Kindheit in Ostpreußen
Ich bin in Podszunen (Eichenheim) in Ostpreußen aufgewachsen.
Meine Eltern waren mit Arbeit und neuen Zielen beschäftigt.
Sie erwarben ein Grundstück neben dem meines Großvaters
- 25 Morgen groß, mit Haus, Scheune, Stallungen und einem
schönen, großen Garten. Die Vergrößerung
war auch deshalb zwingend notwendig, weil sich der Klapperstorch
angemeldet hatte und 1928 meine Schwester Gerda geboren wurde.
Mit meiner Oma Else im Haus mussten nun fünf Mäuler
gestopft werden; Arbeit gab's also genug, der Ertrag war aber
gering. Meine Eltern suchten nach Mitteln und Wegen, ihr Einkommen
zu verbessern. Sie zogen mit Pferd und Wagen an zwei Tagen in
der Woche auf verschiedene Märkte, um mit Butter, Eiern,
Wild und Geflügel zu handeln. Das Feld hat mein Vater dann
nebenbei bestellt - was für eine Knüppelei! Aber wenn
zwei an einem Strang ziehen, kann man viel erreichen und das taten
meine Eltern.
Für mich begann in meinem 6. Lebensjahr die Schulzeit - mit
einer Stunde Fußmarsch nach Ruddecken! Im so genannten "Insthaus"
meines Großvaters, einer Unterkunft für Landarbeiter,
lebte die Familie Mauritz mit vier Kindern. Denen schloss ich
mich als kleine Kruke an und marschierte tapfer mit ihnen zur
Schule. Die Mauritz-Kinder hatten immer Stullen, beschmiert mit
billigem "Affenschmalz" und Salz. Die schmeckten mir
besser, als das, was ich im Tornister hatte. Und sie tauschten
gerne mit mir. Wenn es im Winter eisig wurde und stiemte, fuhr
mein Vater uns mit Pferd und Schlittenwagen zur Schule. Bei klarem
Wetter konnten wir allerdings große Strecken sparen und
quer über weite Eisflächen (zuvor überschwemmte
Wiesen) mit Schlittschuhen zur Schule gelangen.
In der Schule saßen die Mädchen rechts und die Jungs
links, sechs bis vierzehn Jahre alt - die Anfänger natürlich
ganz vorne. Das Schlimmste war für mich, wenn der Lehrer
die Jungs zwischen seine Beine nahm und sie mit dem Rohrstock
verprügelte; immer von oben drauf auf den Hosenboden, oder
auch auf die Hand, die sie hinhalten mussten - vor unser aller
Augen, es war sadistisch! Natürlich gab es einige Lausebengel,
die immer etwas anstellten und sich den Hosenboden vorsorglich
schon zu Hause auspolsterten. Aber es war für uns alle jedes
Mal peinlich, dieser entwürdigenden Strafe zusehen zu müssen.
Ob auch Mädchen "verkloppt" wurden, weiß
ich gar nicht mehr...
Meine erste schlimme Erfahrung in der Schule war Mobbing. Ich
konnte es nicht verstehen, warum gerade ich als Kleinste damals
von den großen Mädchen gequält wurde, indem sie
andere aufforderten, nicht mit mir zu reden. Ich wurde isoliert
und wusste nicht mal, warum! Heute bastele ich mir eine Erklärung
zusammen: In so einem kleinen Dorf wird innerhalb der Familien
über Alles und Jeden geredet. Und meine Mutter war anders,
denn sie hatte als junge Frau einige Zeit in der großen
"sündigen" Stadt Berlin gelebt. Wer weiß,
was die da so getrieben hatte! Sie besaß schicke Kleider
und Hüte und sprach, auch mit ihren Kindern, nur Hochdeutsch,
während sich alle anderen in ihrem ostpreußischen Dialekt
verständigten.
Natürlich bekamen diese Kinder deswegen
im Unterricht Probleme - ich nicht. Und dann angelte meine Mutter
sich auch noch den Sohn des angesehenen Großbauern! Solche
Meinungen, auch Neid, wanderten leicht von zu Hause in die Schule.
Es gab aber auch Ereignisse, an die ich mich gerne erinnere, zum
Beispiel Fastnacht in der Schule. Da war vielleicht was los! Unter
dem Motto: "Fastnacht feiert Katz und Maus, Schuppnis (Bohnenpüree
mit Speck) gibt's in jedem Haus - aus der Schule muss der Lehrer
raus!" haben wir Herrn Broszehl, unseren Lehrer, wirklich
ausgesperrt, die Türen mit Schulbänken verstellt und
drinnen gewaltigen Radau gemacht. Die Schiefertafeln wurden bunt
bemalt, mit schwarzen Raben dekoriert, Girlanden angebracht und
natürlich haben die Mädchen mit den Jungs "rumbaldowert",
wie es auf ostpreußisch heißt.
Mein heimatliches Platt bring ich jetzt kaum mehr zustande, hier
eine kleine Probe: "Der Friiieling kommt mitem Dampfer! Mit
Brunnenkresse und Sauerampfer, mit Bliiiemchen allerlei..., und
de Meisen singen ihre Weisen
und legen Ei auf Ei! Oder meinste
nei?"
Es gibt übrigens von der Autorin Auguste Oschkinat urkomische
mundartliche ostpreußische Geschichten - ich gab sie weiter
an meine Tochter Ingrid.
Die Gerüche aus meiner Kindheit kann ich nicht vergessen.
So sind Erinnerungen haften geblieben an die Zeit, in der ich
öfter bei Evchen Klemm, einer Dorffreundin, zu Gast sein
durfte. Im Kolonialwarenladen ihrer Eltern duftete es nach Dillgurken,
Bonbons und Schokolade, Früchten, Kräutern, Zwiebeln,
Bier, Öl, Getreide und Brot sowie nach Leder-Zubehör
für die Pferdegespanne. Und Evchens Oma kochte die besten
Königsberger Klopse der Welt mit herrlicher Schmantsauce,
mit Eigelb verfeinert! Evchen fuhr jeden Tag zur "Hohen Schule"
nach Tilsit. Das war ganz was Großes und Besonderes zu der
Zeit, aber mit vielen Strapazen verbunden. So fuhr sie mit dem
Bus nach Szillen, von dort mit der Bahn weiter nach Tilsit.
In den Ferien durften wir Kinder manchmal unsere Eltern auf ihren
Marktfahrten begleiten. Ich erinnere mich zum Beispiel an Kraupischken.
Wenn es losging, knarrten die Wagenräder und die Pferdchen
wieherten: Endlich raus aus dem Stall! Das war immer ein Abenteuer
für uns. Wir erlebten, wie die Bauersfrauen Butter, Eier,
Hühner, Enten, Gänse, Puten, Speck und Schinken anpriesen
- natürlich wollten sie höchste Preise erzielen und
feilschten entsprechend. Landfrauen mit kleinsten Anwesen bis
hin zu Besitzern großer Bauernhöfe boten Waren von
unterschiedlicher Qualität feil. Meine Eltern hatten im Laufe
der Zeit schon ihre festen Kunden für die beste Butter und
die übrigen Erzeugnisse. Allen Bauern konnte man aber nicht
trauen, der Beschiss ist keineswegs erst heutzutage erfunden worden!
Einmal fand mein Vater doch tatsächlich in einem Stück
Butter einen Stein - die Bezahlung erfolgte schließlich
nach Gewicht!
Wir Kinder krümelten umher auf dem Marktplatz. Wenn wir einmal
einen Groschen für Johannisbrot, Süßholz oder
Weintrauben bekamen, waren wir selig. Auf der Heimfahrt am Nachmittag
schliefen wir meist. Die Pferde Liese und Lotte wollten schnell
nach Hause, denn während der Marktzeit nur angebunden rumzustehen,
machte ihnen keinen Spaß. So trabten sie flott dahin - den
Weg kannten sie ja genau.
Im Winter war die Fahrt zu den Märkten bei Eis und Schnee
und Minustemperaturen unter 30 Grad viehisch, hundekalt und sehr
anstrengend. Meine Mutter hüllte sich in einen weiten Schafpelzwollmantel
ein. Vater schützte sich auch entsprechend, er musste ja
noch die Pferde an der Leine halten. Losgefahren wurde nachts
um drei Uhr, da befroren ihre Gesichter schnell und die Pferde
hatten Eiskrümel an ihren Leibern. Meiner Mutter erfroren
dabei ihre Hände, sie blieben dick angeschwollen ihr Leben
lang. Das Verdienen war schon sehr hart damals, doch die Eltern
wollten etwas schaffen und sich hocharbeiten. Was sie wohl von
fester Arbeitszeit oder gar Urlaub hielten, kann man sich vorstellen...
In der Erntezeit halfen alle verfügbaren Leute den Großeltern.
Die "große Oma" (die zweite Frau meines Großvaters,
meine Stiefoma) sorgte für das Mittagessen. Schnell noch
aus dem Garten Pflücksalat geschnitten, gewaschen, mit saurem
Schmant übergossen, dann versammelten sich Familie und Erntehelfer
um den großen Holztisch und langten kräftig zu. Es
gab gebratenen Schweine-Spirgel (Bauchfleisch), dicke geräucherte
Blutwürste, ein deftiges Kraft-Mahl eben. Doch was zeigte
sich denn dort?! Am Salatschüssel-Rand klammerte ein kleiner
Frosch und rieb sich den Schmant aus den Augen!!! Großes
Gelächter der Tischgesellschaft - die "große Oma"
nahm es gelassen. In der Eile kann schon mal so ein kleines "Gehopse"
übersehen werden...
Auf solche herrlichen Erlebnisse können viele Kinder heute
wohl schon neidisch werden und nur davon träumen! Ich staune
wirklich über mich, wie stark sich die Erinnerung an Podszunen
bei mir eingebrannt hat. 1935 zog unsere Familie dann nach Szillen.
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