Seit 1935 lebte ich mit meinen Eltern und meiner Schwester in
Schillen (Szillen) in Ostpreußen. Dann wirbelte 1940 ein
Brief aus Berlin von Tante Klärchen alles durcheinander und
veränderte unser Denken und Handeln: Sie bot nämlich
meinen Eltern ihre Gaststätte in Berlin zum Kauf an für
siebzehntausend Reichsmark, weil sie nach Jahren einen neuen Lebenspartner
gefunden hatte und ihm folgen wollte. Tage- und Nächtelang
haben die Eltern an einer Entscheidung gebastelt. Sollten sie
den Sprung wagen? Ihre Existenz im Dorf Schillen war aufgrund
des Krieges zertrümmert, da schien Berlin nicht nur ein Strohhalm,
sondern ein dicker Balken zu sein, der ihnen gereicht wurde. Und
das erforderliche Geld hatten sie sich erarbeitet.
Nun ging die Feldpostbriefe zwischen meinem Verlobten Reinhard
und mir hin und her: "Ich soll mitgehen nach Berlin!"
"Dann lass' uns noch vorher heiraten", schrieb er zurück.
Keiner wollte sich dem verschließen. Und wieder purzelten
in der Familie die grauen Zellen durcheinander: Nachdenken, ob
wir das alles in die Reihe kriegen - Organisationstalent war gefragt.
Und als alle Einzelheiten durchgesprochen waren, fiel die Entscheidung
für Berlin! In Berlin erwartete uns ein Eck-Restaurant in
der Neanderstraße 28, eine urige Kneipe in Stadtmitte (heute
U-Bahn-Station Heinrich-Heine-Straße) und in der zweiten
Etage eine Drei-Zimmer-Wohnung. In der ersten Etage war das Polizeirevier
13 etabliert - sichere Gäste, spekulierten wir schon! Vom
verschlafenen Dorf in die Häuserwüste Berlin, die Straße
ohne Baum und Strauch...
Was nun kam, kann sich jeder ausmalen. Der Hochzeitstermin wurde
auf Rosenmontag, den 24. Februar 1941, festgelegt; der Umzug nach
Berlin sollte zum 1. März 1941 erfolgen. Da Reinhard als
Wachtmeister Berufssoldat und auf 12 Jahre verpflichtet war, musste
ich als seine künftige Ehefrau für die Heirat den "Arischen
Nachweis" erbringen. Wochenlang war ich damit beschäftigt,
die Standesämter um die entsprechenden Dokumente zu bitten.
Gottlob kriegte ich alles Erforderliche zusammen und konnte somit
meinen "Ahnenpass" vorweisen. Das Hitler-Regime hatte
seine eigenen, besonderen Ansprüche und Gesetze auch für
die Wehrmacht: die "Arische Rasse" als Herrscher über
die "Untermenschen" als Ziel. Aus der Sicht des heutigen
globalen Völkermix war die Nazi-Arroganz ungeheuerlich!
Meine Eltern mussten auch ihre Einwilligung zur Hochzeit geben,
da ich noch nicht mündig war.
Die ganze Familie hatte mit der Organisation der für die
Hochzeit notwendigen Dinge zu tun und meine Schulfreundinnen teilten
mit mir meine Aufregung. Aber es begann auch das Abschiednehmen.
So richtig begriffen hatten wir es überhaupt noch nicht.
Die bäuerliche Verwandtschaft verstand ohnehin nicht, wie
das abenteuerliche Vorhaben in Berlin funktionieren sollte, denn
nur meine Mutter kannte sich in der Gastronomie aus. Sie war unser
perfekter Lehrmeister und der Motor des ganzen Unternehmens!
Der Hochzeitstermin rückte immer näher, Reinhard befand
sich mit seiner Einheit an der Atlantik-Küste in Frankreich,
in Quimper. Er hatte an dem "Blitzkrieg" teilgenommen
und zum Glück alles unbeschadet überstanden. Es folgte
die Besetzung der französischen Gebiete, und so wurde die
Steilküste des Atlantiks für die deutschen Landser zu
einem unvergesslichen touristischen Erlebnis. Sie bekamen die
Möglichkeit, an Segeltörns teilzunehmen und auch sonst
das "Leben in Frankreich" kennen zu lernen, was sie
sehr genossen. Der Kontakt zur Zivilbevölkerung war zwar
kriegsbedingt, aber es zeigte sich bei vielen Soldaten, dass sie
gar nicht feindselig sein wollten, im Gegenteil. Ich entnahm dies
damals aus Reinhards Schilderungen und seiner persönlichen
Einstellung.
Mit Pfarrer Jordan in Schillen hatten wir alles wegen unserer
kirchlichen Trauung besprochen - die standesamtliche Heirat war
auch vereinbart. So konnte das Ereignis stattfinden unter den
Augen des ganzen Dorfes. Reinhard hatte ein Auto für die
Fahrt zum Standesamt organisiert und steuerte es auch selbst.
Der überaus strenge Winter in dem Jahr hatte die Straßen
vereist, Kopfsteinpflaster führte bergan zur Kirche. Auf
halbem Wege drehten die Räder durch und der Motor versagte,
wir trudelten rückwärts... Um dann wieder neu zu starten
und zum Ziel zu gelangen. Wer abergläubig war, machte sich
Gedanken, und die sind bekanntlich frei. Die Panne hat Reinhard
und mich jedoch kaum berührt. Uns beglückte ja das Hochzeitsfest:
Ich erhielt kostbare Geschenke, so von Reinhard aus Frankreich
Chanel Nr. 5 und wunderschöne Bretonische Handarbeiten, die
ich heute noch besitze; irgendwie wurden sie gerettet. Nicht gerettet,
sondern vergraben in Schillen ist ein edles japanisches Teeservice
mit meinem gesamten Hausrat...
"Kriegstrauung" - unter dieser Überschrift lief
auch unsere Hochzeitsfeier ab; jeder hatte so seine eigenen Gedanken
im Hinterkopf. Das hielt unsere Gäste jedoch nicht davon
ab, den üblichen Schabernack zu treiben, z.B. unter dem Bett
des frisch vermählten Paares heimlich Glocken anzubringen...
Eine Hochzeitszeitung beleuchtete die Vergangenheit und die Vor-
und Nachzüge von Braut und Bräutigam ("Nase, mitten
im Gesicht hindert beim Küssen" war nur eine von vielen
Feststellungen) und es gab ein Festmahl, zu dem die Verwandtschaft
beigetragen hatte. Ein weißes Seidenkleid, Myrten-Kranz
und Schleier schmückten mich Mädchen nun als frisch
gebackene Ehefrau - eine Rolle, in die ich noch hineinwachsen
musste. Ich hatte gottlob keine Ahnung von dem, was da auf mich
zukam. Reinhards Abschied in Richtung Krieg verlief wie immer
sehr tränenreich, mich hat's zerrissen.
Der bevorstehende Umzug nach Berlin lenkte dann aber von all dem
Schmerz ab, es gab viel zu tun - und wir packten es.
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