Luftangriffe auf Duisburg
Nachdem ich ein halbes Jahr in der Kinderlandverschickung im Schwarzwald
gewesen war, gab es gleich in der ersten Nacht meiner Rückkehr
nach Duisburg Sirenengeheul. Such-Scheinwerfer am Himmel, und
schon schoss die Flugabwehr (Flak) vom nahe gelegenen Schlackenberg
ihre Salven in den Himmel - Wumm - Wumm - Wumm ...! Viel zu spät
hatten die Sirenen geheult. Die schwerbeladenen Bomber waren schon
zu hören. Der Versuch, noch die Unterführung zu erreichen,
war riskant. Doch die Menschen rannten. Dann das unheimliche Singen
einer Bombe
auf den Boden werfen
Detonation abwarten
aufstehen
weiter laufen, und wieder das Singen,
und wieder hinwerfen
Detonation abwarten und weiter laufen
Erschütternde Schreie eines Nachbarkindes, das sich
nicht auf die Erde geworfen hatte, als in der Luft der hohe singende
Ton der herabsausenden Bombe zu hören war. Es hatte sich
von der Hand seiner Mutter losgerissen und lief schreiend weiter,
bis es von einem Bombensplitter tödlich getroffen wurde.
In der Angst achtete kaum jemand darauf, jeder rannte um sein
Leben, bis der schützende Stollen unter der Eisenbahnbrücke
erreicht war.
Wie oft hockte ich mit meinen zwei kleinen Geschwistern weinend
und mit blutenden Knien auf dem Boden des engen Stollens, alle
drei die Gesichter in den Schoß unserer Mutter gedrückt.
Bei jedem Pfeifen in der Luft drückte die schützende
Hand der Mutter die Köpfe ihrer Kinder fester an sich. Wegen
des Druckausgleichs in den Ohren sollte man bei den Detonationen
den Mund geöffnet halten, Mutter sagte es immer wieder. Der
Speichel von uns Kindern rann auf Mutters Rock und vermischte
sich mit unseren Tränen. ...Nach Ostern 1943 ging wieder
ein Transport in die Kinderlandverschickung, dieses mal in die
Tschechei, und ich fuhr mit. Eine schlimme Fahrt - drei Tage und
zwei Nächte, dritter Klasse auf Holzbänken. Am Tage
wurde der Zug oft von Tieffliegern beschossen. Dann mussten alle
unter den Zug kriechen. In Prag angekommen wurden wir in Gruppen
aufgeteilt und in verschiedene Lager nach Podiebrad geschickt.
Ich kam ins Haus Jelena. Wusste schon über das Lagerleben
Bescheid und konnte mich gut einordnen.
![[Kinderlandverschickung in Podiebrad, 1943]](../../../objekte/pict/ruhoefer_005/200x.jpg)
![[Kinderlandverschickung in Podiebrad, 1943]](../../../objekte/pict/ruhoefer_007/200x.jpg)
Podiebrad war ein kleiner Kurort, gleich an der Elbe gelegen,
und hatte einen wunderschönen Kurgarten. Ich erinnert mich,
dass in einer großen Wandelhalle das gesamte Großlager
(das heißt: alle Kinder, die sich im Rahmen der Kinderlandverschickung
in Podiebrad befanden) das Weihnachtfest feierte. Es war schon
beeindruckend: der riesengroße Tannenbaum, die langen geschmückten
Tischreihen und die Weihnachtslieder, gesungen von einem Chor
von mehreren hundert Stimmen. Ein Eindruck, der sich mir eingeprägt
hat. Ein ganzes Jahr verbrachte ich in Podiebrad, und dort wurde
ich auch aus der Schule entlassen.
Zweimal hatte Mutter mich in der Zeit besucht, die Strapazen der
langen Fahrt auf sich genommen, aber dieser Besuch galt nicht
nur mir sondern auch einer Freundin meiner Mutter. Diese lebte
mit Mann und Tochter (die beide der Duisburger Oper angehörten,
der Mann dem technischen Personal, die Tochter dem Ballett) in
Prag, nachdem das Duisburger Opernhaus durch Bomben zerstört
worden und die gesamte Oper nach Prag umgezogen war. Für
diesen Besuch durfte ich das Lager verlassen und mit Mutter ins
50 Kilometer entfernte Prag fahren.
Kurz nach Ostern 1944 kam ich nach Duisburg zurück, und gleich
erlebte ich einen heftigen Angriff. Den Gang zum Tunnel konnte
man nicht mehr wagen, weil die Sirene erst zu heulen angefangen
hatte, als die Bomben schon fielen. Herausgerissen aus einem festen
Schlaf und einem Traum von züngelnden Flammen, die unser
Zuhause verwüsteten, fing ich an zu schreien. Mutter konnte
mich nicht beruhigen, zerrte mich schließlich aus dem Bett
und dann hinter sich her in den Keller. Nach der Detonation einer
Bombe, dicht in der Nähe unseres Hauses, ging das Licht aus.
Da ertönte plötzlich eine Stimme: "Mutter, Mutter
hilf mir!" Und eine andere Stimme: "Wir brauchen Licht!
Wo sind die Kerzen?" Dann das Aufflackern eines Streichholzes
- der matte Schein einer Kerze verbreitete sich, der gespenstisch
die Schatten der zusammengekauerten Körper an die Wand warf.
Wie verlassen hatte ich mich mit den zwei Kleinen im Arm ohne
den Schutz der Mutter gefühlt, die damit beschäftigt
war, eine Decke von Wand zu Wand zu spannen, hinter der dann ungewohnt
energisch ihre Stimme zu hören war: "Pressen! Pressen!"
Dazwischen das Stöhnen einer Frau, und immer wieder: "Pressen!
Danach ihr Ausruf: "Eine Junge! Es ist ein Junge!"
Draußen gaben die Sirenen Entwarnung, und in den Heulton
hinein schrie das kleine Menschlein sein Recht auf Leben hinaus.
Über Schutt und Geröll ging der Weg nach oben. Das Nachbarhaus
war völlig zerstört. Still und gespenstisch ragten Eisenträger
in den Himmel. Gardinen flatterten wie weiße Fahnen im Wind.
In diesem Haus hatte niemand überlebt. Doch nur einen Steinwurf
weiter war, wie ein Grashalm in verbrannter Erde, ein neues Leben
entstanden ...
Für mich begann das Pflichtjahr, die erste Stufe zum Erwachsenwerden.
Dabei hatte ich noch Glück: Statt in einer Fabrik arbeiten
zu müssen, wurde ich als Helferin in einem von Nonnen geleiteten
Kindergarten eingesetzt. Die Aufgabe und die Verantwortung für
die Kleinen erfüllten mich mit Stolz. Die Schwestern schätzten
meinen Arbeitseifer. So hätte ich einen leichten Start gehabt,
wären da nicht die Bombenangriffe gewesen. Drei Angriffe
in knapp vierundzwanzig Stunden. Schon morgens ging es los. In
der Luft das Brummen der Flugzeuge, das Pfeifen der Bomben, die
Einschläge ringsherum, das laute Beten der Nonnen, lauter
und flehender nach jedem Einschlag. Die schreienden Kinder, die
an mir hingen - an mir, der Fünfzehnjährigen, der selbst
vor Angst zum Schreien zumute war. Aber ich versuchte, die Kinder
zu trösten, während die Nonnen auf den Knien Gott um
Schutz und Hilfe baten. Jede Detonation ließ das Haus erzittern.
Putz fiel von Decken und Wänden, Staub machte die Luft zum
Ersticken dick, und die schwarzen Hauben und Gewänder der
Nonnen grau.
Irgendwann gaben die Sirenen Entwarnung. In Panik rannte ich nach
Hause. Auf dem großen Platz vor dem Kindergarten lagen viele
Bombentrichter dicht nebeneinander, durch die ich laufen musste,
weiter durch Straßen voller Schutt, vorbei an zerstörten
und brennenden Häusern. Auch mein Zuhause hatte gebrannt,
doch das Feuer konnte von den Nachbarn gelöscht werden. Am
nächsten Tag war der Platz vor dem Kindergarten weiträumig
abgesperrt - Blindgänger mussten entschärft werden
Bei diesen drei Angriffen im Oktober 1944 verlor meine Familie
sieben Verwandte. Sie hatten auf ihrem Hof einen Erdbunker. Bis
auf den Onkel, der außer Haus war, befanden sich acht Familienmitglieder
in diesem Bunker, als eine Bombe ihn traf und sieben Leben auslöschte.
Dich wie ein Wunder wurde das jüngste, ein Baby, vom Luftdruck
der Bombe hinausgeschleudert. Noch eingewickelt in einer Decke
lag es leise wimmernd und fast unversehrt hinter einem Betonbrocken
Die Vorstellungskraft eines Menschen reicht nicht aus, nachzuempfinden,
was im Inneren des Onkels vorgegangen sein muss, als er die Toten
aus dem zerstörten Bunker holte, sie in die Wohnung trug
und nebeneinander auf den Fußboden legte. Meine Mutter wollte
Abschied nehmen von den Toten. Der Friedhof war übersät
mit "Särgen" (längliche Kisten aus einfachen
Holzbrettern). Als sie endlich die erfragte Feldnummer gefunden
hatte, suchte sie nach sieben Särgen, fand aber nur einen
mit sieben Namen. Sie wusste noch nicht, dass bei dem zweiten
Angriff das Haus, in dem die Toten lagen, von einer Brandbombe
getroffen worden und ausgebrannt war. So konnte Onkel dann nur
noch die Überreste seiner Familie in die Sargkiste legen
Das Letzte, was wir über den Onkel erfuhren, war,
dass man ihn in eine Nervenklinik gebracht hatte.
Bei diesen drei Angriffen auf Duisburg warfen die britischen Bomber
in knapp 24 Stunden 9.000 Tonnen Brand- und Minenbomben ab. In
diesem Bombenhagel starben mehr als 2500 Menschen. Das war zuviel
für meinen Vater. Er bestand darauf, dass seine Familie mit
dem nächsten Transport in die Evakuierung nach Biberach fuhr.
Vater brauchte aus gesundheitlichen Gründen nicht an die
Front. Er hatte in seinem früheren Beruf als Artist eine
Menge Knochenbrüche erlitten. So war er denn beim Sicherheits-
und Hilfsdienst' (SHD), musste nach Angriffen Tote und Verwundete
aus den Trümmern bergen und Aufräumungsarbeiten verrichten.
Oft, wenn er nach Hause kam, konnte er nichts essen, denn manchmal
wurden nur Teile von Toten geborgen. Ich erinnere mich, dass er
noch lange Zeit nach dem Krieg kein rohes Fleisch sehen konnte.
Weitere Beiträge von Edith Ruhöfer:
|