Kinderlandverschickung in den Schwarzwald
Nach Beginn des Krieges wurde fast täglich der Ernstfall
geprobt. Wenn die Sirene heulte, mussten die Leute in den Keller.
Ein gepackter Koffer mit den wichtigsten Papieren und Sachen sollte
immer bereit stehen. Erst bei Entwarnung durften sie den Keller
verlassen. Damit auch die Vorschriften eingehalten wurden, gab
es jeweils für ein paar Häuserreihen einen Blockwart,
Leute, die meistens wie 'scharfe Hunde' waren, weil sie mit den
'Wölfen' heulen wollten. Dann begannen die Angriffe. Erst
ein oder zwei in der Woche, später Tag und Nacht. Schon bei
den ersten Bombenangriffen wurde die Schule zerstört. Immer
häufiger mussten die Schutzräume aufgesucht werden.
Die Sirene weckte die Bewohner schon mit dem ersten Ton. Später
wurde sie manchmal nicht gehört, weil die Menschen übermüdet
waren.
Mich schickte man für 6 Wochen in die Kinderlandverschickung.
Mutter bestand darauf, weil ich Untergewicht hatte. Ich sollte
mein Bäuchlein mal so richtig voll bekommen. Ein wenig Angst
um die Familie nahm ich aber mit - weil ich inzwischen wusste,
was diese Angriffe anrichten konnten. Außerdem gab es noch
einen Grund zur Sorge, der aber mein Geheimnis war: Mutti hatte
einen dicken Bauch und das hieß, dass sie ein Baby bekommen
würde. Das durfte man aber in meinem Alter (9 Jahre) seinerzeit
noch nicht wissen. Ich aber wusste es aus dem Doktor-Buch, das
im Wäscheschrank unter der Bettwäsche lag. Aufklärung
durch die Eltern fand damals nicht statt. Erst ein paar Tage war
ich auf dem Land, als ich einen Brief bekam, in dem stand, dass
ich ein Schwesterchen bekommen habe - eine Ursula. Jetzt wusste
ich auch, weshalb Vater immer gesungen hatte: "Ich wünsch
mir eine kleine Ursula
"
Wieder eine Zeit zuhause bei der Familie und dem kleinen Schwesterchen,
ging wieder ein Transport, dieses Mal in den Schwarzwald zur Bühler
Höhe ins Kurhaus Plättig. Dorthin fuhr man mit dem Schiff
den Rhein aufwärts. Das war für uns Kinder ein ganz
großes Erlebnis. Auf dem Schiff waren Matrosen in weißen
Uniformen mit blauen Bändern an den Mützen. Jeden Abend
legte das Schiff irgendwo an, wo die Kinder von Leuten abgeholt
wurden, bei denen sie übernachteten. An der Anlegestelle
in Germersheim wurde ich von einer Frau abgeholt, die in Begleitung
ihrer Tochter war. Die Tochter hieß Zita. Sie war drei Jahre
älter als ich. Das wusste ich aber damals nicht. In der BDM-Uniform
erschien sie mir sehr erwachsen. Die Freundschaft mit Zita besteht
heute noch.
Das Lagerleben war wunderbar, zumal alle Kinder mit dem Glauben
an den Führer infiziert waren und ihr Sinnen und Trachten
ganz auf ihn ausgerichtet war, also: gehorchen im Sinne des Führers.
Morgens wurde als Erstes die Fahne gehisst. Alle standen im Halbkreis,
in Uniform natürlich, mit erhobenem Arm. Und während
die Fahne hochgezogen wurde, sangen sie: "
denn die
Fahne ist mehr als die Freiheit und der Tod
". Am Abend
wurde sie wieder eingeholt mit dem Lied: "Wir holen die Fahne
nieder, sie geht mit uns zur Ruh, und morgen weht sie wieder neuen
Kämpfen zu
"
Es war einfach schön, vor allem hat mir die Gemeinschaft
gefallen. Und dann der Schwarzwald, das Kapellchen hinter dem
Kurhaus, der kleine Steilhang - die Abkürzung von Bühl
hinauf zur Höhe, über Wurzeln, durch Gestrüpp,
manchmal auf allen Vieren, das alles war so wunderbar und hat
sich mir stark eingeprägt ... Wenn ich heute daran denke,
spüre ich meine Schritte - bergauf und bergab, rieche den
Duft des Waldes und höre das Knirschen meiner Sohlen auf
dem Kiesweg zum Hotel. Schon als Kind waren in mir Empfindungen
für alles Schöne in der Natur sehr ausgeprägt.
Einmal hat das ganze Lager im Schnee eine Nachtwanderung zum nahe
gelegenen Jungenlager gemacht, denen wir dann ein Ständchen
brachten. Da flogen die Fenster auf und zum Dank brach ein Pfeifkonzert
los, das sich in den dunklen Baumkronen verfing. Geschriebene
Grüße um Steine gewickelt flogen in die Fenster. Es
war ein wunderbares Erlebnis.
Das Kurhaus hatte einen großen Saal mit Parkettboden, auf
dem es sich herrlich Spitzentanzen ließ - himmlisch für
mich. Nur der Verschleiß der vielen Pantoffeln brachte meine
Mutter echt in Schwulitäten, weil sie nicht wusste, wo sie
die alle herholen sollte, es gab ja nichts. Auch die Weihnachtszeit
ist unvergesslich. Für die Kinder, deren Väter im Krieg
waren, wurde Spielzeug hergestellt. Ganz besonders ist mir das
Schmirgeln der Bauklötze noch in Erinnerung. 90 Mädels,
so viele waren wir, schmirgelnd und singend an Tischen. Das kann
man nicht vergessen. Vor allem auch den Duft des Holzes nicht,
der durch das ganze Haus zog. Als dann Weihnachten war und die
Päckchen von zuhause geöffnet wurden, flossen Freudentränen,
und Heimweh kam auf.
Natürlich hatte das Haus auch ein Krankenzimmer. Bei so vielen
übermütigen Wilden kam es oft zu kleinen Unfällen,
und daneben mussten auch andere Wehwehchen behandelt werden, so
dass das Zimmer nie unbewohnt war. Ich hatte freiwillig die Versorgung
der Kranken übernommen. Zu jeder Malzeit brachte ich auf
einem Tablett das Essen zu den Kranken. Wenn ich dann endlich
selber zum Essen kam, waren die anderen schon fertig. Das machte
mir aber gar nichts aus. Eine Art Belohnung, so sah sie es, bekäme
sie dann irgendwann vielleicht vom lieben Gott einmal dafür.
Die Zeugnisse standen an. Am Kopf der Zeugnisse waren vier Fächer:
Ordnung, Disziplin, Einsatzbereitschaft und Kameradschaft. Das
war in einem Lager sehr wichtig. Die Benotung der Fächer
Einsatzbereitschaft und Kameradschaft erfolgte im Kreise aller.
Es wurde gefragt: "Was glaubt ihr, hat die oder die in dem
oder dem Fach verdient?" Dann galt die Frage meinem Zeugnis,
und die Mädels riefen: "Sehr gut, sehr gut
"
Es ist kaum zu beschreiben, wie glücklich ich war. Ich hatte
das doch alles gerne getan, es hatte mich stolz gemacht, helfen
zu dürfen, und nie hatte ich gedacht, dass dies etwas Besonderes
sei, und dafür auch noch in der Form belohnt zu werden, das
konnte ich kaum verstehen. Aber ich war ganz stolz. So brachte
ich ein Zeugnis nach Hause mit vielen guten Noten. Die beiden
Fächer oben stärkten mein Selbstbewusstsein, das bei
mir kaum vorhanden war
Ein halbes glückliches Jahr war dann beendet. Meine Mutter
hatte inzwischen noch ein Baby bekommen, wieder ein Mädchen.
Und als Schutz vor den Bombenangriffen gab es nicht mehr nur die
Luftschutzkeller, es gab jetzt Luftschutzbunker - hohe eckige
Betonklötze, mit lauter kleinen runden Luftlöchern,
die auch heute noch - so, als wären sie sich ihrer Unüberwindlichkeit
bewusst - ihr Umfeld beherrschen. Viele Menschen konnten dort
Zuflucht finden. Auch in der Unterführung unter dem Bahngelände,
dem so genannten gelben Bogen, hatte man die Stollen, die rechts
und links hinter der Mauer verliefen, zum Schutz vor den Bomben
für die Menschen zugänglich gemacht. Für meine
Familie war die Unterführung am nächsten und sichersten.
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