eine Ewigkeit. Wahrscheinlich hatte auch der Russe keine Lust,
mit uns Rekorde zu brechen. Dann endlich kam von ferne her ein
leuchtender Punkt auf uns zu. Unser Russe war wieder da, setzte
sich zu uns und versuchte, uns etwas zu erklären. Er gab
es aber bald auf, machte mit uns den Aufbruch, und wir gingen
wieder zurück, ohne etwas gemacht zu haben. An der Zentralstelle
mussten wir dann noch etwas Material zurechtstapeln. Hierbei haben
wir das Innenleben dieser Zeche näher beobachten können.
Neben uns wurden die Loren mit einem Schleppseil zum Hauptschacht
gefahren. Hier wurden sie in einen Trichter gekippt und landeten
in einem Schachtkorb. Wenn er gefüllt war, wurde er nach
oben gefördert und dann mit Kippgondeln per Seilbahn zum
Hauptwerk nach Borowitschi befördert.
Jetzt mussten wir über die Leitern wieder nach oben klettern.
Das Tauwasser des Eiskragens oben am Einstiegloch tropfte uns
zur Begrüßung auf unsere Köpfe. Fix und fertig
kamen wir oben an. Es ging zum Waschraum und danach zur Kantine.
Hier bekamen wir unsere Abendsuppe und unser Brot. Diese Suppe
war besser als die Lagersuppe. Jetzt ging es zum Lager zurück,
und wir "Frisch-Bergleute" hatten den ersten Zechentag
hinter uns. Das Leben ging weiter - und unser Zechenleben auch.
Am nächsten Tag die gleiche Prozedur wie gehabt: Jetzt ging
es unter Lebensgefahr nach vorne vor Ort. Wir hörten schon
das Geknatter der Presslufthämmer. Es ging durch ganz enge
Stollen. Dort angekommen, waren die alten "Gefangenenhasen"
am Wirken. Einer von uns wollte auch mal den Presslufthammer führen.
Als das Rattern losging, lag er samt Hammer im Handumdrehen am
Boden. Unter mitleidigem Lächeln der alten Füchse wurde
er von dem Hammer befreit und konnte wieder aufstehen.
Unsere Aufgabe war es, die losgehämmerten Tonbrocken in die
Loren zu schaufeln und die dann zum Hauptstollen zu schieben.
Unsere wenigen Kräfte ließen immer mehr nach, bis wir
keine mehr hatten. Als der russische Brigadier sah, dass wir kaum
noch die Schaufeln hochbekamen, sah er ein, dass mit uns in dieser
Angelegenheit nichts zu machen war. Wir brauchten dann nur noch
die Loren hin- und herzuschieben. Zum Schaufeln wurden kräftige
Leute beordert. So durften wir ein paar Tage nur die Loren schieben.
An einem Tag hatten wir einen wirklich engen Stollen, wo die Loren
durch mussten. Hier geschah es, dass sich plötzlich die Decke
des Stollens absenkte. Wir kamen gerade noch mit unserer Lore
durch, dann war es aus. Die Hauer hatten gerade noch Zeit, die
Presslufthämmer abzubauen, dann wurde der Stollen stillgelegt.
Mein letzter Einsatz in dieser Zeche war an der Drehscheibe am
Zentralpunkt, wo alle Loren zusammenliefen. Hier habe ich mit
einer Russin zusammengearbeitet. Unsere Aufgabe war es, alle ankommenden
Loren zum Förderschacht zu leiten. Oberhalb der Schienen
lief ein Drahtseil an einer Seite des Stollens her, an der anderen
zurück. Die ankommenden vollen Loren wurden im Drehscheibenbereich
von dem Zugseil abgeklinkt.
Und jetzt gab es etwas ganz Neues: Wir hatten zwar eine Drehscheibe,
aber sie drehte sich nicht ! Es war eine dicke, festverankerte
Stahlplatte. Darauf wurden die Loren mit einem kräftigen
Schwung in die richtige Richtung des Förderschachtes gebracht,
auf die Schiene geschoben, und das Zugseil wieder eingeklinkt.
Genauso ging es mit den leeren Loren, die zurückkamen. Meine
Russin brachte mir ganz schnell bei, wie man ohne viel Kraftaufwand
die Schleudere! machte. Eigenartigerweise ist die Zeche nicht
von Ziegenpeter überfallen worden.
Da es wahrscheinlich keinen Sinn hatte, uns als Bergwerker weiter
zu benutzen, hatte diese Aktion nach zehn Tagen ein vorzeitiges
Ende. Höchstinteressant war es aber trotzdem. So haben wir
auch mal einen Einblick in die russische "Unterwelt"
gehabt. Einige, die schon im Ruhrbergbau tätig gewesen waren,
meinten, in Deutschland würde keine Maus in so eine Zeche
einfahren. Es war aber auch wirklich primitiv da unten. Manche
Stellen waren trocken, aber an vielen Stellen lief das Wasser
wie in Bächen. Die Stromleitungen waren auch "sensationell"
verlegt: Blanke Drähte an Porzellanisolatoren quer durch
die Zeche. Wo man Strom brauchte, wurden einfach mit Klammern
die blanken Drähte angezapft, und schon war das Problem gelöst.
Die restlichen Quarantänetage gingen auch vorüber, und
unsere Brigade "Mechanische Werkstatt" hatte uns wieder.
Die Affäre "Ziegenpeter" war vorbei und hat keinerlei
Folgen hinterlassen.
Unsere Gedanken drehten sich ohnehin nur um das Essen. Ich weiß
nicht, ob Sattessen das richtige Wort ist. Es müsste eigentlich
"Vollfressen" heißen. Wir kannten nämlich
keine Grenzen mehr, wenn es um die Esserei ging. Seitdem unsere
Eimerfabrik den Betrieb einstellen musste, hatte sich unsere Ernährungslage
auch verschlechtert. Aus geheimer Quelle war irgendwie zu erfahren,
dass es eine Möglichkeit gab, sich mal wieder satt zu essen.
Diese Möglichkeit bestand im Küchenbereich, und zwar
im Holzhackerstall. Hier war ein Holzhacker mit der Holzhackerei
für die Küche beschäftigt. Für acht Rubel
konnte man hier einen Essnapf mit Kascha bekommen. Das war doch
etwas, wo man zugreifen musste. Also hin und Verhandlungen aufnehmen.
Dieses alles musste man am Abend in der Dunkelheit durchführen.
Bei meinen Verhandlungen musste wohl Hochkonjunktur gewesen sein,
weil ich vier Tage warten musste.
Nach vier Tagen machte ich mich auf zum Holzstall. Der Holzhacker
bekam meine Rubel und ich seinen Essnapf. In einer Ecke des Stalles
durfte ich dann die Nahrungsaufnahme veranstalten. Entsprechend
zufrieden zog ich zu meiner Baracke zurück. Nach einigen
Tagen begann die Tragödie. Ich musste plötzlich zur
Lagerleitung kommen. Ein russischer Offizier und ein Dolmetscher
waren anwesend. Es begann eine Befragung über meine Kascha-Esserei
im Holzstall. Woher um alles in dieser Welt wussten die Russen
von meiner Kascha-Esserei? Ich wurde regelrecht fertig gemacht
und stand da wie ein Angeklagter (war ich ja auch). Ich wurde
aufgeklärt, dass der Holzhacker ein Dystrophiker sei und
nur in der Küche holzhacken dürfe, um wieder zu Kräften
zu kommen. Ich bekam einen Tadel und einen Monat wieder keinen
Tabak. Der Holzhacker wurde abgelöst und wieder in seine
Baracke zurückgeschickt. Ich weiß bis heute noch nicht,
wie die ganze Geschichte zustande kam. Der Holzhacker kann sich
ja nicht selbst angeklagt haben. Einfach rätselhaft.
Eine andere Angelegenheit war auch sehr komisch, aber eigentlich
sehr positiv. Eines späten Abends kam jemand zu mir und sagte,
ich solle zur Lagerkommandantur kommen. Ich stutzte und meinte,
er machte Unsinn. Es sei wahr, ich solle wirklich hinkommen. Ich
ging natürlich hin, und es war wirklich wahr: Es waren ein
Offizier und eine russische Ärztin anwesend. Ich durfte mich
hinsetzen, und es folgte keine Befragung, sondern eine Erklärung.
In unserer Arbeitsbrigade sei doch der Feldwebel "Soundso".
Sie hätten in Erfahrung gebracht, dass dieser Soundso sein
Brot und auch sein Arbeiterbrot gegen Machorka eintauschte (was
auch wirklich stimmte). Wir sollten doch innerhalb unserer Brigade
dafür sorgen, dass er diese Tauschereien unterlassen sollte.
Die Ärztin erklärte uns nun Folgendes: Feldwebel "Soundso"
sei ja hier in russischer Gefangenschaft, und sie möchten,
dass er auch eines Tages gesund nach Hause käme. Er sollte
aber nicht wissen, dass sie mit uns gesprochen hätten. Im
Nachhinein stellte sich heraus, dass dieses Gespräch mit
mehreren aus unserer Brigade stattgefunden hatte. Diese Begebenheit
ist fast unglaubhaft, aber wahr.
In regelmäßigen Abständen gab es immer eine große
nächtliche Störung. Es war der Besuch in der Banja.
Die Banja ist das russische Bad. Am Tage hieß es schon,
dass wir heute Nacht dran wären. Nur zu welcher Zeit, das
war die große Frage. Um ein Uhr plötzlich das große
Wecken: "Gruppe 1 und 2 zur Banja!" Mit zwanzig Mann
brachen wir auf zur Banja, die in der letzten Ecke des Lagers
war. Im Winter bei einer Hundskälte war das keine angenehme
Angelegenheit. Das Bad war unheimlich gut geheizt, und das hatte
auch seinen Grund. Denn bei dieser Gelegenheit fand auch immer
automatisch eine Entlausung statt. Wir hatten zwar während
der ganzen Gefangenschaft keine einzige Laus mehr gehabt. Wahrscheinlich
durch die dauernden Entlausungen.
Folgendes spielte sich nun ab: In einem Entkleidungsraum mussten
wir uns aller Kleidung entledigen. Die Sachen wurden alle auf
einen Ring gezogen, auf einen Rollwagen gehängt und in die
Hitzekammer geschoben. Die Nummer des Ringes mussten wir uns merken,
damit das nachher nicht so ein wildes Gesuche würde. Dann
ging es in den Baderaum, und jeder bekam einen Holzbottich mit
schönem warmen Wasser und einem Stück Seife. Jetzt konnten
wir eine Vollwäsche machen. Wir bearbeiteten uns gegenseitig
den Rücken. Zwischendurch wurden wir der Reihe nach rasiert
und unsere Haare geschnitten. Später durften wir uns die
Haare dann auch wachsen lassen. Nachdem wir uns gewaschen hatten,
kippten wir uns das Wasser über den Kopf und hatten dadurch
noch eine Dusche.
In der Mitte stand ein großer Kanonenofen, der dann auch
unser automatischer Trockenautomat war. Wir drehten uns um unsere
eigene Achse, bis wir trocken waren. Mittlerweile war auch die
Entlausung unserer Kleidung beendet. Dann hieß es: Bekleidungsausgabe.
Der Rollwagen stand bereits im Ankleideraum. Wir suchten unsere
Sachen. Sie waren noch so heiß, dass wir sie kaum anziehen
konnten. Es war herrlich, bei dieser Kälte in unsere warmen
Sachen zu kriechen. Als wir alle angezogen waren, ging es zur
Baracke zurück. Bis wir wieder Ruhe fanden und endlich schlafen
konnten, waren 1 1/2 Stunden vergangen. Am nächsten Tag fehlte
uns dann merklich der Schlaf. Im Sommer war es nicht so schlimm,
weil die Natur dann mit uns gnädiger war. Übrigens:
einmal habe ich mir bei einem Banjaunternehmen am Kanonenofen
mein Hinterteil verbrannt. Zuerst sagte ich nur: "AU!!"
Aber zwei Tage später hatte ich Fieber und lag eine Woche
mit eiternder Wunde in der Krankenbaracke.
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