Die langgestreckte Straße unter meinen Füßen
wird immer wieder an der nächsten Ecke auf eine ganz besondere
Weise lebendig. Wie vor zehn Jahren, als ich nach fast einem halben
Jahrhundert wieder an den Ort meiner Kindheit zurückkehrte.
Das "Damals" drängte sich in mein Gedächtnis,
als mein Schritt sich verlangsamte an dem Backsteinhaus mit dem
niedrigen Fenster.
Früher stand dieses Fenster meistens offen. Nur auf Zehenspitzen
konnte ich hineinsehen. Nun hätte ich es leichter gehabt,
aber es war geschlossen - der Blick ins Innere versperrt durch
eine Gardine, hinter der sich nichts zu bewegen schien. Nicht
wie einst, als der freundliche Mann mit der Kneiferbrille auf
der Nasenspitze im Schneidersitz auf dem Tisch saß und ich
übermütig vor dem Fenster stand und "Schneider,
meck-meck-meck, juchheirassa!" trällerte.
Jedes Mal reichte er mir ein Bonbon nach draußen, aber nicht,
ohne sich beim Aufstehen den Kopf an der tief hängenden Lampe
gestoßen zu haben. Durch das pendelnde Licht schienen die
Regale und die dicken Stoffballen hin und her zu tanzen, bis der
Mann wieder auf dem Tisch saß und die Lampe anhielt.
"Juchheirassa, juchheirassa, laß die Nadel sausen"
sang ich, wenn er wieder mit seiner Arbeit begonnen hatte.
Die Melodie schwirrte durch meine Gedanken, als ich wieder um
die Ecke des Hauses ging. - Zugemauert! Sie haben alles zugemauert.
Wo einst das Schaufenster und der Eingang zu dem kleinen Laden
waren - nichts als Steine. Doch beharrlich behaupten sich die
Umrisse im Flickwerk; und mir war, als müsse nur die Jalousie
hochgezogen werden, und zwischen bunten Knöpfen und Garnrollen,
Scheren und Stoffen stünde sie da, die Puppe aus Draht ,
die mir kleinem Mädchen damals so großen Kopfzerbrechen
bereitet hatte - eine Puppe aus Draht, ohne Kopf, ohne Arme und
Beine; bis Mutter mir erklärte, dass es eine Schneiderpuppe
sei und wozu man sie benutze. Gleich drängte sich mir das
Bild auf, wie sie eines Tages auf der Straße lag, zerbeult
von Fußtritten, umgeben von all den bunten Garnen und Knöpfen,
bedeckt von entrollten Stoffballen, wie Fahnentücher nach
einer gewonnenen Schlacht vom Mast gerissen - zerstochen und zerschnitten.
Das Geräusch der Messer auf dem Asphalt, in blinder Wut in
sie hineingerammt, das Zerreißen von Stoff, Rufe, von denen
sich nur der schreckliche Satz "Weg mit der Judenscheiße!"
in mein Gedächtnis gebohrt hat, vermischten sich mit der
Melodie des Kinderliedes in meinem Kopf.
Ich durchlebte wieder, wie ich, an die Hauswand gepresst, vor
Angst zitternd, das Geschehen verfolgte, ohne es zu begreifen,
bis alles wieder ganz still war - unheimlich still. Nur die Stofffetzen
bewegten sich unruhig im Wind. Ich schaute hinüber zu dem
Fenster - kein Licht, nur Dunkelheit. Der freundliche Mann war
nicht da. Ich habe ihn nie wiedergesehen.
Seit dem Tag meiner ersten Erinnerung vor zehn Jahren verlangsamt
sich noch immer mein Schritt vor dem Backsteinhaus, jedes Mal
auf dem Weg in den Supermarkt. Und noch immer heben sich die Steine
ab vom alten Mauerwerk, als wollten sie nichts vergessen machen.
Ein stummes Mahnmal für mich, die ich um ihre Geschichte
weiß.
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