Am 10. November fuhr ich mit dem Fahrrad zur Berufsschule Berlin-Gesundbrunnen.
Viele Schaufenster waren zerschlagen. Die Geschäfte waren
geplündert. Die Scherben lagen weit bis in die Straße
hinein. Ich musste absteigen und das Rad mit der Hand führen.
"Juden raus !" "Juda verrecke !" "Hier
mauschelt eine Juden-Sau." "Die Juden sind unser Unglück."
So stand in großen Schriften zu lesen. Braune Gestalten
grölten es durch die Straßen. Noch mehr Geschäfte
waren in der Badstraße kaputt, einem bevorzugten jüdischen
Geschäftsbereich.
Als ich nach Schulschluss mittags den Rückweg fuhr, waren
die Scherben schon weitgehend von der Straße entfernt. Die
Läden wurden mit Brettern zugenagelt. Die Juden hatten aufgehört
in der Öffentlichkeit zu existieren. "Die Juden leben
nur vom schachern. Sie sind faul und arbeitsscheu. Es sind Parasiten."
Es war der 15. Jahrestag des misslungenen Marsches und Putsches
der Nazis an der Feldherrnhalle in München 1923. "Rache
dafür!" "Die Juden sind an allem schuld !"
Alle Synagogen waren in Flammen aufgegangen. Die Schadensbilanz
lag grob bei ca. 25 Millionen Reichsmark. Die gemeldeten Forderungen
hätten die Versicherungen in den Ruin getrieben. Der Glas-Ersatz
wäre nicht zu beschaffen gewesen. Der Vierjahresplan zeigte
schon genügend Schwierigkeit. Den Juden wurde per Gesetz
verboten, sich weiter am Geschäftsleben zu beteiligen. Der
verbleibenden Judenschaft wurden die Schäden am Volksgut
in der 'Reichs-Kristallnacht' angelastet. Als Schuldanteil wurde
ihnen eine Buße von einer Milliarde Mark auferlegt. Wie
sollten sie das schaffen?
Viele hatten vordem schon das Land verlassen. Die abscheulichste
Judenjagd hatte begonnen.
Der Aufenthalt in öffentlichen Gebäuden wurde ihnen
verboten. "Juden ist der Zutritt verboten !" "Nur
für Arier !" Kleine Hitler-Jungen beschimpften sie mit
"Judensau", wenn sie auf der Straße nicht aus
dem Weg gingen. Viele Lieder der Hitlerjugend hatten "Judentod"
und "Judenblut" als Inhalt. Der "Stürmer",
die Hetzzeitung tobte sich gegen Juden aus. Der Vatikan und die
übrige Welt verhielt sich still. Mir fällt "Eppi"
ein. Er war ein Bibelforscher, der mit langer Haarmähne,
mit selbst gefertigten "Jesuslatschen", die Bibel in
der Hand, schnellen Schrittes über die Scharnweber-Straße
lief. Als Kinder haben wir Eppi heimlich beobachtet, wenn er allein
in der Natur predigte. Eppi war plötzlich weg.
Zwischen dem Lager Oranienburg (bei Berlin) und dem S-Bahnhof
Eichbornstraße wurden die Juden unter Bewachung in Kolonnen
transportiert. Sie arbeiteten in den Großfirmen. Drei Jahre
später wurde der Judenstern zur Kenntlichmachung eingeführt.
Gut erkennbar leuchtete 'Jude' in schwarzer Schrift auf dem gelben
Stern. Ich vergesse nicht, wie beim Vorbeigehen mich angstvoll
ein Mädchen mit Judenstern angesehen hat. Ob sie Hunger hatte?
Diese Kolonnen habe ich in den nachfolgenden Jahren immer wiedergesehen.
Nur die Kennzeichnung sah anders aus, Polen und Russen.
Alles wurde uns nicht gesagt. Vor allem nicht, was mit diesen
Menschen passierte. Wir hätten wahrscheinlich damals die
heutige Wahrheit, nicht geglaubt oder nicht wahr haben wollen.
Wir wussten nicht, dass sie durch Hunger umkamen, durch Arbeit
gepeinigt, durch medizinische Experimente und durch Folter zu
Tode gequält wurden. Wir glaubten, dass sie zur Arbeit erzogen
werden, durch Schulung auf den richtigen Weg gebracht, zu guten
Deutschen gemacht werden.