Meine Kindheit verlebte ich in Kreuzau bei Düren. Wir Kinder
merkten dort nichts von dem, was in der Politik und hinter den
Kulissen geschah. Vor 1933 habe ich in Kreuzau von den Nationalsozialisten
oder anderen Parteien wenig gemerkt. Bei Opa gegenüber, im
Saal von Vieht, war schon mal eine Versammlung. Es ging doch alles
sehr ruhig zu. Nachts wurde dem Schmitz im Dröhl auch schon
mal die heraushängende Hakenkreuzfahne abgebrannt. Das war
es auch schon. Viele meinten, die schaffen wenigstens Arbeit und
waren einverstanden. Die Nazis waren auch nicht mit dem "Schandvertrag
von Versailles" behaftet.
Ich glaube, Vater hatte immer Sozialdemokraten oder Zentrum gewählt.
Und Mutter wählte was Vater meinte. Die Leute im nahen Mariaweiler,
wo wir vorher wohnten, wählten alle Zentrum. Der Pastor brachte
von der Kanzel seine Schäfchen auf den richtigen Weg. In
Kreuzau war es ähnlich. Der Mariaweiler Pfarrer wetterte
mehr oder wurde nicht vorgewarnt. Er wurde dafür später
mehrmals verhaftet bis er Ruhe gab.
Reichspräsident Hindenburg war nur in der Vorstellung noch
eine Autorität. In Wirklichkeit war er Spielball, ein dem
Grabe entgegen schwankender, geistesgetrübter, einsamer Mann.
Ich erinnere mich an den Tag noch genau, als 1934 der Reichspräsident
Hindenburg starb. Die Glocken läuteten. "Jetzt wird
es schlechter", sagten einige. Die katholische Jugend, (Jungschar,
Sturmschar), und die sonstigen Bündischen Verbände wurden
aufgelöst. Eine Übernahme in die Hitlerjugend klappte
nur teilweise beim Turnerbund. Die Verbände wehrten sich.
Ich war auch bald im Jungvolk, das waren die jungen Pimpfe in
der Hitlerjugend. Es machte ja viel Spaß im Zeltlager in
Zerrkall oder in Nideggen, wenn wir abends am Lagerfeuer saßen,
Lieder sangen und "Armen-Ritter"-Braten (Brot geröstet
und Zucker bestreut) aßen. Ich sollte Messdiener werden.
Der Dechant sagte nichts. Aber es war klar, ich hätte nicht
im Jungvolk sein dürfen. Es hat nur noch dazu gereicht, dass
ich Dienstags und Freitags in der Schul-Messe vorbetete.
Der Fleisch-Jütt (Fleisch-Jude) kam seltener. Auf einmal
kam er überhaupt nicht mehr. Beim Tietz in Düren stand
SA mit einem Schild vor der Tür: "Deutsche wehrt euch
!" "Deutsche kaufen nicht beim Juden". Ob Jüdde-Erich
(Juden-Erich) noch in Mariaweiler Stoff verkauft ? "Dä
hann se avgehollt", hörte ich später. "Am
beste me hält de Mul".(
hält den Mund) -
Man duckte sich ! Nur meine Oma nicht! Sie hing oft an Stelle
der Hakenkreuz-Fahne, die Kirchen-Fahnen "gelb / weiß"
und "rot / weiß" heraus.
Onkel Scheng in Mariaweiler hatte als Polizist durch die SA (ungewollte)
Verstärkung erhalten. Es war eine Gratwanderung für
ihn. Dann passierte es eines nachts: Ein Kommunist hatte ihm ein
Messer in den Unterleib gestoßen. Bei Onkel Scheng wandelte
sich die politische Einstellung.
Wir anderen gingen zur Kirche und beteten für Führer,
Volk und Vaterland,
.. bis Kriegsende. "Endlich ist
einer an der Regierung, der es denen zeigt, die uns durch Versailles
ausgepresst haben und die an allem Elend schuld sind." Das
Rheinland ist ja immer noch millitärfreie Zone. Die Franzosen
bestimmen immer noch über uns. So wurde geredet. Es war alles
überzeugend. Der Alltag ging weiter. Ich war fleißig
in der Schule. Die Zensuren waren gut. Der Unterricht war vormittags
und teilweise nachmittags. Anschließend konnte man so schön
in der Dürener Straße spielen. In der Nachbarschaft
waren genügend Jungen. Neben uns wohnten anfänglich
Mäusers. Evangelisch!!! Alles andere war katholisch! Mit
den Jungen durfte ich selbstverständlich nicht oder nur höchst
ungern spielen. "Evangelisch" und "Hölle",
das war ungefähr das gleiche. Ich kann bestätigen, denn
ich habe oft gefühlt, es wuchsen ihnen keine Hörner.
Wir waren immer eine ganze Horde.
Meistens waren wir am gegenüber liegenden Viadukt. Dort überquerte
die Straßenbahn Kreuzau-Düren, die Bahnstrecke. An
der Böschung wurden Löcher gegraben und Feuerchen gestocht
und die Straßenbahn oft eingenebelt. Auf den Schienen ließen
wir die Schottersteine zu Mehl zermahlen. Dabei hätten sehr
gefährliche Situationen entstehen können. Schöner
ließ sich in Heinens-Scheune nach dem Dreschen spielen.
Von 4 Meter Höhe sprangen wir in den 'Kaaf' (Häcksel)
Wenn wir Hunger hatten, 'ernteten' wir paar Rübchen aus dem
nebenliegenden Feld. Wenn der Stier auf der eingezäunten
Wiese war, zeigten wir nur 'begrenzten' Mut. Einfacher war es
die Kühe allein über die Wiese zu jagen. Im Wald haben
wir schon mal versucht ein Eichhörnchen mit der Mütze
zu fangen. Das machte keinen großen Spaß, denn die
waren oft sehr verlaust.
Wir suchten bei Birkenbäumen die Wurzel ab. Einmal haben
wir die Fläschchen der Niederauer oder Windener gefunden.
Die Wurzel der Birke wurde in Stammnähe abgeschnitten, angespitzt
und ein Fläschchen angesteckt um Birkenwasser zu sammeln.
Beim Friseur gab es dafür 5 Pfennig bis max. 1 Groschen.
Denen haben wir dann etwas in die Fläschchen rein gemacht
(ob die Haare danach besser gewachsen sind, weiß ich nicht.)
Wo gute Äpfel zu "ernten" waren wussten wir. Die
besten (wenn sie auch sauer waren) sind im Pfarrgarten. Unser
Problem war nur, wie beichten wir es. Der Dechant war gutmütiger
als der Kaplan. Eine Unsitte war, ausgeblasene Vogeleier aufgereiht
als Wandschmuck über dem Sofa aufzuhängen. Calmuth's
Tünn hatte im guten Wohnzimmer eine lange Kette mit allen
Sorten Vogeleier, große, kleine, gesprenkelte, unifarbene,
seltene. Natürlich wollten wir so etwas auch haben. Unser
Lehrer Kramwinkel hat uns verprügelt und wir ließen
die Vögel in Ruhe. Zum Baden waren wir meist am Wehr. Oberhalb
waren einige tiefe Stellen. Da wir noch nicht schwimmen konnten
hieß es aufpassen. Natürlich wurden auch Fische gefangen.
Weißlinge, Stichlinge, 'Geiß' (ein kleiner Fisch mit
ziegenbart-ähnlichen Fühlern), und wenn wir Glück
hatten, fingen wir auch schon mal einen Aal. Die Rur war noch
einigermaßen sauber. Aber die Papierfabriken gaben einige
Abwässer mit Schaumflocken hinein.
Die Badeanstalt gab es schon und hatte gereinigtes Wasser. Aber
das Eintrittsgeld wollten wir sparen. Aus Borke wurde mit dem
Taschenmesser ein Schiff geschnitzt und im Flutgraben an der Schulstraße
schwimmen gelassen. Der Nachhause-Weg von der Schule dauerte dann
länger. Meist war Machereis Berti dabei. Mit den Machereis
Jungen war ich viel unterwegs. Manchmal waren wir auch auf dem
französischen Schießplatz hinter Drove / Stockheim
um Munition oder Reste zu suchen. Ein kleiner Zünder hat
Konrad einen Finger gekostet.
Mittags nach Schulschluss kam an manchen Tagen um diese Uhrzeit
der Milchwagen aus dem Grenzbereich vorbei, ein kleiner vierrädriger
Wagen mit Plane und ca. 12 bis 15 Kannen beladen. "Der setzt
im Sommer eine Kröte in die Milch, damit sie nicht säuert.
So hatten wir gehört. Er jagte immer durch die Schulstraße
um uns beim Aufspringen zu hindern. Als wir unbeobachtet auf der
Karre waren, haben wir alle Kannen untersucht. Der Milchmann schmuggelte
mit belgischen Zigaretten! Eine Kanne war mit 50-er Packungen
gefüllt. Er fuhr in den frühen Morgenstunden im Grenzgebiet
und hat so sein Geschäft durch schmuggeln lohnender gemacht.
Natürlich haben wir eine Packung mitgenommen um später
die erste Zigarette (mit zugebundenen Hosen) zu probieren.
Wir spielten immer draußen. Im Grunde waren wir alle liebe
und folgsame Kinder. Spielsachen hatten wir nicht. So etwas war
Luxus. Ich hatte mein kleines Fahrrädchen noch von Mariaweiler.
Wenn ein anderer mal 5 Minuten fahren wollte, dann kostete das
10 'Welsche' (Murmel, Knicker).
So verlebte ich meine Kindheit in Mariaweiler und Kreuzau. Ich
hatte eine schöne Jugend, auch in Berlin, wohin ich mit meinen
Eltern 1935 gezogen bin.