Als Schwerverwundeter bin ich von Ostpreußen auf einem Schiff
über die Ostsee nach Stralsund gebracht worden. Hier kamen
wir am 18. April 1945 an. In einem Lazarettzug geht es auf die
Insel Rügen, die wir nach 2-3 Tagen in Richtung Westen verlassen.
Ziel des Lazarettzuges ist Hamburg. Hitler und seine "Durchhalte-Männer"
gibt es noch, aber sie sind still geworden. Einige besonnene Militärs,
hierzu gehört an erster Stelle Großadmiral Dönitz
mit seiner Marine, haben nur noch das Ziel, möglichst viele
Menschen vor der russischen Gefangenschaft und dem damit verbundenen
sicheren Tod zu retten. Dazu gehöre auch ich!
Wir fahren nach Westen. Mein Abteil ist mit 4 Schwer- und 2 Leicht-Verwundeten
belegt. Die Leicht-Verwundeten, 2 Oldenburger Feldwebel, sind
'auf Zack'. Wenn der Zug steht, wird organisiert. Von Rügen
ging es zurück über Stralsund, weiter westwärts
nach Rostock, Wismar, Lübeck, den westlichen Alliierten entgegen.
Auf dem Hamburger Bahnhof steht neben uns ein Zug mit jungem neuen
Fronteinsatz. Kleine Jungen, .... "Geht nach Hause".
Ich tausche meine Pistole gegen Schokakola und Zigaretten.
Eine Stunde später fahren englische Panzer auf den Bahnhof.
Es kann nicht wahr sein! ...... unser Zug haut ab! Jetzt hätten
wir es hinter uns haben können! Der Lazarettzug fährt
nach Schleswig-Holstein, das soll F-Gebiet (Internierungs-Gebiet)
der westlichen Alliierten werden. Im Nachgang denke ich: "Unser
Lok-Führer hat Nägel mit Köpfen gemacht und uns
(Ostler) in dieses Gebiet gefahren." Die Lokomotive wird
mehrmals durch Flieger getroffen und wieder flott gemacht. Der
Zug bewegt sich von Hamburg kommend, erstmal nach Osten, um vor
Lübeck nördlich nach Holstein einzuschwenken. Die Fahrt
geht längs der Lübecker- und Neustädter-Bucht.
Trotzdem wir als Lazarettzug gekennzeichnet waren, wurde unsere
Lokomotive durch Flieger immer wieder angegriffen und beschädigt.
Wir standen wieder mit kaputter Lok an der Neustädter Bucht.
Seit Tagen strömten hier Truppenteile und Flüchtlinge
durch. Die geräumten Schulhäuser in Neustadt sind mit
Verwundeten belegt. Mehrere Lazarett-Eisenbahn-Transporte stehen
auf dem Rangier-Bahnhof "Am Holm" und am Stich-Bahnhof.
Schwere Fälle sind in den Krankenhäusern und den Sanitätsstellen
untergebracht. Militärische und zivile Stellen lösen
sich auf. SS-Bewacher der "Häftlings-Flotte" setzen
sich ab. Die letzten etwa 10.000 im KZ Neuengamme verbliebenen
Häftlinge waren Mitte April 1945 in Richtung Lübeck
transportiert und auf drei Schiffe verladen worden, die in der
Lübecker Bucht ankerten. Am 3. Mai 1945 wurden die Schiffe
von britischen Kampfflugzeugen bombardiert, die sie für Truppentransporter
hielten. Die "Cap Arcona" und die "Thielbek"
brannten aus und gingen unter. Rund 7.000 Häftlinge kamen
dabei ums Leben. Ich war Augenzeuge des Angriffs und des Untergangs
der unmittelbar vor mir liegenden "Deutschland" und
der entfernt zwischen Neustadt und Pelzerhaken liegenden "Cap
Arcona" und "Thielbek"
Mein Lazarettzug stand an diesem 3. Mai nördlich Sierksdorf,
wenige hundert Meter vom Strand entfernt. Um ca.12.oo Uhr stellte
ich englische "Aufklärer" fest. Die Staffel 263,
(263 Squadron) R.A.F. flog einen Schein- Angriff auf die "Deutschland".
Sie lag unmittelbar vor mir in der Bucht ca. zwei Seemeilen östlich
von Sierksdorf / Haffkrug auf Reede. Ich konnte von hier nicht
den rechts liegenden Strand sehen, der direkt vor Sierksdorf verläuft.
Dorthin ruderte die ausgebootete Besatzung der "Deutschland"
anschließend an Land.
Der Angriff britischer Flugzeuge lief seit 14.3o Uhr. Fünf
Maschinen lösten im Tiefflug ihre neuzeitlichen Raketen als
Salve auf die "Cap Arcona" aus. 40 Volltreffer verwandelten
die "Cap Arcona" in ein loderndes Flammenmeer. Sie brannte
lichterloh vom Heck bis zum Mittelschiff. Viele Menschen flohen,
starben, ertranken. Vier Maschinen bekämpften die ca. 800
Meter entfernte, sich durch Flak heftig wehrende "Thielbek".
Sie hatte Backbord-Schlagseite und ging innerhalb von 15 Minuten
unter.
Anschließend erfolgte die Jagd der Jabos auf Ziele, die
mit Bord-Maschinen-Kanonen bekämpft werden konnten: Menschen
im Vorgarten eines Hauses am Binnensee, KZ-Gefangene am Kai ,
die auf die "Athen" eingeschifft werden sollten, Panik
am Kai. Tote bleiben zurück. Die Häftlinge verstecken
sich in Neustadt. Ca. 16.oo Uhr war der Jabo-Angriff beendet.
Die Häftlingsflotte brannte und war gesunken. Die Rettungsmittel
waren zerstört. Die Wasser-Temperatur betrug nur 8 Grad Celsius.
Unabhängig von den Temperaturen, hätten die entkräfteten
Häftlinge es durch schwimmen kaum geschafft. Die Wassertiefen
der Bucht waren so, dass die "Cap Arcona" nicht vollständig
untergehen konnte. Überlebende hielten sich in raucharmen
Bereichen auf und hofften gerettet zu werden. Ich habe die SS
unterhalb von unserem Lazarettzug, am Strand zwischen Sierksdorf
und Neustadt, auf Häftlinge im Wasser schießen sehen.
Von See, war dieser Strand-Bereich nur von der nahe gelegenen
"Deutschland" erreichbar. Sie war nicht mit KZlern belegt.
Es hat sich demzufolge noch um Maßnahmen der SS gehandelt,
entwichene Gefangene des südlichen Hafen-Bereichs von Neustadt
zusammen zutreiben oder gar zu erschießen, die sich in Strandnähe
und in Richtung Sierksdorf aufhielten. Dieses "Zusammentreiben
der Häftlinge" wurde nur zeitweilig während der
englischen Bomber-Angriffe unterbrochen und bis kurz vor Erscheinen
der ersten englischen Panzer fortgesetzt.
Die Marine-Artillerie stellte währenddessen die Flug-Abwehr
und den Bodenbeschuss der Panzer ein, da der Lazarettzug am Rangier-Bahnhof
gefährdet war. Sie hissten die weiße Fahne. Unser Lazarettzug
lag ca. 2 bis 3 km südlicher. Es musste sich um einen vor
uns liegenden Lazarettzug handeln. Britische Panzertruppen bewegten
sich aus südwestlicher Richtung über die Eutiner-Straße
zur Stadtgrenze von Neustadt. Als um 16,oo Uhr der Luftangriff
gegen die Häftlingsflotte zu Ende ging, waren sie plötzlich
da. Drei Panzer standen sichtbar ca. 50-100 Meter oberhalb unseres
Lazarettzuges und beobachteten die Geschehnisse in der Bucht.
Die SS hatte vorher ihre Schießerei am Strand beendet und
verschwand schnellstens. Gott sei Dank, denn unser Lazarettzug
war die einzige Deckung und stand auf freiem Gelände genau
zwischen Panzern und SS.
Um 17.00 Uhr überfuhren die Panzer die nicht gesprengte Hafenbrücke
und erreichten den Marktplatz von Neustadt. Der Volkssturm zeigte
ein beruhigendes Verhalten. Kein Widerstand von deutscher Seite.
SS und politische Funktionäre waren untergetaucht. Seitens
der Briten keine Notwendigkeit, die Stadt kapitulationsreif zu
schießen.
Um 18.00 Uhr betritt ein britischer Offizier unseren Lazarettzug.
Rang-Abzeichen und Ehrenzeichen ohne Hakenkreuz sind zu tragen.
In Neustadt wird aus den eingesammelten Abzeichen das Hakenkreuz
heraus geschliffen. Mein Verwundeten- Abzeichen war dabei. Am
05. Mai 1945 werden die Verwundeten unseres Lazarettzuges gemeinsam
mit den KZlern in der U-Bootschule der 3-ten ULD in Neustadt untergebracht.
Genau vor einem Monat wurde ich in Ostpreußen verwundet.
Endlich bin ich an einem sicheren Punkt angekommen. Am 9. Mai
1945 war der Krieg zu Ende. Die Besatzung veranstaltete eine
Freuden-Schießerei. Wir liegen in einem 10-Bett-Raum und
horchen nach draußen. Eine Welt war untergegangen.
In der Neustädter Bucht schwemmen jeden Tag Leichen an, die
sich aus den versenkten Schiffen lösten.