Berlin im Krieg
1941 zog ich mit meinen Eltern von Schillen (Szillen) in Ostpreußen
nach Berlin. Vorher hatte ich in einer Kriegstrauung meinen Verlobten
Reinhard geheiratet. Meine Eltern übernahmen in Berlin von
meiner Tante das "Neandereck", eine Gastwirtschaft bei
der heutigen U-Bahn-Station Heinrich-Heine-Straße. All das
Neue in Berlin forderte von meiner Familie und mir den vollen
Einsatz und extreme Aufmerksamkeit, um ein völlig fremdes
Feld zu beackern. Im Grunde folgten wir dem gesunden Menschenverstand
und den Erfahrungen auf dem Bauernhof: Was du säst, erntest
du. Wir setzten unsere Kenntnisse und Fähigkeiten ein, ergänzten
uns im Ablauf des Geschäfts, jeder nach seinen Möglichkeiten.
Wir lernten schnell, dass jetzt nicht mehr "ein gegebenes
Wort ein Wort" ist, sondern ein "Wörterbuch",
und all die anderen "Zicken und Zacken" des täglichen
Lebens in der fremden Stadt - es war meine neue "Lebensschule".
In der ersten Zeit unseres Wirkens am fremden Ort hat uns der
ehemalige "Zapfer" von Tante Klärchen "eingearbeitet";
es war sehr hilfreich, über ihn die "Stammkundschaft"
kennen und schätzen zu lernen, die Einkaufsquellen zu nutzen
sowie Erforderliches bei den Behörden zu erledigen. Schnell
fanden wir guten Kontakt zu unseren Gästen. Bald prangte
ein Spruchband über der Theke: "Hier stehen immer die,
die immer hier stehen", einige schütteten nach ihrem
Feierabend bis spät in die Nacht so an die 40 Mollen (1Molle
= 1 Glas 0,25 l) in sich hinein. Viele Gäste waren sehr vertraut
miteinander durch ihre Tätigkeiten in den kleinen Industriebetrieben
rundherum. Ein besonders guter, spendabler Gast war ein Knopffabrikant.
Gerne spendierte er in fortgeschrittener Stunde ganze Stubenlagen
Alkoholika.
Die Zwangsbewirtschaftung aller lebenswichtigen Erzeugnisse führte
dazu, dass es z.B. für einen Tag nur eine bestimmte Menge
Bier als Zuteilung gab. Das wussten natürlich die Kneipenbesucher
genau. So war meistens schon mittags das "Kontingent Bier"
ausgeschenkt und ausgesoffen!! Und für die alkoholfreudigen
Gäste gab es nur noch "Alkolat", ein künstliches
Gesöff. Dem Einfallsreichtum jedes Unternehmers war es daher
damals besonders überlassen, Quellen zu finden, um seinen
Kunden etwas Reelles zu bieten. Der "Branka-Wermut"
war so ein gutes Angebot eines Lieferanten und wurde hochgeschätzt.
Meine Mutter fand heraus, dass viele Gäste gerne etwas zu
essen wünschten. Deshalb kochte sie manch stärkendes
Gericht für viele Betriebsangehörige von kleinen Firmen
aus der Umgebung. Trotz der Zwangsbewirtschaftung gelang es ihr,
oft etwas Gutes anzubieten, Vitamin "B" (Beziehungen)
hieß das Zauberwort.
Ich erinnere mich, dass ich meine Mutter mal eine Woche vertreten
habe, sie fuhr zu meinen Schwiegereltern nach Schillen in Ostpreußen.
Urlaub - dieser Begriff war für sie bisher völlig unbekannt.
Ich weiß noch genau, dass ich unseren Gästen Kartoffelklöße
von rohen Kartoffeln mit Sauerkraut und Speck kredenzt habe. Noch
heute bin ich stolz darauf, es gemanagt zu haben. Ich hatte meinen
Dienst in der Destille wie Mutter und Vater auch, meine Schwester
Gerda besuchte ja noch weiter in Berlin die Schule.
Vorerst blieben wir noch vom unmittelbaren Kriegsgeschehen verschont,
und so konnte ich meine Freizeit sehr genießen. Schön
waren meine Ausflüge mit der Straßenbahn, die Köpenicker
Straße entlang in Richtung Treptower Park. Manchmal kam
auch Mutter mit, dann leisteten wir uns eine Kahnpartie. Gerne
ging ich auch zu den Bären im Kölnischen Park, oder
spazierte in Richtung Spittelmarkt und besuchte den Neptunbrunnen.
Mit der Stadtbahn fuhr ich nach Potsdam und spazierte am damals
noch heilen Schloss vorbei in den Park von Sanssouci. Wenn ich
mit der U-Bahn von der Jannowitzbrücke zur Krummen Lanke
fuhr, um zu baden, musste ich zwischendurch ein paar Mal aussteigen,
weil mir hundeschlecht wurde. Ich konnte es lange Zeit nicht vertragen,
mit der U-Bahn zu fahren. Die große Stadt hatte für
mich eben auch ihre Macken.
Einen gehörigen Schreck bekamen wir, als in der Schmidtstraße
- ein paar Häuser weiter weg von unserer Ecke Neanderstraße
- eine feindliche Bombe ein Haus zertrümmerte. Wir konnten
es nicht fassen! Es war jedoch nur die Probe für das Inferno,
das dann 1945 geschah... Obwohl es in Berlin oft Fliegeralarm
gab, waren wir selbst bis dahin verschont geblieben. Wir Hausbewohner
der Neanderstraße 28 hatten unseren Luftschutzkeller im
U-Bahn-Keller. Das Heulen der Luftschutzsirene werde ich in meinem
Leben niemals vergessen.
1943 flatterte, wie ein Blitz mit Donnergetöse, die erneute
Einberufung meines Vaters zum Kriegseinsatz ins Haus! Mit 43 Jahren
"Kämpfen für Volk und Vaterland", das war
das Motto! Keiner konnte zu Ende denken, was nun folgen würde.
Der Endspurt des Wahnsinns begann und zerstörte die Existenz
meiner Eltern zum zweiten Mal. Die Gaststätte wurde geschlossen.
Meine Mutter bekam das übliche Entschädigungsgeld zum
Leben für sich und meine Schwester Gerda. Ich erhielt als
Ehefrau Reinhards Gehalt von der Wehrmacht. So lebten wir mit
der grausamen Angst um Vater und Reinhard, zudem gab es viel öfter
Fliegeralarm und die Bomben schlugen immer näher ein.
Kurz vor Mitternacht zum 8. Februar 1944 kündigte sich meine
kleine Tochter Ingrid an, um dann um 4.42 Uhr in meiner alten
ostpreußischen Heimat das Licht dieser so komplizierten
Welt zu erblicken. Mein Mann Reinhard konnte seine kleine Tochter
kriegsbedingt erst im August 1945 in die Arme nehmen. Meine Mutter
kehrte nach der Geburt zurück nach Berlin, meine Schwester
Gerda brauchte sie, denn Fliegeralarm und Bomben bedrohten täglich
ihr Leben. In Schillen hatten wir davor Ruhe - noch. Mein kleiner
Spatz wuchs behütet von lieben Menschen jeden Tag ein bisschen.
Doch das Schlechte ließ leider nicht lange auf sich warten.
Bei Dunkelheit zeigten sich im Spätsommer nicht weit entfernt
am Himmel "Christbäume", russische Aufklärungsfackeln
möchte ich sie nennen. Wie bedrohlich für uns, was wohl
die Folgen sein würden... Die Frontnachrichten hörten
sich nicht gut an, die Deutschen wurden zurückgeschlagen.
Die Angst um die Angehörigen wurde riesengroß. Nur
darum ging es immer, um das unsägliche Leid des Krieges.
Aus Reinhards Feldpostbriefen kam keine hilfreiche Botschaft,
die Ereignisse überrollten den Einzelnen.
Meine Mutter rief aus Berlin an: "Jetzt komme ich und hole
dich und Ingrid nach Berlin!" Es war Oktober 1944, als auf
offener Lore per Bahn deutsche Soldaten zurückfluteten aus
Russland. Vater Schier nähte aus einer kostbaren Lederhaut
für seine Enkelin eine passende Tasche zum Transport nach
Berlin. Mutter und Schwiegermutter packten Pakete mit Bettzeug,
Leibwäsche und Handtüchern, aber auch Weckgläser
mit Fleisch. Jedoch war es fraglich, ob die Bahn das noch zum
Transport annehmen würde. Es glückte. Wie meine Mutter
es geschafft hatte, in einem Gerätewagen der Wehrmacht, der
auf einer Lore der Bahn verankert war, für uns einen Platz
zu bekommen, ist mir ein Rätsel. Die flüchtende Wehrmacht
wollte auch in Richtung Königsberg. In Insterburg wurden
wir von russischen Tieffliegern beschossen. Die Soldaten sprangen
runter in die Böschungen, während wir im Wagen ausharrten.
Ich beugte mich über Ingrid auf meinen Schoß, wir blieben
gottlob unverletzt. Auch das Chaos auf dem Umsteigebahnhof in
Königsberg haben wir überstanden. So landeten wir im
gefährdeten Berlin und holten erst einmal tief Luft. Gerda
war froh, dass wir endlich da waren.
In Berlin hatte meine Mutter für meine kleine Tochter Ingrid
und für mich die Wohnung der Nachbarn Preubisch besorgt,
die wegen der Bombengefahr aufs Land gezogen waren. Es bedeutete
für alle eine enorme Umstellung und Anpassung an die neuen
Verhältnisse. Die Gastwirtschaft war verriegelt und verrammelt
(auch wegen Einbruchsgefahr), einige Vorräte holten wir uns
aus dem Keller - das Ganze erschien uns sehr unwirklich. Nur vorübergehend,
dachten wir, der Irrsinn muss doch mal aufhören!
Die Verbindung zu Reinhard und zu meinem Vater war abgebrochen.
Die Gedanken blieben die einzige Brücke, doch verloren sie
sich im Dunst der Angst. Der Alltag erzwang unser Handeln. Nachbarschaftshilfe
war nötig, um alles zu bewältigen; man unterstützte
sich gegenseitig. Ich erinnere mich auch an den Fischfritzen Otto
Krüger, der neben unserer Gaststätte ein Fisch- und
Delikatessengeschäft hatte. Er war Meister im Organisieren
und nutzte seine vielfältigen Verbindungen zur Markthalle
am Alex. Ihm sei Dank, denn nicht zuletzt durch ihn haben wir
in Richtung Lebensmittelversorgung gut überlebt. Überlebt
haben wir Gott sei Dank auch die Bombenangriffe auf Berlin.
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