Ich machte 1944 meine U-Boot-Ausbildung in Pillau. Unerwartet
wurden wir am 10. Januar 1945 ausgeschifft, wir sollten bei der
Einschiffung der Flüchtlinge helfen. In Pillau war die Pier
verstopft, es bewegte sich nicht mehr viel. Verlassene Wagen und
Gespanne versperrten die Wege. Flüchtlinge mit weniger Gepäck
lassen sich besser durchschleusen. Wir versuchten zu ordnen -
schwierig - es blieb nur ein Versuch. Es war ein Chaos, - ein
ungeordnetes Gewimmel von Menschen, Pferden, sonstigem Getier,
Wagen, Flüchtlingsgut, Kisten und Kasten. Es war ein heilloses,
nicht-übersehbares Durcheinander. Wie viele Flüchtlinge
und Verwundete auf der "Robert Ley" werden es gewesen
sein? Ich schätze ungefähr 4-fache Belegung, ca. 6.000
Menschen. Der größte Teil der Ausbildungs-Offiziere
blieb an Bord. Später erfahre ich, am 23. Januar 1945 verließen
sie Pillau. Konvoi-Zusammenstellung in Gotenhafen. Sie sind durchgekommen.
Die "Wilhelm Gustloff" handelte eigenmächtig und
wenig gesichert, langsamer Alleinfahrer, am 30. Januar 1945 vor
Stolpmünde torpediert.
Wir waren feldmarschmäßig ausgerüstet. Bei den
Waffen handelte es sich vornehmlich um französische oder
holländische Beutestücke, d.h. 30 Jahre alte Technik.
Gegen die Kälte schützte nur der feldgraue Mantel. -
Nachts schliefen wir in unseren Zeltbahnen. Wir waren in einer
alten Zitadelle vorübergehend einquartiert. Gott sei Dank:
"vorübergehend", denn eine Woche später flog
sie in die Luft und mit ihr ein Teil von Pillau. Soldaten setzten
sich ab. Wehe wer ergriffen wurde. Ich sah an zwei Laternen Erhängte
mit einem Plakat über Feigheit. Der Gauleiter Koch von Ostpreußen
ließ Jagd veranstalten auf solche, die fern ihrer Truppe
waren.
Mitte Januar 1945 bezogen wir in Fischhausen Stellung am zugefrorenen
Haff. Der Russe sollte auf der anderen Seite in Heiligenbeil sein!?
Schweres Kriegsgerät (Panzer) hielt das Eis nicht aus. Nur
leicht ausgerüstete Infanterie konnte rüber kommen.
Diesem Zustand verdanken wir, dass die schmale Nehrung noch ein
¼ Jahr in unserer Hand den einzigen Fluchtweg offen hielt.
Am 06. April 1945 werde ich als Verwundeter noch hierüber
zum Hafen Pillau transportiert.
Ich war bei einem Erkundungs-Spähtrupp dabei. Auf der anderen
Seite gab es noch ein paar deutsche Brückenköpfe und
Nester. War hinter uns das Samland noch frei? Wie weit war Masuren
besetzt? Ein Brückenkopf soll noch im Kurland bestehen. Was
man uns sagte, war zu wenig oder stimmte nicht. Wer weiß
überhaupt etwas? Überall war der Russe durchgebrochen.
Es gibt wahrscheinlich nur eine Fluchtrichtung: Ostsee!
Ich war 20 ¾ Jahre alt. Ich war einer der Ältesten.
Nachts Bewegung auf dem Eis. Schaukelndes Licht. Russen?! Wir
lassen sie näher kommen. Erste Schüsse fallen. Es ist
ein Flüchtlings-Treck! Es ist (Gott sei Dank) nichts nennenswertes
passiert. Wir hören erste Schreckensmeldungen von der anderen
Seite. Der Treck irrt schon seit Tagen, teilweise zwischen den
Fronten, auf dem Frischen Haff herum. Sie hatten sich bis in die
jenseits des Königsberger Seekanals gelegene Bucht von Fischhausen
verlaufen. Jetzt haben sie es geschafft. Bis zu den rettenden
Schiffen von Pillau sind es nur noch ca. 15 km. Sie müssen
einen Winkel schlagen nach Süden, danach Westen.
Die Straßen sind vereist, schmal, verstopft. Am Rande: Wracks,
Tote, Tier-Kadaver. Wir hacken die in unserer Nähe liegenden,
festgefrorenen Toten vom Eis ab und beerdigen sie nur wenige Zentimeter
tief. Der eisige und harte Boden lässt nicht mehr zu. Ich
muss brechen. Wir haben Durchfall. Ich knabbere Holzkohle vom
offenen Feuer. Herumirrende, halbverhungerte Pferde werden auf
dem Eis erschossen. Unübersehbare Kuh-Herden werden von "Landsern"
geführt. Blöken
.. Es gibt kein Futter
. Ich
fühle mich elend. Überall sterben. Dazwischen letzte
Flüchtlinge mit ihren Trecks.
Wir nehmen Rücksicht. Militär hat normal Vorrang. Wir
bewegen uns im Raum Fischhausen, Metgeten, Serappen, Juditten,
Königsberg. Wir wissen nicht immer genau wo wir sind. Keine
Karten. Die Dörfer sind verlassen. Was ich sehe: ein reiches,
verlassenes Ostpreußen, tote Zivilisten, tote Russen. Ich
habe meine Waffen gewechselt. Wenn wir in Bewegung waren, hatte
ich eine Russische MP mit Trommeln. Im "Loch" ein altes
Flieger-MG 15 mit Trommeln. Die Trommeln sind schwer, aber dicht
gegen Schnee und Schmutz. Beide Waffen sind gut und schossen verdreckt
noch störfrei.
Zwischen Juditten und Königsberg liegen wir in Erdlöchern
dem Russen gegenüber. Unsere Kampfkraft: mäßige
Infanterie-Ausbildung, schlechte Waffen, unzureichende Kleidung,
keine Erfahrung, müde, strapaziert. Wir waren noch die Besten,
im Vergleich zu unseren Nachbarn. Das war Volkssturm und Hitlerjungen,
mit vollkommen unzulänglicher Ausbildung und Bewaffnung.
Die ganze Front schlief. In Gefahr zu sein, war alltäglich.
Ich erhielt einen Schuss durch Mütze und Kragen. Oh !!! Erste
Erfahrungen. Der Russe war da, aber man hörte und sah nichts.
Doch plötzlich machten beide Seiten Jagd auf ein Kaninchen,
dass zwischen den Fronten lief. Es war fast wie eine Verbindung,
wie eine sportliche Disziplin. Durch dieses unüberlegte,
naive Verhalten verrieten wir nur unsere Stellung. Abends gab
es Musik und Propaganda vom Russen. Es war eine Abwechselung,
die teils neugierig, sogar wechselnd dankbar oder mit viel Verärgerung
aufgenommen wurde. "Kommt rüber, hier gibt es Erbsen
mit Speck!" Letzte Gelegenheit der Umklammerung und dem Tod
zu entgehen. Veranstalter war: das Nationalkomitee 'Freies Deutschland'.
Hierzu gehören die Gefangenen: General der Artillerie Walther
von Seydlitz und seine Offiziere, sowie die späteren Machthaber
der Ostzone und DDR: Wilhelm Pick, Walter Ulbricht, u. .s. w.
Ich ordne sie nicht als "Freiheitskämpfer" ein.
Sie gehören nicht in die Anerkennungs-Reihe: "20. Juli
1944 / von Stauffenberg".
Im Schützen-Loch lese ich : 'Im Westen nichts neues' und
'Vom Zarenadler zur roten Fahne'. Beide Bücher waren verboten.
Ich fand sie beim Ortsgruppen-Leiter. Es gibt keine bessere Kulisse
oder Umgebung, diese Bücher zu lesen. Ich hatte hierdurch
Schwierigkeiten bei Vorgesetzten. Anfang April 1945 sind wir 3-4
km hinter der Front in Ruhe. Für den allabendlichen russischen
Aufklärer, der die unmöglichsten Namen hatte - "Nähmaschine,
U.v.D." - haben wir zum 'Sportschießen' Leuchtspur-Munition
im MG. Das wird später mein Verhängnis.
Unser Essen: Fischfang im Teich mit Handgranate oder Gewehr. Eine
Kuh kostete eine Zigarette. Es gab ja genug. Wer schlachtet wie
und womit die Kuh? "Hole das MG". Wir sind zu dritt.
Die Bratpfanne steht nicht still. Unterkunft: ein alter russischer
Unterstand, ca. 2 Monate alt. Zum Jahreswechsel waren die Russen
schon mal hier. Mehrere Baumstamm-Lagen, kreuz und quer, gut versteift.
Nur durch Volltreffer zu knacken. Die Russen verstehen etwas von
Bunkerbau.
4. April 1945 abends. Alarm! - Der Russe ist durchgebrochen. -
Nach vorn! - Lücke schließen. Ich bin unruhig. Hinten
im Kochgeschirr klappert der Löffel. Was ist heute mit mir
los? Schon über 2 Stunden laufen wir im Dunkel. Wo sind wir?
Verlaufen! "Alarm! Germanski!", schreit es neben uns.
Wir sind in einen russischen Panzer-Aufmarsch geraten. Vor uns
ist ein Bach mit einer ca. 3 Meter hohen Böschung. Man kann
nichts sehen. Ich gebe Feuerstöße mit dem MG sehr flach
ins Dunkel hinein. Die Erde spritzt auf. Zu flach. Alles heulende
Querschläger. Gut erkennbar, denn ich hatte ja die Leuchtspur
vom "Nähmaschinenschießen" im Magazin. Ich
denke nur: "Das deprimiert, jetzt haltet die Köpfe unten".
Aber auch vom Russen gut erkennbar. Hinter dem MG ragte mein ganzer
Oberkörper gewinkelt aus der Böschung heraus (Mein Glück
im Unglück). 2. oder 3. Granatwerfer-Schuss vom Russen saß.
Ich bin getroffen. Ich rutsche runter bis zum Bauch ins Wasser.
Die Einschussstellen brennen heiß, das Wasser ist eisig.
Der Spreng-Kegel hatte nur die unteren Körperteile innerhalb
der winkeligen Böschung getroffen. "Mutter .... !"
Ich bin wechselnd ohne Besinnung und wieder voll wach. Der Bach
verläuft schräg zur deutschen Linie. Später werde
ich von hier zurück geholt. Ein 18-jähriger Matrosen-Gefreiter
aus Aachen u. a. war es. Ich hörte eine Woche später,
dass eine Granate ihm am selben Tage beide Beine zerschlug. Auf
der Bahre an der Pier in Pillau riefen es mir Verwundete zu. Wie
hieß er? Reinge? Er war aus der 3. Gruppe, 2. Kompanie.
Ich verdanke ihm mein Leben! Ich hatte aufgegeben!
Meine Verbandspäckchen hatte ich nicht mehr herausgeholt.
Schwere, faustgroße Granatsplitter-Verletzung linker Oberschenkel,
viele kleine Granat-Splitter innenseitig an den Beinen, Streifschuss
linker Oberarm, Stecksplitter rechter Arm. Erster Notverband ca.
2 Stunden später hinter der Front. Am späten Vormittag
des 5. April 1945 werde ich mit 6 bis 8 weiteren Verwundeten auf
einem Pferdekarren zum Haupt-Verbands-Platz transportiert. Nachmittags
Operation. Abends aufwachen. Ringsherum Lärm und Bewegung.
Ich habe nur noch Hemd, Koppel, Pistole. Ich will nichts mehr
von diesem Krieg wissen.
Ich liege in der Nacht auf einer Bahre in einem Hausflur. Wahrscheinlich
störe ich den Durchgang. "Soll der auch raus?"
Ich komme in den Lazarettzug. Die Fahrt von Königsberg nach
Pillau von ca. 40 bis 50 km Bahnlinie, verläuft in großem
Bogen um den nördlichen Teil des Haffs. Ungefähr bei
Seerappen, im mittleren Teil der Strecke, stoppt der Zug mehrmals.
Der Russe ist dicht dabei und beschießt die Strecke. Müssen
wir umkehren ? Der Russe lässt durch! Wir sind "verbrieft"
der letzte Zug. Nach uns kam keiner mehr. 2-3 Stunden später,
am 06. April 1945, 6.oo Uhr beginnt die russische End-Offensive
auf Königsberg und das Samland. Bei Fischhausen haben wir
es geschafft und fahren über die schmale Nehrung die letzten
15 km weiter nach Pillau. Mit der "Albert Jensen" verlasse
ich diesen Ort.
Werner Viehs: Evakuierung über die Ostsee im April
1945