Flucht aus Niederschlesien 1944/45
Schwarz auf weiß konnte ich nicht beweisen, dass ich auf
der Welt bin. Ich hatte keine Geburtsurkunde. Jedenfalls war es
bis 1998 so. Nach der Wende ging es um den Vertriebenenstatus,
den auch ich, da ich in Schlesien geboren wurde, beweisen musste,
um in den Genuss der Vertriebenenzuwendung zu kommen. Also ging
ich zum Standesamt I in Berlin, wo die Personenstandsbücher
der aus Schlesien Vertriebenen lagern sollten. Die Jahrgänge
meiner Geschwister waren da, denen ich einen Auszug besorgte.
Nur mein Jahrgang 1934 war in Schlesien geblieben. Deshalb schrieb
ich nach Breslau, die genaue Anschrift hatte ich mir beim Standesamt
geholt, und forderte eine Geburtsurkunde an. Sie war sehr teuer
und mit rechtschreiblichen und sachlichen Fehlern, was mir absolut
nicht gefiel. Deshalb rief ich bei der polnischen Botschaft an
und verlangte eine Korrektur, die ich von Grünberg bekam,
wieder teuer bezahlen musste und auch mit zwei Fehlern in den
Namen. Die Ablichtung vom Personentandsbuch, die noch verlangte
und bekommen hatte, war am nützlichsten für mich, denn
die Geburtsurkunden sind in polnisch.
Im Auszug des Personenstandsbuches zu Hammer, Kreis Grünberg,
steht auf der Seite 42: "Das von der Johanna Emilie Margarete
Becker, geborene Kern, Ehefrau des Bauern Wilhelm August Otto
Becker, in Hammer bei ihrem Ehemann zu Hammer in der Wohnung ihres
Ehemannes am 16.10.1934 nachmittags um sieben ein halb Uhr ein
Mädchen geboren worden sei und dass das Kind die Vornamen
Elfriede Berta Eleonore erhalten habe." Somit habe ich es
schwarz auf weiß, dass ich als Erdenbürger aufgenommen
wurde. Ob freudig oder nicht, das soll mir heute egal sein. Ich
war das vierte Kind einer schlesischen Bauernfamilie. Das Elternhaus
war arm, so beurteile ich es. Doch Vater und besonders die Mutter
zeigten einen gewissen Stolz auf ihren Stand als Häusler
im Dorf. Das vernahm ich als Kind mehrfach aus Unterhaltungen
und hatte doch durch eigene Wahrnehmungen eine andere Meinung,
die ich auch einige Male, wenn auch zögerlich, zum Ausdruck
brachte.
Die Eltern hatten einen Dreiseitenhof, der zur Straße hin
durch ein zweiflügeliges Tor geschlossen war. Stand man auf
der Straße, so war links der Gemüse- und Blumengarten,
an den sich das Wohnhaus anschloss. An dieses fügte sich
etwas versetzt das Gebäude mit Waschküche, Schweinestall,
Kuhstall und Strohschuppen an. Hier gab es einen Durchgang zum
Hühnerstall, zum eingezäunten Schweineauslauf und zum
hinteren Garten, wo es eine Johannesbeerplantage und den Spargelgarten
gab. An dem führte ein Weg am Nachbargrundstück vorbei
über den Graben zum Seitendamm der Oder. Als Kind fand ich
diesen Weg so schön und bin ihn auch oft gegangen, weil
der Graben eine kleine Brücke hatte und das Wasser quellklar
war. Wenn man Glück hatte, saß da der Kater und wenn
dieser wiederum Glück hatte, angelte er sich einen Fisch
mit der Pfote aus dem Wasser. Meistens war ich allein bei solchen
Beobachtungen als auch bei den Arbeiten, die ich zu erledigen
hatte, wenn alle anderen auf dem Acker waren.
Unser Haushalt bestand
aus 7 Personen und jeden Tag musste ich den gesamten Abwasch dieses
Haushaltes in der Küche erledigen, wenn ich aus der Schule
kam. Dazu kam noch das Fegen von Küche, Flur und Laube. Hausaufgaben
machen oder gar spielen gab es wochentags und zur Feldbearbeitungszeit
überhaupt nicht. Und wenn ich schon mal mir draußen
mit Laub eine Wohnung baute, um darin spielen zu können,
gab es Schelte, wenn die Mutter vom Feld nach Hause kam. Von Lob
keine Spur. Einmal war ich auch ausgerückt vor der Drohung
der Mutter, bin gerannt, so schnell ich konnte und das konnte
ich gut, aber die Mutter kam mit dem Fahrrad hinterher, holte
mich fast ein, da bin ich links in einen verwachsene Seitenweg
eingebogen, wo sie mit dem Fahrrad nicht hinterher konnte. Ich
hockte mich hin, war zunächst ratlos und blieb dort sehr
lange sitzen. Ich glaube, Leute vom Dorf haben die Eltern darauf
aufmerksam gemacht, dass ich dort säße. Nach gewisser
Zeit trottete ich gedankenlos wieder nach Hause, froh, dass der
Zorn verrauscht war. Später meinte die Mutter, ich würde
schon kommen, wenn ich Hunger hätte. Ich hatte zwar keinen
Hunger, sah aber aus meiner Sicht auch keine andere Möglichkeit.
Mein Vater wurde 1939 zum Polenfeldzug eingezogen. Kam aber bald
wieder in die Heimat zurück. Dafür sollte mein ältester
Bruder an die Front gehen. Die Bauernwirtschaft musste weiter
bearbeitet werden, was für meine Eltern und auch für
uns Kinder eine besondere Herausforderung war. Rund um die Uhr
mussten die Tiere versorgt und die Ernte eingebracht werden. Im
Jahr 1944 hob man am Ufer der Oder entlang Schützengräben
aus. Männer, die für das Militär untauglich waren
und nicht eingezogen wurden, so genannte "Schanzer,
kamen in die an der Oder gelegenen Dörfer, wurden bei den
Bauern einquartiert und mussten Gräben ausheben. Die Seiten
der Gräben verstärkten sie mit Reisig, denn sie sollten
ja halten, bis die Soldaten die Oder verteidigen mussten. Später
stellte sich heraus, dass diese Maßnahme sinnlos war, denn
die Frontlinie und die Rote Armee kamen hier nicht vorbei. Die
Kämpfe fanden auf den Seelower Höhen statt.
In diese bedrückende Untergangsstimmung hinein kam eines
Tages, es war Spätsommer 1944, ein kleines Orchester mit
zwei Sängern in unser Dorf. Es war eine kleine Bühne
gezimmert worden, wo Gartenstühle davor standen. Erschienen
ist keiner der Dorfbewohner zu diesem Konzert. Wir Kinder hörten
die Musik und rannten hin. Eine Sängerin trällerte gerade:
Ja, ja der Chiantiwein. Ich stand staunend da und
trat einen Schritt näher an die Bühne heran, worauf
die Sängerin sagte: Dann singen wir eben für die
Kinder. Das hatte mir gefallen und ich registrierte es als
schönes Erlebnis. So hörte ich das erste mal klassische
Musik und viel später erfuhr ich, was Chiantiwein ist.
Der Krieg nahm seinen Lauf und es kam der Tag, wo wir fliehen
mussten, um nicht in die russische Frontlinie zu geraten. Der
Vater hatte vom Volkssturm aus einen Zimmermann geschickt, um
eine Plane über den Ackerwagen spannen zu lassen. So ging
es los, das ganze Dorf im Treck auf die Irrfahrt der Flucht. Wir
Kinder hatten die Tragik der Situation nicht erfasst, liefen und
sprangen nebenher - freudig bewegt über das ungewöhnliche
Aussehen der Zigeunerwagen. Die Straßen waren voller Flüchtlingstrecks,
die sich alle in Richtung Westen bewegten. 14 Millionen Menschen
waren in der Endphase des Krieges auf der Flucht in Richtung Westen,
flohen, wurden vertrieben oder deportiert. Knapp sieben Millionen
waren es aus den deutschen Siedlungsgebieten östlich von
Oder und Neiße. Davon haben bis zu 600.000 Menschen Flucht,
Vertreibung und Deportation nicht überstanden.
Es war Winter, und als wir in Kleinragewitz bei Oschatz ankamen,
hatte sich der Frühling angemeldet und wir standen in Wintersachen
da. Freundliche Menschen gaben meiner Mutter Sachen für die
wärmere Jahreszeit. Hier wurde auch ein Wehrmachtsdepot mit
Lebensmitteln (Dosen mit Gemüse oder Fleisch und Fliegerschokolade)
aufgelöst und an die Flüchtlinge verteilt. Die Schokolade
war gesondert gut. Es waren runde Tafeln in Pappschachteln. Der
Bürgermeister drängte alle einen Tagesmarsch weiterzuziehen
bis Sitten, um dem Vorrücken der Roten Armee auszuweichen.
Doch das war ein Irrtum. Ein Ausweichen war nicht möglich.
Die russische Front war uns gefolgt, denn die Frontlinie zwischen
Russen und Amerikanern hatte sich inzwischen verschoben.
Der Krieg war zu Ende - und was nun? Bald wurde der Treck zur
Rückfahrt gerüstet. Doch wir hatten kein Pferd mehr.
Unseres war in Kleinragewitz einer Kolik zum Opfer gefallen und
musste zum Rossschlächter gebracht werden. Inzwischen befanden
wir uns in Sitten, ohne Pferd und Wagen, einen Tagesmarsch von
Kleinragewitz entfernt. Die Russen waren auch da, und die Front
hatte sich aufgelöst und mit ihr alle gewohnten Strukturen.
Menschen und Tiere irrten umher. Ein Mann machte meine Mutter
darauf aufmerksam, dass auf einer Wiese ein herrenloses Pferd
weidete, und er half ihr beim Einfangen. Das war nicht schwer,
denn das Pferd war völlig abgemagert und sicher auch an die
Nähe von Menschen gewöhnt. Der Ackerwagen wurde aus
Kleinragewitz geholt und so hatten wir wieder Pferd und Wagen.
Alle Menschen waren in Aufbruchstimmung. Die Kriegsgefangenen,
die auf dem Gut als Landarbeiter arbeiten mussten, fanden sich
in kleinen Gruppen zusammen, schnürten ihr Hab und Gut auf
einen Handwagen und zogen los mit der Hoffnung, die Heimat zu
finden. Auch wir wollten zurück. Zumal sich unser Dorf noch
fast geschlossen auf dem Gutshof befand. Jede Familie war bei
einem Bauern oder einer Landarbeiterfamilie unter gekommen.
So rüsteten sich alle zur Heimfahrt nach Schlesien, wieder
im Treck, voran der Bürgermeister mit seinem Gespann. Doch
an der Neißebrücke in Görlitz angekommen, stellte
sich dieses Unternehmen als Irrtum heraus. Es gab kein Zurück.
Stalin hatte längst anders entschieden. Nun folgte eine Reise
ohne Ziel., die ständige Suche nach einer Bleibe. An einer
Wegekreuzung fuhr manchmal der Bürgermeister voraus, um "Quartier
zu machen", wie es genannt wurde. Wenn er achselzuckend zurückkam,
wurde die nächste Richtung eingeschlagen. So ging es Tag
für Tag. Meistens bekamen wir als Übernachtung eine
Scheune zugewiesen. Tagsüber trotteten wir Kinder neben dem
Ackerwagen her. Einmal, vor einem Wald angekommen, verbreitete
sich das Gerücht, dass sich plündernde Russen im Wald
aufhielten. Vielleicht waren es auch paramilitärische oder
versprengte Gruppen in Russenuniformen. Jedenfalls machte der
gesamte Konvoi in Hektik eine Kehrtwendung mitten auf einer Alleestraße
mit abschüssiger Böschung an den Seiten. Beinahe wäre
unser Wagen umgekippt und unser neues Pferd konnte den Anstieg
der Böschung nur mit größter Kraftanstrengung
schaffen. Ich sehe noch, wie es sich ins Geschirr legte und mit
gebeugten Beinen den Anstieg erklomm.
Eine unserer nächsten Stationen, wo wir Halt machten, war
ein kleines Dorf in der Niederlausitz mit einem Gutshof. Doch
da wollte niemand bleiben. Zu sehr hatte hier der Krieg gewütet.
Auf dem Feld guckten Stiefel von notdürftig verscharrten
toten Soldaten heraus und überall standen und lagen zertrümmerte
Waffen und Geschütze herum. Der ganze Konvoi machte nach
einer Beratung kehrt und suchte eine neue Bleibe zum wiederholten
Male. Für die ansässigen Leute waren wir nirgendwo wirklich
willkommen. Jeder hatte mit den Lasten des Krieges zu kämpfen
und es waren ja auch so viele auf den Straßen, erst auf
der Flucht vor der Front der Roten Armee und danach kamen die
Trecks der Vertriebenen aus den ehemals deutschen Gebieten östlich
von Oder und Neiße.
Wir landeten in einem anderen Dorf in der Niederlausitz. Es gab
da auch einen Gutshof und wir erhielten als Unterkunft ein Zimmer
mit einer weiteren Familie zusammen. An den Weg dorthin habe ich
keine Erinnerung. Ich weiß nur, dass ich immer hinter oder
neben unserem Wagen hergetrottet bin, oft nur mit einer Schnitte
Brot am Tag. Wir Kinder waren uns hier meistens selbst überlassen.
Wobei jedes meiner zwei anwesenden Geschwister seinen Weg ging.
Ich für meinen Fall sorgte schon früh für mich
selbst, indem ich alles, was ich fand, auf den Gebrauchswert meinerseits
hin untersuchte. Meine Strümpfe waren ständig durchlöchert
und da ich es nicht leiden konnte, wenn die Zehen durchkamen,
hielt ich Ausschau nach Wolle. Auf dem Boden des Gutshofes wurde
ich fündig. Eine Handvoll verfitzte Wolle kam mir gerade
recht. Mit Hilfe eines Stopfpilzes und einer Nadel zog ich die
Fäden so lange durch die Fußsohlen meiner einzigen
Strümpfe, bis sie wieder dicht waren. Das angenehme Tragegefühl
hatte mich dafür belohnt. Auch hatte ich mir oft ein paar
Kartoffeln in einem kleinen Topf auf dem Herd der Gutsküche
gekocht, gestampft und als Rührkartoffeln gegessen. Meine
Mutter sah das nicht gern, und als ich einmal ein winzig kleines
Stück Butter von dem eingeteilten Stück entnahm, merkte
sie es und es gab Schellte und Schläge auf den Mund, so dass
meine Oberlippe anschwoll. Das erzeugte hilflose Traurigkeit in
mir. Aber da ich nichts anderes kannte, nahm ich alles so hin,
wie es war.
Für uns Kinder sollte jetzt die Schule wieder beginnen, im
Nachbardorf, wieder einer Einklassendorfschule. Der Lehrer, Herr
Müller, nahm die Flüchtlingskinder mit Skepsis auf,
brachten sie ihm doch mehr Arbeit bei gleichem Verdienst. Einmal
machten wir einen Ausflug auf den nahe gelegenen Flugplatz für
Segelflieger. Die Jungen fanden dort einen eingegrabenen Metallkanister,
in welchem sich Schokolade, Kekse und durchfeuchtete Geldscheine
befanden. Das war wie eine erfolgreiche Schatzsuche. Kekse und
Schokolade wurden verteilt. Davon hätte ich so gern mehr
gegessen. Die nassen Geldscheine trocknete Lehrer Müller
auf seiner Wäscheleine. Was weiter damit geschah, weiß
man nicht.
Eines Tages sahen meine Mutter und ich einen Mann zum Torweg des
Gutshofes hineinkommen. Es war unser Vater. Die Eltern liefen
aufeinander zu, umarmten sich und ich stand daneben und schaute.
Von meinem Vater wurde ich nicht beachtet, ja im Nachhinein meine
ich sogar, nicht einmal begrüßt. Er hatte uns über
den Briefwechsel mit Verwandten gefunden. Nun musste Platz für
eine weitere Person in dem einen Zimmer, das zwei Familien bewohnten,
geschaffen werden. Wenig später bekamen wir eine Dienstbotenwohnung,
die aus zwei Zimmern bestand. Es wurden Matratzen hineingelegt
für meine Schwester und mich. Da schliefen wir mit den Eltern
in dem einen Zimmer und der Großvater und der Bruder in
dem anderen.
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