Genau so wie die Nazis das ganze zivile Leben durchsetzt und gleichgeschaltet
hatten, unterwarfen sie auch die Jugend ihrem Zwangsystem. Kinderschar
- Jungvolk - Hitlerjugend - Parteigenosse (PG), so sollte die
Stufenleiter zum ergebenen Volksgenossen werden. In diese Reihenfolge
wurde man im wahrsten Sinne des Wortes gepresst, auch wenn die
Organisationen in einigen Fällen andere Namen hatten. Zum
Beispiel waren auch SA- und SS-Leute treue Parteigenossen. Immer
galt das Wort: "Meine Ehre ist die Treue".
Noch suchten meine Eltern danach, mich aus diesem Zwangssystem
herauszuhalten. Sie meldeten mich als Mitglied des VdA an, einer
Organisation, die sich um die deutschen Bürger im Ausland
bemühte (Verein für das Deutschtum im Ausland). Deren
Mitglieder fielen nicht durch braune oder schwarze Uniformen auf,
hatten keine sichtbaren Dienstabzeichen und trugen natürlich
auch nicht den Totenkopf an ihren Mützen wie die SS. Somit
marschierte ich bei einem Aufmarsch mit einem weißen Hemd
mit blauer Armbinde in der Kolonne. Noch heute sehe ich mich in
diesem Aufzug in einem Fackelzug marschieren, der abends durch
unser Wohngebiet zog.
Doch bereits kurze Zeit später überzeugte der Sohn unseres
Fotografen die Eltern davon, dass ich auf diese Weise im NS-Staat
keine Perspektive haben würde. Also wurde ich Mitglied des
Jungvolkes. Ich wurde "Pimpf" und bekam eine schwarze
Hose mit Koppel. Nach meiner Probezeit durfte ich an meinem braunen
Hemd ein rotes Abzeichen mit weißer Siegrune (germanisches
Siegeszeichen) annähen lassen. Als das meine Mutter aber
falsch befestigte, schämte ich mich und forderte eine schnelle
Veränderung. Von diesem Zeitpunkt an mussten wir jeden Sonnabend
- am Staatsjugendtag - auf einem Schmuckplatz im nahen Marienbrunn
in unserer braun-schwarzen Uniform exerzieren (Kriegsvorbereitung).
Am den Mittwoch-Nachmittagen wurden wir dann in Heimabenden politisch
ausgerichtet und über nationalsozialistisches Gedankengut
informiert. Derartige Veranstaltungen wurden für Mädchen
und Jungen durchgeführt.
"Hart wie Kruppstahl, zäh wie Leder, flink wie Windhunde"
forderte der Führer (1937)
Wie freute ich mich, dass mich Mutter beim Jungvolk angemeldet
hatte. Nur widerwillig hatte sie mir die "Siegrune"
ans Braunhemd angenäht. Nun wurde alles nach dem Vorbild
der mittelalterlichen Landsknechte vorbereitet und durchgeführt.
Das macht sich besonders bei den sommerlichen "Großfahrten"
bemerkbar. Der Tornister, den jeder Pimpf besaß, musste
vorschriftsmäßig gepackt werden. An ihm war auf dem
Rücken das Kochgeschirr angeschnallt. Die Zeltbahn wurde
vorschriftsmäßig gefaltet und gerollt und mit Lederriemen
am Rande des Tornisters angebracht. Ihre Enden mussten genau mit
dessen Rand abschließen. Bei Appellen wurde immer wieder
auf Exaktheit geprüft. Bald hatten wir von diesem sturen
Drill alle die Nase voll. Doch im Lager unterlagen wir weiteren
Schikanen.
Zu Beginn unserer Großfahrt auf dem Zeltplatz angekommen,
wurden mit den eigenen Zeltplanen spitze Zelte zusammen geknöpft
und aufgebaut. Das Innere dieser primitiven Unterkünfte wurde
mit Stroh ausgepolstert. Frühmorgens hingen dann immer Strohhalme
an unseren Uniformen. Diese mussten ausgebürstet werden und
lagen dann auf dem Zeltplatz herum. Also war das Strohaufklauben
dann nach der obligatorischen Morgengymnastik eine wenig angenehme
Beschäftigung.
Der Tagesablauf wurde mit Fanfarensignalen geregelt. Zum Mittagessen
wurden wir zum Beispiel mit der Melodie: "Kartoffelsupp´,
Kartoffelsupp´, Kartoffelsupp´, - und sonntags Möhr´n"
zur Gulaschkanone gerufen. Dort wurde der "Fraß"
in unsere gut ausgespülten Kochgeschirre eingefüllt.
Zum Essen saß die ganze Zeltbesatzung in einem Kreis. Nach
einem deftigen Tischspruch, zum Beispiel: "Es isst der Mensch,
es frisst das Pferd, doch heute ist es umgekehrt" und einem
kräftigen "Gut Fraß!" konnten wir dann endlich
unseren Hunger stillen.
Die Freilufttoiletten waren als Donnerbalken konstruiert und von
hinten gut einzusehen. Wer sich tagsüber als "Feigling"
zeigte oder eine nicht geduldete Meinung äußerte, wurde
in der Nacht aus dem Schlaf gerissen. Ihm wurde die Hose herunter
gezogen und das blanke Hinterteil mit schwarzer Schuhcreme eingeschmiert.
Anschließend wurde ihm dann der Po, mit der Bürste,
mit dem wir unser Koppel wienern mussten, auf Hochglanz poliert.
Am nächsten Morgen musste er dann unter dem Gejohle der "Kameraden"
die schwarze, tief eingefressene Schicht von seinem Po an der
offenen und für alle einsehbaren Wasserstelle mit kaltem
Wasser abbürsten. Dabei wurde die Haut zunehmend rot.
Landsknechte
Die raue, landsknechtsmäßige Behandlung wurde von den
vorgesetzten Führern gezielt eingesetzt. Das zeigten auch
die Lieder, die wir einübten. Beim Marschieren in Kolonnen
zogen wir hinter den schwarzen Landsknechtstrommeln durch die
Leipzigs Straßen. Dumpf hallte ihr Klang von den Häusern
zurück: Bumm, -, bumm -, bumm bumm, bumm. Und bei großen
Aufmärschen wurde dann der Spektakel durch den hellen Klang
der Fanfarenzüge ergänzt. Selbstverständlich waren
die Trommel und die Fahnen, schwarz gefärbt und mit dem Zeichen
des Jungvolkes, der "Siegrune" geziert.
Wir sangen dann auch Landsknecht-Lieder, zum Beispiel von "Frundsbergs
rauhem Haufen" und von der Glocke, die vom Bernhardsturm
"stürmte" und vom "Urhorn, das nach Blut lechzte
und wimmerte, dass Gott genade." Doch es gab auch ganz aktuelle
Lieder wie: "Es zittern die morschen Knochen, der Welt vor
dem großen Krieg. Wir haben den Schrecken gebrochen, für
uns war´s ein großer Sieg. Wir werden weiter marschieren,
wenn alles in Scherben fällt. Denn heute gehört uns
Deutschland und morgen die ganze Welt." Eigentlich hieß
es ja: "und heute da hört uns Deutschland und morgen
die ganze Welt. Aber niemand störte sich an unserer "Umdichtung"
zum Kampflied.
Verein Dampfcasino (1942)
Zunächst aber konnte ich mich der Begeisterung bestimmter
Bevölkerungsschichten nicht ganz entziehen. Um in meiner
Schulklasse bestehen zu können und weil ich beabsichtigte,
Medizin zu studieren, me1dete ich mich zu einem "Feldscher-Kurs"
(Feldscher; Begriff der Landsknecht-Sprache = Sanitäter).
Das war nur bei einem Lehrgang der HJ möglich, brachte mir
aber ein Abzeichen an der Uniform ein, das recht dekorativ aussah
und Achtung abnötigte.
Unser HJ-Führer wollte mit seinem Feldscher-Jungzug Aufmerksamkeit
bei den Fabrikanten erregen, die als Mitglieder dem Verein "Dampfcasino"
angehörten und auch im Krieg ein sorgenfreies Leben führten.
So zogen wir an einem sonnigen Tag singend durch die Straßen
des Leipziger Ostens. Wir stimmten mit Begeisterung das Lettow-Vorbeck-Lied
an: "Wie oft sind wir geschritten, auf schmalem Negerpfad.
Wohl durch der Steppen Mitten, wenn früh der Morgen naht.
Wie lauschten wir dem Sange, dem weit vertrauten Klange der Träger
und Askari, heia, heia Saffarie. Romantik pur, obwohl bei diesem
grausamen Kolonialkrieg ganze Negerstämme in die Wüste
vertrieben wurden, um dort mit Frauen und Kindern jämmerlich
zu verdursten.
Im Festsaal des Casinos saß man wie in Friedenszeiten bei
Braten, Wein und Schnaps zusammen, während die Bevölkerung
bereits darbte. Das sah ich mit sehr kritischen Augen Doch Zeit
zur Überlegung blieb nicht, wir mussten auch hier unter anderem
das "Lettow-Vorbeck-Lied" vortragen. Nach dieser "kulturellen"
Vorbereitung baten die älteren Herren ihre jungen Begleiterinnen
zum Tanz. Wie es weiter ging? Das Fragen war für mich überflüssig,
da ich erfuhr, wie mein "Kamerad" vor dem Zimmer des
schmucken HJ-Zugführers als dessen Adjutant Wache schob,
damit dieser nicht bei seinen sexuellen Eskapaden mit den jungen
Damen seines Standes überrascht wurde.
Uns Jungen, die nicht zu den "privilegierten Familien"
gehörten, standen aber solche "Vergnügungen"
nicht zu. Wir durften zwar noch bis 1942 die Tanzstunde besuchen.
Einem Klavierspieler war genehmigt worden, mit den entsprechenden
Tanzmelodien unsere ersten Schritte auf dem Parkett zu bekleiden.
Unsere Tanzstundendamen durften uns Kuchen anbieten, den sie aus
Mehl zubereitet hatten, das sie auf ihre Lebensmittelkarten bezogen
hatten.