Kinderleichen 1945
Egon Erwin Kisch, der "Rasende Reporter", betitelte den Bericht
von einem Besuch im Prager kriminaltechnologischen Institut mit
der reißerischer Überschrift: "In jedem Schubfach
eine Leiche". Dieser Titel wurde also schon vergeben, so
dass seine Nutzung ein Plagiat wäre. Aber sie würde
auch auf das Kieler Institut zutreffen, in dem ich meinen Einsatz
absolvieren musste, um meine Genehmigung zum Medizinstudium zu
erhalten. Ersetzen wir also "Schubfach" durch "Behälter".
Und damit sind wir also bei den Tatsachen. Denn in einem Behälter
im Leichenraum steckten - gut gekühlt - immer einige Leichen
kleiner Kinder, meist von neugeborenen Wesen. Woher kamen diese?
Man muss sich in die Zeit kurz nach der totalen Kapitulation der
deutschen Armee versetzen. Viele Menschen waren aus den Ostgebieten
des "Deutschen Reiches" geflohen. Oft im letzten Augenblick
vor den von der NS-Propaganda als Bestien bezeichneten Rotarmisten.
Ich habe noch ein Propagandabild der Goebbelsschen Ära vor
meinen inneren Augen. Es hing auf Sylt in unserer Unterkunft dicht
neben den Spinden, in denen die Mäuse nach der letzten organischen
Nahrung suchten. Es zeigte einen zähnefletschenden asiatischen
Typ mit dem Sowjetstern an der Kappe, zwischen seinen Zähnen
ein bluttriefendes Messer. So stürzte er sich auf ein Mädchen,
das sich zitternd seinen Griffen entziehen wollte.
Dazu kam, dass sich von der Front her Meldungen verbreiteten,
die von Gräueltaten berichten. Wenn auch vieles übertrieben
war, die Meldungen erfüllten ihren Zweck. Die Menschen flohen
in Scharen aus ihren Höfen. 2,5 Millionen Menschen flohen
über die Ostsee. Die deutsche Kriegsmarine setzte 1 000 Handels-
und Kriegsschiffe ein. Über 200 Schiffe sanken durch Minen
und Angriffe und rissen 40 000 Menschen in den Tod. Andere hatten
das Glück, die schützenden Häfen im deutschen Reichsgebiet
zu erreichen Viele Schiffe setzten die Flüchtlinge in Kiel
an Land ab. Sie hatten aber keine Verpflegung gebunkert. Unter
ihnen befanden sich auch schwangere Frauen. Sie litten wie alle
anderen "Fahrgäste" unter Hunger. Teilweise hatten
sie auf der Fahrt unter den primitivsten Bedingungen entbundenen.
Die ausgemergelten Brüste gaben kaum noch Milch. Das Hafenbecken
war nahe. Und der Tod der Kleinen verlief im Wasser schmerzlos.
Wer konnte den Frauen diese Lösung verübeln?
Doch die Behörden waren auch nach der Kapitulation von einem
angeborenen Ordnungssinn durchdrungen. Als die Leichen wieder
an die Wasseroberfläche des Hafenbeckens kamen, wurden sie
aufgefischt und nicht vergraben, sondern ordnungsgemäß
aufbewahrt - bis sie in der Gerichtsmedizin seziert werden konnten
und die kleinen Lungen der Schwimmprobe unterzogen worden waren.
Damit man sehen konnte, ob sie geatmet hatten. Dann endlich wurden
die Säuglingsleichen in einem Eimer verstaut und entsorgt.
Ich musste dort mit tätig sein und kann bis heute die Situation
nicht vergessen. Aber zerschnittene Säuglinge?
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