Es berichtet: Horst Ahrens mit ergänzenden Angaben von :
Hubert Poganiuch, Manfred Rother, Alois Tumulka, Günter Dlugosch,
Hans-Jürgen Gellinek, Gerhard Schmack, Norbert Jarzenski,
Johannes Malik, Herbert Laqua() und Hanno Effert ().
Ich war im Sommer 1944 als Flakhelfer in der FLAK-Batterie 223/VIII
in Odertal (Oberschlesien) eingesetzt. An einen besonderen "Abschuss",
den ich datumsmäßig nicht einordnen kann, weil er in
meinen Unterlagen nicht verzeichnet ist, kann ich mich noch recht
gut erinnern: Einmal hatte ausschließlich unsere Batterie
den Abschuss eines Feindbombers gemeldet und die Absturzrichtung
angegeben. Es erfolgte eine Nachsuche. Nach Tagen fanden sich
vor Ort nur die Spuren eines Absturzes, Flugzeug-Wrackteile waren
nicht vorhanden. Ein Rätsel, das von uns nicht gelöst
wurde. Man sprach von Partisanentätigkeit, aber so ein 4-mot-Bomber'
kann sich doch nicht in Luft auflösen.
Jahre nach dem 2. Weltkrieg bekam ich mit einem Braunschweiger
Luftwaffenhelferkameraden Kontakt. Von ihm erhielt ich das o.
a. Foto von einer "deutschen Fortress II" im Tausch
gegen meine Aufnahmen von unserem (optischen Messgerät, das
aus der Maginot-Linie stammende) "Aufiere-Gerät".
Das Foto von der "Fortress II" entstand auf einem deutschen
Feldflugplatz bei Leipzig, sei damals äußerst geheim
gewesen und dürfte als Foto Seltenheitswert haben.
Vermutet wurde, dass dieses "Trojanische Pferd" sich
bei Nachtangriffen auf deutsche Ziele sich in die Pulks "einschleichen",
überraschend das "Feuer" eröffnen und ebenso
schnell wieder in der Dunkelheit verschwinden sollte.
Am 10. September 1944 (einem Sonntag) wurden wir von der 223/VIII
mit den Kameraden der 213/VIII in Annhof beim Annaberg zu einer
Großkampfbatterie zusammengefasst. Sinn und Zweck dieser
Aktion war es wohl, wegen der immer höher anfliegenden Feindflugzeuge
diese im kurzen Bereich der FLAK mit der geballten Kraft von 3
x 6 = 18 Geschützen je 8,8 cm zu bekämpfen. Wir hatten
jetzt auch einen "Würzburg-Riesen"(ein großes
"Radar"-Gerät), ein kleineres Funkmessgerät
und ein (optisches) "Kommandogerät 40" in unserer
neuen Batterie. Woher die zusätzlichen Geschütze, die
Funkmessgeräte, das "Kommandogerät 40" und
das zusätzliche Personal kamen, weiß ich heute nicht
mehr. Auch keiner meiner befragten Klassenkameraden konnte es
mir sagen.
Unser neuer Standort hatte den Namen "Annahof", benannt
nach einem größeren Gehöft, bestehend aus einem
rechtwinkligen Hofplatz, auf dessen einer Seite war das Wohnhaus,
gegenüberliegend das "Torhaus" mit einer Durchfahrt
und Fahrweg nach dem nord-östlich liegenden Ort Scharnosin,
und rechts und links des o. a. Hofplatzes befanden sich die Wirtschaftsgebäude.
Nordwestlich von Annahof lag das Gut und Dorf "Annatal".
Dort mussten wir u. a. hin, um unseren Schulunterricht wahrzunehmen.
Wir befanden uns jetzt ca. 3,5 km östlich des Annaberges.
Pikanterweise wurde zum Einjustieren der Geschütze der Kirchturm
des Klosters "Annaberg" angepeilt. Eine Stätte,
die für Oberschlesier von besonderer Bedeutung ist. Berg
und Kloster haben doch für die Oberschlesier nicht nur kirchliche,
sondern auch historische Bedeutung; haben die Polen 1921 versucht,
dort ganz Oberschlesien an sich zu reißen.
Kamerad Hubert Poganiuch, auch ehemals 213/VIII, schrieb
mir u.a.: "Nach meinem Urlaub (Anmerkung: 21.8. bis 7.9.1944)
fuhr ich gleich nach Annahof, in die neue Großbatterie,
in der drei Batterien zusammengefasst waren. "Annahof"
hatte 18 Geschütze (und einige hölzerne Geschützatrappen),
Funkmessgerät, Kommandogerät und Kommandohilfsgerät.
Die Geschütze wurden von uns eingegraben. Wir waren in Finnenzelten
untergebracht; später zogen wir in Baracken um, die aus den
Trümmern der 213' erstellt worden waren. In Annahof
hatten wir (Schul-)Unterricht in einem kleinen Raum im naheliegenden
Dorf Mariengrund. Wir waren nur noch 6 Schüler in unserer
Klasse."
Ich (Horst Ahrens) wurde eine in eine "Otto-Hütte"
einquartiert, das war eine Minibaracke, etwa 4,5 x 3 m Grundfläche
und hatte eine Firsthöhe von etwa 2,5 m. Das Dach ging so
weit herunter, dass wir von unseren doppelstöckigen Betten
die "Beine" absägen mussten, damit die Betten überhaupt
hintereinander an die Wand geschoben werden konnten.
Kamerad Manfred Rother war während des Bombenangriffes
auf die 213/VIII gleichfalls in Urlaub. Er berichtete mir u.a.:
"Als ich kurz vor Urlaubsende von meinem Ferienort wieder
nach Oppeln kam, hörte ich, dass die 213/VIII bombardiert
worden sei. Dies war für mich ein großer Schock, vor
allem, weil mein Freund Peter Böhnisch zu den Toten gehörte.
Er war ein begnadeter Maler und wäre ein großer Künstler
geworden. Mit "Sport" und "Mathe" hatte er
nicht viel im Sinn.
Mit dem Fahrrad fuhr ich zu seiner Beerdigung. Einen so starken
Gegenwind hatte ich noch nie erlebt. - Trotzdem habe ich es geschafft,
an seiner Beerdigung und an seinem Grabe zu stehen.
Als ich aus dem Urlaub zurückkam, fand ich (in der 213) ein
Trümmerfeld vor. Ich habe mich durchgefragt und bin gegen
Mitternacht in der neuen Batteriestellung in Annahof gelandet.Die
Batterie lag in einem Zuckerrübenfeld. Anfangs hatten wir
Finnenzelte', dann Baracken. Die Schule wurde im Dorf abgehalten.
Uns wurde versichert, wenn wir von der FLAK als Luftwaffenhelfer
entlassen werden, bekommen wir das "Notabitur" (was
nicht stimmte, es gab lediglich eine "Bescheinigung",
die zur Teilnahme an einem Sonderlehrgang zur Ablegung der Reifeprüfung
berechtigte). Da auch wir von der 223/VIII jetzt in einem größeren
Verband aufgegangen waren und eine neue Batteriebezeichnung erhielten,
war es wohl das Ende unserer alten 223/VIII. Aber auch anderen
Ortes wurde umorganisiert."
Kamerad Alois Tumulka aus Ratibor berichte mir: "Im
Zuge einer Ausweitung und Verstärkung des FLAK-Ringes verlegte
man uns (von Birken bei Heydebreck) etwa September 1944 nach Langlieben
und stellte dort eine Großbatterie mit 18 Geschützen
8,8 cm zusammen. Batteriechef war Oberleutnant Gnad. Es war ein
Verbund von drei Batterien, eine davon war mit Hamburger Luftwaffenhelfern
unter Leutnant Richter besetzt. Wir erhielten als Verstärkung
für unsere Batterie Kameraden von einer Oberschule aus Weiden
in der Oberpfalz.
Gefechtsschaltung - Fliegeralarm. Die Einsatzbereitschaft der
Geschütze wurde nacheinander über Kehlkopfmikrophon
abgerufen. Der Feuerbefehl kam für unsere 18 Geschütze
auf die anfliegenden Amis' gleichzeitig. Es war ein Stahlgewitter,
was da in den Himmel schoss.
Mit meinen knapp 16 Jahren war ich nun Geschützführer,
was offiziell nicht sein sollte. Es fehlte nämlich an "aktiven"
Soldaten. Ich war stolz darauf, diese Funktion an der "8,8"-FLAK
ausüben zu dürfen.
Ich konnte sehen, dass nicht alle Granaten zur gleichen Zeit,
am gleichen Fleck oder in gleicher Höhe explodierten, und
dass die 4-mot-Bomber' in einem Pulk von Süden kommend,
nahe des Annaberges in der Reichweite unserer neuen Großkampf
Batterie, in der Höhe und seitlich gestaffelt, stur in die
Feuerwand unserer Batterie hinein flogen. Es waren "4-mot-Bombern"
des Typs "B 24 - Liberator" mit dem doppelten Seitenleitwerk
und den hängenden Bäuchen'. Aus der Ferne sahen
sie aus wie große Hornissen. Plötzlich flog einem Bomber
die rechte Tragfläche weg, und er stürzte nach rechts
in einen etwas unter ihm fliegenden Bomber hinein, der explodierte.
Dadurch wurde eine dritte Maschine' beschädigt, die
sich in Kreisen drehend "herunterging" - drei auf einen
Schlag, das war ein außergewöhnlicher Erfolg für
uns."
Herbert Laqua berichtete: "Bei dem Angriff wurden
zahlreiche Feindflugzeuge heruntergeholt, was zu Streitigkeiten
zwischen den FLAK-Batterien führte, da je 16 erwiesene Abschüsse
zur Verleihung des FLAK-Kampfabzeichens führen konnte. Da
gab es nämlich süd-östlich von uns, rund 4 km entfernt,
eine weitere Batterie in Schlüsselgrund, ferner die 4 km
westlich vom Annaberg befindliche neue Batterie (in der u.a. die
Kameraden der ehemaligen 218/VIII waren) in Eschendorf / Niedererlen
und die schossen auch ! Dann gab es auch noch die Batterien in
Wolfswiesen und Mittelhof. Es ging also auch um "Punkte"
bei diesen Luftabwehr-Einsätzen zur Erreichung des FLAK-Kampfabzeichens,
das wollten wir - "jungen Helden" - ja haben!
Bis kurz vor Weihnachten hatten wir noch Unterricht. Nach dem
Unterricht ging es dann meistens in die selbst gebaute Sauna.
Anschließend waren wir noch im Dorfgasthof. Da stand ein
Klavier ! - Zwar verstimmt, aber ein begabter Kumpel setzte sich
daran und spielte trotzdem die dollsten Lieder. Wir konnten wählen
"Schwarzbraun ist die Haselnuss" u.v.a. Auf einmal pfeift
einer eine neue Melodie. Der Klavierspieler kann nach kurzer Zeit
einhändig die Melodie spielen. Dann kommt die Begleitung
dazu. Das ist Rhythmus, der uns alle mitreißt. Alles hüpft
herum.
Jahre nach dem Kriege erkannte ich das Lied ! Es war: 'In the
mood' ! ..."
In einem weiteren Brief schrieb mir Kamerad Günter Dlugosch:
"An den Angriff vom 13.9. (meinem Geburtstag) erinnere ich
mich noch genau. Meine Eltern waren zu Besuch gekommen, und ich
hatte sie noch bis zum Bauernhof "Annahof" begleitet.
Der Angriff brachte wirklich viele Abschüsse. Mein Vater
wusste von drei Abschüssen auf seinem Weg zum Bahnhof (zu
berichten). Eine Maschine war auf dem Bahnhof von Groß-Strehlitz
gelandet."
Auf genauere Befragung sagte mir Günter Dlugosch, dass der
abgeschossene Bomber hinter dem Bahnhof' auf die Gleise
gestürzt sei. Eine Tragfläche des Flugzeuges war schon
vorher abgebrochen.
Hier der Bericht von Kamerad Herbert Laqua: "Mein
ältester Bruder war als Leutnant am 1.9.1944 nahe der ostpreußischen
Grenze bei Gumbinnen als vorgeschobener Beobachter seiner Artillerieeinheit
( 10,5 cm LFH ) gefallen. Am 13.9.1944 fand für ihn ein Trauergottesdienst
in meiner Heimatgemeinde Frauendorf statt. Dafür hatte ich
Sonderurlaub ab 13.9.1944, mittags, bekommen. Es kam Gefechtsschaltung.
Ich musste zur "B 1", zum großen Flak-Fernrohr,
das 20-fach vergrößerte und auf einer Richtsäule
stand, dort war ich "Flugmelder". Der Tag war sonnig
und klar. Gegen 11.30 Uhr war es dann so weit, dass Bomberpulks
von Süden in knapp 6.000 m Höhe heranbrummten. Drei
Bomber fielen vom Himmel. Kurz darauf wurde das Feuer eingestellt.
Dann durfte ich fort. Nach langem Marsch kam ich in Groß-Strehlitz
an. Am Stadtrand war einige Aufregung. Ein Gendarm und ein Luftwaffensoldat
führten zwei abgesprungene Bomber-Piloten in die Gefangenschaft
ab.
Der Bahnhof war am anderen Ende der Stadt. Als ich dort ankam,
lag dort auf dem Bahnsteig in Richtung Oppeln ein riesiger Doppel-Sternmotor
mit 18 Zylindern. Er hatte das Bahnsteig-Dach durchschlagen.
Es war für mich ein Beweis, dass wir Luftwaffenhelfer gar
nicht so nutzlos an den Geschützen standen."
Der in Groß-Strehlitz beheimatete ehemalige Luftwaffenhelfer
Hans-Jürgen Gellinek berichtete mir u.a.: "Bei
diesem Luftangriff auf Odertal, Blechhammer usw. wurden einige
Flugzeuge in Höhe des Annaberges abgeschossen. Einer Ihrer
Kameraden schilderte, wie eine Maschine abgeschossen wurde und
einer der Motoren auf den nördlichen Bahnsteig des Bahnhofes
Groß-Strehlitz gefallen war. Dieser zu eilig heruntergekommene
Motor ist wohl in tausend Stücke zerplatzt. Wir wohnten (ich
war schon LwH) damals noch in Groß-Strehlitz und meine Mutter
war Leiterin der Betreuungs- und Verpflegungsstelle des Roten
Kreuzes (B- & V-Stelle), die täglich einige tausend Soldaten
auf der Durchfahrt verpflegten. Diese B- & V-Stelle lag unmittelbar
am nördlichen Teil des Bahnhofes und bekam die Splitter des
Motors hart zu spüren. Den zahlreichen Schwestern ist wohl
nichts passiert, dagegen wurden die sanitären Anlagen zerstört.
Ein Soldat flog in die Sch... und musste von einigen Schwestern
mit Schläuchen abgespritzt werden, so stank er. Bei allem
makaberen Witz ging alles gut vorbei!."
Günter D.'s Vater hatte dazu berichtet, dass Besatzungsmitglieder
der abgeschossenen Bomber mit Fallschirmen abgesprungen seien.
Zwei davon wären mit ihren Fallschirmen in Bäumen hängen
geblieben und von herbeieilendem Militär oder Polizei gefangengenommen
worden.
Kamerad Gerhard Schmack, nun in Niedererlen, berichtete
mir dazu, dass eine Liberator' kreisend und mit zerschossener
Kanzel bei diesem Angriff in der Nähe seiner Batterie heruntergekommen
sei. Aus dem Flugzeugwrack hatten sich die Kameraden Plexiglas
herausgeholt, das sich nach dem Inbrandsetzen hervorragend als
"Kerzenersatz" eignete.
Am gleichen Tage:
In den Geschützständen unserer alten Batterie 223/VIII
bei Odertal hatten wir nach unserem "Auszug" Holzattrappen
an Stelle der Geschütze aufgestellt und unsere Baracken standen
auch noch. Die Amerikaner führten an diesem Tage einen Angriff
auf unsere alte Stellung durch, ahnten sie doch nicht, dass wir
diese drei Tage zuvor verlassen hatten. Offenbar war ihre Luftaufklärung
nicht so lückenlos, oder sie hatten die Geschützattrappen
für echte Geschützte gehalten. Mehrere Geschützstände
und Baracken erhielten Volltreffer, auch unser "Plums-Klo".
Durch den aufgewirbelten und nieder gegangenen Dreck waren alle
unsere Gartenfrüchte, wie Tomaten, Schnittlauch, Kopfsalat
und Zwiebeln, die wir im Wohnbereich unserer Stellung in Beeten
angelegt hatten, ungenießbar geworden.
Zum Glück waren nur wenige Kameraden in der alten Stellung
mit Kabel-Abbau-Arbeiten beschäftigt. Einer wurde, meiner
Erinnerung nach, durch einen Bombenvolltreffer hochgewirbelt und
tödlich verletzt. Seine sterblichen Überreste fand man
weit entfernt von seinem ursprünglichen Platz, einer der
Kameraden war vorübergehend im weichen Sand verschüttet,
und die Übrigen kamen mit dem Schrecken davon. Sie lagen
überwiegend in einem Kabelgraben, einer unter einer steinernen
Brücke.
Kamerad Norbert Jarzenski schrieb mir hierzu:
"Der an diesem Tage in der alten Stellung gefallene Kamerad
war Herbert Anderwald. Er stammte aus Groß-Zeidel und war
Tischlerlehrling. Wir fuhren ( vor meiner Luftwaffenhelferzeit
) gemeinsam immer früh nach Oppeln, er in die Lehre, wir
in die Oberschule. Er war auch ein Freund von Kamerad Günter
Czypionka.
Hanno Effert war in unserer alten "Stellung".
Er berichtete mir: "Ein oder zwei Tage nach dem Angriff erhielt
ich, zusammen mit Herbert Laqua den Auftrag, noch einmal in die
alte Stellung' zu fahren. Wir sollten nachsehen, ob unsere
Bekleidungskammer noch stand. Da war jedoch nichts mehr zu holen.
Die Bomben hatten alles zerstört. Fast alle Geschützstände
und die "B 1" hatten Volltreffer erhalten; wehe, wir
wären noch in unserer "alten" Batterie gewesen.
Da hätte es bestimmt viele Tote gegeben..."
Kamerad Viktor Janetzko erinnerte sich: "Einige Tage
danach erhielt ich den Befehl als Postkurier auf dem Fahrrad von
"Annahof" nach Odertal zu fahren, um vom Postamt unsere
Feldpost abzuholen. Bei dieser Gelegenheit fuhr ich, unsere alte
Stellung anzuschauen, doch leider ohne Fotoapparat. Welch ein
Glück hatten wir, dass wir drei Tage zuvor verlegt worden
waren. Unsere Geschützstände und auch die "B 1"
waren durch Bomben getroffen worden, Baracken nur teilweise zerstört.
Auch ein Volltreffer in einer Latrine...".
Wir Luftwaffenhelfer nutzten die Apfelerntezeit' auf unsere
Weise und sind in den Abendstunden in die Obstgärten des
benachbarten Ortes Mariengrund geschlichen und haben uns das geholt,
was wir gegen den Hunger haben wollten, Äpfel - und verstauten
die Beute in den unten zugebundenen Hosen unserer Uniformen.
Zumeist unerkannt sind wir in unsere Batterie zurückgekommen
und haben anderntags unsere "Beute" verspeist. Herbert
Laqua berichtete mir kürzlich, dass ihm bei so einer Tour
die Hosenbeine aus den Schnürgamaschen gerutscht seien, so
habe er auf dem Rückweg in die Stellung alle Äpfel,
bis auf drei, verloren. Dieser "Apfelspur" brauchte
man nur nachzugehen. So stand für die Gartenbesitzer fest,
woher die "Apfeldiebe" kamen. Offiziell war anfangs
die Verpflegung in Annahof "unter aller S...", aber
mit den geklauten Äpfeln wurden wir wenigstens satt, wenngleich
der Darm nicht in jedem Falle mitspielte.
Johannes Malik erinnerte daran, dass wir einmal von einem
Unteroffizier fast erwischt worden wären, als wir von so
einer "Apfel-Tour" zurückkamen. Da dieser keinen
von uns fassen konnte, gab es am nächsten Tag Strafexerzieren,
mit dem Ziel, die "Apfeldiebe" bekannt zu geben.
Wir sollten sie "verpfeifen". Wir hielten jedoch dicht.
Geschliffen wurden wir, bis uns fast das Wasser im A... kochte.
Unsere Schritte wurden langsamer und langsamer, was unseren Schleifer,
Uffz. B., noch mehr auf die Palme brachte.
Wir sind am Schluss fast nur noch auf der Stelle gelaufen, was
Uffz. B., unseren Schleifer', zu folgender Äußerung
veranlasste:
"Ihr seid ja sturer als alte Obergefreite".
Auf diese Äußerung waren wir nachträglich richtig
stolz, hatte er uns nun mit "richtigen" Soldaten verglichen.
Ich kann mich auch noch gut an seinen Spruch erinnern, der allgemeine
Heiterkeit bei uns erregte:
"Telligent wollt Ihr sein ?
Ausgesprochen intelligent seid Ihr !"
Letztlich wurde die Schinderei abgebrochen mit dem Hinweis, dass
wir das ja auch unter uns im Wege des "Heiligen Geistes"
regeln könnten. Tatsächlich haben wir in der darauffolgenden
Nacht in unseren "Finnenzelten" Lärm gemacht, so
dass das Stammpersonal der Meinung war, es gäbe in dieser
Nacht bei uns den "Heiligen Geist". - Dem war aber nicht
so.
Es gab wieder einen Anlas für Unteroffizier B., um uns mit
"I.-Dienst unter Gasmaske" zu quälen. Wegen der
miesen Verpflegungslage sangen wir aus Protest das von unseren
älteren Kameraden geschriebene "Batterie-Lied":
"Wir traben in die Kneipe,
die Lumpen hängen im Spind,
die HEIMATFLAK macht Pleite,
weil wir entlassen sind.
( Refrain: )
Und fragen uns die Leute:
Warum kommt ihr nach Haus ?
Da brüllt die ganze Meute:
'Da hält's kein Schwein mehr aus!'
( Refrain: )
Und fragen uns die Leute:
Und sind wir dann entlassen,
entronnen uns'rem Spieß,
wir wer'n ihn ewig hassen,
weil er uns oft beschiss!
Anlässlich des darauf von Uffz. B. geleiteten Strafexerzierens
unter Gasmaske habe ich ( Horst Ahrens ), nun als "Älterer"
"mutig" geworden, mit meiner Trillerpfeife gepfiffen,
was der B. hörte und wahnsinnig ärgerte. Er ließ
dann zwar die Gasmasken abnehmen. Ich behielt die Trillerpfeife
im Mund. Er kam nicht auf die Idee, jeden einzelnen diesen aufmachen
zu lassen, um so festzustellen, wer der Querulant war. Herausbekommen
hat er also nicht, wer der "Übeltäter" war.
Strafexerzieren "unter Gasmaske", also eine reine Quälerei,
war die Spezialität des B. und mit so kleinen "Stichen",
wie oben beschrieben, habe ich mich persönlich gegen den
magenkranken B. gewehrt.
Wir hatten in unserem Batterieteil in Annahof' ein "Finnen-Zelt",
ein kreisrundes Sperrholzhäuschen mit Spitzdach. Mit dessen
Besatzung hatte der Uffz. B. irgendwie Ärger und scheuchte
die ganze Belegschaft in herbstkalter Nacht in Nachthemden pp.
'raus. Einzelheiten dazu weiß ich nicht. Ich hauste in einer
"Otto-Hütte".
B. soll sich wegen seines tatsächlichen oder angeblichen
Fehlverhaltens gegenüber den Luftwaffenhelfer-Kameraden eine
Woche "Bau" "eingefangen" haben.
Wie schon erwähnt: Wir lagen unserer neuen "Stellung"
in einem Zuckerrübenacker. Da kam jemand auf die Idee, dass
man die Rüben, zerkleinern und kochen könnte, um danach
aus dem Saft Sirup zu machen. Das wurde auch ausgeführt.
Unsere "echtern Soldaten" gingen dann noch einen Schritt
weiter: Sie stellten sich aus dem Rübensaft Schnaps her!
Davon bekamen wir aber nichts ab.
Kamerad Alois Tumulka nun in Langlieben stationiert, berichtete
mir: "Unsere Batterie liegt ca. 4 km südlich von Cosel
und südwestlich von Heydebreck, an der Fernstraße Oppeln
- Ratibor. Neben unserer Batterie befand sich der kleine Ort Klein
Nimsdorf, benannt wurde unsere Großbatterie aber nach dem
Dorf Langlieben'.
Waren Feindflugzeuge über Kärnten und der Steiermark
im Anflug, wurde die Gegend ( d.h. der Industriekomplex der IG
Farben zwischen Heydebreck und Reigersfeld ) eingenebelt'.
Aus Metallfässern, die an geeigneten Punkten im Gelände
standen, stiegen gelblich-weiße Dämpfe auf und hüllten
Werk und Batterien in Nebelschwaden ein. Ob es viel genützt
hat, wage ich zu bezweifeln.
Die Pulks kamen so ungefähr aus südöstlicher Richtung,
nahmen vermutlich das glitzernde Wasser der Oder und die zumeist
trocken liegenden Schlingen des begradigten Flusses bei Odertal
als Orientierungshilfe, denn die Bahngleise und die daran be-findlichen
Industrieanlagen waren weit gehendst in künstlichen Nebel
eingehüllt, die Peilmöglichkeit der Bombenzielgeräte
somit eingeschränkt, und die "H2S", bei uns Rotterdam-Geräte'
genannt, waren bei den Amis' wohl erst im Kommen'.
( Es waren die ersten Ortungsgeräte, auf deren Bildschirmen
aus den Flugzeugen heraus bei bedecktem Himmel oder zur Nachtzeit
die Erdoberfläche fast wie eine Landkarte zu sehen war ).
"Rotterdam-Gerät" von den Deutschen so genannt,
weil wesentliche Teile dieses Gerätes erstmals aus einem
über Rotterdam abgeschossenen US-Kampf-flugzeuges geborgen
und ausgewertet werden konnten ).
Nach solchen Luftangriffen wurden dagegen im Bereich der Werke
sogenannte Freudenfeuer' entfacht. In offenen Fässern
entzündete Chemikalien entwickelten starke schwarze Rauchsäulen,
die den feindlichen Aufklärern Treffer und Brände vortäuschen
sollten. Die Aufklärer waren schnelle "Lightning-Doppelrumpf-Maschinen",
die in 11 bis 12 km Höhe operierten, kaum erreichbar für
uns, aber wir konnten sie meist optisch erfassen."
Kamerad Heinz Kandziora berichtete mir u.a.: "Unseren
Batteriechef ärgerten diese 2 "Lighting`s" mächtig.
Er bestellte Spezialmunition mit hoher Treibladung. Beim nächsten
Mal kreisten die Lightning`s' direkt über der Batterie,
sich wegen der großen Höhe in Sicherheit wiegend. Wir
schickten 4 oder 5 "Gruppen" ( Salven ) hoch. Die "Lighting`s"
flogen weiter und sahen die Abschüsse unserer Geschütze
nicht. Wir trauten unseren Augen kaum: Tatsächlich brach
bei einer "Lighting" nach einem Treffer der rechte Rumpf
ab und trudelte wie ein welkes Blatt herab. Die beiden Piloten
ließen sich offenbar lange durchfallen, denn erst nach einiger
Zeit öffneten sich die Fallschirme."
Die Amerikaner hatten aber auch Verluste, von denen wir zunächst
nichts bemerkten. So berichtete mir ein Bekannter, dass er nach
Kriegsende als Gefangener auf einem us-amerikanischen Luftwaffenstützpunkt
in Foggia in Mittelitalien gewesen sei. Der Flugplatz, von dem
aus die US-Bomber nach Ostdeutschland starteten. Dort habe man
die von Deutschen zu Schrott geschossenen, aber noch heimgekehrten
Kampfflugzeuge, in mehreren Schichten übereinander gestapelt
- wie wir es jetzt in unserer Wohlstandszeit von Autofriedhöfen
kennen. Es gab also mehr materielle Verluste, als uns bekannt
wurden.
Im Oktober 2011 bekam ich aus Natal, Hauptstadt von Rio Grande do Norte im Nordosten von Brasilien, eine Mail. Mir schrieb ein Herr Rostand Medeiros. Er ist Historiker und gab an, dass er Kontakt zu einem 92-jährigen Emil Anthony Petr habe. Herr Petr sei sein Freund, der zur Zeit an seinen Memoiren arbeite. Im Zweiten Weltkrieg war er Besatzungsmitglied eines B-24-Bombers (Liberator), dessen Einheit in San Giovanni (nahe Cerignola / Italien) stationiert war.
Am 13. September 1944 flog seine Einheit, die 454th Bomb Group, Teil der 15. US Air Force, einen Angriff auf Odertal. Herr Petr befand sich als "Radaroffizier" in einer Liberator-Machine, welche die Nummer 42-50570 hatte. In unserem deutschen Sprachgebrauch: Er bediente das neueste Bombenzielgerät.
Das Flugzeug geriet über Odertal ins konzentriertes FLAK-Feuer und erhielt einen Treffer. Der Flugzeugführer, Alan L. Unger, trat zwar noch mit seiner "Liberator" den Rückflug an, die 10-köpfige Besatzung musste aber in der Region von Modra / Slowakei das Flugzeug mit dem Fallschirm verlassen. Sie geriet in deutsche Gefangenschaft. Emil Anthony Petr wurde in das für gefangene alliierte Luftwaffenangehörige eingerichtete "Stralag Luft III" gebracht, das sich in einem Wald bei Sagan / Niederschlesien (heute polnisch: Żagań) befand. In dem Lager befanden sich im Juni 1944 gut 10.000 gefangene alliierte Luftwaffenangehörige. Beim Heranrücken der sowjetischen Truppen wurden die Lagerinsassen nach Spremberg in der Lausitz verlegt, dort endete bei Kriegsende ihre Gefangenschaft.
Bekannt wurde "Stralag Luft III", weil dort am 24. März 1944 ein größerer Gefangenausbruch stattfand. Gefangene hatten einen Tunnel "nach draußen" gegraben. 87 gelang vorübergehend die Flucht. Bis auf drei Männer wurden alle gefasst. Auf Befehl Adolf Hitlers wurden 50 der Gefassten erschossen. Der Ausbruch aus dem "Stralag Luft III" wurde 1963 unter dem Titel "Gesprengte Ketten" verfilmt.
Die 15. USAF bezifferte Ihre Verluste an jenem 13. September 1944 mit 24 Maschinen, die ihre Heimatflughäfen nicht erreichten.
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