Als im November 1944 General Andrej Vlasov auf der Prager Burg
vom deutschen Staatsminister im Protektorat Böhmen und Mähren,
Karl Herrmann Frank, eingeladen war, stand ich in der Ehrenkompanie.
Zu diesem Zeitpunkt war Vlasov noch hitlertreu. Die Gesamtstärke
seiner von ihm gegründeten und befehligten Russischen Befreiungsarmee
betrug Anfang 1945 rund 900.000 Mann. Ihre Uniform war feldgrau
wie die der deutschen Soldaten.
Anfang Mai 1945 wechselte Vlasov die Seite und ging zu den Tschechen,
weil er wohl glaubte, er könne so seinem Schicksal entrinnen.
In diesem Durcheinander im mai 1945 gab es in der Tschechoslowakei
viel Bewegung. Deutsche Soldaten aller Waffengattungen, Flüchtlinge,
Nachrichtenhelferinnen und Vlasov-Truppen drängten nach Westen
und wollten zu den Amerikanern in Gefangenschaft gehen. Es waren
chaotische Verhältnisse.
Als ich von meinem Eid entbunden war und sich die regulären
Wehrmachtseinheiten auflösten, trat ich mit 22 entschlossenen
Männern den Weg nach Westen an. Wir waren ausgerüstet
mit Handfeuerwaffen und ein paar Handgranaten und hatten uns vorgenommen,
lieber in amerikanische statt sowjetischer Gefangenschaft zu gehen.
Auf unserem Weg dorthin halfen wir den Menschen, die Hilfe brauchten.
Dies waren Flüchtlinge und Verwundete, die schutzlos diesen
Verhältnissen ausgeliefert waren. Wir behielten einigermaßen
die Übersicht in diesem kopflosen Durcheinander.
Als wir uns einer Ortschaft näherten, vernahmen wir Gewehr-
und Maschinengewehrfeuer. Einige Landser, die uns kurze Zeit vorher
mit ihren Fahrräder überholt hatten, kehrten zurück
und berichteten uns, dass in der Ortschaft geschossen wird. Sie
wollten sich unserer Einheit anschließen. Vom Kirchturm
aus wurde mit Maschinengewehren (MG 42) auf uns geschossen. Auch
von Häusern entlang eines Bahndammes fielen Schüsse,
es entwickelte sich ein Häuserkampf. In einem Vorgarten stand
mir plötzlich ein Tscheche gegenüber, die Taschen vollgefüllt
mit deutschen Sturmgewehrmagazinen. Ich machte ihm die Lage klar
und ließ ihn laufen.
Nach kurzer Zeit wurde mittels Lautsprecher im Ort durchgesagt,
dass sich sämtliche tschechische Ordnungstruppen auf ihre
Stützpunkte zurückziehen - eine vernünftige Entscheidung.
Das MG 42 im Kirchturm wurde durch ein leichtes Flakgeschütz
auf SfL ausgeschaltet. Dieses "Privatfahrzeug" gehörte
drei Männern, die auch unbedingt zu den Amerikanern wollten.
In erster Linie hatten wir es mit tschechischen Ordnungstruppen
zu tun. Bei weiterem Vordringen in den Ortskern kamen wir an eine
große Mühle. Auf der Straße davor stand ein Pakgeschütz,
das den Vlasov-Truppen gehörte. Augenzeugen berichteten uns
von sechs deutschen Soldaten, die zu dem Pakgeschütz gegangen
waren, um sich verbinden zu lassen. Sie waren angeschossen worden
und glaubten, auf Verbündete zu treffen. Statt Hilfe zu leisten,
wurden sie von den Vlasov-Truppen erschossen und unter die Rampe
der Mühle geworfen.
Aufgeregt kam eine Tschechin zu mir und machte mir klar, dass
in unmittelbarer Nähe etwas Schlimmes passiert sei. Ich ging
mit dem Obergefreiten, der wie eine Klette an mir hing, den ich
vorher noch nie gesehen hatte, in einen Hohlweg. Dort stand ein
Pkw und in unmittelbarer Nähe lag eine junge Frau mit ihrem
Kind, bestialisch zugerichtet. Als wir näher kamen, stiegen
zwei Vlasov-Soldaten aus dem Auto, schnappten ihre Gewehre und
wollten schießen. Unsere Warnschüsse waren schneller
und so machten sie sich aus dem Staub.
Diese entsetzlichen Bilder mag die Amerikaner dazu bewogen haben,
dass wir unsere Waffen behalten durften, um uns selbst zu verteidigen.
Wie sich später herausstellte, hatten wir bereits ein Jahr
vorher gegen diese US-Einheit in der Normandie gekämpft.
Mit Respekt sind wir uns begegnet. Wir saßen bis spät
in die Nacht hinein bei den Amerikanern an den Panzern. Ihre Geschützrohre
waren gen Osten gerichtet. Sie haben immer dafür gesorgt,
dass wir auf der amerikanischen Seite blieben, auch wenn die Russen
bereits da waren. So ging das vier Tage lang, bis wir in einen
anderen Divisionsbereich kamen. Eine unglaubliche Geschichte.
In dieser Zeit brachte eine Tschechin eine deutsche Nachrichtenhelferinnen
zu uns. Diese berichtete, dass sie von den Vlasov-Soldaten in
einem Waldstück gefangengehalten worden war. Als der Captain
hiervon Kenntnis bekam, machte er seinen Jeep mit all seinen Flaggen
und Fähnchen startklar. Mein Kamerad sicherte mit einer Maschinenpistole
nach vorne ab, ich sicherte mit einem Schnellfeuergewehr nach
hinten ab. So kurvten wir zwischen Kriegern herum, die nichts
mehr zu verlieren hatten. Wir erreichten einen der neun Generäle
der Vlasov-Truppen. Dieser war mit seinen Offizieren in einem
Bauernhof untergebracht. Er berichtete, dass er nicht eingreifen
könne, da die Soldaten auf eigene Faust handelten. Trotzdem
gelang es uns, den Lastwagen mit den Nachrichtenhelferinnen frei
zu bekommen.
Unsere bisherigen guten Erfahrungen mit den Amerikanern wurden
durch die Überstellung in einen anderen amerikanischen Divisionsbereich
jäh beendet. Ein neues Kapitel voller Leid und Enttäuschung
wurde aufgeschlagen. Am nächsten Tag lieferten uns die Amerikaner
den Russen aus. Dies war wohl in Jalta so beschlossen worden.