Den Krieg erlebte ich in Berlin. Ich erinnere mich noch, als uns Tante Lenchen aus Insterburg überraschend
in Berlin besuchte. Ich begleitete sie eines Tages, im Februar
1945, zu ihren Verwandten nach Köpenick - wir fuhren mit
der S-Bahn. Kaum waren wir dort angelangt, ertönte die furchtbare
Sirene. Fliegeralarm! Sofort bekam ich Bauchschmerzen - dieses
grausame Geheule kann ich bis heute nicht vergessen. Ich versuchte
zurück in die Stadt zu fahren, aber nichts ging mehr um 11
Uhr vormittags an diesem 3. Februar 1945.
Meine Angst verlieh mir Flügel. Mein einjähriges Kind,
meine Mutter, meine Schwester! Ich lief zu Fuß Richtung
Innenstadt. Den Weg wies mir der schwarze Rauch am Himmel. Es
wurde finsterer und dunkler, je länger ich unterwegs war.
Der beißende Qualm nahm mir die Sicht - brennende Holzscheite
fielen rechts und links von den Häusern herab - es war ein
Inferno! Viele Menschen waren mit mir in Panik auf dem gleichen
Wege. Dann wurden wir von Ordnungshütern gestoppt: "Da
kann keiner mehr durch, es liegt alles in Schutt und Asche!".
Schreiend und außer mir bahnte ich mir trotzdem einen Weg:
"Ich muss zu meinem Kind!". Keiner konnte mich halten,
dicht an die brennenden Häuser drückte mich der Feuersturm,
der Sauerstoff war reduziert und es entstand ein Sog hin zu den
Flammen. Ich weigerte mich, zu verbrennen - und es war ein Wunder:
Ich erreichte den U-Bahn-Eingang Neanderstraße, stolperte
über die Menschen auf den Treppen und lief in unseren hauseigenen
Luftschutzkeller. Die Tür flog auf, ich hörte meine
Ingrid wimmern - meine Mutter nahm mich in die Arme und ich mein
Kind! Die Erinnerung daran ist so grausam deutlich, dass es noch
heute weh tut.
Das Inferno hatte ja mittags um 11 Uhr begonnen. Der Himmel war
stockfinster, nur die Flammen malten schaurige Bilder, und es
stank nach verbrannten Menschen. Brandbomben fraßen sich
durch die Dächer der Häuser, vor Qualm konnte man nicht
atmen. Auch im U-Bahn-Schacht war das Chaos nicht zu beschreiben.
Die Menschenmassen irrten entlang der Schienen Richtung Irgendwo.
Meine Mutter wagte sich die Treppe hinauf in den 2. Stock, um
sich Wichtiges aus der Wohnung zu holen. Sie traf einige Polizisten
vom 13. Revier, die anboten, ihr zu helfen. Sie transportierten
Sachen aus der Wohnung und stellten sie auf den Bahnsteig der
U-Bahn ab. Wir konnten uns ja nicht auf sämtliche geretteten
Sachen draufsetzen, und so reduzierte sich unsere Habe wieder
erheblich durch andere Menschen, die schon alles verloren hatten.
In der Nacht war dann auch Schluss mit Sachen retten: Das große
Eckhaus, Neander-/Ecke Schmidtstraße, brannte im Laufe des
nächsten Tages runter bis zur 1. Etage. Schuttmassen brachen
durch die Decke auf die Gaststätte und verwüsteten sie.
Unser "Fischfritze" Otto Krüger, der neben unserer
Gaststätte ein Fisch- und Delikatessengeschäft hatte,
gewährte uns Unterschlupf; sein Haus war verschont geblieben.
Irgendwann hatte es auch Gerda zu Fuß von der Gärtnerei
Hermann Rothe aus Marienfelde bis zu uns geschafft. Genau so erschöpft
und total fertig wie wir - nur dankbar, dass wir noch lebten.
Aus Abend und Morgen wurde ein neuer Tag mit verpesteter, sauerstoffarmer
Luft zum Atmen...Im allergrößten Unglück hatte
meine Mutter die Kraft, ihrer Familie für die spätere
Zeit ein großes Geschenk zu machen. Sie rettete sich mit
uns in Richtung Westen! Nur dort wollte sie eine Bleibe finden,
das hatte sie mir später erklärt. Und wir wurden tatsächlich
in die Wulffstraße 7 in Steglitz von "Amts wegen"
in eine verlassene Wohnung eingewiesen. Mutter hatte einen Lastwagen
organisiert, der uns und unsere verbliebene Habe dorthin brachte.
Bevor wir "unsere Ruine" in der Neanderstraße
28 verließen, schrieben wir in großen Lettern auf
Pappe unsere neue Adresse für unsere Angehörigen und
Freunde.
Nach dem mörderischen Bombardement wollten wir nur schlafen...
wie und wo war zunächst völlig egal. Jeder neue Tag
brachte jedoch mehr Unheil, wir waren ja noch nicht ganz vernichtet.
Inzwischen hatten wir April 1945, die Russische Armee eroberte
Berlin
Irgendwo steht in der Bibel: "Man bekommt nicht mehr aufgebürdet,
als man tragen kann"... Es hat aber gereicht und war schwer.
Am 8. Mai beendeten die Alliierten per Unterschrift ihrer Regierungschefs
das Inferno des schrecklichen Zweiten Weltkrieges. Aber von seinen
verheerenden Auswirkungen waren die meisten Menschen persönlich
noch lange betroffen. Verzweifelt versuchten sie, damit klarzukommen,
dass wirklich kein Stein mehr auf dem anderen geblieben war. Was
nun? Ich hatte meine einjährige Tochter Ingrid, meine Mutter
Anna und Schwester Gerda. Reinhard musste irgendwo in Russland
sein - ob er wohl noch lebte? Die letzte Feldpost kam aus dem
Stalin-Kessel...
Als mein Mann Reinhard im August 1945 aus Sibirien kommend in
Friedland gelandet war, machte er sich auf den Weg, uns zu suchen.
Das Hinweisschild an der Ruine in der Neanderstraße 28 hat
ihn auf unsere Spur gebracht! Nachdem Reinhard am 28. August 1945
aus Nishnitagil, einem Rüstungsbetrieb in Sibirien, heimgekehrt
war, kümmerte er sich um seine Familie. Seine kleine Tochter
- etwa zwei Jahre alt - fürchtete sich anfangs vor dem fremden
Onkel...
Mein Mann Reinhard hatte sich inzwischen zu Hause wieder eingelebt.
Überraschend klopfte auch Schwiegervater Otto im gleichen
Sommer an die Tür. Er war als Volkssturmmann in Ostpreußen
noch während der letzten Kriegstage in Gefangenschaft geraten.
Mein Vater, Jahrgang 1900, kam aus russischer Gefangenschaft leider
erst 1951 todkrank nach Hause. Schwiegermutter Hannchen hatte
aus ihrer Heimat in Ostpreußen fliehen müssen und war
von den Dänen gerettet worden, als das Schiff "Wilhelm
Gustloff" sank. Nach ihrer Internierung in Dänemark
tauchte sie 1948 bei uns auf. So lebten wir in der heutigen Braillestraße/Ecke
Rothenburgstraße in sechs Zimmern alle zusammen.
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