Bei Kämpfen mit der Roten Armee bin ich am 4. April 1945
schwer verwundet worden. In einem Lazarett-Zug komme ich zwei
Tage später im Hafen von Pillau an. Ich stehe noch unter
Einwirkung der Operation und Narkose. Wir, die Verwundeten, liegen
auf Tragbahren an der Pier in Pillau. Ich nehme vieles nur im
Halb-Schlaf wahr. Der Aufenthalt außerhalb des Schiffes
ist nur kurz. Hier ist Frontbereich. Seit einer Woche ist der
Russe gegenüber in Gotenhafen und Danzig. Bis vor wenigen
Tagen konnte der Brückenkopf Oxhöfter Kämpe noch
gehalten werden. Nur von Pillau und jetzt bevorzugt von der Halbinsel
Hela, dem kleinen Fischerort, gehen die Schiffe nach Westen. Der
Russe beharkt uns vom Festland und aus der Luft. Es detoniert
in meiner Nähe. Meist schlafe ich und kriege nicht viel davon
mit.
Unser Einschiffen erfolgte am 8. April auf die "Albert Jensen",
einen Transporter für Schütt- und Frachtgüter.
Die Bunker-Ladefläche ist mit Stroh ausgelegt. Wir liegen
dicht in Reihen nebeneinander. Die Ladeluke ist ca. 6 bis 7 Meter
über uns. Zugang ist über eine seitliche Steg-Treppe
oder lose Leitern. "Das ist ein geschlossener Sarg!"
Einige Sanitäter kümmern sich um uns. Es gibt zeitweilig
auch etwas zu essen. Für das 'kleine Geschäft' habe
ich eine alte Konservendose. Ein Geleitzug soll zusammengestellt
werden. Die Schiffe formieren sich auf Reede. Unser Schiff wird
belegt. Knapp 300-400 Verwundete sind da. Fliegeralarm! Bomben!
Erschütterung! Wir sind getroffen! Wassereinbruch. Leichte
Schlagseite, .... kentern ? Schreie, Schüsse, Selbstmord?
In der ersten halben Stunde herrscht Chaos. Die Leichtverwundeten
sind fluchtartig draußen. Keiner kümmert sich um uns,
die Schwerverwundeten. Die Schräglage des Schiffes ist am
eingelaufenen Wasser erkennbar. Unser Schiff schwimmt ja noch!
Notdurft mach ich neben mich. Ich verstehe es heute besser, (exakt
wörtlich), wenn man die Hosen voll hat. Das passiert auch
Helden! Keine Hilfe. Ich kann wieder beten. "Ich bin im Sarg!"
Die Schräglage nimmt zu. Wasser läuft nach. Ich liege
in der Mitte und krieche zum oberen Rand. In meinem Bereich sind
noch ca. 100 hilflose Schwer-Verwundete. Nach paar Stunden zeigt
sich oben am Luk ein Sani der beruhigt und Hilfe verspricht: "Wir
sind noch schwimmfähig". Ob man uns etwas vormacht?
Ob es wahr ist? Wir haben keine Übersicht zu den Auswirkungen
des Bombentreffers. Hilfe kommt nicht. Brandgeruch und Schräglage
verstärken sich. Fast 24 Stunden halte ich es aus.
In jeder Minute erwartete ich etwas Entscheidendes: Hilfe oder
Untergang. Jede Minute war eine Ewigkeit. Dann wage ich es, über
die ca. 6-Meter-Leiter auszusteigen. Beide Arme sind verbunden.
Streifschuss und Stecksplitter. Das linke Bein hat einen schweren,
mit Gips verkleisterten Verband. Ein faustgroßes Loch reicht
fast bis zum Knochen. Die vielen kleinen Pflaster an den Beinen
zählen nicht. Mit dem rechten Bein erfolgt ein Sprossenspringen
und Hochziehen über ca. 6 Meter. Erschöpft komme ich
oben an. Ich rufe ein nahe liegendes Boot an, lasse mich ins Wasser
fallen, schwimmen bei schockartigen, niedrigen Wasser-Temperaturen.
Ich werde sofort heraus gezogen. Gott sei Dank.
Mit einer flachen Fährpräme werde ich dicht an Land,
an den Minenfeldern und Russen vorbei, nach Hela gebracht. Im
versumpften Oder-Delta schirmte uns der Deutsche Brückenkopf
ab. Pillau fiel am 24. April 1945. Hela und das Oder-Delta werden
bis zum Waffen-Stillstand am 09. Mai 1945 gehalten. Ihnen verdanke
ich und weitere 450.000 Flüchtlinge, Verwundete und Soldaten,
dass wir im April und Mai 1945 noch heraus gekommen sind. Danke!
Am 10. April 1945 komme ich in Hela auf ein Lazarettschiff kleinerer
Größe. Ich liege auf dem Kabinenboden zwischen zwei
Deutsch-Russen von einem Freiwilligen-Corps. Einer hieß
Alex. Wir rauchten eine gemeinsame "Machorka". Mein
Verband stinkt. Es ist noch mein Erst-Verband vom 5. April. Die
Läuse jucken darunter. Ich könnte den Verband zerschlagen.
Draußen spielt der Russe verrückt. Flieger-Angriffe.
In der Nähe fallen Fliegerbomben. Immer wieder fliegt der
Russe in neuen Wellen an. Er hört nicht mehr auf.
Die "Moltkefels" und das kleine Lazarettschiff "Posen"
sind getroffen. Die Treffer hinterließen ein Blutbad. Auf
der "Moltkefels" gingen von 4.500 Menschen ca. 1.000
unter. Der Schwere Artillerieträger "Soemba" rettete
von der "Posen" noch ca. 250 Verwundete. Das Schiff
nahm die restlichen Hilflosen mit in die Tiefe. Mein Schiff, die
"Albert Jensen" hatte sich vor zwei Tagen für seinen
Untergang mehr Zeit gelassen. Nur Zufälligkeiten bestimmen
über Leben und Tod.
Wir warten auf das Geleit. Zwischendurch zusammenrücken,
es kommen noch mehr an Bord. Dann geht es ab in Richtung Westen.
Raus aus dem Kessel. Am 15./16. April 1945 U-Boot-Alarm! Jetzt
bin ich der Gejagte. Wir sind zwischen Hela und Rügenwalde
(Pommern). Das kann nicht viel werden. Ich schätzte die Russen
noch ein, wie es vor Ende 1944 war. Da war die russische Marine
im höchsten Nordosten der Ostsee eingepfercht und verkrochen.
Wir beherrschten die Ostsee. Von der 'Wilhelm Gustloff' wusste
ich nichts. Seit Ende 1944 kamen die russischen U-Boote bis in
die entlegensten deutschen Hafenbuchten. Sie lagen jetzt entlang
der deutschen Küste auf der Lauer und warteten auf uns. Es
war anders geworden. Ich schätzte die Gefahr anders und falsch
ein. Das beschlagnahmte norwegische Frachtschiff "Goya"
wurde vor Rixhöft durch das russische U-Boot "L 3"
torpediert. 5.220 (andere Informationen nennen 7000) Tote. Es
war eine der größten Katastrophen.
Am 17. April 1945 Fliegeralarm. Die Flak der Nachbarschiffe schießt.
Wir sind ein Lazarettschiff! Wir schießen nicht. Oder doch?
Es hört sich so nah an. Wer wird im Geleitzug getroffen?
Wir erfahren nichts. Nach ca. 2½ Tagen Seefahrt kommen wir
am 18. April durch bis Stralsund. 450 km auf See. Davon mindestens
400 km in großer Gefahr. Der Konvoi hatte die See-Route
gewählt. Der Russe hatte die gesamte Küste besetzt bis
Swinemünde. Hinter dem dänischen Bornholm nahmen wir
Land-Kurs: Stralsund. Erst im Schatten von Rügen können
wir auf den letzten 50 km aufatmen. In Stralsund Unterbringung
im Hilfslazarett (Kloster). Verbandswechsel nach 2 Wochen, Eiter,
Läuse, ich stinke.
Am 20. April, auf Hitlers- Geburtstag erhalte ich in Stralsund
das Verwundeten-Abzeichen verliehen. Der Dank des Vaterlandes
ist dir gewiss!!! Ich danke nur der Marine, die mich bis hier
brachte!!!
und nicht diesen Schwätzern, die nicht
aussterben wollen. Wir glauben nicht mehr an den Endsieg. Der
Russe ist knapp 100 km entfernt. In einem Lazarettzug verließ
ich Rügen Richtung Westen.