Aufgewachsen bin ich in Podszunen (Eichenheim) in Ostpreußen.
Ich muss so ungefähr 12 Jahre alt gewesen sein, als sich
eine große Veränderung unserer Lebensverhältnisse
ankündigte. Meine Eltern "expandierten", wie man
heute sagen würde. In Szillen, dem Kirchdorf mit 3000 Einwohnern,
übernahmen sie einen Einzel- und Großhandel mit Eiern,
Butter, Käse, Wild und Geflügel. Für die Familie
bedeutete der Umzug eine gewaltige Umstellung. Wir Kinder kamen
in eine neue fremde Schule und meine Eltern avancierten zu Kaufleuten.
Wir hatten keine Pferde und Kühe mehr, dafür wurde ein
Eintonner Lastwagen angeschafft. So konnten wir wie bisher auf
den Märkten Produkte ein- und verkaufen, aber auch nach Königsberg
fahren, um dort kistenweise Eier an die zentrale Sammelstelle
zu liefern. Den Führerschein erwarb Vater schnellstens -
Mutter zwar auch, aber sie ist nie gefahren. Ihr Aufgabenbereich
war der Verkauf der Produkte an die Dorf-Kunden, also der Einzelhandel.
Im Freizeitsport und Spiel fand sich die gesamte Dorfjugend -
die so genannte Hitlerjugend - zusammen. Für den BDM, den
"Bund Deutscher Mädchen", war ich noch zu klein,
gehörte aber automatisch den "Jungmädeln"
an. Im Nachbardorf Norwilkischken war ich mit meinen zwölf
oder dreizehn Jahren zur "Jungmädel-Führerin"
bestimmt worden. Ich erinnere mich, dass ich sogar eine Theateraufführung
organisiert hatte. Der dortige Klassenlehrer half kräftig
mit. Als Bühne benutzten wir ein großes ausgehängtes
Scheunentor. Für das Dorf war es ein kleines, willkommenes
Fest. Unsere sonstigen regelmäßigen Treffen kennzeichneten
Ballspiele und Gymnastik. Politik war dabei ein Fremdwort, genauso
wie in der Schule.
Mit einer Gruppe Jungmädel nahm ich teil an einem Sommerferienlager
in Cranz an der Ostsee. Wir wohnten sehr spartanisch in Zelten
- Morgentoilette und Frühsport begannen in der Ostsee und
am Strand. Nie werde ich mein Heimweh vergessen, ich habe viel
geweint und wollte nur nach Hause... Es waren die längsten
sieben Tage meines Lebens.
Wie viele andere Orte damals wurde auch das Kirchdorf Szillen
eingedeutscht in Schillen.
Dort gab es auf dem Berg eine Kirche mit zuletzt Pfarrer Jordan,
eine Schule mit den Herren Lange und Kruckow als Lehrer, eine
Post, eine Sparkasse, zwei Hotels - Peschel und Otto -, sowie
die Feuerwehr und die Bahnstation Schillen zwischen Tilsit - Insterburg
- Königsberg und Berlin. Dazu kam eine Reihe von Geschäften,
die den Bedarf der ansässigen Bauern und Landarbeiter aus
der Umgebung deckten: eine Drogerie Goerth, das Schuhgeschäft,
Schulbedarf und Papierwaren Sakuth, Uhren und Goldwaren Rimkus,
Tischler Conrad, Bäcker Wolgien, Kolonial-Lebensmittel Tengelmann,
Blumen- und Landschaftsgärtnerei Kahl, ein Kamin- und Schornsteinfegermeister,
Landmaschinen und Kolonialwaren Pfeiffenberger, Sattlermeister
Otto Schier, Schuster, Handarbeit/Posamenten, Gutsbesitzer Erzberger,
Arzt, Tierarzt und Zahnarzt, Konfektion/Mode Roever und Knackstedt
sowie Tuchgeschäft Lehmann. Die Lehmanns waren die einzigen
Juden im Dorf und Freunde meiner Großeltern. Und meine Familie
bevölkerte unter anderen den Marktplatz am Freitag - der
Handel gehörte jetzt zu den Hauptaufgaben unseres Lebens.
Jedes Jahr gab es auch einen fröhlichen Jahrmarkt. Natürlich
war der immer sehr beliebt, auch die Zigeuner fehlten nie. Es
trafen sich Hinz und Kunz zum Austausch familiärer Neuigkeiten
und es gab viel Tratsch und Klatsch, wie überall auf der
Welt.
Die Fahrten zur Handelsschule mit dem Zug nach Tilsit am frühen
Morgen gemeinsam mit vielen Jugendlichen haben mir Spaß
gemacht. Und die Stadt Tilsit habe ich genossen. Gerne flanierten
wir mit Freundinnen auf der Hohen Straße und die Konditorei
"Hohenzollern" war ein Magnet! Die "Schokoladenschiffchen"
machten süchtig...
Im Sommer konnte man natürlich auch in der Memel, dem Hausfluss
in Tilsit, baden. Es war schönes Wetter und mich reizte das
kühle Nass, zumal ich den Badeanzug ja schon anhatte. Also
nichts wie hinein in die Fluten! Allerdings hatte ich nicht mit
der starken Strömung gerechnet... und schwimmen konnte ich
damals auch noch nicht. Das habe ich erst mit 38 Jahren durch
meinen zweiten Ehemann, erlernt. Ich geriet in eine Untiefe, verlor
den Boden unter den Füßen, das Wasser blubberte über
meinem Kopf zusammen... ich war am Ertrinken... landete jedoch
auf einer Sandbank! Laut um Hilfe schreiend und völlig erschöpft,
versuchte ich, Schritt für Schritt das Ufer zu erreichen.
Es war aber gar kein Mensch weit und breit zu sehen, der mir hätte
helfen können. Welch' ein Superglück, alleine wieder
ans Ufer gelangt zu sein! Den Schock fürs Leben hatte ich
allerdings weg. Erzählt habe ich darüber zu Hause nichts...
Nach Beendigung meiner Schulzeit habe ich bei der Familie Erzberger
das so genannte "Pflichtjahr" abgeleistet. Erzbergers
besaßen im Ort ein großes Gut mit allen dazugehörigen
Wirtschaftsgebäuden für Viehhaltung, Getreideernte und
Geflügel, dazu natürlich ein schönes Herrenhaus.
Das befand sich gegenüber von dem Geschäftsbetrieb meiner
Eltern. Ich brauchte also nur die Straße zu überqueren,
um meinen Dienst anzutreten. Bei Frau Erzberger hatte ich es sehr
gut, sie war mir eine perfekte Lehrmeisterin, was Haushaltsführung
und Gästebewirtung betraf. Es musste alles nach "Knigge"
und Etikette ablaufen, darauf legte sie größten Wert.
Ich war deshalb emotional sehr bewegt und traurig, als ich jetzt
im Internet das schöne Anwesen total verkommen und notdürftig
als Magazin hergerichtet entdeckt habe. "Haus Schillen"
wird es genannt, mit Gästezimmer für heimwehkranke ehemalige
Schillener Bewohner. Für die Instandsetzung wurde Material
von der gegenüberliegenden Ruine verwendet, also von meinem
früheren Zuhause...
Das Leben auf dem Land hat mich für immer geprägt -
mein Lebensbaum hatte starke Wurzeln entwickelt und ich konnte
Kraft schöpfen aus der Natur und den Gemeinsamkeiten in der
Familie. Erst die Tragödie des unseligen Krieges hat uns
zersplittert und in alle Winde verstreut. In meiner Erinnerung
gehört es zu den eindrucksvollsten Ereignissen, als wir am
Vorabend des 2. Weltkrieges, am 31. August 1939, Einquartierung
von Soldaten bekamen, so an die hundert Mann. Sie übernachteten
auf Strohlagern in unseren Wirtschaftsräumen, lagen dicht
beieinander, die Gesichter waren versteinert und sie sangen: "Morgenrot,
Morgenrot, leuchtest mir zum frühen Tod". Ich bekomme
heute noch Gänsehaut von dem schaurigen Gesang der Männer.
Am nächsten Morgen waren sie und ihre Fahrzeuge verschwunden,
Richtung Krieg. Auch mein Vater wurde Soldat, er hatte einen Gestellungsbefehl
und musste unseren Lastwagen mitnehmen.
Das Wort Krieg bekam jetzt für uns Inhalt und Gestalt, für
jeden Einzelnen auf besondere Weise. Mutter und wir Kinder waren
plötzlich alleine, ohne Erwerbsmöglichkeit, wie sollte
das weitergehen? Und vor allem die Angst um den Vater! Wo ist
er, kommt er heil wieder? Der verdammte Krieg hat uns Betroffenen
so unendliches Leid angetan. Mein Vater musste am Polenfeldzug
teilnehmen, hat Grausames in Warschau erlebt. Als er dann nach
Beendigung dieses leidvollen Weges wieder entlassen wurde, war
unsere Existenz inzwischen zerschlagen. Ohne den Arbeitseinsatz
meines Vaters und ohne den Lastwagen war meine Mutter alleine
ja nicht in der Lage gewesen, den Betrieb des An- und Verkaufs
aufrecht zu erhalten. Die Lebensplanung und die Grundlage waren
zerstört. Mein Vater wurde nun als Hilfspolizist dienstverpflichtet,
auf Befehl tat er Dienst in einem entfernten Bezirk. Es herrschte
Kriegsrecht - er musste es tun.
In unserem Dorf ließ die Angst die Bewohner nicht schlafen.
Nachbarschaftshilfe hatte Konjunktur. Das war wirklich einzigartig
in der Kriegszeit von damals. Besonders ausgeprägt war die
gegenseitige Hilfe natürlich unter befreundeten Familien
und zwischen Verwandten. Keiner hatte so richtig verstanden, warum
wir Krieg hatten - es ging doch allen gut. Die Großbauern
und Gutsbesitzer hatten die überaus günstigen und langfristigen
Kredite des Staates genutzt, um sich die modernsten Landmaschinen
anzuschaffen. Zudem sicherte die gute schwarze Erde reiche Ernten.
Jeder hatte Arbeit und Brot und war zufrieden.
Später haben Historiker beleuchtet, dass das Naziregime sich
die Gefolgschaft der ostpreußischen Bauern durch die günstigen
Kredite "gekauft" hatte und somit die "Kornkammer
Deutschland" geschaffen wurde. Für den Krieg!?
Mit meinen Eltern und meiner Schwester zog ich 1941 nach Berlin.
Vorher heiratete ich aber noch meinen Verlobten Reinhard.
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