Kriegsende 1945 in Ravensburg
Bei drei schweren Luftangriffen auf Duisburg im Oktober 1944 starben
mehr als 2500 Menschen. Das war zuviel für meinen Vater.
Er bestand darauf, dass seine Familie mit dem nächsten Transport
in die Evakuierung nach Biberach fuhr. Vater ließ nicht
locker und so machten Mutter, ich, die ältere Schwester
und die beiden Kleinen sich auf den Weg nach Biberach. Am Tage
war es immer gefährlich mit dem Zug zu fahren, wegen der
Tiefflieger, die überraschend aus den Wolken geschossen kamen
mit einem unheimlich heulenden Ton, doch dieses Mal blieben sie
aus. So kamen wir wohlbehalten in Biberach an, wo uns eine Wohnung
zugeteilt wurde.
Erst ein paar Tage wohnten wir dort, als es an der Tür klingelte.
Mutter öffnete. "Von ihrem Sohn", sagte eine Männerstimme.
"Lebt er?, fragte die Mutter, während sie gebannt
auf einen weißen Zettel blickte. Der junge Soldat hatte
genickt und verlegen mit dem Zeigefinger an den Rand seines Käppis
getippt, bevor er sichtlich gerührt über die Freude,
die seine Botschaft bereitet hatte, verschwand.
"Er lebt! Er lebt!", rief Mutter immer wieder. "Er
ist nur verwundet und liegt in einem Lazarett in Ravensburg -
in Ravensburg - gar nicht weit von hier lebt Günter!"
Dabei weinte sie. Bruder Günter war mit achtzehn zur Waffen
SS gegangen. Schon lange waren Briefe an ihn ohne Antwort geblieben.
Aber Mutter hatte ihm unentwegt alles berichtet, so auch von der
Evakuierung. Zwar war schon hinter vorgehaltener Hand davon gesprochen
worden, dass der Krieg bald zu Ende wäre, aber keiner wusste
was Genaueres. Da klopfte doch eines Tages tatsächlich dieser
junge Soldat an die Tür unseres neuen Zuhauses, und überreichte
einen Zettel - ein Wunder!
Nichts auf der Welt hätte Mutter davon abhalten können,
ihn dort zu suchen, auch nicht das Näherrücken der Front,
die schon zu hören war. Hals über Kopf wurden die Rucksäcke
gepackt, und große, kleine und noch kleinere Füße
machten sich auf den langen Weg zu Fuß von Biberach nach
Ravensburg, darauf vertrauend, gelegentlich von einem Fahrzeug
mitgenommen zu werden. Und so war es dann auch. Ein Bauer hatte
Erbarmen und nahm uns auf seinem Pferdefuhrwerk mit. Doch plötzlich
stürzte ein Tiefflieger aus den Wolken. "Runter vom
Wagen!", rief der Bauer. Die in Panik geratenen Pferde bäumten
sich auf und stoben los, noch bevor alle vom Wagen gesprungen
waren. Durch den plötzlichen Ruck fielen wir auf den Weg.
Mutter hatte Mühe, die Kleinen in ein Kornfeld zu ziehen.
Kugeln peitschten den Sand auf. Der schwarze Vogel kam zurück,
stürzte sich aufheulend auf die am Boden liegenden und verschwand
wieder. Dann war es still, beklemmend still ...
"Die schießen auf alles, was sich bewegt", rief
der Bauer. "Gehen Sie zu dem Hof dort drüben und warten
Sie, bis es dunkel ist." Die Bäuerin hatte den Angriff
beobachtet und ließ uns ins Haus. Als es dunkel geworden
war, ging es weiter in Richtung Ravensburg. Das Grollen der Front
im Rücken, ein glutroter Himmel über dem angestrebten
Ziel ließ glauben, auf dem Weg in die Hölle zu sein.
Auf der dunklen Landstraße lag ein erschossenes Pferd in
seinem getrockneten Blut. Das Weiß seiner Augen leuchtete
gespenstisch in der Dunkelheit. Die Kleinen schrien vor Angst.
Ihre Schreie zerrissen die Stille in einer Feuerpause. Ein Trupp
Soldaten mit Panzerfäusten auf den Schultern tauchte aus
dem Dunkel auf - lautlos. Ihre Stiefel waren mit Lappen umwickelt.
"Sie sind hier in Frontnähe, verhalten Sie sich ruhig!"
Leise, aber bestimmt war die Aufforderung. Dann hatte die Nacht
den Trupp verschluckt. Die Kleinen hingen an der Mutter und an
der Schwester. Einsamkeit herrschte wieder. Klein wie eine Ameise
und schutzlos fühlte ich mich . Sogar der Schutz meiner Mutter
hatte an Bedeutung verloren vor der unendlichen Weite der Landstraße
unter dem blutroten Himmel ... Dieses Gefühl, bei Nacht auf
einer Landstraße, kein Haus, kein Leben nur Felder und Himmel
- und diese Angst. Es lässt sich nicht beschreiben. Ich fühlte
mich so winzig klein, allein in dieser großen, weiten, gefährlichen
Welt.
Vielleicht hatte Mutter auch diese Angst gespürt und ein
Gebet zum Himmel geschickt, denn irgendwann tauchte aus der Dunkelheit
ein Lastwagen auf, dessen Fahrer sie alle mitnahm. Es war ein
Verwundetentransporter auf dem Weg zu einem Lazarett in die Stadt
unter dem roten Himmel. Der Lastwagen fuhr ohne Licht. Niemand
sprach ein Wort. Nur das leise Summen der Motoren und das verhaltene
Stöhnen der Verwundeten waren zu hören.
Es war schon hell geworden, als Ravensburg zu sehen war. Vor der
Stadt brannten die Munitionsdepots. In einem Auffanglager, einer
großen Halle mit ein paar hundert dreistöckigen Betten,
belegt von Männern, Frauen und Kindern, fanden wir Unterkunft.
In dem Chaos der Stadt, zwischen den vielen Verwundeten fanden
wir auch Bruder Günter.
In den nächsten Tagen war die Artillerie nur noch selten
zu hören. Ravensburg wurde kampflos übergeben. Jubelnd
empfingen die Menschen die französischen Befreier, bewarfen
sie mit Blumen. Wie ausgelassene Kinder gebärdeten sich auch
die Soldaten, sprangen von ihren Panzern, umarmten Leute, die
ihnen Blumen an die Stahlhelme steckten. Es gab keinen Unterschied
zwischen Gewinnern und Verlierern. Es gab nur überglückliche
Menschen ...
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