Nach meiner Ausbildung bei der Kriegsmarine auf Norderney kam ich am 20. Juli 1944 in Gotenhafen / Gdingen zur Ausbildung
in der 2. U-Boots-Lehr-Division auf der Wilhelm Gustloff an. Da
standen wir vor dem Schiff, dass nun ein ¼ Jahr unser zuhause
sein wird. Wir ahnten noch nicht, dass es dieses Schiff in einem
halben Jahr nicht mehr geben würde.
Unsere Ausbilder waren junge Offiziere, die bereits einen oder
mehrere U-Boots-Einsätze in der Vorzeit gefahren sind. Sie
waren verhaltensmäßig in Ordnung und zugänglich.
In der Regel herrscht in einem Schul- und Ausbildungs-Betrieb
etwas mehr der Kasernen-Umgang. Es blieb mir nicht verborgen,
sie sind gegen Hitler eingestellt. Zumindest waren sie nicht für
ihn. Ich nahm gelegentlich Worte auf, die es erkennen ließen.
Es waren nicht nur politische Witze, die man halblaut erzählte.
Ehemalige HJ-Führer hatten es nicht leicht und bekamen es
zu spüren. Einer von denen arrangierte das Geburtstags-Geschenk
für den Ausbilder: eine bronzefarbene Führerkopf-Büste
aus Gips. Zufällig sah ich, wie sie nachfolgend durch ein
Bullauge, das zu öffnen war, mit den entsprechenden Worten
versenkt wurde. Danach hatten die "Fähnleinführer"
ganz ´verschis...`. In Gotenhafen und Pillau saßen
einige Offiziere und Marinesoldaten im Gefängnis. Sie wurden
beschuldigt, am "Hitlerputsch" beteiligt gewesen zu
sein. Wir verstanden es noch nicht und reagierten zurückhaltend.
Auf "Teng"-Wache (Knast) hatte ich mit einigen nur kurze
Verbindung. Es war immer eine Aufsicht oder Kontrolle in der Nähe.
Die Inhaftierten waren doch ganz normal in ihrer Verhaltensweise.
Ein Ober-Gefreiter mit U-Boots-Abzeichen war dabei. Ich hatte
auch den Eindruck, dass nicht jeder diesen Wach-Bereich erhielt.
Warum ich? Waren die vordem gesprochenen Worte ein Test? Hielt
die Marine, soweit möglich, etwas deckend die Hand darüber?
Der Marine wurde ja immer noch das revolutionäre Verhalten
zum Ende des Ersten Weltkrieges nachgetragen. Erst später
kamen bei mir solche Gedanken auf. Ich denke auch an die Situation
und das widerstrebende Verhalten der Marine im Mai 1945 in Neustadt.
Die Ausbildung auf der "Wilhelm Gustloff" bestand aus:
a.) Verfestigungen von Gelerntem der Vorzeit,
z.B. morsen, blinken, signalisieren. seemännische Tätigkeiten,
Kutter pullen, u. s. w.
b.) Übungen auf Simultan- Anlagen, (Zentrale, Tauchtopf)
c.) praktischer Umgang in der Ostsee mit U-Boot und Torpedo.
d.) Fähnrich-Vorlehrgang auf der "Cap Arcona" mit
Themen zu
Stellung und Verhalten eines Offiziers. Aufgabe, Pflicht, Kompetenz.
Die weitere Ausbildung bei der 1. U-Boots-Lehr-Division auf der
"Robert Ley" in Pillau war ähnlich, jedoch nicht
so umfangreich und intensiv. Wir waren eigentlich fertig ausgebildet
für den U-Boot-Einsatz. Die 'Wilhelm Gustloff' war besser
gepflegt als die "Robert Ley". Vielleicht ist es eine
nichtberechtigte, subjektive Meinung. Auf der "Wilhelm Gustloff"
war ich auf dem besseren, oberen Promenadendeck und hier auf der
"Robert Ley" landseitig im A-Deck untergebracht. Auf
den Schiffen waren unsere Wohn- und Ess- Räume. Hier machten
wir Schulungen und Trocken-Übungen. Für unsere Praxis
waren drei U-Boote da.
An einen August-Morgen 1944 in der Ostsee, Danziger Bucht, kamen
wir zum ersten Mal auf das Boot. Die Zeiten vorher hatten wir
im "Marine-Verfahren" unsere Lektionen eingepaukt bekommen
und auch gelernt. An der Simultan-Anlage war geprobt worden bis
alles wie im Schlaf und ohne Nachdenken ging. Ich war bevorzugt
am Höhen-/Tiefenruder eingesetzt. Warum? Ich weiß es
nicht. Vielleicht Zufall oder technische Berufs-Auswahl durch
den LI (Leitenden Ingenieur). Meine vielseitige Ausbildung der
letzten 2 Jahre erlaubte den Einsatz an vielen Stellen des Bootes.
Warum hat die Marine nur Leute über 1,75 Meter Größe
genommen? Mit meinen 1,80 m habe ich mir viele blaue Flecke eingehandelt.
Die Besatzung rutschte die Leiter herunter und war in sehenswerter
Sekundenschnelle auf Station. Ich saß auf einem Tellersitz
rechts am achternen Höhenruder. Links neben mir das "vordere
Höhenruder". Hinter uns stand der LI (Leitender Ingenieur).
An Deck wurde abgelegt. Wir fuhren über Wasser aus dem Hafen.
"Alarm! Einsteigen! Auf Gefechts-Station! Tauchen!"
Der Deckel klappte zu. Die Diesel-Maschine schaltete ab und wurde
abgekoppelt. Die Zu- und Abluftventile wurden geschlossen, die
Treibstoff- Zufuhr unterbrochen. Die batterie-getriebene E-Maschine
startete und wurde auf die Antriebswelle geschaltet. Über
Lautsprecher kamen von den verschiedenen Stationen die Bereitschafts-Meldungen.
Der LI hatte den "Christbaum" im Visier, d.h. das Tableau
mit den vielen Signallampen. Bei Grün, waren alle Öffnungen
zu. Bei den nachfolgenden Befehlen wurden von vorn nach achtern
die Flutklappen der Tauchzellen geöffnet.
Mit unseren U-Booten durchfuhren wir die Danziger Bucht. Die hatte
in 2-5 km Küsten-Entfernung Tiefen von 70 bis 90 Meter. Diese
Tiefen nehmen eine Breite von ca.20 km ein. Vor Gotenhafen und
Pillau lagen diese Tiefen in ca. 10 km Küsten-Entfernung.
Zentral ging es in den Keller bis ca. 120 m Tiefe. Die Danziger
Bucht war also ein ideales Ausbildungsgebiet für Tauchübungen
mit dem Boot.
Der U-Boots-Betrieb ging im Herbst 1944 vorerst weiter, als wenn
nichts wäre, doch der Russe kam näher. Nach Weihnachten
verstärkten sich die Flüchtlingstrecks in Pillau. Plötzlich
war unsere U-Boots-Betrieb zu Ende. Unerwartet wurden wir am 10.
Januar 1945 ausgeschifft. Die feldgraue Uniform der Marine-Artillerie
wurde angezogen. Die Seesäcke wurden gestopft und in einem
Lagerschuppen deponiert. Es sollte nur eine kurzzeitige Angelegenheit
sein: Wir helfen bei der Einschiffung der Flüchtlinge.